Über Nationalsozialismus sprechen. Ein Verkomplizierungsversuch

Dass sich selbst elementares Fachwissen, wenn überhaupt, nur langsam und bruchstückhaft in Allgemeinwissen übersetzen lässt, ist Wissenschaftlern aller Disziplinen klar. Jeder Physiker weiß, dass schon das erste newtonsche Gesetz flächendeckend unverstanden ist. Wen auch immer er außerhalb seines Kollegenkreises fragen mag, wo denn der Stein landen werde, den ein Radfahrer bei gleichmäßiger Geschwindigkeit vertikal in die Höhe wirft, er wird immer mit der falschen Antwort rechnen: hinter dem Fahrrad. Genauso wenig würde eine Soziologin erwarten, dass das für ihr Fach grundlegende Axiom der arbeitsteiligen Natur der Gesellschaft auch nur ein einziges Gesellschaftsmitglied je daran gehindert hätte, überzogene Ansprüche an die individuelle Selbstverwirklichung zu stellen. Sieht man nur auf das Gefälle zwischen Fachwissen und Laienvorstellungen, geht es dem Historiker da nicht anders. Er weiß, dass etwa das Gerede vom „finsteren“ Mittelalter, in das islamistischer Terror die moderne Welt angeblich „zurückbomben“ wolle, nicht allein deshalb verstummt, weil die Jahrhunderte zwischen Spätantike und Frühmoderne unter Mediävisten längst als Epoche mit einer eigenen, nicht über Werturteile einholbaren Kultur gelten.

 

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Und doch ist es gerade der Kontakt mit den Nichtfachleuten, der den Historikern vor Augen hält, wie sehr sich ihr Fach von allen anderen unterscheidet. Anders als Naturgesetze oder soziale Interaktionsmuster wird Geschichte ja in vielen Kontexten thematisiert; mit vergangenen Zeiten beschäftigt man sich nicht nur, um sie zu erforschen, sondern auch um ihrer zu gedenken und um zu erfahren, wie man zu dem wurde, was man ist, als Familie, als Nationalstaat, als Glaubensgemeinschaft, als Anhänger eines Fußballvereins, oder auch nur, um sich unterhalten zu lassen, indem man die Gegenwart im Kino oder über einem Buch für ein paar Stunden vergisst. Weil die Fachleute das Interesse an der Vergangenheit mit den Laien teilen, ist keine Disziplin auch nur annähernd so populär wie die Geschichtswissenschaft. Ein für Historiker ambivalenter Befund. Einerseits profitieren sie davon, dass neben Katzen, Sex und Königshäusern auch Hitler, Rom und Fürstenhöfe immer gehen, und zwar nicht nur in Funk und Fernsehen, sondern auch auf dem Markt für halbwegs informierte Sachbücher. Andererseits führt das breite Informationsbedürfnis leider nicht zu besserer Informiertheit, sondern nur zu erhöhtem Mitteilungsdrang und Geltungsbedürfnis der Laien. Kurz, die Popularität der Geschichtsschreibung steht in krassem Missverhältnis zur Durchschlagskraft des historischen Wissens. Vermutlich würde diese Behauptung etwas weniger kategorisch ausfallen, nähmen die folgenden Überlegungen ihren Ausgang nicht von einem Härtefall des Laienkontakts: der Begegnung von Historikern, die das 19. und 20. Jahrhundert erforschen, mit Philosophen, die eine Meinung zum Nationalsozialismus haben.

Sorgloser Umgang mit dem Begriff „Nationalsozialismus“

In meiner Eigenschaft als frei flottierender Nazihistoriker – und als Berichterstatter der FAZ – besuchte ich im vergangenen Frühjahr eine Konferenz, die vom Philosophischen Seminar der Universität Siegen ausgerichtet wurde. Thema waren die sogenannten Schwarzen Hefte Martin Heideggers, also der Teil der postum veröffentlichten Schriften, in dem Heidegger sich in unerhörter Weise zum Nationalsozialismus und eindeutig antisemitisch über Juden äußert. Eingeladen waren neben zahlreichen Heidegger-Experten, die meisten von ihnen naturgemäß Philosophen, auch einigeKollegen aus benachbarten Disziplinen, darunter zwei Historiker.

So angemessen diese Hinzuziehung von externen Fachleuten schien, so irritierend war der Unwille der meisten Philosophen, die ihnen zur Verfügung gestellte Expertise auch nur zu rezipieren. Nun fremdeln die Philosophen bekanntlich mit der Empirie, während die Historiker es nicht so mit dem Geist haben; es mag daher manches Kommunikationsproblem erklären, dass es in Siegen um einenGrenzfall des Empirischen ging. Zur Debatte standen ja nicht Heideggers Rektorat, seine NSDAP-Mitgliedschaft oder die Beziehungen zu jüdischen Schülern und Kollegen, sondern Texte eines Philosophen: Sätze, die zwischen der Machtübernahme Hitlers und der Gründung der Bundesrepublik entstanden, sich ausdrücklich auf den Nationalsozialismus beziehen und zugleich Werkcharakter haben.

Als was aber nimmt man solche Sätze? Als Ausdruck von Ideen oder als sprachliche Äußerungen? Der Unterschied ist gravierend. Mit ihm steht und fällt alles, was wir über Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus wissen können. Ideen sind uns nicht empirisch gegeben; sie existieren, zweifellos, aber sie lassen sich nicht lokalisieren. Sprachliche Äußerungen dagegen haben einen Ort, einen Zeitpunkt sowie eine Vielzahl von sprachlichen und nichtsprachlichen Kontexten. Darum können sie als Quellen behandelt werden. Ich stelle diesen banalen Umstand nur heraus, weil sich mit ihm die Rezeptionsverweigerung der Philosophen auf den Begriff bringen lässt.

Den meisten Tagungsteilnehmern schien es allein darum zu gehen, die Schwarzen Hefte auf den Symptomwert der „problematischen“ Stellen hin zu lesen, um damit Heidegger als Person und als Philosophen endgültig seines nationalsozialistischen Charakters zu überführen. Nun kann man über die Murmeltierhaftigkeit dieser Absicht schmunzeln. Man kann aber auch fragen, was das eigentlich bedeuten soll. Was ist denn gemeint, wenn diese Art der Heidegger-Kritik von Nationalsozialismus spricht? Folgt man ihrer Rhetorik, ist das eine – angesichts der erdrückenden Beweislast – geradezu lächerlich kleinliche Frage. Als ob das nicht jeder wüsste! Als ob es darum nicht genügte, einfach das Wort „Nationalsozialismus“ auszusprechen und damit all die Assoziationen zu wecken, die sich unvermeidlich einstellen, sobald wir dieses oder ein verwandtes Reizwort wie „NS-Weltanschauung“, „Rassismus“, „Antisemitismus“, „Volksgemeinschaft“ oder auch nur „Nationalismus“ hören.

So schreibt etwa Sidonie Kellerer, eine Initiatorin der Tagung: „Die von bloßer Vernunft scheinbar unangreifbaren, aus der Dunkelheit des Seyns aufsteigenden Erkenntnisse des Philosophen sind nunmehr für jeden erkennbar von Rassismus und Nationalismus durchdrungen und entsprechend unhaltbar geworden.“ Und Emmanuel Faye, ein Schulhaupt der radikalen Heidegger-Kritik, sagt: „Es sieht ganz so aus, als sei dieser radikale Antisemitismus das bewusste Ziel, das Telos seines Weges.“ Und weiter, zum Unterschied zwischen dem Denken Heideggers und dem Alfred Rosenbergs: „Der einzige Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass man die Texte, in denen Rosenberg von Metaphysik spricht, heute nicht mehr ernst nimmt. Man erkennt darin sofort die Ideologie. Bei Heidegger hält man die aus seiner nationalsozialistischen Weltanschauung hervorgehenden Positionen aufgrund seiner suggestiven Sprache hingegen für philosophisch relevant und diskutierbar.“

Diese typischen Aussagen, die sich beliebig vermehren ließen, leben von einer Verkettung hochproblematischer Unterstellungen: nämlich dass erstens alle bezeichneten Ideologien oder Ideologeme identisch seien; dass sie sich zweitens unter den Oberbegriffen „Nationalsozialismus“ oder „NS-Weltanschauung“ subsumieren lassen; dass es sich drittens bei Ideologien um eine Art psychische Matrix handelt, die auf sämtliche Gedenken und Handlungen einer Personen einwirkt; dass viertens die hier in Rede stehende Ideologie so verwerflich ist, dass schon ihr partieller Nachweis zu einem geistig-moralischen Totalurteil über eine Person und ihr Werk berechtigt; dass fünftens alle diese Behauptungen so evident wahr sind, dass sie sich selbst in Geltung setzen; und schließlich, dass sechstens diese Geltung zu bestreiten bedeutet, Heidegger in apologetischer Absicht von jeglichem Verdacht freizusprechen.

Diese – für Philosophen erstaunlich gedankenlosen – Kurzschlüsse von Sätzen auf Gedanken, von Gedanken auf Ideologien, von Ideologien auf Potenzen und von Potenzen auf Werturteile hat der Historiker Christian Geulen in Siegen – auf eine für einen Historiker erstaunlich elegante Weise –gekontert. 1 Seine Eingangsbemerkung, dass ihn in der gesamten Debatte der sorglose Umgang der Philosophen mit dem Begriff „Nationalsozialismus“ irritiert habe, mündete in ein Plädoyer für eine Verkomplizierung. Er schlug seinen Kollegen vor, die Richtung ihres Erkenntnisinteresses zu ändern. Statt mit erwartbarem Ergebnis immer wieder aufs Neue zu fragen, „wie viel Nationalsozialismus in Heidegger“, könne man doch auch umgekehrt fragen, „wie viel Heidegger im Nationalsozialismus“gesteckt habe.

Dass diese Unterscheidung identisch ist mit der, die ich soeben zwischen Ideen und sprachlichen Äußerungen gemacht habe, zeigt sich in ihrer methodologischen Zuspitzung. Statt die inkriminierten Texte auf ihren ideologiekritischen Signalwert hin zu rastern und damit ihr Verständnis im schon mitgebrachten Vorverständnis aufgehen zu lassen, riet Geulen dazu, sie als Quellen zu betrachten.Als Quellen des Nationalsozialismus. Dabei war er so höflich, diese Empfehlung mit Blick auf das eigene Unwissen zu formulieren. Er wies darauf hin, dass die Erforschung des Nationalsozialismus längst noch nicht abgeschlossen sei, weshalb man es nur begrüßen könne, wenn in der Causa Heidegger nun so viel neues Material vorliege.

Zugleich aber konnte Geulen den Philosophen einen belehrenden Hinweis nicht ersparen. Bei allen nach wie vor offenen Fragen seien sich die Historiker doch weitgehend einig, die sogenannte NS-Weltanschauung nicht mehr als eine psychologische Größe zu behandeln, die sich – wie seinerzeit in den Entnazifizierungsverfahren versucht – im Einzelfall vermessen ließe wie der Infektionsgrad mit einem Virus. Hätte er das auch noch begründet, wäre deutlich geworden, dass die Skepsis des Historikers in diesem Fall auf einem echten Wissensbestand fußt. Wenn wir uns nämlich weigern, die „NS-Weltanschauung“ als einen identifizierbaren Gedankenzusammenhang zu behandeln, dann weil wir wissen, dass sich auch beim besten Willen aus den Schriften Hitlers, Goebbels’, Rosenbergs, Darrés usw. keine Inhalte isolieren lassen, die man als spezifisch „nationalsozialistisch“ausweisen könnte. Wenn es einen Markenkern Hitlers und der Nazis gegeben hat – und es hat ihn gegeben –, dann waren es nicht die Ideen.

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Es ist gültige Forschungsmeinung, dass weder der radikale Antisemitismus noch der biologische Rassismus, noch die Ablehnung des liberalen Gesellschaftsmodells, noch die völkische Aufladung des Nationalismus, noch die Idee der Volksgemeinschaft, noch die expansionistische Raumpolitik, noch der Führergedanke, noch der Reichsmythos, noch die Blut-und-Boden-Romantik, noch die Hoffnung auf eine „nationale Revolution“ Exklusivbesitz oder gar Erfindungen der Nazis gewesen sind. Vielmehr waren all diese Ideologeme weit verbreitet zum einen in unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung im gesamten Spektrum der Neuen Rechten, in Teilen auch im traditionell konservativ-nationalen Bürgertum. Zum anderen waren sie so heterogen und in vieler Hinsicht vage, dass wir ihre unterstellte weltanschauliche Einheit mittlerweile als rückblickende Projektion erkennen und zugleich verstehen können, dass die zeitgenössische Wirkung dieser Ideen nicht zuletzt auf ihrer schlagworthaften Unschärfe beruhte: einer Eigenschaft, die sie ebenso tauglich für Demagogik und Propaganda wie selektiv adaptierbar und situationsbedingt auslegbar machte.

Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als sei das eine rein terminologische Korrektur. Tatsächlich geht mit der Wortwahl aber eine echte Perspektivenverschiebung einher. Darauf hinzuweisen, dass bestimmte Ideen und Ideologeme nicht eindeutig „nationalsozialistisch“, sondern für sich genommen unscharf und über Partei- und Milieugrenzen hinweg populär waren, macht sie ja nicht weniger problematisch. Im Gegenteil geben gerade ihre Vagheit, ihre weite Verbreitung und ihre zeitgenössische Normalität wichtige Hinweise auf die Erfolgsgründe der Naziherrschaft. Zugleich aber nimmt diese Verschiebung den Ideen ihren dämonischen Charakter. Schließlich weicht die ideologiekritische Gewissheit, vom rettenden Ufer der richtigen Ideen die falschen Ideen auf der anderen Seite nur beobachten und benennen zu müssen, einer eher fragenden Haltung. Wenn schon unklar ist, in welchem Umfang sich eine politische Bewegung überhaupt durch die von ihr propagierten, zudem unscharfen, eher an Gefühle und Ressentiments appellierenden Ideen beschreiben lässt, dann kann man auch nicht mehr kategorisch festgelegen, was ihre Ideologeme bedeuten. Vielmehr muss es in jedem Einzelfall aufs Neue geprüft werden. Statt also – wie Molières Scholastiker die einschläfernde Wirkung des Opiums aus der virtus dormitiva – die Nazihaftigkeit einer Person oder eines Werks aus der „nationalsozialistischen“ Qualität von Sätzen abzuleiten, führt auch in scheinbar eindeutigen Fällen kein Weg daran vorbei, in diesen Sätzen mehr als Symptome zu sehen, nämlich Texte in Kontexten und Aussagen mit Funktionen.

Geulens Vortrag mündete in einen Showdown, der das wechselseitige Unverständnis prägnant auf den Punkt brachte. Einigermaßen empört meldete sich in der Diskussion der Philosoph Günther Mensching zu Wort und fragte, wie man denn bitte den Nationalsozialismus erforschen wolle, ohne zu wissen, was das sei: Nationalsozialismus. Er jedenfalls habe da keine Probleme, ihm habe es nämlich sein Lehrer Adorno verraten. Während der erste Teil von Geulens Reaktion sich weitgehend im Ausdrucksgehalt von Mimik, Gesichtsfarbe und Lautstärke erschöpfte, ging der zweite, artikuliertere Teil bereits im allgemeinen Tumult unter. In der anschließenden Kaffeepause blieben die Lager unter sich,die Anwesenden mit Geschichtsstudium wandten sich dem Rothaargebirge zu, die ohne dem Westerwald.

Das ist der Nationalsozialismus

Sachverhalte komplizierter zu machen, als sie auf den ersten Blick erscheinen, mit anderen Worten: Unordnung zu stiften, ist eine Erztugend des Wissenschaftlers – unter der Voraussetzung, dass man auch wieder herausfindet und am Ende mehr sieht als vorher. Ich will es versuchen. Fangen wir mit der Verabschiedung des Freund-Feind-Schemas an. So dumm sind die Philosophen nämlich gar nicht. Etwas naiv vielleicht und mit zu viel Eifer stellen sie mit Blick auf Heidegger ja eine Frage, die wir alle permanent stellen, sobald wir mit Personen konfrontiert sind, die im „Dritten Reich“ gelebt haben, oder mit in dieser Zeit entstandenen Werken. Wissen zu wollen, wie er oder sie es mit den Nazis gehalten hat, ist ebenso unvermeidlich wie legitim. Umgekehrt stellt uns der kluge Vortrag von Professor Geulen vor ein Problem. So elegant nämlich der Chiasmus „Heidegger im Nationalsozialismus statt Nationalsozialismus in Heidegger“ in rhetorischer Hinsicht ist, so wenig teilt er uns mit, wie genau wir ihn zu verstehen haben. Mehr noch, versucht man, das in der Formulierung enthaltene Bild aufzulösen, scheint das in ein Paradox zu führen. Denn wie soll ein X, das in einem Y enthalten ist, zugleich der Behälter von Y sein? „Heidegger im NS statt NS in Heidegger“ hat sprachlich die gleiche Form wie „Goldring in Schatulle statt Schatulle in Goldring“ – offensichtlicher Unsinn. Doch der Schein trügt. Tatsächlich haben wir es nicht mit einem Paradox zu tun, sondern mit einer Äquivokation, also der zwei- oder mehrfachen Bedeutung eines Wortes.

Ersetzen wir die Variablen beispielsweise durch die Wörter „Wasser“ und „Eimer“, ergibt der Satz plötzlich Sinn. „Wasser im Eimer statt Eimer im Wasser“ ist eine sprachlich unproblematische, sofort verständliche Alternative. Dass wir sie als widerspruchsfrei wahrnehmen, liegt daran, dass die Äquivokation des Wort es „Wasser“ sich hier, wie fast immer in der Praxis, von selbst versteht.Schon die Syntax verrät uns, dass im einen Fall eine Menge einer bestimmten Flüssigkeit gemeint ist, im anderen ein Gewässer, zum Beispiel ein See; so wie wir sofort begreifen, ob eine „Mutter“ aufgesucht oder aufgeschraubt, eine „Bank“ aufgestellt oder ausgeraubt werden soll. Tückisch und damit für die Sprecher selbst relevant werden solche homonymen Wörter erst, wenn ihre unterschiedlichen Bedeutungen so nahe beieinander liegen, dass sich nicht sofort entscheiden lässt, welche gemeint ist. Wörter wie „Nationalsozialismus“.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen. Auf dem Historikertag 1998 thematisierte Götz Aly, in welchem Umfang Theodor Schieder und Werner Conze, zwei Gründerfiguren der bundesrepublikanischen Struktur- und Sozialgeschichte, im „Dritten Reich“ Karriere gemacht und sich mit ihren Expertisen an der Vorbereitung des Eroberungskriegs im Osten beteiligt hatten. In seiner Gegenrede verteidigte Jürgen Kocka seinen ehemaligen Mentor Conze, indem er ihm zwar eine gewisse „Affinität zum Nationalsozialismus“ attestierte, sich aber jede darüber hinausgehende Anklage verbat; unterstützt wurde er von Wolfgang Mommsen, der eine scharfe Trennlinie zwischen dem „Nationalkonservativismus“ Conzes und Schieders und dem „Nationalsozialismus“ zog. Es waren diese apologetischen Reden, die schließlich Wolfgangs Bruder Hans Mommsen auf die Bühne und zu einem Machtwort trieben, das die Debatte krönte und zugleich beendete: „Das ist nicht Affinität zum Nationalsozialismus“, rief Mommsen – dem Zeitungsbericht zufolge „mit hochrotem Kopf“, andere Augenzeugen wollen lediglich die normale Gesichtsfarbe des Redners erkannt haben –, „das ist der Nationalsozialismus“.

Lösen wir nun die Äquivokation auf, indem wir die impliziten Gehalte des doppelten Wortgebrauchs analysieren, sehen wir, dass Hans Mommsen im ersten Satzteil das Wort „Nationalsozialismus“ genauso verwendet wie Geulen in der ersten Hälfte seines Chiasmus. Gemeint ist offenbar ein geistiger Gehalt, ein Set an politisch-weltanschaulichen Ideen, etwas, dem man, mit Mommsens Bild gesprochen, näher oder ferner stehen, oder mit dem Geulens, das man in gewissen Dosen im Kopf haben kann. Der zweite Satzteil meint etwas anderes. Die Formulierung „das ist der Nationalsozialismus“ hat deiktische – also eine situativ verweisende – Qualität; sie bezieht sich auf das zuvor beschriebene Verhalten Conzes und Schieders und lässt sich durch den Satz paraphrasieren: Genau so funktionierte der Nationalsozialismus. Mit bestimmtem Artikel versehen hat das Wort also eine tropische Bedeutung, es steht für „die deutsche Gesellschaft 1933 bis 1945“, eine komplexe Totalität, deren Kenntnis wir in zirkulärer Hermeneutik voraussetzen müssen, um Ereignisse, Handlungen und Äußerungen in ihr zu verstehen, während die Kenntnis sich ihrerseits im Verstehensprozess permanent erweitert und verändert. In eben diesem Sinn sprach auch Geulen von Heideggers Sätzen als etwas, das sich im Nationalsozialismus ereignet habe, also einem zugleich als bekannt vorausgesetzten und weiterhin zu erforschenden historischen Zusammenhang.

Selbst wenn man den Kollegen unterstellen darf, dass sie mit der Äquivokation bewusst spielen und die beiden Bedeutungen zu unterscheiden wissen, besteht kein Zweifel, dass sie vor allem die tropische Verwendung des Wortes „Nationalsozialismus“ interessiert. Und ich würde sagen: zu Unrecht. Wenn es allerdings darum geht, welcher Verwendung der Vorrang gebührt, dann würde ich sagen: unbedingt der tropischen vor der wörtlichen. Denn als Historiker tun wir – schon aus logischer Räson – gut daran, unseren Gegenstand als Totalität zu betrachten, in dem dann ein jegliches seinen Platz findet.

Wir werden, mit anderen Worten, den Nationalsozialismus nur verstehen, wenn wir ihn nicht als Ausdruck oder Produkt der „NS-Weltanschauung“ begreifen, sondern als Gesellschaft, in der alles seinen Ort und seine Funktion hatte – und das heißt auch: alle weltanschaulichen Phänomene. Plural. Damit ist keineswegs vorentscheiden, welche Orte und welche Funktionen das seien. Auch Plural. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gerne Lutz Raphael, der vom Nationalsozialismus als einem „politisch kontrollierten, aber intellektuell offenen Weltanschauungsfeld“ sprach; oder auch Per Leo, der angab, „nicht nationalsozialistische Weltanschauung, sondern Weltanschauung im Nationalsozialismus“ erforschen zu wollen.2 Ob weltanschaulicher Sinn beispielsweise eher passiv indoktriniert oder aktiv produziert wurde, war vor allem eine Altersfrage.3 Wo die HJ-Generation früh auf Parteilinie gebracht wurde, da mussten sich die meisten erwachsenen Zeitgenossen fragen, was denn das eigentlich sei: Nationalsozialismus. Oder personalisiert, was das sei: ein Nazi.

„Nationalsozialist“ im Nationalsozialismus

Nun, was ist ein Nazi? Für einen, sagen wir, 1908 geborenen Deutschen war klar, dass die Alleinstellungsmerkmale der Nationalsozialisten, die sie von der politischen Konkurrenz unterscheidbar machten, nicht auf der inhaltlichen, sondern auf der performativen Ebene lagen. Die Nazis konnte man als solche nicht verstehen, wohl aber erkennen: an den Uniformen, am Ritual ihrer Versammlungen, an der Mobilisierbarkeit ihrer Basis, am Redestil ihres Anführers, am revolutionären Elan, an der Gewaltbereitschaft ihrer Schlägertrupps. Nationalsozialist sein hieß, sich als „Nazi“ zeigen. Das gilt für die Zeit vor 1933. Sieht man nun auf die Zeit nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und der schnellen Aushebelung der republikanischen Institutionen, ändert sich – parallel zur dramatischen Veränderung der historischen Situation – auch der Horizont der Frage, was Nationalsozialismus sei. Jetzt erst haben wir es mit den beiden Sprechweisen von „Nationalsozialismus“ zu tun, deren Verwechslung heute so viel Verwirrung stiftet. Was hieß es, „Nationalsozialist“ im Nationalsozialismus zu sein?

In einem bemerkenswerten Aufsatz sind Janosch Steuwer und Hanne Leßau kürzlich dieser Frage nachgegangen.4 Sie gehen von der plausiblen Prämisse aus, dass Zustimmung zum neuen Staat oder die Zugehörigkeit zu NS-Parteiorganisationen in einer Gesellschaft, in der alle anderen politischen Optionen ausgeschlossen waren, nicht als Indikator einer politischen Überzeugung gelten können. Aber aus der Unmöglichkeit, Nazis qua Gesinnungscheck ex post zu identifizieren, folgt nicht, dass die Fragen, was „Nationalsozialismus“ im semantisch-ideologischen Sinn bedeutete, und wer als „Nazi“ zu gelten hatte, bedeutungslos geworden wären. Statt des falschen Dilemmas, sie entweder zu überschätzen oder für irrelevant zu erklären, plädieren Steuwer und Leßau dafür, sie konsequent zu historisieren. Denn für die Zeitgenossen waren sie von existentieller Wichtigkeit.

Für alle Deutschen, die weder unmittelbar vom Ausschluss bedroht waren, noch sich bereits vor 1933 den Nazis angeschlossen hatten, stellte sich die Frage, wie man die unmissverständliche Forderung zum Mitmachen auffassen sollte. Als Zumutung oder als Einladung? Oder beides? In genau dieser Situation befanden sich 1933 die meisten Zeitgenossen, also all jene, die sich bisher nicht offen zu Hitler bekannt oder ihn nur aus diffusen Protestgründen gewählt hatten. Die Bedeutung des Wortes „Nationalsozialismus“ war für keine Gruppe so relevant wie für die Unentschiedenen. Sich fragen zu müssen, was „Nationalsozialismus“ist, hieß ins Positive gewendet, nach Anschlussmöglichkeiten zur neuen Wirklichkeit zu suchen, nach Brücken, die biografische Konsistenz vor und nach „1933“ garantierten.

Und der Brücken waren viele. Die überdeterminierte politische Semantik der Nationalsozialisten bekam plötzlich eine ganz neue Funktion: Wo ihre Vagheit vor 1933 dazu führte, dass als Nazi nur gelten konnte, wer sich als Nazi zeigte, so bot sie ab 1933, als jeder sich als Nazi zeigen konnte und sollte, vielfältige Chancen, der erzwungenen Zustimmung Gründe zu geben. In den ersten Monaten nach der Machtübernahme, vor allem nach dem Ermächtigungsgesetz und den Märzwahlen, lässt sich – gerade in bürgerlichen Kreisen – eine gewaltige hermeneutische Energie beobachten. Jeder, für den das Mitmachen aus politischen oder moralischen Gründen nicht ausgeschlossen war, musste sich fragen, ob es im nationalsozialistischen Deutschland einen Platz für ihn geben könnte; und das implizierte die Klärung, was das denn überhaupt sei: Nationalsozialismus. Wenn es trotz seiner ideologischen Überdeterminiertheit eine Geistes- und Ideengeschichte des Nationalsozialismus geben muss, dann nicht, weil die Nazis mit „nationalsozialistischen“ Ideen Erfolg gehabt hätten, sondern umgekehrt: weil der Erfolg der Nationalsozialisten den Willen zum Mitmachen mobilisierte und zur persönlichen Aneignung dessen, was die neuen Herrscher „Nationalsozialismus“nannten.

Genaugenommen gab es allerdings zwei Zäsuren. In den Kreisen der Neuen Rechten – die sich nach 1945 aus apologetischen Gründen „konservativ-revolutionär“ nennen sollten – lässt sich der Wille zum Mitmachen und damit auch zu einer persönlichen Auslegung des Nationalsozialismus nämlich häufig schon nach den Septemberwahlen 1930, spätestens aber im Juli 1932, feststellen, als klar war, dass Hitler den Machtkampf in diesem politischen Milieu für sich entschieden hatte.5 Für die Mehrheit der Deutschen stellte sich die Frage, was Nationalsozialismus sei und wie man selbst dazu stehe, aber erst im Laufe des Jahres 1933. Auch wenn sie schon 1930 oder 1932 für die NSDAP gestimmt haben mochten, zeichnete sich ja erst jetzt ab, dass da kein normaler Regierungswechsel stattgefunden hatte, sondern ein Ereignis von historischer Dimension.

Steuwers und Leßaus Analysen von Ego-Dokumenten, insbesondere Tagebüchern, decken sich mit dem, was ich in meiner eigenen Forschung am Fall des Philosophen und Publizisten Ludwig Klages beobachtet habe; und sie decken sich mit einer Vielzahl anderer Fälle, von denen der Heideggers nur der prominenteste ist. Hier will ich der Argumentation halber nur einen von Steuwer/Leßau exemplarisch behandelten jungen Theologiestudenten anführen, einen von vielen, der versuchte, sich einen Reim auf die neue Lage zu machen. Zunächst Anhänger der ständisch-konservativen Position Franz von Papens, schreibt der junge Mann im Sommer 1933: „was ich damals ‚neue Gemeinschaftsordnung’ nannte, [nenne ich] jetzt ‚nationalsozialistische Weltanschauung’, wobei ich Herrn v. Papen, der ja kein Nationalsozialist ist, natürlich jetzt auch der nationalsozialistischen Weltanschauung zurechne, während mancher nationalsozialistische Wähler vielleicht im Grunde genommen gar nicht dazu gehört“.

Das Konzept der Volksgemeinschaft, auf das hier angespielt wird, gehörte zweifellos zu den vagen Ideen, die auch die Nazis propagierten. Nur eben nicht exklusiv. Im Gegenteil versucht hier offenbar ein national gesinnter Deutscher, der sich selbst nicht als „Nazi“ verstand, den Begriff „Nationalsozialismus“so auszulegen, dass das eigene Denken als dessen Inbegriff erscheint, als ideeller Kern, den die nominellen, also kreuzchenmachenden und parteibuchtragenden Nazis gerade nicht begreifen. Es zeigt sich hier ein Muster der kognitiven Dissonanz, das nach 1945 als Apologieformel geradezu endemisch werden sollte: Die Nazis, das sind immer die anderen. Man selbst besaß eine „Weltanschauung“ – etwas, das im Land der Dichter und Denker per se nichts Schlechtes sein konnte.

Dass Hitler seine Herrschaft als Realisierung seiner oder der „nationalsozialistischen“ Weltanschauung verstand, muss man ernst nehmen. Aber nicht, oder zumindest nicht nur, im Sinne einer zutreffenden Beschreibung der politischen Wirklichkeit, sondern im Sinne der Effekte, die diese tagtäglich über alle Medien propagierte Behauptung erzeugte. Von Konformitätsdruck zu sprechen heißt ja nicht, dass alle Volksgenossen gleich werden mussten, sondern dass man das eigene Wollen, Denken und Tun, insbesondere das öffentliche, in ein affirmatives Verhältnis zur „NS-Weltanschauung“ setzen musste. Mit anderen Worten, wer sich selbst nicht vom öffentlichen Leben oder dem als mächtig empfundenen historischen Geschehen ausschließen wollte, der musste auslegen, was „Nationalsozialismus“für ihn selbst bedeutete.

Damit ist ein zentrales Strukturmerkmal der deutschen Geschichte 1933-45 insgesamt angesprochen: die Einsicht in den Projekt- und Projektionscharakter des Nationalsozialismus. In der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit bedeutete die realexistierende Diktatur für alle, die nicht ausgeschlossen waren, ja auch die Öffnung eines gewaltigen Möglichkeitsraums. Moralische Bedenken, rechtliche Beschränkungen verloren, um es mit einer Nazivokabel zu sagen, schlagartig an Bedeutung; wer unternehmungslustig und durchsetzungsfähig war, konnte oft in Wochen erreichen, was sonst in Jahren nicht möglich gewesen wäre.6

Und um die eigenen Projekte voranzutreiben, bedurfte es nicht immer eines Befehls, oft genügte es, die neuen Möglichkeiten zu nutzen und nach einem konzeptionellen oder ideologischen Scharnier zu suchen, durch das sich die subjektive Aneignung des „Nationalsozialismus“ als dessen objektive Ausdrucksform begreifen ließ. Ian Kershaws – den Quellen abgeschaute – Formulierung „dem Führer entgegenarbeiten“ bringt die beiden Aspekte ingeniös zusammen.7 Während die sprichwörtliche Klage „Wenn das der Führer wüsste!“den Projektionscharakter von der anderen Seite betont.8 Das Positive, die Erfolge, das persönliche Weiterkommen wurden dem „Nationalsozialismus“ zugeschrieben, verstanden als reine Substanz von Weltanschauung und Führerwille, alles Missliche dagegen den „Parteibonzen“, den „Fasanen“, dem „SA-Mob“und den „Blockwarten“ – kurz: den Nazis.

„Nationalsozialismus“: nur tropisch

Wie lautet das Fazit? Es lautet: Askese! Wenn überhaupt, sollte man das Wort „Nationalsozialismus“ nur mit Bedacht in den Mund nehmen. Konkret heißt das, dass man erstens „Nationalsozialismus“im Sinn eines Begriffs nur tropisch verwenden sollte, als Epochenbezeichnung für die deutsche Gesellschaft 1933-45. Im Hinblick auf den zeitgenössischen Sprachgebrauch erscheint es mir zweitens ratsam, Wörter wie „Nazi“, „nationalsozialistisch“, „Nationalsozialismus“ oder „NS-Weltanschauung“ als Etikette zu begreifen. In Anbetracht der mächtigen Wirkung, die diese Etikette in der politischen Rhetorik wie in der Alltagspraxis besaßen, muss deren Verwendung aber unbedingt erforscht werden.

In Ergänzung des berühmten Worts von Martin Broszat hieße das: Nicht nur den Nationalsozialismus, sondern auch „Nationalsozialismus“ zu historisieren, also den Gebrauch und die Funktionsweise einer politischen Semantik.9 In diesem Sinn sollte man schließlich und drittens heute den Gegner aus der neurechten Ecke lieber bei seinen Gründen packen, als ihn zu etikettieren. Es ist beispielsweise Kritik im besten Sinn, auf den völkischen Charakter der Pegida-Bewegung hinzuweisen. Dabei kommt es gar nicht auf das Wort an, sondern auf die Markierung einer politischen Alternative: Wollen wir das „deutsche Volk“, also uns, wirklich identitär als Kultur- und Schicksalsgemeinschaft verstehen statt als Rechtsgemeinschaft? Den Schluss, dass genau das viele unserer Großeltern wollten, darf man getrost dem Publikum überlassen. Denn im Kern eines jeden guten Texts liegt etwas, das er nicht sagt. In diesem Sinne: Nazis raus.

Per Leo ist freier Autor und lebt in Berlin. 2014 erschien sein für den Leipziger Buchpreis nominierter Roman Flut und Boden. 2013 wurde die Buchfassung seiner mit dem Caroline-von-Humboldt-Preis ausgezeichneten Doktorarbeit Der Wille zum Wesen: Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940 veröffentlicht.

 

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vortragstext in: Sidonie Kellerer / Marion Heinz (Hrsg.), Martin Heideggers »Schwarze Hefte«. Eine philosophisch-politische Debatte. Berlin: Suhrkamp (angekündigt für September 2016).
  2. Lutz Raphael, Radikales Ordnungsdenken und die Organisation totalitärer Herrschaft. Weltanschauungseliten und Humanwissenschaftler im NS-Regime. In: Geschichte und Gesellschaft, Nr. 1, Januar-März 2001; Per Leo, Der Wille zum Wesen. Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940. Berlin: Matthes & Seitz 2013.
  3. Vgl. Lutz Raphael, Pluralities of National Socialist Ideology. New Perspectives on the Production and Diffusion of National Socialist Weltanschauung. In: Martina Steber/Bernhard Gotto (Hrsg.), Visions of Community in Nazi Germany. Social Engineering & Private Life. Oxford University Press 2014.
  4. Janosch Steuwer/Hanne Leßau, „Wer ist ein Nazi? Woran erkennt man ihn?“ Zur Unterscheidung von Nationalsozialisten und anderen Deutschen. In: Mittelweg 36, Nr. 1, 2014.
  5. Vgl. Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989. Bonn: Dietz 1997.
  6. Vgl. Ulrich Herbert, Wer waren die Nationalsozialisten? Typologien des Verhaltens im NS-Staat. In: Gerhard Hirschfeld/Tobias Jersak (Hrsg.), Karrieren im Nationalsozialismus. Funktionseliten zwischen Mitwirkung und Distanz. Frankfurt: Campus 2004.
  7. Vgl. Ian Kershaw, Hitler 1889 – 1936. Stuttgart: DVA 1998.
  8. Vgl. Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich. Stuttgart: DVA 1980.
  9. Martin Broszat, Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus. In: Merkur, Nr. 435, Mai 1985.

9 Kommentare

  1. Florian Gärtner sagt:

    Schade ‚drum. Beinahe. Und dann das: „Wollen wir das „deutsche Volk“, also uns, wirklich identitär als Kultur- und Schicksalsgemeinschaft verstehen statt als Rechtsgemeinschaft?“ Recht ist bei Kant ja bekanntlich wesentlich gekennzeichnet durch freiheitliche Vereinigung. In der Vereinigung liegt der Wille. Und Herrn Leo geht daran natürlich vorbei. Wenn nämlich das deutsche Volk, also vielleicht doch eher er nicht, beschlösse, eine Kultur- und Schicksalsgemeinschaft zu bilden – wo in diesem Beschluss läge denn der Widerspruch zum Rechtsstaat? Außer, dass eben nur die Deutschen diesen Staat bildeten und nicht auch irgendwelche Marsmenschen.

    1. Per Leo sagt:

      Florian Gärtner, Sie haben recht, in einem solchen Beschluss läge nicht zwangsläufig ein Widerspruch zum Rechtsstaat. Insofern ist die Alternative etwas unglücklich auf den Begriff gebracht. Der in Rede stehende Gegensatz von identitär-inhaltlicher und rechtlich-formaler Bestimmung des »deutschen Volks« bleibt davon aber unberührt. Präziser müsste es also heißen: Wollen wir das deutsche Staatsvolk wieder im romantischen Sinn als Abstammungs-, Kultur- und Schicksalsgemeinschaft oder im Sinne gültigen Rechts und aktueller Grundgesetzauslegung als Verbund aller Personen deutscher Staatsangehörigkeit begreifen? Zugespitzt: Wollen wir die Frage, wer als Deutscher zu gelten hat, wirklich wieder an die Frage knüpfen, was »deutsch« ist?

  2. Jens Mayer sagt:

    Mir wird nicht recht klar, weshalb man von den beiden Gebrauchsweisen des Wortes „Nationalsozialismus“ (als geistiger Gehalt einerseits, als Epochenbezeichnung andererseits) nun die erste aufgeben, das Wort also „nur tropisch verwenden sollte“. Weil sich das Wort in dem ersten Sinn, als ideeller Gehalt, nicht definieren lässt? Aber das bedeutet offenbar nicht, dass es eine Ideologie des Nationalsozialismus nicht gäbe. Das bedeutet lediglich, dass diese Ideologie keinen exklusiven Wesenskern hätte (was im Übrigen ein spezifisches Modell der Definition voraussetzt; Aristoteles und Wittgenstein haben die Bedingung der Exklusivität für den Gehalt eines Begriffs relativiert). Mir scheint die Argumentation des Textes in mancher Hinsicht auf dem Glauben zu gründen, der da sagt: Was sich der Definition entzieht, hat keine Substantialität. Aus der These, dass sich Nationalsozialismus nicht durch eine exklusive Wesensbestimmung als ideologisches System festlegen lasse, wird gefolgert: „Wenn es einen Markenkern Hitlers und der Nazis gegeben hat – und es hat ihn gegeben –, dann waren es nicht die Ideen.“ Der „Kern“ wird hier verstanden als das eigentlich Bedeutsame. Das ist eine Annahme, die nicht weiter reflektiert wird und die wiederum auf der scholastischen Definitionsfigur zu gründen scheint, derzufolge Begriffe sich durch eine differentia specifica konstituieren. Die Frage wäre aber, welche Signifikanz der Umstand hat, ob eine Ideologie einen solchen Fixpunkt besitzt oder nicht. Die Bedeutsamkeit eines „ideellen Kerns“, einer „weltanschaulichen Einheit“, eines „Alleinstellungsmerkmals“, die Macht des Zentralen und Einheitlichen werden vorausgesetzt. Die Relevanz dieser Attribute wäre aber erst zu erweisen, wenn aufgrund ihrer Inexistenz das Gewicht des Ideologischen relativiert werden soll. Der Verfasser schreibt ja selbst: das Wesentliche der nationalsozialistischen Ideologie waren nicht ihre Ideen. Diese Unschärfe sei der Ideologie aber nicht äußerlich, sondern eine Funktion ihres Zusammenhangs, ein Strukturprinzip. Mit anderen Worten: die Abwesenheit eines geistigen Zentrums ist ein Moment des Ideologischen, womit der Verasser seine Prämisse von der Bedeutsamkeit eines „ideellen Kerns“ selber relativiert. Überhaupt wäre anzunehmen, dass sowohl Ideologien als auch Weltanschauungen komplexer sind als eine Addition vereinzelter Vorstellungen (Nationalsozialismus = Führergedanke + Blut-und-Boden-Romantik + …), sondern in Konstellationen, die sie nicht an spezifische Inhalte binden, ihren relationalen Gehalt haben können. Ich sehe daher nicht, weshalb aus der wiederholt erwähnten Abwesenheit einer Definition folgen soll, dass der Nationalsozialismus als ideologischer Gehalt von sekundärer Bedeutung ist. Das scheint mir im Ganzen impliziert und letztlich auch in dem Vorschlag, dass man das Wort „nur tropisch verwenden sollte“, angedeutet. Das steht wiederum in einem größeren Zusammenhang. Die ideelle Dimension, die Partikularität der Einzelsubjekte soll überhaupt zugunsten der Totalität des Gesellschaftlichen relativiert werden. „Denn als Historiker tun wir – schon aus logischer Räson – gut daran, unseren Gegenstand als Totalität zu betrachten, in dem dann ein jegliches seinen Platz findet.“ Das klingt etwas sehr nach prästabilierter Harmonie. Ein Historiker könnte auch versuchen, den Dualismus von Totalität und Partikularität zu überwinden, indem erkannt wird, dass die gesellschaftlichen Prozesse und die individuellen Einzelpsychen durch einander vermittelt sind und sich demnach jeweils voraussetzen (nicht nur hermeneutisch). Der Vorschlag, „Nationalsozialismus“ als Epochenbezeichnung zu verstehen, und von einem ideologischen Gehalt weitgehend abzusehen, läuft eben darauf hinaus, die Kategorie der Totalität zu verabsolutieren.

    1. Per Leo sagt:

      Vielen Dank für Ihren anregenden Kommentar, von dem sich der Verfasser allerdings weniger zum Widerspruch als zur Präzisierung herausgefordert fühlt. Nach meinem Verständnis sprechen Sie zwei unterschiedliche Probleme an, ein terminologisches (1) und ein sachliches (2), die aber – und das unterschlagen Sie – in meinem Argument so aufeinander bezogen werden, dass sie sich auflösen (3). Um das zu erläutern, werde ich meine Ausführungen teils reformulieren, teils um Gesichtspunkte ergänzen, die bisher implizit geblieben sind.

      1. Das Wort »Nationalsozialismus« sollte außerhalb der tropischen Verwendung weniger aus begriffstheoretischen (Definitionsfragen, semantische Exklusivität, differentia specifica, Wesenskern usw.), als vielmehr aus begriffspolitischen Gründen vermieden werden. Von 1920 bis heute lässt sich beobachten, dass das Wort vornehmlich symbolische Funktionen erfüllt hat. Je nach politischer Konjunktur und ideologischer Position diente (und dient) es vor allem der Auszeichnung oder Diffamierung von Personen, Werken und Überzeugungen.

      In der Weimarer Republik kämpften Hitler und die NSDAP darum, zunächst das national-revolutionäre Lager, schließlich alle »Deutschen« unter dem Namen ihrer Bewegung zu sammeln; mit dem Machtzuwachs der Nazis versuchten ab 1930/33 verschiedene Weltanschauungsakteure einerseits, unzählige »Volksgenossen« andererseits, ihre eigenen Positionen und Interessen als Auslegungen »des« Nationalsozialismus auszuweisen; teils schon während des Krieges, aber mehrheitlich vor allem nach 1945 kehrte sich dieses Verhältnis um, indem nun das eigene »idealistische« Handeln und Denken vom »verbrecherischen« Naziregime abgegrenzt wurde; und nicht minder inhaltsoffen dient der Term heute zur Delegitimierung politischer (Linke gegen Pegida; »Nazis raus!«, Pegida gegen Linke: »Nazis raus!«) oder intellektueller (via Heidegger gegen den Poststrukturalismus) Positionen.

      Kurz, weil »Nationalsozialismus« aufgrund seiner inhaltlichen Unschärfe immer schon ein Kampfbegriff gewesen ist, sollte man in wissenschaftlicher Hinsicht lieber diese Unschärfe und Umkämpftheit thematisieren, statt einen – wie auch immer – inhaltlich gefassten Begriff einzuführen, dessen Gültigkeit sofort mit guten Gründen wieder bestritten werden könnte.

      2. Die Sachdimension habe ich wegen des sprachkritischen Ansatzes im Artikel weitgehend ausgespart, was Sie offenbar dazu verleitet hat, mir Positionen zu unterstellen, die ich nie vertreten habe. Weil ich – aus den genannten Gründen – empfehle, nicht von »nationalsozialistischer Ideologie« zu sprechen, schließen Sie, ich würde »das Gewicht des Ideologischen« insgesamt »relativieren«. Im Gegenteil! Ich schreibe es doch, wenn auch nur andeutungsweise, und Sie paraphrasieren es, waren die in Rede stehenden weltanschaulichen Gehalte wegen ihrer Unschärfe in der Praxis auf fatale Weise effektiv.

      Gerade weil es kein ideologisches Zentrum gab, keine verbindliche Auslegungsinstanz, keinen über vage Formeln hinausgehenden Bekenntniszwang, konnten die Nazis weithin geteilte Ressentiments und Überzeugungen als »nationalsozialistisch« ausweisen; so wie umgekehrt Deutsche, die sich nicht explizit als Nazis verstanden, ihre Beiträge zur Neugestaltung der deutschen Gesellschaft als Erfüllung der »nationalsozialistischen Weltanschauung« oder des »Führerwillens« begreifen konnten (um dann nach 1945 zu behaupten, sie hätten mit dem Nationalsozialismus nichts am Hut gehabt, vielmehr seien ihre hehren – »konservativen«, »nationalen«, »volksgemeinschaftlichen«, »sozialen«, »ordnungspolitischen« usw. – Absichten von »den Nazis« pervertiert worden). Darum: Weltanschauung im Nationalsozialismus (tropisch) statt Nationalsozialismus als Weltanschauung (wörtlich).

      Die Vorrangigkeit des Ganzen hat aber nichts mit »Relativierung« der Teile zu tun, sie entspringt, ich wiederhole es, allein logischer Räson. Sie ist darum auch keine »Verabsolutierung« des Ganzen. Teil und Ganzes gehören in logischer Hinsicht zusammen, dieses setzt jenen voraus, so wie jenes dieses bedingt usw. – der »hermeneutische Zirkel« bringt es auf den Begriff. Nur wenn die Gebrauchsweisen und Funktionen (im Hinblick auf ein Ganzes!) des Ideologischen offengehalten werden, kann es doch erforscht werden; nur wenn das Ideologische (als Teil des Ganzen!) erforscht wird, kann man verstehen, wie es (innerhalb eines Ganzen!) gebraucht wurde und funktionierte usw. Die schlichten Ideologiekritiker dagegen wissen immer schon vorher, was herauskommt, darum suchen sie – statt nach Funktionen und Gebrauchsweisen – nur nach Symptomen des Ideologischen – als wäre es eine Krankheit. Vielmehr zielt umgekehrt meine Kritik an der Ideologiekritik darauf, dass diese die eigene Position verabsolutiert und das Ideologische voreilig verdinglicht – als ließe es sich ohne Berücksichtigung von Kontext (ein textermöglichendes Ganzes!) und Situation (ein praxisermöglichendes Ganzes!) begreifen.

      3. Um beide Aspekte, den – im Artikel thematisierten – sprachkritischen und den – weitgehend implizit gebliebenen – ideologietheoretischen, gemeinsam auszubuchstabieren:

      Aus begriffspolitischen Gründen erscheint es mir ratsam, »Nationalsozialismus« a) im Sinne eines wissenschaftlichen Terminus auf die historische Totalität »Deutschland 1933-45« zu beschränken. b) Ist damit aber nichts über die Bedeutung und Wirksamkeit ideologischer Deutungsmuster gesagt, was aber problemlos getan werden kann, etwa so: Ohne einen konsistenten Zusammenhang zu bilden, spielten im (!) Nationalsozialismus antisemitische, rassistische, volksgemeinschaftliche, reichsmythologische, expansionistische, agrarmystizistische usw. Ideologeme eine zentrale Rolle bei der Selbstmobilisierung der deutschen Gesellschaft. Dabei müssen aber ideologische Akteure, ideologische Positionen und Funktionen des Ideologischen sorgfältig differenziert werden, was mühsame Rekonstruktionsarbeit erfordert: z.B. müssen Hitlers Agenda (Vernichtung des »jüdischen Bolschewismus«), die Weltanschauungselite der SS (Volkstumspolitik, kriminalbiologische Gegnerbekämpfung, soldatische Sachlichkeit), die quasi-offiziellen Weltanschauungsinstanzen in der Partei (Rosenberg, Bäumler), die weltanschaulichen Kaderschmieden (Napola, HJ, BDM), die weltanschauliche Anpassungsbereitschaft der alten Eliten (Wehrmacht, Bürokratie, Wissenschaft, Intellektuelle, Philosophen) und die Propaganda (»Stürmer«, Goebbels, Funk und Film) zum einen auseinandergehalten und für sich beschrieben, zum anderen in ihrem radikalisierenden Zusammenspiel erfasst werden. c) Muss man sehen, dass all diese heterogenen Akteure und Gehalte sich selbst allesamt als Ausdruck und Auslegung des »Nationalsozialismus« begriffen haben – aber bis auf Ausnahmen (v.a. in der SS) nur von 1930/33 bis 1945: Die gleichen Gehalte konnten vorher und nachher anders benannt werden. Darum plädiere ich dafür, den Terminus »Nationalsozialismus« im semantischen Sinn als umkämpftes Etikett für eine Vielfalt von weltanschaulichen Inhalten zu begreifen, dessen Besitz im (!) Nationalsozialismus von ebenso großem Wert war wie nach dem Nationalsozialismus sein Verlust.

  3. DPZ sagt:

    „Wieso werden die Organisatoren der Tagung in Siegen nicht anerkannt als eine Gruppe von Forschern, die der Meinung sind, dass sich durch die Veröffentlichung der Hefte neue Aspekte zu Heidegger erkennen lassen?“

    Das lässt sich einfach beantworten: Die Tagung in Siegen hatte fast nur Leute eingeladen, die auf der eigenen, kritischen Linie der Auslegung waren. Es wurde also von der Tagungsorganisation von vornherein dafür gesorgt, dass bestimmte Positionen nicht in Frage gestellt wurden. Kritiker wurden heftigem, auch persönlichem Druck im Plenum ausgesetzt. Das Rederecht wurde unfair und teilweise äußerst unakademisch verteilt. Die Moderation wurde von besonders eifrigen Forschern ignoriert. Das Schlusspodium bestand nur aus Heideggerkritikern, die sich von vornherein einig waren.

    Inhaltlich gab es gute, auch differenzierte Beiträge, die allerdings von den Ideologiekritikern im Plenum mit unwissenschaftlicher Einseitigkeit bedacht wurden. Wer von der Linie der Empörung, Heidegger sei ein lupenreiner Nazi gewesen und das gesamte Werk sei letztlich ein Beweis dafür, auch nur im Geringsten abwich, wurde der ‚compartementalization‘ oder der ‚apology‘ beschuldigt. Die Beiträge der Ideologiekritiker wiederum liefen nach einem Schema ab, das mit wissenschaftlicher Forschung nichts zu tun hat: Man unterstellte eine ideologische Ausrichtung, zumeist ‚belegt‘ mit ein, zwei Briefstellen Heideggers an seine Frau oder Kollegen. Und dann machte man sich auf die Suche nach Passagen im Werk, die dieser Unterstellung entsprachen. Das hat deswegen mit wissenschaftlicher Forschung nichts zu tun, weil es sich um einen Bestätigungsfehler, einen Schlussfehler handelt, der seit Francis Bacon wissenschaftstheoretisch beschrieben ist.

    Die Beiträge der Ideologiekritiker weisen durchgängig schwere methodische Mängel auf. Wurden sie auf der Tagung angesprochen, wurden sie von schrillen Exkulpationsversuchen und Selbst-Viktimisierungen begleitet. Insbesondere die Anhänger von E. Faye kombinierten so zirkuläre Ideologiekritik mit vollkommener Immunisierung gegen unerwünschte Kritik. Dass sich eine solche Haltung auch in der Forschung niederschlägt, hat jüngst der Heidegger-Forscher – selbst eher auf der Seite der Kritiker – Thomas Sheehan in einem Aufsatz gezeigt: http://bit.ly/1ZVANEk Er wies nach, dass Faye die Texte Heideggers systematisch zurechtfälscht, selektiv liest oder Kontexte passend zusammenbaut, um die eigenen Vorurteile wieder und wieder zu bestätigen – unberührt von jeder sachlichen Kritik.

    Weil diese Form der zirkulären, sich selbst bestätigenden Ideologiekritik auf dieser Tagung vorherrschende Meinung war, weil der pluralistische Forschungsdiskurs auf mannigfaltige Weise – und trotz durchdachter und differenzierter Beiträge in allen Panels – sabotiert wurde, würde ich der Beschreibung der Siegener Tagung als Gespräch von „Forschern, die der Meinung sind, dass sich durch die Veröffentlichung der Hefte neue Aspekte zu Heidegger erkennen lassen“ nicht zustimmen. Übrigens auch deswegen, weil gerade keine „neuen Aspekte“ erkannt, sondern bereits lange bekannte Aspekte einseitig verstärkt wurden und die Herausarbeitung wirklich neuer Aspekte als Relativierungs- oder Apologieversuche diffamiert wurden.

  4. Regenzwei sagt:

    Ich verstehe den Text hier so, als ginge es darum, dass Ideen, die die Nazis vertraten, auch von anderen vertreten wurden, die keine Nazis waren, und dass die Nazis Ideen vertraten, die sie nicht erfunden hatten. Und vielleicht geht es auch darum, ob es Ideologien als abgegrenzte Konstruktionen, die ihren Anhängern Werturteile bieten, gibt. Meine Frage : Welchen Begriff bietet der Text an für Rosenberg und seine Schriften? Schlägt er vor, Rosenberg nicht weiter als Nazi-Ideologe zu bezeichnen? Gibt es eine andere Bezeichnung?

    1. Per Leo sagt:

      Da Rosenberg sich vorbehaltlos als Nazi zu erkennen gab und zweifellos Schriften ideologischen Inhalts verfasste, kann er problemlos als »Nazi-Ideologe« bezeichnet werden. Meine Kritik galt ja nicht der Erforschung der ideologischen Akteure im Nationalsozialismus, zu denen natürlich auch Rosenberg gehörte, sondern der Annahme, es habe eine von anderen Denkweisen abgrenzbare »NS-Ideologie« gegeben, die sich dann – beispielsweise – in den Schriften Rosenbergs nur noch ausdrücke. Als Faustregel der Ideologieforschung hat sich bewährt, statt ideologiekritische Abstraktionen lieber konkrekte Texte, Sprecher und Kontexte in den Blick zu nehmen. Wer sagt was? In welchem Sprachspiel? In welcher Situation? Mit welchem Vokabular? Aus welchen Motiven? Mit welchen Effekten?

  5. Regenzwei sagt:

    Ich komme allmählich dank der Diskussion zu diesem Artikel dahinter, um was es gehen soll, also z.B. um die Frage, ob ein Philosoph kritisiert werden kann dafür, dass er der Nazi-Ideologie anhing, wenn gilt, dass die Nazi-Ideologie nicht scharf abzugrenzen ist gegenüber benachbarten Ideologien des gleichen Zeitalters, in diesem Fall 33-45.
    Ich stutze dennoch immer noch. Ein Beispiel, dass ich zitiere aus der Mitteilung der Uni Salzburg zum Entzug der an Konrad Lorenz verliehenen Ehrendoktorwürde: „Senat und Rektorat sind der Auffassung, dass von einer Erschleichung im Sinne des § 85 der Satzung in jenen Fällen auszugehen ist, in denen ausweislich der Unterlagen über das Verfahren, welches zur Ehrung geführt hat, die aktive Beteiligung an verbrecherischen Handlungen oder die aktive Mitgestaltung oder Verbreitung nationalsozialistischer Ideologie – insbesondere rassistischen und/oder imperialistischen Inhalts –, verschwiegen wurde.“
    Die Autoren dieser Mitteilung waren sicher keine Deppen und haben jedes ihrer Worte wohl abgewogen, um nicht dazustehen als Bilderstürmer, die einen österreichischen Nobelpreisträger postum beleidigen möchten.
    Wenn also diese Autoren davon ausgehen, dass die Anhängerschaft eines Naturwissenschaftlers an die Nazi-Ideologie sich an Schriften festmachen lässt, und wenn sie Rassismus und Imperialismus als kritikwürdige Bestandteile der Nazi-Ideologie explizit hervorheben, und wenn sie in dieser Anhängerschaft eine schuldhafte Verstrickung sehen, deren fehlende Aufarbeitung durch den Verstrickten und das Kommittee, das ihn für Leistungen mit einem Ehrendoktor geehrt hat – also wenn dies 2016 gängige akademische Praxis ist, wird dann die Ideologiekritik der nächste Schritt der Aufarbeitung schuldhafter Verstrickung sein, oder sind das zwei Paar Schuhe, Ideologiekritik und Zuteilung von Schuld?

  6. Raymond Honeycutt sagt:

    Congratulations, Dr. Leo on a very thought-provoking article.

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