Ein überflüssiges Unternehmen?

Zur kommentierten Edition von „Mein Kampf“

Das Urheberrecht des Freistaats Bayern an der literarischen Hinterlassenschaft von Adolf Hitler ist am 1. Januar 2016 erloschen. Eine Woche später, am 8. Januar, veröffentlichte das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) eine »kritische Edition« von Mein Kampf1 Auf einer Pressekonferenz im Münchner Institutsgebäude wurde diese erste in Deutschland seit 1945 gedruckte Ausgabe des Werks vorgestellt. Zwei großformatige Bände von insgesamt fast 2000 Seiten bieten Platz für mehr als 3500 Anmerkungen der vier Herausgeber. Das auf den 5. Oktober 2015 datierte Vorwort des Institutsdirektors Andreas Wirsching erwähnt, dass das Projekt von »erheblichen öffentlichen Debatten« begleitet war. Wirschings Resümee dieser Debatten hält lediglich fest, was unstreitig gewesen sei. »Eines jedoch ist unbestritten: Es wäre wissenschaftlich, politisch und moralisch nicht zu verantworten, dieses rassistische Konvolut der Unmenschlichkeit gemeinfrei und kommentarlos vagabundieren zu lassen, ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gewissermaßen in die Schranken weist.«

Diese Aussage ist falsch. Die Notwendigkeit einer kommentierten Ausgabe ist sehr wohl bestritten worden und war der Streitgegenstand der im Blick auf das Auslaufen des Urheberrechts geführten Debatten, soweit sie die wissenschaftlichen Pläne des IfZ betrafen und nicht die juristische Frage, wie mit unkommentierten Nachdrucken von Mein Kampf zu verfahren ist. Zwar haben sehr viele Zeithistoriker schon seit Jahren für eine kommentierte Veröffentlichung plädiert, um deren Genehmigung durch den staatlichen Urheberrechtsinhaber sich Wirschings Vorgänger Horst Möller vergeblich bemüht hatte. Einzelne Fachleute bewerteten das Unternehmen aber als überflüssig, darunter Wolfgang Benz, Autor und Herausgeber von Standardwerken über Völkermord und Antisemitismus, der von 1969 bis 1990 Mitarbeiter des IfZ gewesen ist. Prinzipiell begründeten Widerspruch äußerten Überlebende des Holocaust sowie Repräsentanten der Ermordeten, darunter Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. Unter dem Eindruck dieses Protests widerrief der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer die vom Landtag beschlossene Zusage der Finanzierung aus Staatsmitteln.

Es ist verständlich, dass Wirsching angesichts der Einwände und Widerstände die Überzeugung von der Richtigkeit des Institutsvorhabens so deutlich wie möglich formulieren wollte. Die Wendung, die eigene Position sei schwer oder auch gar nicht zu bestreiten, ist in solcher Lage eine gängige Formel. Wirsching macht aber aus der entschiedenen Meinung der Institutsleitung, dass ihr schlecht widersprochen werden könne, die falsche Tatsachenbehauptung, ihr sei nicht widersprochen worden. Das ist kein gutes Omen für eine Edition, die sich gerade vorgenommen hat, jede falsche Angabe des Autors richtigzustellen. Dieses denkbar umfassende Verständnis von editorischem Korrekturbedarf steht hinter der pathetischen Ankündigung, die Ausgabe wolle Hitler in die Schranken weisen. Und für dieses spezielle Konzept der Kommentierung in fortlaufender Widerrede, nicht bloß für das Vorhaben einer kommentierten Ausgabe als solches, nimmt Wirsching in Anspruch, es sei ohne Alternative. Die beiden Wälzer nicht zu produzieren wäre verantwortungslos gewesen, und zwar wissenschaftlich, politisch und moralisch. Hat es das im Wissenschaftsbetrieb schon einmal gegeben: eine kategorisch gebotene Publikation? Man darf solche Formulierungen der Rechtfertigung auf die Goldwaage legen beim Direktor eines Forschungsinstituts, dessen besondere Expertise seit der Gutachtertätigkeit seiner Mitarbeiter in den Kriegsverbrecherprozessen der fünfziger und sechziger Jahre die Ausmessung von Spielräumen der Verantwortung in Extremsituationen gewesen ist. Diese Gutachten erschienen auch in Buchform, wie jetzt Mein Kampf im Selbstverlag des Instituts.

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| Dieser Text stammt aus dem Heft März 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Hrsg. v. Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger u. Roman Töppel im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. München 2016.

3 Kommentare

  1. Ulric Thiede sagt:

    Ich stimme der Kritik von Patrick Bahners mit Herz und Verstand voll zu, da es sich mir nicht erschliesst, was mit der „Kommentierung“ von „Mein Kampf“ gewonnen werden kann. Es ist für mich nur zu gut verständlich, dass die Nachkommen wie die Vertreter der Holocaust-Opfer dafür weder Verständnis haben noch darin Sinn sehen können, wenn ich mir nur vorstelle, selbst ein Abkömmling eines in der NS-Zeit ermordten Juden, Polen, Roma usw. zu sein.

    Dass Broszat 1951 die Kritik Hannah Arendts an den unkommentierten AH-Tischgesprächen derart anmassend kritisiert hat, war mir auch neu und es hat mich daran erinnert, dass mein Richter-Ausbilder mich nach Rückkehr von einem Israel-Besuch deutscher Referendare 1967 ernstlich fragte, was ich von einem Gesetz hielte, dass alle Deutschen älter als Jg. 1922 nachweisen müssten, keine Nazis gewesen zu sein. Als ich sagte, dass es doch das gute Recht jeden Staates sei, alles zu tun, dass nicht Nazis in sein Land als Touristen einreisen und überlebende Opfern ihnen begegnen könnten, hat ihm (älter als Jg. 22) nicht gefallen, wie später seine negative Benotung meiner Ref.-Tätigkeit zeigte.

  2. Man missversteht Jeremy Adler, wenn man meint, er würde die Legitimation des Kommentierens von „Mein Kampf “ bestreiten. Seine Absicht ist viel entwschiedener. Er bestreitet, dass man dieses Buch „edieren“ (herausgeben) darf, also dass es weiterhin ungedruckt bleiben sollte. Er schreibt: „Die Tendenz steht außer Frage. Kein anderes Werk hat jemals so eindeutig zu Verbrechen angeleitet und gegen jegliche Rechtsnorm verstoßen. Der Gesetzgeber hat mitnichten die Verbreitung solcher Hetzschriften vorgesehen, sondern hat ihren Druck schlechthin verboten. Ein solches Buch zu edieren, aus welchem Grunde auch immer, bedeutet daher einen Affront gegen den Staat.“
    Dieser Standpunkt ist zu erwägen, leider ist ja über den Nationalsozialismus noch nicht so viel Patina gezogen wie beispielsweise über die Inquisition. Die Münder gröhlen noch, auch in anderen Ländern. Andererseits: Das Buch lässt sich nicht mehr verhindern. Es ist ja in der Welt. Vielleicht vagabundiert es in den Alt & Neo-Nazikreisen nur so beharrlich, weil es nie ausführlich entschleiert wurde? Von daher ist es höchste Zeit, den Schinken Seite für Seite als den Prototypen eines propagandistischen Machwerks zu enttarnen, das es darstellt und von denen wir bis heute umgeben sind, von Mikro-Posting-Salven im Netz angefangen bis hin zu rechtsradikalen Thinktanks, Elsässers, Breiviks „Gedanken“ etc. Ich meine, es gibt keine vernünftige Alternative als mit dem Zerlegen des Urschleims anzufangen. Mit der kritischen Ausgabe ist daher die Arbeit auch nicht abgeschlossen, sondern nur ein Meilenstein erreicht. Der Kommentar ist ja nur ein Anfang des Unschädlichmachens.

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