Notizen zu einem unveröffentlichten Roman

Als erstes kam mir die Heldin in den Sinn. Vor fünfzehn oder sechzehn Jahren sah ich sie zum ersten Mal vor mir: klein, jung, sehr dünn, mit kurzem, braunem Lockenhaar, eindringlichen, dunklen Augen und großer Nase. Geradezu herzzerreißend klug, auf neurotische Weise sexy und furchtbar allein. Ihren Namen wusste ich ziemlich bald: Judith. Sehr lange dachte ich deshalb, sie müsse Jüdin sein – aber das stimmte nicht. Nein, Judith war keine Jüdin. Sie hatte wohl einen Juden in der Familie – vielleicht ihr Vater? Oder ihr Großvater? –, aber sie war, wie sie sagte, eine „bekennende Schickse“. (Oder Halbschickse?) Judith also.

Sie war auf der Suche nach irgendetwas; wonach nur? Sie suchte einen Beweis für die Existenz Gottes. Eines Tages vor fünfzehn Jahren fiel mir dann ganz plötzlich ein, wo sie diesen Beweis am Ende findet: in einer polnischen Stadt namens Oświęcim, genauer, in der Gedenkstätte, die gleich nebenan liegt. In Auschwitz-Birkenau. Das ist verrückt, dachte ich, das kannst du nicht machen. Aber gleichzeitig wusste ich, dass es sich just so verhielt, und ich daran gar nichts ändern konnte.

Mehr fiel mir nicht ein. Ich schrieb ein paar Sätze in ein Notizbuch, das bald bei einem Umzug verloren ging; ich sah mehr und mehr Details ihrer Familiengeschichte. Judith hatte also eine schöne, reiche Mutter, die starb, als sie noch zur Schule ging – an Brustkrebs. Sie hatte ihren Vater nie kennengelernt. Ihr jüdischer Großvater war aus Thessaloniki (darauf komme ich noch zurück). Sie lebte mutterseelenallein in einer viel zu großen Wohnung im Westen von Berlin und schrieb an einer Doktorarbeit über die Gottesbeweise: Aristoteles, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, dieses ganze Zeug. So viel war klar. Aber mir fiel partout keine Geschichte ein, die sich über Judith erzählen ließe; das frustrierte mich sehr. (Wie war übrigens ihr Nachname? Und hatte sie nicht noch einen anderen, einen „arischen“ Großvater, und was war mit dem?) Ich sah sie in ihrer Wohnung sitzen und schreiben. Das war langweilig. Wie ließ sich Bewegung in die Sache bringen? Gehen lassen wollte ich sie nicht, diese neurotische junge Frau mit der Riesennase. Ich gebe zu, dass ich ein wenig in sie verliebt war.

(…)

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2 Kommentare

  1. Meinolf Reul sagt:

    Das habe ich gern gelesen. Die Erzählweise ist gleichermaßen modern und – im guten Sinne – eingängig.
    Die Illusionsmaschine kann ein Film besser bedienen als ein Roman es könnte, und nur vergleichsweise selten habe ich erlebt, dass auch im Film das Machen thematisiert wurde, z. B. ganz wunderbar im letzten Louis Malle-Film (Vanya on 42nd street, 1994).
    Hier nun stört es nicht im geringsten, dass überall die Drähte des Erzähl- und Imaginationskonstrukts hervorlugen. Sollte man nicht meinen, das ganze Ding wäre darum als Fiktion untauglich? Aber das Gegenteil ist der Fall. Allen blinden Flecken zum Trotz fiebere ich mit Judith und Popoff mit, die assoziativen Einschübe nehmen nichts von der Spannung weg. Ich bin ja nicht der erste, der der Ansicht ist, dass es Quatsch ist, Romane so zu schreiben, als befänden wir uns ästhetisch noch im 19. Jahrhundert. Notizen zu einem unveröffentlichten Roman wie die hier veröffentlichten zeigen, wie’s gehen kann. Ja, ich wünsche mir den Roman als Desillusionsmaschine, als Wirklichkeitsfabrik (da die Wirklichkeit selbst traum- und vor allem alptraumhafte Züge aufweist), wenn es denn schon immer ein Roman sein muss. Alle Röhren nach außen verlegen und bunt anmalen wie beim Centre Pompidou, die Technik nach außen kehren: so kann die Form lebendig bleiben.

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