Die Körper von Roland Barthes

Zur Textproduktion des späten Roland Barthes stehen die Biografien, die über ihn erscheinen, in einem dezidiert antimimetischen Verhältnis. Auf der einen Seite das Prinzip der Auslassungen, der Abbreviaturen, die lose zu einem Ensemble zusammengefügt sind; auf der anderen Lückenlosigkeit, Ausführlichkeit und eine gewisse Dichte der Kommentierung, die nur mit ziemlich viel Text zu bewerkstelligen ist. Die neue Biografie, von der Pariser Literaturprofessorin Tiphaine Samoyault verfasst, macht da keine Ausnahme. 1 Ein Buch wie ein Ziegelstein: 700 Seiten, vom Tod bis zum Tod, da Roland Barthes prologisch mit dem Tod des Protagonisten im März 1980 beginnt und ihn am Ende in Richtung des Unfallortes entlässt.

Den Tod in die Zukunft setzen, Sentenz aus dem zweiten Teil von Die helle Kammer (1980), gehört zu den einprägsamsten Formulierungen, die man aus der Lektüre von Barthes zurückbehalten kann. (Also doch Mimetismus, wenn auch vielleicht ein ungewollter.) Der Tod, die Fotografie, das Schreiben und sein Verhältnis zum Zeichnen und zum Bild sind seither die Sujets geblieben, mit denen sich die Liebhaber seiner Texte bevorzugt befassen; die Präferenz für die kleine Form, die Kultur des Fragments sind ähnlich favorisierte Themen, ebenso wie das, was eine Studie das Schreiben des Subjekts genannt hat. 2 Vom Körper ist dabei immer wieder die Rede, auch in der neuen Biografie, jedoch bringen es die 700 Seiten mit sich, dass jener ab und an auch unter anderen Vorzeichen auftritt, etwa mit Verweis auf die Legende zu einem Foto in Über mich selbst (1975): »Jähe Mutation des Körpers (beim Verlassen des Sanatoriums): nach der Magerkeit kommt es bei ihm (jedenfalls glaubt er es) zum Bauchansatz. Seitdem ein ewiges Hadern mit diesem Körper, damit er wieder seine wesentliche Magerkeit zurückgewinnt.«

Ewiges Hadern. Ich interessiere mich für diese Auskunft, weil Samoyault sich offenbar dafür interessiert (und in zwei Kapiteln darauf zurückkommt), aber auch, weil in dem Verweis auf den Versuch abzunehmen ein körperliches Unbehagen sichtbar wird, das mit den kleinen Leiden, von denen die Biografie ebenfalls berichtet, nicht zu vergleichen ist. Diese Leiden: Schlaflosigkeit, Heiserkeit, Kopfschmerzen (mit ein paar Einträgen in Über mich selbst) sind zweifellos lästig, belastend auch; jedoch sind es zugleich feine Leiden, vorstellbar als die Heimsuchungen eines Subjekts, dessen Empfindsamkeit nicht ohne Empfindlichkeit zu haben sein wird, was der etablierten Wahrnehmung von Barthes ganz gut entspricht.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Tiphaine Samoyault, Roland Barthes. Berlin: Suhrkamp 2015.
  2. Doris Kolesch, Das Schreiben des Subjekts. Zur Inszenierung ästhetischer Subjektivität bei Baudelaire, Barthes und Adorno. Wien: Passagen 1996.