Korrekt, oder? Ai Weiwei und die Fußball-EM

Dissidenz sieht nur aus der Ferne richtig gut aus. Das lehrt, als jüngeres Beispiel, die hiesige Rezeption des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Die Popularität, die Ai beim deutschen Kulturjournalismus genoss, erreichte ihren Höhepunkt im Frühjahr 2011, als der Künstler nicht nur in China lebte, sondern dort ein paar Monate im Gefängnis saß. Und sie ist rasant abgeebbt, seit Ai im Sommer 2015 seinen Pass ausgehändigt bekam und plötzlich nicht nur reisen, sondern auch nach Berlin ziehen konnte. Die während der Inhaftierung als symbolische Solidaritätsadresse nach China ausgesandte UdK-Professur realisierte sich mit einem Mal zu täglicher Arbeitsroutine in Berlin, was schon den einfachsten Imperativen gewöhnlichen Startums zuwiderläuft (Verknappung, Distanz).

Als entscheidender Bruch im Verhältnis zwischen Ai und dem deutschen Feuilleton muss aber eine Reihe von Interviews gelten, die der Künstler im August 2015 gab und von denen das mit der Zeit das symptomatischste war, insofern es noch Vorwürfe von Sinnentstellungen und Kürzungen nach sich zog. Freunde streiten sich nicht um Buchstaben.

In dem Gespräch, geführt von Angela Köckritz und Miao Zhang, wird die deutsche Enttäuschung gegenüber dem chinesischen Dissidenten in der letzten Frage deutlich, wenn auch über einen Umweg formuliert (»Es gibt Leute, die sagen, das sei nicht der alte Ai Weiwei«). Die Antwort Ais darauf ist entschieden, manche würden wohl auch barsch sagen: »Warum sollte ich der alte Ai Weiwei sein? Die Haltung dieser Leute ist zu komisch. Streben sie nicht etwa selbst den Wandel an? Habe ich etwa keine persönliche Freiheit? Diese Menschen haben doch keine Ahnung vom früheren Ai Weiwei und erst recht keine Ahnung vom heutigen. Ich werde nicht die Fragen jedes Einzelnen beantworten. Wenn ihr mir solche Fragen stellen wollt, akzeptiere ich euer Interview nicht. Ihr könnt gehen, und ich trinke Tee, denn ihr habt ja offenbar nichts Wichtiges, über das ihr reden wollt.«

Die Enttäuschung darüber, dass der Berliner Ai Weiwei nicht mehr der alte ist, rührte aus Äußerungen des Künstlers über das chinesische Regime, die unklar waren. Vielleicht auch widersprüchlich, unverständlich, ambivalent, vieldeutig, womöglich sarkastisch, in jedem Fall aber unklarer, als sich das ein deutsches Feuilleton erwartet, auch wenn es eine Ahnung davon hat, dass die Sprecherposition eines chinesischen Regimekritikers eine andere sein könnte als die eigene: »Denken Sie sich beim Sprechen denn nicht: Vielleicht sollte ich dieses oder jenes besser nicht sagen, weil es gefährlich werden könnte?« Das derart als Frage formulierte Verständnis half aber offenbar nicht beim Umgang mit den Unklarheiten.

(…)

| Dieser Text stammt aus dem Heft Juni 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |

 


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