Österreich, wie es ist

Die österreichische Geschichte weist nur wenige Ansätze zur Entwicklung eines klassischen bürgerlichen Selbstbewusstseins auf und kein einziges Beispiel einer gelungenen Revolution: Welche langfristigen Folgen dies für die Gesellschaft, das Politikverständnis und die Mentalitäten innerhalb bestimmter Gesellschaftsgruppen des Landes bis heute hat, ist nicht einfach zu beantworten. Stellt sich dabei zum einen das Problem, inwieweit eine »gelungene Revolution« gleichsam als Teil der »Normalentwicklung« einer Gesellschaft angesehen werden kann, so ist die Frage, wie ein nicht eingetretenes Ereignis in seinen Wirkungen überhaupt analysierbar ist, nicht geradlinig in Form einer (unterbliebenen) Wirkungsgeschichte zu beantworten. Was andererseits nicht zwangsläufig den Umkehrschluss zulässt, dass es derartige Wirkungen nicht gegeben hätte.

Das einzig nennenswerte Beispiel einer revolutionären Erhebung in der neueren österreichischen Geschichte, die bürgerlich-liberale Revolution von 1848/49, wurde militärisch niedergeschlagen. Auffällig ist der Umstand, dass im kollektiven Gedächtnis der österreichischen Gesellschaft keine Erinnerung an dieses Ereignis vorhanden ist – ganz im Gegensatz zu anderen Nachfolgestaaten der Monarchie, wo die Jahre 1848/49 ein Eckdatum der nationalen Erinnerungskultur darstellen.1 Das ist durchaus erstaunlich: Schließlich wurden die von den Revolutionären angestrebten Veränderungen infolge außenpolitischer Niederlagen zumindest teilweise und mit Verspätung verwirklicht, der reaktionäre Staat und die ehemaligen Anhänger der Revolution fanden gezwungenermaßen zu einer Art von Interessenausgleich.2

(…)

| Dieser Text stammt aus dem Heft Juni 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Peter Stachel, Revolution versus Restauration. In: Johannes Feichtinger / Heidemarie Uhl (Hrsg.), Habsburg neu denken. Vielfalt und Ambivalenz in Zentraleuropa. 30 kulturwissenschaftliche Stichworte. Wien: Böhlau 2016.
  2. Vgl. mehrere Beiträge in: Franz Adlgasser / Jana Malínská u. a. (Hrsg.), Hohes Haus! 150 Jahre moderner Parlamentarismus in Österreich, Böhmen, der Tschechoslowakei und der Republik Tschechien im mitteleuropäischen Kontext. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2015.


1 Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *