Birkenstockbodenständigkeit (Raffinement der Bequemlichkeit)

I

Die Neuerfindung des Gesundheitsschuhs in der Moderne lässt sich ziemlich genau datieren. Der Philologe und Archäologe Carl August Böttiger erinnert sich in seinem Artikel Über die Stelzenschuhe der Alten Griechinnen vom Februar 1800 an das antike Wissen vom bequemen Schuh und gesunden Fuß:“Überhaupt folgten die Alten auch in der Beschuhung weit richtiger dem, was die Natur für den freyen Gebrauch der Füße und die angemessene Entwicklung jedes Gliedes verschreibt; und, was man jetzt in Paris und London als ein Raffinement der Bequemlichkeit ansieht, daß jedem Fuße ein nur ihm anpassender Schuh angemessen werde, war bey den Griechen und Römern allgemeine Forderung oder Voraussehung, von welcher sie nur in seltenen Fällen abwichen,“ so steht es im Weimarer Journal des Luxus und der Moden, für das Böttiger regelmäßige Beiträge schrieb.

Die“Modeschuhe“ seiner eigenen Zeit, mit ihren „dünnen Pappendeckelsohlen“, widersprechen für Böttiger der Anatomie des menschlichen Fußes: ein Fußbett aus leichter und elastischer Korkeiche war und ist die Lösung für gesunde Füße. Böttigers Artikel erzählt zwar hauptsächlich von der Erfindung des Plateauschuhs, doch auch die flache Sandale hat ihre Geschichte und ihren Ort. Böttiger folgt dabei dem römischen Grammatiker Julius Pollux, der 22 verschiedene Art von Schuhen klassifiziert, die sich wiederum in zwei Hauptklassen unterteilen lassen: „starke Solenschuhe zum Ausgehen auf der Straße“ sowie flache Sandalen. Für Böttiger und Pollux ist die offene Sandale stets ein genuiner Hausschuh, eine ausschließlich private Bequemlichkeit. Denn man trägt diese „ganz bequeme[n] leichte[n] Pantoffelsolen, […] ursprünglich nur in Zimmern“. Im Offenen der Sandale wird die Bühne der Straße im Sommer 1800 besser nicht betreten.

II

Geht man mit den noch müden Augen des zurückgekehrten Sommerfrischlers vom Tempelhofer Feld, vorbei an dem römischen Brunnen am Hermannplatz, begegnet man dieser bequemen Raffiniertheit überall und denkt: Wow! Auf den Lederriemchen liegt noch das Feuchte und Satte des Tempelhofer Feldes, der raue Wind von dort.

Die Birkenstock-Sandale jetzt also. Aber nun nicht mehr als Hausschuh, sondern offen, die Unverborgenheit der Zehen, unverkrampft krampfadrig. Und an all den schönen Füßen, sieht man eine Richtig- und Leichtigkeit, die fast alles Ökohafte ganz locker verschwinden lässt, und man sorgt sich um die ungeschützten Zehen in der U8. Aus der dunklen Öffnung der 90er emporgestiegen, darf man das jetzt, das Innere kommt auch ein bisschen nach außen, das eigentlich Lockere, was man immer ein wenig unterdrückt hat die letzten Jahre. Trotz buchstäblicher Offenheit hat das mit Ironie wenig zu tun, auch wenn man sich ehrliche, schöne und klare Verhältnisse wünscht, und modischen Literalsinn, eigentlich.

Trotzdem tritt mit diesem deutschesten Schuh eine Gemächlichkeit, Bodenständigkeit und Langsamkeit auf, ein Im-eigenen-Kleingarten-schlendern. Dabei wird einem in den Namen der verschiedenen Modelle die ganze Welt versprochen: Arizona, New York, Kairo, Odessa. Trotz Kosmoeinschlag ist die Birkenstock-Sandale ein privater Schuh, ursprünglich fürs Eigenheim gedacht, das Gefühl vermittelnd nicht (mehr) in der Arbeit zu sein, schon ein bisschen im Feierabend, mit so einer gesunden Müdigkeit.

So etwas Ständiges und Kerniges, denkt man, und unzeitgemäß-bequem auch noch, und dass man sich doch in diesem Kiez zu Hause fühlt, und man nur kurz was holen geht bei irgendeinem Food-Truck. Und als man so schlendert und über die Sandalen nachdenkt, über allem ein klarer Sommerhimmel, in dessen strahlenden Raum sich zwei Habichte in weiten Kreisen hinaufschrauben, entbirgt sich schließlich auch noch ein altes Gleichnis. Es lautet: Holz lautet ein alter Name für Kiez. Im Kiez sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Kiezwege. Jeder verläuft gesondert, aber doch im selben Kiez. Oft scheint es, als gleiche einer dem anderen. Doch es scheint nur so. Man kennt die Wege. Man weiß, was es heißt, auf dem Kiezweg zu sein usw. usw.


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