Notizen zu einer Sozialgeschichte der Programmierung (II)

Vorbemerkung: Das Folgende ist die schriftliche Fassung eines Gesprächs, das Kathrin Passig und Arne Janning geführt haben (bzw. dessen zweiter Teil, der erste Teil ist hier). Die Form ist schön, aber ungewöhnlich: Zusätzlich zum eigentlichen Gespräch gibt es in den kursiven Einschüben noch die nachträglichen Selbstkommentare Arne Jannings in Form von Literaturverweisen, Selbstkritik, Monita aller Art. Da das weiterführt, bleibt es drin.

Arne Janning: Mein Ausgangspunkt ist, dass die „History of Computing“ – die Geschichte des Computers und die Geschichte der Software – derzeit so aussieht, wie man früher vielleicht die Geschichte des Automobils geschrieben hätte. Eine Geschichte der großen Erfinder, Benz, Ford, eine Geschichte der großen Konzerne, Microsoft, Apple. Es gibt viel Literatur zur Geschichte von Apple. Es gibt mehr Literatur zur Geschichte von Microsoft als über den gesamten Rest der Softwareindustrie. Es gibt diese Hagiographien über die großen Erfinder. Also über Bill Gates ganz viel, über Steve Jobs natürlich neuerdings auch. Aber auch über Larry Ellison, den Gründer von Oracle und andere Heroen der Industrie.

Aber um bei der Analogie zum Automobil zu bleiben: Die Geschichte des Automobils beinhaltet viel mehr als Benz und Ford.

Kurt Möser, Die Geschichte des Autos; Hermann Glaser, Das Automobil. Virilio-Zitat.

Vom “Herrenfahrer” zum “Volkswagen”. Autorennen. Rennfahrer. Automobilclubs. Salons, Ausstellungen, Autozeitschriften. Standards. Benzin oder Strom? Straßennetz. Verrechtlichung. Konflikte. Stadtplanung. Volkswirtschaft. Stau. Schrottberge. Energiekrisen. Umweltbelastung.

“Praxis”: Selbstbestimmung. Standardisiertes Produkt zur Herstellung von Individualität. Innenraum, “Sofa als Rakete” (Otl Aicher über das Auto), hierdurch zuletzt Anschluß an die Softwarewelt. “Entertainmentsysteme”, “Autonomes Fahren”.

Kurz zusammenfassen: Alexa Geisthövel und damit den ganzen Absatz hier ersetzen, weil unpräzises Blabla:

Automobile brauchen Benzin oder Strom. Sprich, du kannst nicht eine Geschichte des Automobils schreiben, ohne über die globalen Energie- und Rohstoffströme zu schreiben, die um den Globus fließen, mit allen Konsequenzen, die das hat. Man kann nicht über die Geschichte des Automobils reden, ohne auch über die Institutionalisierung der mit dem Automobilwesen verbundenen Ingenieurwissenschaften zu reden. Also über die ganzen Studiengänge und die ganzen Ausbildungswege, die eingeführt wurden. Man kann nicht über die Geschichte des Automobils reden, ohne über die Fordisierung zu reden. Also auch über die Art und Weise, wie Arbeiter dort gemanaged werden, wie Arbeiter in Fabriken angefasst werden.

Schrott, stattdessen Überleitung über die computerisierten Produktionsbedingungen von Automobilen: Leonardi, Paul M. (2012): Car Crashes Without Cars. Lessons about simulation technology and organizational change from automotive design. Cambridge: MIT Press (Acting with technology).

Auch Blabla:

Das hat sich in den ungefähr 100 Jahren auch stark gewandelt. Man kann nicht über die Geschichte des Automobils reden, ohne auch über die Globalisierung von Arbeitskräften zu reden.

Stattdessen: was wäre der *genaue* Beitrag einer “Sozialgeschichte der Software” zu einer “Globalgeschichte” nach Osterhammel oder Conrad:

Kurze Zusammenfassung und Perspektivierung:

Takhteyev, Yuri (2012): Coding places. Software practice in a South American city. Cambridge: MIT Press (Acting with technology).

Über die Arbeitsteilung, die global stattfindet. Dass in Deutschland eben noch entworfen, geplant und entwickelt wird, aber dann die eigentliche Produktion doch ganz woanders stattfindet. In Indien, in Osteuropa, in Südamerika oder sonstwo. Alles Dinge, die die Softwarebranche, wenn man sie jetzt mal global anschaut, ja ebenfalls betreffen. Microsoft zum Beispiel macht die eigentliche Neuentwicklung von Produkten, also von Windows oder von Office, die Weiterentwicklung von Produkten, nach wie vor in Redmond. Aber die ganze Pflege, alle Servicepacks, alle Patches, die ganze Weiterpflege von älteren Betriebssystemen und Programmen findet nicht mehr in den USA statt, sondern komplett in Nordafrika, vor allen Dingen in Ägypten, und in Indien, wo mittlerweile so 70 Prozent der Entwickler-Force von Microsoft sitzt. Das liegt daran, dass es wohl in Ägypten sehr viele gut ausgebildete, vor allen Dingen auch mathematisch-technisch gut ausgebildete junge Leute gibt, die da relativ billig zu haben sind. Da ist Microsoft aber auch nicht das einzige Unternehmen. Viele große Softwarekonzerne lassen in Ägypten, oder auch in Marokko oder Algerien entwickeln. Auch das ist ein Prozess, über den man mal nachdenken müsste.

Ich möchte also gerne darüber nachdenken, wie man die Geschichte des Computers und der Software so schreiben könnte, wie wir eben schon seit längerer Zeit auch die Geschichte des Automobils schreiben.

Bullshit: Wir schreiben sie ja gar nicht, wir versuchen es nur. Hier kurz Thomas Parke Hughes’ Konzept. Vielleicht auch Joerges.

Oder auch die Geschichte der Eisenbahn.

Jaja, Wolfgang Schivelbusch (1977): Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. München/Wien: Hanser.

Denn auch da reden wir ja nicht nur über die Entwicklung der Lokomotiven und der Schienennetze, sondern auch darüber, wie zum Beispiel im 19. Jahrhundert globale Finanzströme in Gang gesetzt worden sind, um zum Beispiel die amerikanischen Eisenbahnen zu finanzieren.

Way better than Schivelbusch: White, Richard (2011): Railroaded. The transcontinentals and the making of modern America. New York: Norton. (Hat Knörer sogar mal rezensieren lassen.)

Wie gleichzeitig auch globale Immigrationsströme in Gang gesetzt worden sind; es sind ja alles chinesische Kulis gewesen, die die amerikanischen Eisenbahnen gebaut haben. Dass man einfach einen globaleren Blick auf die Geschichte der Software bekommt.

Wiederum: Namen nennen, wer macht gerade was.

Kathrin Passig: Würdest du sagen, dass man über Eisenbahn und Auto heute anders redet und schreibt, weil es dafür mittlerweile ein feineres Instrumentarium gibt? Oder einfach, weil das Geschehen jeweils lang genug zurückliegt und die ganzen einfachen Technikgeschichten halt schon abgehakt sind?

AJ: Ich glaube, weil wir als Historiker, Sozialhistoriker, Soziologen, Geschichtstheoretiker einfach ein feineres, differenzierteres Instrumentarium an der Hand haben, wie wir an solche Geschichte rangehen und wie wir sie rekonstruieren.

Blabla. Worin besteht *genau* dieses Intrumentarium? “Raum und Zeit”, “Beschleunigung”, “Fortschritt”, Koselleck, Osterhammel. Nicht nur den “Wandel”, auch die “Trägheit” erfassen. Hier übrigens auch der Grund, warum wir das alles “Sozialgeschichte der Software nennen”:

Koselleck, Reinhart (2000): Moderne Sozialgeschichte und historische Zeiten. In: Reinhart Koselleck: Zeitschichten. Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Gadamer. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 317–335.

Osterhammel: Länge von Kausalketten, Merkelvortrag, “Zeithorizonte”, Räume, Synchronisierung von globalen Räumen: müßte eines *der* Themen einer “Softwaregeschichte” sein.

KP: Fällt dir ein Beispiel ein für eine neue Entwicklung, bei der man schon mit diesen aktuellen Instrumenten hantiert und eben nicht eine Technikgeschichte wie vor hundert Jahren schreibt? Muss man nicht für jede technische Entwicklung wieder alle Phasen von vorn durchlaufen? Kann man tatsächlich gleich in die differenziertere Analyse einsteigen?

AJ: Ich kenne gerade aktuell ein ganz ausgezeichnetes Beispiel, das sich mit der Geschichte der sogenannten Life Sciences beschäftigt, die eigentlich auch so erst in den achtziger, neunziger Jahren entstanden sind.

Hier beziehe ich mich auf: Cooper, Melinda (2008): Life as Surplus. Biotechnology and capitalism in the neoliberal era. Seattle, London: University of Washington Press (In vivo).

Sie geht mit einem sehr feinen und weit verzweigten Instrumentarium da ran, wie dort diese sogenannte triple helix

Shinn, Terry (2002): The Triple Helix and new production of knowledge: prepackaged thinking on science and technology. In: Social Studies of Science 32, S. 599–614. Den ganzen Absatz präziser:

zwischen Forschung, Industrie und Politik sich gebildet hat, wie die miteinander verknüpft sind, wie neue Finanzierungsformen, auch neue Finanzinstrumente erfunden wurden, um diese Life Sciences überhaupt ins Leben zu bringen. Wie dort neue Modelle von Wissenschaft, neue Modelle auch von Biologie entstehen, wie das alles wiederum mit politischer Ökonomie zusammenhängt, und welche Auswirkungen das auf die Wissenschaftler, Techniker, Ingenieure, Programmierer hat, die in diesem Feld arbeiten. Und da gibt es auch noch nicht breit rezipierte – wie immer bei kleinen amerikanischen Universitätsverlagen – Arbeiten von Leuten, die jetzt nicht die bekanntesten sind. Meistens Dozenten, junge Professoren, meistens so Anfang, Mitte 40, die jetzt ihre ersten großen Publikationen schreiben.

Der ganze nächste Absatz ist Bullshittalk à la mspr0, nur eben von jemand mit Geschichtsstudium. Stattdessen: über “Praxis” reden, was eine kulturwissenschaftliche Herausforderung an die Sozialgeschichte ist, Möglichkeiten der Integration und was eben der Beitrag einer “Softwaregeschichte” sein könnte.

Aber das wäre zum Beispiel ein Modell, an das man sich anlehnen könnte. Dass ich bewusst auf die Frage hinlese, wie man das auf mein Feld und mein Thema umarbeiten könnte oder benutzen könnte. Was nämlich derzeit passiert in der historischen Selbstreflektion der Informatik, ist die klassische Hagiographie, also die klassische Heiligengeschichte von Bill Gates und Steve Jobs und Larry Ellison. Das, was wir in der Ideengeschichte Höhenzugsgeschichte nennen. Also: Vor welchen Herausforderungen haben die Leute gestanden? Welche Lösungen wurden dafür entwickelt? Aber ohne darüber zu reflektieren, dass Programmieren eben auch von Anfang an eine soziale Praxis ist und in einem gesellschaftlichen Feld absolviert wird, das man anders rekonstruieren muss als eben über diese klassische Ideengeschichte à la Friedrich Meinecke vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Was mich wundert, ist, dass das, was ich gerade skizziert habe, so überhaupt nicht vorkommt. Das Ziel wäre überhaupt mal, die Reflektion anzustoßen und dazu Bausteine zur Verfügung zu stellen, von denen aus man dann weiter diese Geschichte schreiben könnte.

KP: Man braucht ja, damit diese Geschichte geschrieben wird, immer eben so jemanden wie dich, eine Scharnierperson, die ein Bein in beiden Welten hat. Warum gibt es das in den anderen Bereichen eher als für die Informatik?

Ha! Den ganzen Tag gegrübelt, wo ich die “Produktionsbedingungen deutscher Mediengeschichte” unterbringen soll, die hier schon länger rumliegen. Werden angepaßt und kommen hier rein. Muß ein wenig auf Gumbrecht und Konsorten draufhauen, wird Knörer gefallen. Wird so eine Art “Notizen zur gegenwärtigen Lage der Ästhetik” von Ingo Meyer im Merkur-Märzheft, nur eben nicht Ästhetik, sondern Softwaretheorie, “critical code studies”, “software studies”, “platform studies”, “Medienarchäologie” und was es nicht alles gibt.

AJ: Das ist eine gute Frage. Hab ich derzeit keine Antwort drauf. Weiß ich nicht. Was ich als Scharnierperson, wie du das nennst – also als jemand, der eigentlich aus der Philosophie, Geschichte und Soziologie kommt, dann aber lange Jahre in der IT-Industrie gearbeitet hat –, gemerkt habe, ist, dass die Fähigkeiten, die man als Programmierer täglich braucht, ganz wenig mit dem zu tun haben, was Informatiker im Studium lernen. Dass Programmieren eigentlich ein Paradefall, möglicherweise der Paradefall für das ist, was die Techniksoziologen Soziotechnisches System nennen.

Das hatten wir ja schon alles im ersten Teil.

Denn wenn ich zum Beispiel ein Payroll-System – das System, mit dem Unternehmen die Gehälter ihrer Mitarbeiter abrechnen –, wenn ich das programmieren will, dann muss ich zunächst mal etwas darüber verstehen, wie Gehaltsabrechnungssysteme funktionieren. Wie die Prozesse dieser Gehaltsabrechnung in der jeweiligen Firma funktionieren. Dann muss ich etwas über die rechtliche Situation wissen, in der Gehälter gezahlt werden. Dann muss ich zum Beispiel auch etwas von Steuerwesen verstehen. Dann muss ich etwas darüber verstehen, wer in diesem Unternehmen überhaupt dafür zuständig ist. Bei wem eigentlich das Fachwissen vorhanden ist, das man braucht, um sowas täglich zu machen. Da muss ich etwas über die Hierarchien in diesem Unternehmen wissen. Ich muss wissen, wer will überhaupt mit mir ein Projekt machen. Wer will überhaupt dieses neue System und wer will es möglicherweise auch nicht. Solche Systeme stecken ja nie alleine in einem Unternehmen drin – sprich, sie sind ja nicht verbindungslos zu anderen Systemen. Sie sind zum Beispiel verbunden mit den ERP-Systemen, das sind die Systeme, mit denen Unternehmen überhaupt ihr ganzes Unternehmen steuern und auch die ganzen Finanzströme im Unternehmen steuern. Dann muss es dazu Schnittstellen geben, zu diesen Systemen. Dann müssen dort Daten hin- und hergetauscht werden. So dass ich dann auch mit den Leuten von der Finanzplanung reden muss, wie deren Prozesse eigentlich aussehen.

Das alles hat zunächst mal mit Technologie im engeren Sinne, also mit Programmiersprachen, mit Entwicklungsumgebungen, mit physikalischen Computern, die irgendwo in einem Serverraum stehen, mit Compilern, mit Algorithmen, mit all dem, was an sich Informatik ist, überhaupt nichts zu tun. Und ganz oft ist es ja auch so, dass solche Systeme, wie zum Beispiel solche Payroll-Systeme oder auch ERP-Systeme, eben nicht inhouse von den Firmen selbst entwickelt werden, sondern dafür werden von außen Dienstleister und Berater, Consultants geholt. Und der größte Teil der Programmierer tut eben genau das, also rein von den Zahlen her sind es, glaube ich, um die 70 Prozent der Programmierer, die für andere Kunden als Externe programmieren. Kunden sind dann eben meistens Unternehmen, Regierungen, Behörden oder irgendwas in der Art. Und wenn wir schon so weit sind, dass diese doch häufig eben externen Berater, Consultants, Freelancer, was auch immer, für diese Kunden programmieren, dann stellt sich die Frage: Seit wann ist das so? Seit wann existieren diese Geschäftsmodelle, dass Unternehmen sich von außen Hilfe holen, um zum Beispiel ihr Payroll-System managen zu lassen oder eben auch andere Systeme? Und dann kommt man eben auch darauf, dass diese Dienstleistungen bereits an Unternehmen verkauft wurden, bevor es Computer gab.

Das ist eine ziemlich platte Zusammenfassung von Campbell-Kelly, Martin; Garcia-Swartz, Daniel D. (2008): The Rise, Fall, and Resurrection of Software as a Service: Historical Perspectives on the Computer Utility and Software for Lease on a Network. In: William Aspray und Paul E. Ceruzzi (Hg.): The Internet and American business. Cambridge: MIT Press (History of computing), S. 201–230.

Dann kommt man auch darauf, dass viele der großen Anbieter, die heute zumindest das Geschäft mit den großen Konzernen, also mit den Fortune 100, die mittlerweile, vielleicht auch ganz interessant, 70 Prozent des gesamten internationalen Welthandels abbilden – dass die von Firmen versorgt werden, die es auch schon vor dem Computer gab. Also wenn du auf Firmen wie Accenture guckst, die mal “Anderson Consulting” hießen, oder wenn du auf Firmen wie IBM guckst, die auch eine längere Vergangenheit haben, keine reine Computervergangenheit. IBM hat schon in den zwanziger Jahren zum Beispiel Osram mit Payroll-Systemen versorgt. Nur waren die Computer, die damals die Abrechnung gemacht haben, noch Menschen. Frauen, die vor so Tischtabellen-Rechnern gesessen haben. Aber die Business-Modelle, nach denen diese ganzen Dienstleistungen für Unternehmen erbracht werden und in denen heute noch ein Großteil der Programmierer arbeitet, sind viel älter als der Computer.

Die Tischtabellenfrauen sind also Grier, David Alan (2005): When computers were human. Princeton: Princeton University Press.

Man könnte weiter denken, von hier aus sagen, wir kommen eigentlich auch jetzt gerade durch das sogenannte Cloud-Computing interessanterweise wieder zu Business-Modellen zurück, die die IT-Industrie eigentlich so seit den sechziger Jahren verlassen hatte. Wir kommen nämlich jetzt wieder zu dem Punkt, wo irgendwo in großen Rechenzentren Rechenkapazität vorgehalten wird, die dann von Unternehmen nur angezapft wird oder zur Verfügung gestellt wird. Das war bereits in den fünfziger und sechziger Jahren der Fall.

Hier präziser. Wer, wo, wann, kann man alles angeben.

Man könnte noch weiter denken, aber das führt dann jetzt vielleicht zu weit. Es gab bereits in den fünfziger und sechziger Jahren zwischen den Dienstleistern und den Unternehmen auch bereits Netzwerke. Nämlich Netzwerke, die dem Internet vorausgehen. Auch die Geschichte des Internets, so wie sie derzeit erzählt wird, ist nämlich nur eine Geschichte.

Ja, das ist nett, aber kurz auf “Ursprungsgeschichten” eingehen.

Also die bekannte Geschichte mit der ARPA und der DARPA, Ende der sechziger Jahre und diese paar Universitäten, die sich dann zusammengetan haben. Und irgendwann kam dann Tim Berners-Lee, der das World Wide Web erfunden hat. Auch das ist eigentlich eine rein mythische Geschichte. Auch hier müsste man geschichtstheoretisch einfach mal die Narrative durchleuchten, die dort erzählt werden. Und auch hier wird man finden, dass dem Internet Netzwerke vorausgehen, auf zum Teil übrigens ähnlichen Protokollen. Denn auch die Geschichte von TCP/IP, wo ja immer gesagt wird, das wäre die Kerninnovation des Internets gewesen, dass es dort diese Routing-Modelle gibt, das ist bereits in den fünfziger Jahren erfunden worden. Es wurde bereits in diesen Netzwerken implementiert, von denen es dann zwei oder drei große gab, an die aber im Prinzip damals schon 70 bis 80 Prozent aller amerikanischen Unternehmen angeschlossen waren. Um eben Rechendienstleistungen wie Payroll-System, ERP-System, Einkaufssystem, Supply Management System und sowas bereits von Dienstleistern abwickeln zu lassen. Und diese Systeme oder diese Netzwerke sind dann später erst abgelöst worden, durch das Internet.

Aber das ist sozusagen ein Übergang. Und auch daran müsste man zum Beispiel denken, was ist in dem Moment wiederum mit den Business-Modellen passiert und so weiter. Das würde jetzt sehr weit führen und da habe ich auch noch ganz viel zu arbeiten. Aber auch die Geschichte des Internets ist so, wie sie derzeit erzählt wird, eine Weihnachtsgeschichte. Es ist nichts, was den hohen disziplinären Standards, die die Technikgeschichte derzeit hat, entsprechen würde oder standhalten würde. Und auch hier ist wiederum die Frage, ob wir nicht mittlerweile doch genug Einzelstudien, genug Monografien und genug weltweites Nachdenken darüber haben, um hier mal einen etwas größeren Wurf zu wagen.

Das Problem, das ich als Historiker sehe, bei dieser ganzen Softwaregeschichte, die ich gerade versuche, zu entwerfen, ist der Mangel an Quellen. Alltagsprogrammierer hinterlassen relativ wenig Spuren. Sie schreiben ihren Code. Dieser Code hat natürlich Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir heute interagieren. Aber Programmierer schreiben jetzt keine Biografien oder keine Autobiografien. Man kommt derzeit auch schlecht an die Unternehmensarchive ran, soweit sie denn überhaupt existieren. Ich weiß, bei Microsoft wird daran gearbeitet, Unternehmensarchive aufzubauen. Ich weiß auch, dass bei Microsoft Research mittlerweile Soziologen und auch Historiker sitzen, die an diesen Quellen arbeiten. Aber das ist alles noch im Entstehen begriffen. Ich weiß nicht, wie das zum Beispiel bei SAP oder bei IBM aussehen würde.

KP: Ich vermute, dass die Quellenlage gar nicht so schlecht ist und zwar vermute ich das, wegen meiner aktuellen Erfahrungen mit dem Techniktagebuch. Wenn du mich vor zwei Monaten gefragt hättest, ob ich in irgendeiner Weise mein Leben dokumentiere, in Tagebuchform oder wie auch immer, dann hätte ich “Haha, nein, seit ich zwölf war, nicht mehr” gesagt. Ich habe dann aber festgestellt, dass sich unglaublich viel versehentlich ansammelt, wenn man ein weitgehend schriftlich stattfindendes Sozialleben hat.. Einfach über Chat-Logfiles, über E-Mails – in meinem Fall sogar noch über Faxe. Und ich glaube, dass es nicht selten ist bei Softwareentwicklern, dass sie die schriftliche Kommunikation der mündlichen vorziehen. Unter anderem eben, weil Logfiles zurückbleiben und man nochmal reingucken kann. Ich nehme an, dass es Leute mit umfangreichen Privatarchiven von so Kleinkram gibt, den man erst mal für nicht weiter erwähnenswert hält, wenn man nicht konkret danach gefragt wird.

AJ: Ja. Das wäre dann sozusagen die institutionelle Frage: Was bräuchte man, um so eine Softwaregeschichte auf einer breiteren Basis zu schreiben? Dann braucht man natürlich Quellen und dann müsste man natürlich über Archive nachdenken. Und wenn es sie noch nicht gibt, müsste man darüber nachdenken, wie man sie bekommt und was in diese Archive rein soll. Dann müsste man über Unternehmensarchive reden. Man müsste aber auch über öffentliche Archive reden. Es gibt ein paar Computermuseen mittlerweile. Es ist auch interessant, dass die doch steigende Anzahl von Arbeiten, die ich interessant finde, sich oft um solche Archive ansammelt. Also es gibt in Minnesota das Charles Babbage Institute, da sammeln sich so die Leute drumherum, die ich für interessant halte. Es gibt die Smithsonian Institution in Washington. Auch dort gibt es ein Computermuseum. Da gibt es einen Chef, das ist Paul Ceruzzi, und auch um den herum sind einige Arbeiten entstanden, die ich interessant finde.

Besser: was *genau* ist daran interessant?

Es gibt hier in Deutschland am Technikmuseum in München einen Herrn Helmuth Trischler. In dessen Umfeld ist zum Beispiel letztes Jahr überhaupt mal die erste Geschichte der Softwarebranche in Deutschland entstanden, als Dissertation.

Leimbach, Timo (2010): Die Geschichte der Softwarebranche in Deutschland. Entwicklung und Anwendung von Informations‐ und Kommunikationstechnologie zwischen den 1950ern und heute. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie. Ludwig-Maximilians-Universität München. Online verfügbar unter http://edoc.ub.uni-muenchen.de/12436/1/Leimbach_Timo.pdf.

Das sind so die ersten Anfänge, die doch darauf hinweisen, dass wir solche Institutionen dringend brauchen. Ich weiß, wir haben hier in Berlin zum Beispiel ein Computerspielmuseum, mit denen habe ich leider noch keinen Kontakt. Aber da könnte man auch mal mit denen reden, was die haben, an Quellen. Ich glaube, die sammeln aber auch hauptsächlich Hardware. Ich weiß nicht, ob die Software sammeln.

Hier gibt es neuerdings Literatur zur Sammlungspolitik von Computermuseen, die ich nur zu referieren brauche.

Müsste man einfach mal schauen. Klar, um dann zu gucken, wie man dann auch diese Softwaregeschichte institutionalisiert bekommt, müsste man vielleicht auch mal mit Universitäten reden.

Man könnte freilich auch fragen, was diese “Institutionalisierung” bringen soll.

Wenngleich ich jetzt nicht wüsste, wo da jetzt genau die Ansprechpartner wären. Aber ja, das wäre so für die Zukunft eine Perspektive. Das kann man zum Beispiel auch aus dieser einen Dissertation rauslesen, die ich gerade erwähnt habe, in der wird auch darüber gejammert, dass er zum Beispiel, glaub ich, bei SAP war, der größte deutsche Softwarekonzern, der zweitgrößte der Welt. Und die waren nicht in der Lage, ihm zu sagen, was sie in den achtziger Jahren gemacht haben. Und das ist etwas schwierig.

Ein weiterer Punkt, der auch noch ganz interessant ist, an dem ich auch noch so am Werkeln und am Konzeptionieren bin, wie man das da noch mit rein bekommt, ist die doch offensichtliche Tatsache, dass die Softwareindustrie ganz allgemein von Anfang an stark von staatlichen Subventionen geprägt war. Da wird auch in der Softwareindustrie nicht gerne drüber geredet. Gleichwohl, wenn man jetzt zum Beispiel von diesem Paul Ceruzzi, das ist also dieser Direktor des Computermuseums da, an der Smithsonian Institution, der hat einmal eine History of Computing geschrieben. Und wenn man aus dieser History of Computing alle Seiten rausreißen würde, auf denen NASA vorkommt oder das amerikanische Verteidigungsministerium oder die amerikanische Immigrationsbehörde oder andere staatliche Stellen, dann bleibt in dieser Geschichte nicht mehr viel übrig. Und auch wenn man die Geschichte der Softwarebranche in Deutschland anschaut, dann wird immer von staatlicher Seite viel Geld in die Softwarebranche reingepumpt, weil man glaubt – und da mag ja auch was dran sein –, dass man über Computerisierung, über Software-isierung, über Digitalisierung, Wachstumschancen und Wettbewerbsvorteile sich erarbeitet.

KP: Ich hätte jetzt eher den Verdacht gehabt, dass dort einfach der Leidensdruck am größten ist; so ähnlich wie bei der Einführung der Dampfmaschine, die ja erstmal sehr teuer und unpraktisch war, aber der Leidensdruck im Kohlebergbau war sehr groß. Man brauchte die Dampfmaschine einfach extrem dringend. Genauso würde ich jetzt vermuten, dass der Staat einfach ein überschießend komplexes System ist, in dem man sich am stärksten nach anderen Systemen sehnt, mit denen man diese Komplexität wieder in den Griff bekommen kann. Dass es gar nicht so sehr strategisches Denken und Arbeitsplatzsicherung ist, sondern erst mal einfach Verzweiflung.

AJ: Ja. Das ist ein ganz interessanter Punkt, über den ich auch gerne noch mal mehr nachdenken und auch mehr nach Quellen suchen würde. Das ist die Geschichte der Bürokratie. Ich glaube nicht, dass man eine Geschichte der Bürokratie so spätestens ab 1945 schreiben könnte, ohne über die Geschichte der Softwarebranche nachzudenken. Denn das hängt, wie kommunizierende Röhren, direkt miteinander zusammen. Es gibt ein Buch, das auch wiederum aus diesem Paul-Ceruzzi-Kreis entstanden ist, von einem englischen Technikhistoriker, Jon Agar, der sich genau um dieses Thema kümmert. Dieses Thema heißt „Computer: the Government Machine“.

Agar, Jon (2003): The government machine. A revolutionary history of the computer. Cambridge: MIT Press (History of computing)

Und hier würden wir dann auch Anschluss finden an übergreifende, schon seit längerem betriebene Studien, die Soziologen zum Beispiel anstellen, über die Bürokratisierung, über das stählerne Gehäuse der Hörigkeit. Das wäre eine ganz interessante Perspektive, wie wir nämlich auch die Geschichte der Software, die Geschichte der Bürokratisierung, die Geschichte der Rationalisierung, in Geschichten mit längerer Perspektive über die sogenannte Modernisierung einbetten könnten.

Das klingt jetzt total lächerlich und das schneiden wir auch raus: Aber es müsste am Ende sowas rauskommen wie Die Verwandlung der Welt‘ von Jürgen Osterhammel. Es müssen nicht ganz 1600 Seiten sein, aber das ist das intellektuelle Niveau, das die Geschichtswissenschaft offensichtlich derzeit bereit ist, zur Verfügung zu stellen. Und das müssen wir dringend in die Geschichte der Software und in die Geschichte des Computers reinbringen, damit wir verstehen, warum unsere Welt heute so ist, wie sie ist. Damit wir verstehen, warum die Software so ist, wie sie ist.

KP: Man könnte auch hier aufhören, ein schöner Schluss. Den Rest dann ein andermal verwerten.

AJ: Finde ich auch.

AJ: Osterhammel sollte freilich nur nennen, wer das intellektuelle Niveau vorher anhebt, sonst kann er das nicht einlösen und wirkt vermessen.

KP: Aber du hast ja bisher nicht gesagt „Ich mache das“, sondern nur „Jemand müsste mal“.


1 Kommentare

  1. Die Frage ist: Was hätte Osterhammel schreiben müssen (schon für das 19. Jahrhundert und seine Programmierungen)?

    Zur History of Computing bleibt der Pionier Nr. 1 Michael Sean Mahoney: https://www.princeton.edu/~hos/Mahoney/

    Und dann bitte auch Thomas Haigh lesen: http://www.tomandmaria.com/Tom/

    Ansonsten: Bitte Teil III schreiben, ja?

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