Unter Palmen

 

palmen1

I)

In der Mittagssonne laufe ich an der neuen BND-Zentrale in der Chausseestraße vorbei und muss daran denken, wie Alexander von Humboldt an die Palmen im Palmenhaus der Pfaueninsel denkt. Man sieht, wenn man zweimal hinsieht, nämlich neben unzähligen Fenstern vor dem Gebäude, zwei eiserne Palmen, grün angestrichen, 22 Meter hoch, ein Werk des Künstlers Ulrich Brüschke. Diese geheimnisvollen „Fürsten der Pflanzenwelt“ stehen, wie der Ritter von Linné sie nannte, in der Wüsten-Mitte Berlins, im kalten Frühling, regungslos.

Der idyllische Terrassenbereich vor dem Gebäude soll wie ein „Bühnenraum“ wirken, die Palmen, so die Begründung der Preisjury, unterstreichen dabei „die seltsame Ortlosigkeit, die irgendwo im Niemandsland zwischen Wüste und Shopping Mall einen Moment der Verschiebung und Dislozierung schafft“. Shangheidelberg an der Spree.

Humboldt dachte sich das mit den Palmen in Berlin ähnlich: „Blickt man bei heller Mittagssonne auf die Fülle schilf- und baumartiger Palmen, so ist man auf Augenblicke über die Örtlichkeit, in der man sich befindet, vollkommen getäuscht. Man glaubt unter dem Tropenklima selbst … ein kleines Palmengebüsch zu sehen. Man entbehrt freilich den Anblick der tiefen Himmelsbläue, den Eindruck einer größeren Intensität des Lichtes. … Man knüpft an jede Pflanzenform die Wunder einer fernen Welt, man vernimmt das Rauschen der fächerartigen Blätter, man sieht ihre wechselnd schwindende Erleuchtung, wenn, von kleinen Luftströmen sanft bewegt, die Palmengipfel wogend einander berühren.“

Vollkommen getäuscht, man hört das ja in diesen Tagen immer wieder; getäuscht, aber doch nicht von Palmen, verändert, vielleicht. Denn Palmen, auch eiserne, machen etwas mit ihrer Umgebung und ich muss an Goethes Ottilie denken, die in ihrem Tagebuch an Alexander von Humboldt denkt und den Reisenden beneidet, der solche „Wunder mit anderen Wundern in lebendiger alltäglicher Verbindung sieht“. Umgeben und getäuscht von solchen Tropen wird er, so meint Ottilie, ein anderer Mensch, denn es „wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiß in einem Lande wo Elephanten und Tiger zu Hause sind“.

 

palmen2

II)

Palmen führen zum Schreiben hin, schreibt Roland Barthes. Für ihn sind sie die schönsten „unter allen Buchstaben Bäumen“, denn so wie das Schreiben, „wie es überfließt und sich abhebt dem Wurf ihrer Wedel gleich, hat sie [die Palme] die höhere Wirkung: das Herabsinken“. Barthes fällt noch ein Heine Gedicht ein, in dem ein Fichtenbaum „im Norden auf kahler Höh’“ von einer Palme träumt, die „Fern im Morgenland einsam und schweigend trauert“. Die Palme ist der Sehnsuchtsbaum der weißen Männer des kalten Nordens: träumend von Sonne, Licht, Leichtigkeit und höheren Wirkungen.

Dorthin sich träumend, wo Goethe hin fliehen musste, weil man ihn „sonst nicht fortgelassen hätte“; dorthin träumt man sich und obwohl anfangs niemand weiß, wo er ist, schreibt er fleißig „den Freunden“ zu Hause. In seinem italienischen „Buche des Schicksal“ sollte er dann alles geschrieben finden, das phantastische Gewimmel und vor allem das Leben entdecken, dies „köstliche, herrliche Ding“. Im „Wundergarten“ Siziliens sieht Goethe aber schon „keine Natur mehr, sondern nur Bilder“. Kurz vor der Abreise aus dem Paradies – die Urpflanze ist noch nicht gefunden – erscheinen Goethe Geister: „Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzten, nach dem öffentlichen Garten, allein, eh ich michs versah, erhascht mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel und, indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher.“ Goethes Geister drängen ihm die alte Frage wieder auf, „ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte? Eine solche muß es doch geben!“

Goethes erfundene Padua-Palme wird später eine neue Wissenschaft – er gibt ihr den Namen Morphologie – begründen; so will es Goethe zumindest in seiner eigenen Geschichte der botanischen Studien kurz vor seinem Tod verstanden wissen. In einer späten und recht zweifelhaften Erinnerung an die zauberhafte Palmen-Erleuchtung von Padua spricht Goethe von jener schönen „Fächerpalme“, die dort, eben nicht wie hier in Deutschland, im Freien wachsen konnte. Goethe lässt sich, so die Erinnerung des alten Mannes, vom hiesigen Gärtner einige Palmenblätter abschneiden, sie werden ihm Zeit seines Lebens ein Sinnbild bleiben für die enttäuschte Hoffnung, eine solche Urpflanze zu finden: das, was nur Idee zu sein scheint, lebendig anschauen zu können. Trotz der schmerzlichen Lücke zwischen Nachforschungen und Hoffnungen, ist doch zumindest eine Palmenart nach Goethe benannt, sie heißt Goethea. Carl Friedrich Philipp von Martius, der sogenannte „Vater der Palmen“, hat am Strand in Brasilien an den Alten in Weimar gedacht.

 

palmen3

III)

Und so kommen all diese Palmen von weit her, aus der zeitlosen Zeit der Wintergärten und Palmenhäuser, aus dem sonnigen Morgenland, haben sich gespenstisch vor Glasfenstern aufgestellt, auf dieser Freiluftbühne. Hier tragen sie keine Früchte und doch, so meine ich, erklingt noch einmal lautes Gebrüll durch die „leichte Luft, goldgestreifte, so gute Luft“ in der Chausseestraße. Und ich muss noch an Nietzsches schattenhafter Wanderer denken, der, sich als Dattel einer Palme vorkommt, so im paradiesischen Garten sitzt und sein tropisches Glück nicht fassen kann. Doch dem Europäer als Südfrucht kommen Zweifel an den unechten Palmen, liegt das doch in seiner Natur: „Ich Zweifler aber ziehe es / in Zweifel, dafür komme ich / Aus Europa“. „Noch Ein Mal brüllen“, möchte er, der fruchtige Europäer, „moralisch brüllen“. So wie hier und dort die Wüste wächst, so verstummt auch das Gebrüll und ich denke, dass der Anblick dieser Palmen mich völlig täuscht. Man weiß natürlich nicht, was gedacht wurde, als man jene als eiserne hier aufgestellt hat, aber ich denke, dass sie eigentlich ganz schön sind. So wie sie da stehen, froh, frisch und regungslos, „schönste Luft atmend, … ohne Zukunft, ohne Erinnerungen, so sitze ich hier, … und sehe der Palme zu“.


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *