Zumutung, Schönheit, Gegnerschaft. Ein Bericht von drei Reisen zur Kunst

Venedig: Markt

Im Flugzeug liegt zwischen Glas und Plastik des Fensters ein großes totes Insekt. Landung in Berlin in tiefer Nacht. Der Flug aus Venedig hat eine Stunde und zehn Minuten gedauert. Fast eine halbe Stunde dauert nun die Fahrt über die endlosen Pisten der Airport-Neubauruine BER bis zum Terminal von Schönefeld. Um dreißig Minuten vor Mitternacht dürfen wir einen Shuttlebus besteigen, gemeinsam mit dem deutschen Pärchen, das eben noch im Vaporetto zum Flughafen Marco Polo bis zur letzten Sekunde versucht hat, alles richtig zu machen. Den richtigen Blick auf den richtigen Campanile in der Abendsonne zu erhaschen, den atemberaubend schönen Sonnenuntergang aus genau dem richtigen Winkel vor die Smartphonelinse zu bekommen, immer rastlos hinauf ins Führerhäuschen und wieder hinunter in die Fahrgastkabine.

Ich habe selten so schlecht italienisch gegessen wie in Venedig im Jahr 2015. Der Pizzakäse hätte einen haltbaren Fensterkitt abgegeben. Die deutschen Touristen am Nebentisch bedanken sich unterwürfig beim Wirt. Sie halten seine Freundlichkeit für la dolce vita und sehen Conny Froboess noch immer um den Lago Maggiore tanzen. In dem Lokal an der Via Garibaldi, wie man nun anfügen könnte, um kennerhaftes Nicken zu provozieren, beim „Italiener“. Der Wirt ist Araber.

Das Grundgefühl bei der Abreise ist Erleichterung, Überdruss. Wir waren vor allem Futter für eine Maschine, die uns in regelmäßigen, genau vorherberechneten Abständen Geld abgenommen hat. Die geradezu irrwitzige Schönheit des Ambientes sprach der groben Dreistigkeit Hohn. Die Abstürze vom Hohen zum Allerniedersten, die man in Venedig über sich ergehen lassen muss, sind erlesene Grausamkeiten. Masochist müsste man sein.

Es hat kein Ende mit den Zumutungen, nicht für unsere kleine deutsch-italienisch-taiwanesische Gruppe von Kunstreisenden, nicht für die Kunst selbst, nicht für den internationalen Kulturgroßevent. Eine endlose Reihe von Zumutungen führt uns zusammen, prasselt auf uns hernieder, zwingt uns, uns zu behaupten.

| Dieser Text stammt aus dem Heft Mai 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |


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