Das „Nietzsche-Dynamit-Tunnel-kranker Pimmel“-Prinzip

Es muss im Jahr 2000 gewesen sein, Nietzsches 100. Todesjahr, als ich die bizarre Nietzsche-Austellung im Weimarer Schiller-Museum besuchte.

Die Ausstellung ging so: Nietzsche hielt sich bekanntlich für „mehr Dynamit als Mensch“, die ganze Weltgeschichte werde er in zwei Hälften sprengen, die Zeitrechnung verändern. Folglich lagen Dynamitstangen in den Ausstellungsvitrinen. Mit Dynamit werden auch Tunnel durch Berge gesprengt, daher hatten die Kuratoren Bilder des Gotthardtunnels an die Wand gehängt. Durch den Gotthardtunnel gelangte Nietzsche nach Italien, wo er sich – möglicherweise? – mit der Syphilis infizierte, an deren Spätfolgen er irre geworden sein soll. Nun sind psychiatrische Diagnosen bereits bei lebendigen Patienten schwierig, bei vor 100 Jahren verstorbenen wäre ich vorsichtig. Dennoch gab es – ein Höhepunkt der Ausstellung – das Wachsmodell eines syphilitischen Penis zu sehen, sozusagen einen Nietzschedildo – „Leihgabe Hygiene-Museum Dresden“.

Damals dachte ich: WTF? Mittlerweile habe ich gelernt: „Nietzsche – Dynamit – Tunnel – kranker Pimmel“, diese aleatorischen Gedankenketten sind im Grunde alles, was man über „Ausstellungsdesign und kuratorische Praxis“ wissen muss.

Die Rede zur Ausstellungseröffnung hielt Rüdiger Safranski. Sie hieß „Um sein Leben denken – Nietzsche nach einem Jahrhundert“ oder so ähnlich. Ich bekomme die Rede nicht mehr zusammen: irgendwie habe Nietzsche „um sein Leben gedacht“, die Berührung mit dem „wirklichen Leben“ jedoch gemieden, weswegen ihm nur das „Denken“ geblieben sei, das Denken statt des Lebens, irgendsowas, man kennt das ja. Ich dachte nur: warum bemerkt niemand die Ironie, die darin liegt, Nietzsche ausgerechnet in einem Schiller-Museum auszustellen?

Diese Geschichte fiel mir gerade wieder ein. Nicht nur, weil derselbe Safranski auf dem „interdisziplinären Kongress“ namens „Politische Romantik“ der Kulturstiftung des Bundes redete. Sondern auch, weil das Personal solcher Veranstaltungen nach denselben Gedankenketten ausgewählt zu werden scheint, wie die Exponate der Nietzsche-Ausstellung. Und eben auch, weil „Politische Romantik“ ironischerweise im Frankfurter Goethehaus stattfand. Politische Romantik also. Im Goethehaus.

Politische Romantik, soviel ist bekannt, war der Titel eines Buches von Carl Schmitt aus dem Jahre 1919. Grob zusammengefasst meinte Schmitt, es gäbe keine „romantischen“ Themen oder Gegenstände, romantisch sei vielmehr eine bestimmte Haltung, die jedes Ereignis lediglich als Anlass für eine ästhetische Weltaneignung benutze. Revolution, idealistische Philosophie, Katholizismus, alles egal: lediglich „occasiones“ für willkürliche ästhetische Projekte. Diese „occasiones“ seien die Verneinung der „causa“ – das ist begriffsgeschichtlich falsch, egal -, sie verneinten berechenbare Ursachen- und Wirkungszusammenhänge. „Jetzt erst kann wirklich alles zum Anlaß für alles werden und wird alles Kommende, alle Folge in einer abenteuerlichen Weise unberechenbar, und liegt gerade darin der große Reiz dieser Haltung. Denn sie macht es möglich, irgendeinen konkreten Punkt zum Ausgang zu nehmen, um von ihm aus – je nach der Individualität des einzelnen Romantikers gemütvoll-innig oder dämonisch-böse – ins Grenzenlose und Unfaßbare zu schweifen.“ Beim politischen Romantiker herrsche ein „Als-ob“, er könne sich nicht entscheiden, kenne eben keine „Dezision“.

Das alles und noch viel mehr liest Schmitt aus den Schriften Adam Müllers und – in geringerem Umfang – Friedrich Schlegels heraus. Ob Politische Romantik im Jahre 1919 gute Ideengeschichte war, weiß ich nicht. Karl Heinz Bohrer hat jedenfalls vor einem Vierteljahrhundert gezeigt, wie man aus Schmitts „der Romantik angelasteten negativen Kriterien die Hypothese von der mißverstandenen Modernität der Romantik ex negativo bestätigen“ könnte.

Was Goethe über die „Politischen Romantiker“ Schlegel und Müller gedacht hat, weiß ich dagegen, er schrieb es an Zelter: „erstickte doch Friedlich Schlegel am Wiederkäuen sittlicher und religioser Absurditäten, die er auf seinem unbehaglichen Lebensgange gern mitgetheilt und ausgebreitet hatte; deshalb er sich in den Katholicismus flüchtete und bey seinem Untergang ein recht hübsches, aber falsch gesteigertes Talent, Adam Müller, nach sich zog“.

So. Kann mir jetzt bitte jemand erklären, wie ich von derart spezialistischem, hochkulturell-historischem Bildungsgut, von Schmitts Exegese der Texte Schlegels und Müllers zur „Politikmüdigkeit unserer saturierten Konsumgesellschaft“ komme, zum Arabischen Frühling, zur Ukraine, zur Finanzkrise, zu Außerirdischen in kalifornischen Musikclips gar? Doch wohl nur nach dem „Nietzsche – Dynamit – Tunnel – kranker Pimmel“-Prinzip.

Das soll nicht heißen, dass auf diesem Kongress keine bedeutenden Leute anwesend waren, Joseph Vogl zum Beispiel, Bohrer natürlich, Herfried Münkler, Jürgen Kaube, Heinz Bude lese ich immer gern, mit anderen – Helmut Lethen, zum Beispiel – kann ich weniger anfangen, würde gerne mal erfahren, aus welchen Texten er Schmitts „Phonozentrismus“ herausgelesen haben will, und außerdem sehen seine hermeneutischen Verfahren für mich weit eher nach den von Schmitt kritisierten „romantischen“ Globalentwürfen aus als nach postmoderner Dekonstruktion.

Aber was weiß ich schon. Vielleicht ist das ja auch diese „Kulturwissenschaft“, von der alle reden.

Nur: Warum zum Teufel musste die Kulturstiftung ihre Konferenz mit Carl Schmitt so nennen? Ich schlage hiermit als zukünftige Konferenztitel vor:

„Preußentum und Sozialismus“ in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, kann man mit fast identischem Personal durchführen, ggf. Safranski durch Christopher Clark ersetzen, Sahra Wagenknecht kann bleiben.

„Händler und Helden“ im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshafen, im Nebenprogramm Besichtigung des Lenkwaffenzerstörers „Mölders“, möglicherweise zusätzliches Kultur-Sponsoring durch einen deutschen Großreeder.

Hat noch jemand Vorschläge?


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