Bombastisch oder Die neuen Amazonen

Der Berliner Herbstwind ist kalt, doch für Winterjacken ist es noch zu warm. Etwas für den Übergang muss her und was diesen Herbst zu tragen ist, scheint klar: „It’s a cold world nigga / bring a bomber jacket“, lautet Ice Cubes Empfehlung.

Er scheint erhört worden zu sein. Wer jetzt noch keine Bomberjacke hat, sollte sich auch keine mehr kaufen, denn er, oder besser sie, hat längst einen Trend verpasst. In allen Variationen hat es die Bomberjacke unlängst aus dem Lichtenberger Zwielicht in die hippen Viertel der Stadt geschafft. Zwischen Weserstraße und Kastanienallee schimmert das Nylon grell und bunt oder im Camouflage-Print, oft auch schwarz wie die berühmteste aller Bomberjacken MA-1 von 1958.

Aufgeblasen, unförmig und ausgestopft wirken die jungen Frauen darin. Ein Hauch von Dominanz, Landnahme und Unbesiegbarkeit schwingt mit – breite Schultern, schmale Hüfte. Life during wartime. Die Hände kann man eigentlich nur in die Tasche stecken, sonst würden sie abstehen. Wenn Unisex-Mode den Unterschied der Geschlechter nicht nivelliert, sondern vielmehr verschärft, wie Barbara Vinken in Angezogen schreibt, dann dürfte die Bomberjacke die Steigerung von Weiblichkeit überhaupt bedeuten. Treffen in ihr geschlechtliche Stereotypen aufeinander, ist die Bomberfrau die modische Frau der Stunde.

Der modische Ort dieser (recht deutschen) Ikone der Gewalt hat sich verschoben. Beate Zschäpe trägt jetzt Hosenanzug und nicht nur kahl geschorene tough guys aus der Provinz tragen Bomberjacke, sondern auch die cool girls der Hauptstadt. Man scheint gewappnet, sollte man einberufen werden, wohin auch immer.

Als funktionale Wendejacke diente das orange Innenfutter ursprünglich dazu, abgestürzte Piloten besser orten zu können. Doch die Bomberjacke ist undialektisch – versteinert und prosaisch kommt sie daher, aus dem provinziellen Steinbruch der Neunziger als Fossil in die Gegenwart gespült. Sie ist der Tagesrest in den Modeträumen der Stunde, obwohl sich ihre verblödet-ordinäre Erdigkeit nicht auswaschen ließ.

Als ironische Pathosformel ist die Bomberjacke Panzer und Versprechen zugleich: „The bomber will always get through“, wusste 1932 schon der englische Luftkriegsexperte Stanley Baldwin. Das Zitat stammt aus genau jener Zeit, die der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen in seinen Verhaltenslehren der Kälte untersucht hat. Zwischen den beiden Weltkriegen und nach dem Zusammenbruch des wilhelminischen Kaiserreiches entsteht die Kunstfigur der kalten persona. Mit diesem Typus sind Verhaltensweisen verbunden, die die sozialen Instabilitäten einer krisenhaften Übergangszeit immunisierend ausgleichen sollten. Durch die Disziplinierung der Affekte, durch Manipulation und Verstellung gelingt eine „Panzerung des Ichs“, die dazu dient, Welt auf Distanz zu halten. Die Bomberfrau ruft einen solchen Typus auf – als zivile „Uniform“ stiftet die Bomberjacke schließlich Zugehörigkeit zu einer Gruppierung – zum Typen wird sie dadurch trotzdem nicht.

Im Musikvideo zu Down to life trägt die schwedische Sängerin Elliphant eine übergroße schwarze Bomberjacke zu kurzem Rock und reitet, flankiert von zwei Bombergirls in Leopardenleggins, auf Pferden durch eine kristalline Eislandschaft. Sie wirken wie neue Amazonen, gepanzert in einer Neuauflage jener „erznen Rüstung“ der Penthesilea in Kleists Trauerspiel. „Was wollen diese Amazonen uns?“ fragt der dort ratlose Antilochus im ersten Auftritt. Keiner weiß es.

Die Bomberfrau trägt ihr Nylon nicht mehr an den Beinen. Das dekorfrei und martialisch Militärische der Bomberjacke macht sie zur stolzen Kämpferin. Vor Gefahr schützend, sich Blicken entziehend, provoziert sie diese doch zugleich. Die Wärme, die die Bomberjacke birgt, strahlt als kalte Unberührbarkeit nach außen. „Du ganzer Schreckenspomp des Kriegs, dich ruf ich, vernichtender, entsetzlicher, herbei!“ Für welchen Krieg auch immer, für Berlin-Mitte reicht es allemal.


1 Kommentare

  1. Doktor sagt:

    die Bomberjacken waren ja schon mal Anfang der Neunziger in, ist im Text kurz erwähnt.
    Sie wurden aber damals nicht nur in der Provinz oder von Schlägern und Neonazis getragen sondern auch von Hipstern. Das war also provokativer und auch bescheuerter also jetzt und genau dieser Unterschied macht das Hipstertum der 90er cool und das jetzige so langweilig.

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