Moralische Anstalten

Designkolumne

Beim nächtlichen Journalistenfernsehtalk des RBB ging es kürzlich wieder einmal um AfD, Pegida und die Folgen. 1Die Kollegen und Kolleginnen trugen einander mit nachdenklich gefurchten Brauen routiniert den sattsam bekannten Katalog einschlägiger Mutmaßungen vor, mit wem man es da im Einzelnen zu tun habe und wie groß das Attraktionspotential rechtspopulistischer Positionen hinsichtlich der Gesamtbevölkerung wohl einzuschätzen sei. Zur dramaturgischen Auflockerung wurden zwischendurch diverse Doku-Schnipsel aus aktuellen Sendungen zugespielt.

Unter anderem war eine Menge so gleichförmig wie ungeschickt gekleideter, kampfbereiter Das-Boot-ist-voll-Senioren zu sehen, die auf den Anblick der Fernsehkamera mit lautstarken polemischen Ausfällen reagierten. »500 Euro Rente«, stieß eine ungelenk gestikulierende, rhetorisch ganz offensichtlich ungeschulte Frau von wenig einnehmendem Äußerem hervor, während ihr die Gesichtszüge außer Kontrolle gerieten: »und so ä Moslem kriegt 670, ham wer denn nicht genuch Probleme in Deutschland? Isch bin voller Hass, voller Hass, wenn isch – [Bildschnitt] – Die müssen wech!«, woraufhin die umstehenden Kundgebungsteilnehmer triumphierend »Höcke, Höcke, Höcke!« skandierten.

Diese Vorführung bedingungsloser Konsensverweigerung bewirkte, dass die Selbstgewissheit, die die Atmosphäre in der Talkrunde bis dahin bestimmt hatte, schlagartig verschwunden war und die analytischen Anstrengungen fürs erste eingestellt wurden. Nicht einmal die Frage nach der angemessenen Bemessung staatlicher Versorgungsleistungen schien jetzt noch eine Einlassung wert. Menschen vom Schlag der Erfurter Wutbürgerin, versicherte man sich stattdessen gegenseitig, seien mit Argumenten nun einmal nicht zu erreichen. »Die denkt so«, seufzte eine Journalistin konsterniert, die kurz zuvor noch mit Erklärungen nur so um sich geworfen hatte, und schob zur Bekräftigung nach: »die denkt in ihrem Wohnzimmer mit Gelsenkirchener Barock so«. Niemand widersprach. Niemand wunderte sich über diese anachronistische Kategorie. Niemand lachte lauthals auf, um nachzufragen, weshalb man sein Ressentiment nicht ebenso gut in Bauhaus-Optik oder auch in Ikea-Möbeln ausleben können sollte. Offenbar empfanden alle Beteiligten die umstandslose Gleichsetzung von zweifelhaftem Geschmack und niederer Gesinnung als unmittelbar einleuchtend. 2

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| Dieser Text stammt aus dem Heft März 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Thadeusz und die Beobachter vom 3. November 2015.
  2. Dass genau diese Unterstellung so perfekt erfüllt wird, macht den eigentümlichen Reiz der Erinnerungen von Ranuccio Bianchi Bandinelli aus, die unter dem Titel Hitler, Mussolini und ich. Aus dem Tagebuch eines Bürgers Anfang 2016 bei Matthes & Seitz erstmals in deutscher Übersetzung erschienen sind. Der Archäologe und Kunsthistoriker Bandinelli, ein überzeugter Antifaschist, erhielt 1938 den offiziellen Auftrag, beim Staatsbesuch Hitlers in Italien den beiden Diktatoren als Cicerone zu dienen. Er schildert den theatralischen Kunstenthusiasmus Hitlers als derart idealtypisch fratzenhaft, unlauter und aufgeblasen, dass man schon wieder misstrauisch wird.

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