Trinken gehen, Bus fahren

E-Books und kleine Formen

Holger Schulze 

Ob in den Salons des 19. oder im Kulturbetrieb des 20. Jahrhunderts – Verbindlichkeit wird in ambitionierten Lebens- und Arbeitsumgebungen durch geteilten Rauschmittelkonsum besiegelt. Für unternehmerische wie akademische Arbeitsumgebungen gilt dies ebenso, auch wenn es hier eher diplomatisch-konspirativ oder als Ausgleichssport camoufliert wird. Der gemeinsame Rausch, die Ko-Ekstase schafft lustvolle Abhängigkeiten durch geheimes Wissen. Albernheitsexzesse und Omnipotenzfantasien helfen, die öden Tage unterm Joch der Besprechungen, Abgabetermine und Aufgabenlisten durchzustehen: »Der Alkohol macht die Menschen einander ähnlicher. Brüderschaft trinken ist kein sinnentleertes Symbol, sondern die Besiegelung eines Einverständnisses: Ich werde mich nun gehen lassen, und du kannst es auch. Hinterher werden wir einander nicht böse sein, auch wenn wir uns alles gesagt haben. Das ist eine Welt, in die Nüchterne nicht vordringen können: eine Welt der Beschimpfungen, aber vor allem der Aussöhnung. Man lässt sich gehen, um aufeinander zuzugehen.«

Während aber mediale und literarische, gar kulinarische Konsumgewohnheiten und Referenzlandschaften gerne publizistisch nachgezeichnet, ausgestellt und charakterfestigend betont werden, stellt es einen ungehörigen Einbruch dar, sich dem Metabolismus, der Ernährung, den bevorzugten Rauschmitteln, Sexualpraktiken, Kleidungs- oder Möbelstücken einer Autorin oder eines Autors zuzuwenden. Einbruch in das tägliche Leben der Schreibenden, Denkenden, Regierenden und Unternehmenden – ein wenig degoutant, eindeutig übergriffig und sensationsgeil. Ist deren Werk nicht ganz abgelöst von solch profanen Tätigkeiten?

Dieser Artikel war für drei Monate freigeschaltet – und ist jetzt wieder für den Preis 2 von Euro im Volltextarchiv erhältlich.