Was die Geschichte vermag

Im Dezember habe ich mich – wie so viele, mit so vielen – ungläubig und voller Trauer auf der Place de la République umgesehen. Die Novembersonne schien unverschämt hell, ihre selbstherrliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Menschen kam mir beinahe skandalös vor. Seit Januar 2015 hinterließ die Zeit wie die Brandung an einer Klippe ihre Spuren auf dem weißen Stein des Sockels der Marianne-Statue. Die Zeit verging, Tage und Nächte folgten aufeinander, Regen und Wind verwischten die Zeichnungen der Kinder, wirbelten die abgelegten Gegenstände durcheinander, löschten die Sprüche und Graffiti. So verblasste die Wut. Und ich dachte mir: was für ein Denkmal, das Wind und Wetter eine entschlossene, lebendige, zerbrechliche Erinnerung abtrotzt. Eine Stadt ist vielleicht nichts anderes als ein solcher Versuch, sich in der unwirtlichen Vergangenheit einzurichten und die verstreuten Fragmente, aus denen sie besteht, zusammenzufügen. So sieht Geschichte aus, die es versteht, die wohltuende Langsamkeit der longue durée in ein Verhältnis zur Brutalität der Ereignisse zu setzen.

Inmitten der Blumen, Kerzen und Trauerbotschaften sah ich eine Seite, die aus einem Schulheft herausgerissen worden sein musste. Jemand hatte darauf mit blauer Tinte und in Schönschrift ein Zitat von Victor Hugo notiert. Der Name kursierte bereits seit dem Vorabend in den sozialen Medien, er fand sich in den unterschiedlichsten Sprachen und Alphabeten. Nahezu zeitgleich entdeckte ein Kollektiv von Sprayern in der lateinischen Redewendung »fluctuat, nec mergitur« (»Sie schwankt, aber sie geht nicht unter«) einen Hoffnungsschimmer, der den alten Wahlspruch der Stadt Paris, der erstmals im Jahr 1581 Münzen aufgeprägt wurde, für die grimmige Gegenwart aktualisierte. Mögen all jene, die sich so viel auf ihren Fatalismus einbilden und dieser Gesellschaft immer wieder ihre Verfehlungen vorhalten; all jene, die sich ständig in Rage reden und sich an der Idee des gesellschaftlichen Niedergangs berauschen; all jene, die das französische Schulsystem im Namen der Illusionen verachten, denen sie erlegen sind; all jene, die die Idee kollektiver Verständigung und kollektiven Verstehens verabscheuen – mögen sie alle diese Tage in Erinnerung behalten, in denen die Literatur Trost spendete, Kraft gab und die Menschen auf die Straße brachte.

(…)

Dies ist der Beginn von Patrick Boucherons Antrittsrede am Collège de France in Paris vom 17. Dezember 2015. Den bislang in Frankreich (oder anderswo) noch nicht komplett veröffentlichten Text finden Sie im Maiheft des Merkur – für 2 Euro als Einzeldownload erhältlich. Oder Sie kaufen das ganze Heft, digital (für 9,99 Euro) oder im Print (12 Euro). Die Übersicht über die Merkur-Abonnements finden Sie hier, ab 48 Euro im Jahr.

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