Überfremdung? Migration in historischer Perspektive

„Wir schaffen es!“ ist in Deutschland zum geflügelten Wort geworden und schnell wieder in Frage gestellt worden. Kanadier und Kanadierinnen würden ohne viel Aufhebens feststellen: „Wir können es.“ Kanada hat seit den 1960er Jahren das Ziel, jährlich etwa ein Prozent der Bevölkerung als ZuwanderInnen aufzunehmen, in den 1970er Jahren bei 25 Millionen anwesender Bevölkerung also etwa 250000 jährlich, bei 30 Millionen in der Gegenwart wären es 300000. In Deutschland wären es im Vergleich bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen nach 1989 etwa 800000 – Jahr für Jahr. „Wir wollen es“ ermöglicht Gestaltung von politischen und gesellschaftlichen Perspektiven, ein Abwägen von Optionen. „Wir wollen es nicht“ verhindert jegliches Ausloten von Möglichkeiten und Politikgestaltung.

Das einwanderungsfeindliche „Europa“ hat seit Beginn des Einigungsprozesses in den 1950er und 60er Jahren die Konzeptentwicklung verweigert. Dies, obwohl bis in die fünfziger Jahre in der gesamten Region von London bis Moskau die Flüchtlinge des mörderischen Zweiten Weltkriegs untergebracht und ihnen neue Lebensperspektiven ermöglicht werden mussten. Viele, die in Ruinen keine Zukunft sahen, wanderten ab – Kanada, Vereinigte Staaten, Australien, andere Ziele. Die 1960er Jahre waren der Höhepunkt der Süd-Nord-Arbeitsmigration von Männern und Frauen, die in Deutschland „Gastarbeiter“ und „Gastarbeiterinnen“ genannt wurden. Eigentlich lassen Kulturnationen ihre Gäste nicht arbeiten. „Europa“ oder „Nation“ als abstrakte Einheit? Es waren Menschen, die unter Optionen hätten wählen können. Politiker – damals gab es nur wenige Politikerinnen – entschieden „Deutschland ist kein Einwanderungsland“; heute rufen viele „Außengrenzen verstärken“.

Von den Menschen in den Gesellschaften entschieden sich jedoch viele deutschsprachige für die Pizzen und Spaghetti der italienischen ArbeitswanderInnen, französischsprachige für Couscous, englischsprachige für Curry. Sie nutzten die Optionen, die die Kulturen der ZuwanderInnen eröffneten und schufen damit Arbeitsplätze für kochkundige Frauen und Männer aus dem Ausland. Die Politik verweigerte sich, und manche WählerInnen verweigerten Neues und schimpften auf „Spaghettifresser“ und später „Knoblauchfresser“. Als vorher Männer mit Macht – die amerikanischen Befreier – gekommen waren, hatten viele der Deutschen schnell Ketchup zu ihrer Lieblingssoße ernannt.

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| Dieser Text stammt aus dem Heft April 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |


3 Kommentare

  1. Blickensdörfer sagt:

    „Die Geschichte ermöglicht keine Antworten auf die Frage `Was tun?`“?. „Sie erlaubt uns“ nicht nur „über die eigene Migrationsgeschichte nachzudenken“, sondern sie bedingt ein Nachdenken darüber, um sie verstehen, um damit diese Frage beantworten zu können.
    Das ermöglicht, sehr geehrter Professor Hoerder, Ihr Artikel. Freilich nur dann und dem, der diesen nicht mit der herrschenden Kultur des Verstehens nur als Schilderung von Ereignissen und als Beschreibung deren Verstehen zur Kenntnis nimmt.
    Wir müssen also die zur Geschichte der Entwicklung der Menschen gehörenden Änderungen und Veränderungen ihrer Lebensgrundlagen und Tätigkeiten dafür verstehen und damit auch verstehen, warum davon welche mit einem besonderen Wort „Migration“ bezeichnet wurden und werden und das aber wiederum mit unterschiedlichen/ gegensätzlichen Attributen.
    Bezeichnet werden Menschen mit gleichem Bedürfnis, leben, zusammenleben zu können, als Gesellschaft, in Gemeinschaften von Gesellschaften. Eine gleiche „Perspektive“, aus der keine unterschiedlichen Attribute resultieren.
    Mit diesem Verstehen ist die Frage „Was tun?“ beantwortbar.

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