Gespräch mit Philippe Descola

Philippe Descola, 1949 in Paris geboren, ist Inhaber des Lehrstuhls für »Anthropologie de la nature« am Collège de France in Paris. Claude Lévi-Strauss, Descolas Lehrer und von 1959 bis 1982 sein Vorgänger am Collège, vertrat das Fach Ethnologie dort noch unter der Bezeichnung »Anthropologie sociale«. Die heutige Benennung markiert somit, bei aller Kontinuität, auch eine Differenz. Während Lévi-Strauss am Dualismus von Natur und Kultur festhielt, den er im für menschliche Gesellschaften fundamentalen Inzestverbot universell verwirklicht fand, hält Descola die abendländische Natur-Kultur-Unterscheidung lediglich für ein kategoriales Instrument unter anderen, um »in den Falten der Welt Diskontinuitäten zu erkennen«.

Jenseits von Natur und Kultur, der deutsche Titel eines seiner Hauptwerke, formuliert sein Programm: Es geht Descola darum, die strukturierende Funktion zu erkennen, die der Dualismus von Natur und Gesellschaft bei der Organisation der modernen Wissenssysteme gespielt hat und immer noch spielt. Die Basis seiner auch erkenntnistheoretisch ausgerichteten Ethnologie bilden dabei seine eigenen jahrzehntelangen, immer noch weitergeführten Feldstudien bei den Jivaro-Indianern in Amazonien. Sein 1993 in Paris erschienener Forschungsbericht Les lances du crépuscule (Leben und Sterben in Amazonien) ist nicht nur ein Meisterwerk der teilnehmenden Beobachtung. Es ist in seiner einleitenden Beschreibung der Situation der Indigenen in einer sie langsam, aber sicher zerstörenden Welt auch ein bedeutendes literarisches Werk des 20. Jahrhunderts, vergleichbar mit Sigmund Freuds Fallstudie über den »kleinen Hans« oder Clifford Geertz‘ Essay zum Hahnenkampf auf Bali. Werke, die allesamt aus »Zwischenzuständen« (Descola) heraus geschrieben worden sind, in denen niemand sagen kann, wo die Natur aufhört und die Kultur anfängt.

Wobei Descola uns mit diesen Zwischenzuständen gerade bei Problemen der Gegenwart wie der Klimaerwärmung und der Zucht von spezialisierten aus omnipotenten Zellen konfrontiert sieht. Probleme, die seiner Meinung nach nur gelöst werden können, wenn wir die westlichen Vorstellungen von Natur und Kultur auflösen, damit »die Organismen, die Werkzeuge, die Artefakte, die Gottheiten, die Geister, die technischen Verfahren nicht mehr einfach als ein Umfeld aufgefasst werden, als Ressourcen, als einschränkende Faktoren oder als Arbeitsmittel, sondern wirklich als Akteure, die in gegebenen Situationen mit den Menschen interagieren«.

Cord Riechelmann

Es wäre für die deutsche Leserschaft sicher hilfreich, wenn wir kurz über Ihren Weg zur Ethnologie sprechen. Begonnen hatten Sie ja als Student der Philosophie.

In Frankreich ist die Situation der Sozialwissenschaften, und besonders der Ethnologie, eine ganz andere als in Deutschland, wo es zwei Richtungen gibt. Die eine: philosophische Anthropologie, die wird von Philosophen betrieben. Obwohl sie sich auch auf ethnografische Dokumente beziehen, ist es doch in erster Linie Philosophie. Auf der anderen Seite: die Ethnologie, früher Volkskunde, die deskriptiv und empirisch ist, die Analyse von Situationen. 1 Es gibt große Figuren, die das zu verbinden versucht haben, aber in Deutschland kam beides selten zusammen. In Frankreich ist die Situation eine etwas andere: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und besonders seit Durkheim sind die Sozialwissenschaftler selbst Philosophen. Sie wollen philosophische Fragen mit Empirie verbinden, und das wird speziell da relevant, wo die Empirie philosophische Thesen in Frage stellt, indem sie nämlich von fernen Völkern berichtet, deren Denkmuster sich von denen der Europäer sehr stark unterscheiden. In Frankreich bin ich also einer von vielen, der als Philosoph anfing, zum Ethnologen wurde und dann zum ethnologisch inspirierten Anthropologen.

Ich mache einen Unterschied zwischen beidem: Ein Ethnologe ist jemand, der eine Gruppe von Menschen an einem Ort untersucht, indem er ihr Leben teilt, in einer spezifischen Umgebung zu einer spezifischen Zeit; der also zu beschreiben und zu verstehen versucht, was diese Menschen tun, was sie über sich und die Welt denken etc. Ethnologie ist deskriptiv, analytisch und induktiv. Anthropologie dagegen ist im weitesten Sinn die Theorie von Menschen und davon, wie sie in der Welt sind. Weil manchen von uns die Fragen der Philosophie mit den Konzepten, die sich seit den Griechen entwickelt haben, zu eng formuliert schienen, haben wir uns entschieden, einen kleinen Schritt zur Seite zu tun und diese Dinge auf andere Weise zu studieren. Ich habe das getan, mein Doktorvater Claude Lévi-Strauss hat es vor mir getan. Wer bei diesem Schritt zur Seite großen Einfluss auf mich hatte, war Maurice Godelier, ein französischer Ethnologe, ebenfalls Philosoph. Ich war Student an der Ecole normale supérieure de Saint-Cloud und habe da sein Seminar besucht. Er hatte sein erstes Buch geschrieben, Rationalität und Irrationalität in der Ökonomie, eine Kritik der neoklassischen Ökonomie aus marxistischer Sicht. Für mich sehr interessant war in diesem Seminar, dass er von Elementen nichtkapitalistischer, nichtmerkantiler Ökonomien berichtete, »primitiven Ökonomien«, um einen gebräuchlichen Begriff zu benutzen. Mir wurde dann klar, dass niemand etwas darüber wusste, dass sich in Frankreich kaum jemand dafür interessierte. Nach Marcel Mauss und seiner Theorie der Gabe wollte kaum einer etwas davon wissen. Ich war der Ansicht, dass eine methodisch strenge Untersuchung der Verhältnisse von Menschen zu Objekten, Umwelten, Werten usw. in unterschiedlichen Kontexten möglich sein sollte, dass man die Anthropologie auch auf diesem Gebiet zur Anwendung bringen kann. Also beschloss ich, in Richtung Ethnologie zu springen und kein Berufsphilosoph zu werden.

Sie haben auch die Vorlesungen von Gilles Deleuze in Vincennes besucht, die sich damals um den Anti-Ödipus drehten. Da wurde das anthropologische Denken ebenfalls in Bezug zur Philosophie gesetzt. Hatte das auch einen starken Einfluss auf Sie?

(…)

| Dieser Text stammt aus dem Heft Februar 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Die Grenze zwischen den Begriffen und den Fächern verläuft im deutschen Sprachraum etwas anders als in Frankreich oder im Angelsächsischen. Descola spricht durchweg englisch von »anthropology«. In Deutschland hat sich, obwohl es den Begriff »Anthropologie« für bestimmte Bereiche der Ethnologie durchaus gibt, Letzteres als allgemeine Fachbezeichnung durchgesetzt (Anm. d. Ü.).