Hitlers Pferde

Memorialkolumne

Im Mai 2015 beschlagnahmten Beamte der für Kunstdelikte zuständigen Abteilung 444 des Berliner Landeskriminalamts in einer bundesweiten Razzia mehrere mutmaßlich gestohlene Monumentalkunstwerke aus der NS-Zeit. Die prominentesten Stücke, zwei dreieinhalb Meter hohe, tonnenschwere, dunkel patinierte Bronzeskulpturen des Bildhauers Josef Thorak mit einigen, teils zentimetergroßen Einschusslöchern, wurden in einer Lagerhalle in Bad Dürkheim sichergestellt, zusammen mit riesigen Granitreliefs von Arno Breker, Thoraks größtem Rivalen um die Gunst Adolf Hitlers.

Thorak hatte die Zwillingsfiguren der Schreitenden Pferde als Auftragsarbeit für die von Albert Speer entworfene, Anfang 1939 fertiggestellte Neue Reichskanzlei in Berlin angefertigt, wo sie am Rand einer Freitreppe vor der mit Kolossalsäulen geschmückten Gartenfront aufgestellt wurden. Schon 1943 mussten sie zum Schutz vor Bombenschäden wieder demontiert werden und entgingen dadurch der Zerstörung. Sie kamen zunächst in Wriezen unter, am östlichen Rand des heutigen Brandenburg, wo auf einem Gelände mit Gleisanschluss und Kanalhafen die Arno-Breker-Bildhauerwerkstätten GmbH sowie der »Arbeitsstab Wiederaufbauplanung zerstörter Städte« residierten.

Um 1950 gelangten sie dann offenbar in das gut 20 Kilometer entfernte Eberswalde, wo Nazikunst auf einem Kasernengelände der Sowjetarmee zusammengezogen wurde. Dort befanden sie sich noch 1988, als die Kunsthistorikerin Magdalena Bushart auf einen mündlichen Hinweis hin eine Recherchereise unternahm, die Figuren fotografierte und anschließend auf einem Kongress über ihren Fund berichtete. Wenig später verschwand das Pferdepaar dann allerdings unter abenteuerlichen Umständen – in Einzelteile zersägt, unter Metallschrott gemischt und später wieder zusammengesetzt, wie man mittlerweile weiß – und galt seither als verschollen.

Dass die beiden Bronzepferde zu den wenigen authentischen Relikten aus der nach Kriegsende auf sowjetischen Befehl hin vollständig abgetragenen Neuen Reichskanzlei gehören, machte sie für den nach wie vor florierenden klandestinen Sammlermarkt für Nazikunst natürlich hochinteressant. Angeblich sollen sie dort für mehrere Millionen Euro angeboten worden sein. Die Frage, ob sich tatsächlich Liebhaber gefunden hätten, die einen solch exorbitanten Preis zu zahlen bereit gewesen wären, hat sich mit dem Polizeieinsatz erst einmal erledigt.

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| Dieser Text stammt aus dem Heft Februar 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |