Der Ausgang aus der großen Nacht. Über Achille Mbembe

Der postkoloniale Star

München im November 2015. Achille Mbembe wird der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Mit seiner „Kritik der schwarzen Vernunft“ habe er, so die Jury, „nicht weniger vorgelegt, als eine Neuvermessung der Geschichte der Globalisierung“. Sein Buch komme genau zur rechten Zeit, heißt es weiter: „Es schärft den Blick auf eine globalisierte Weltgesellschaft, die nicht nur Waren und Kapital verschiebt, sondern auch Menschen und Arbeitskraft.“[1]

Der aus Kamerun stammende Mbembe, der heute in Südafrika lebt, vertritt eine wuchtige These. Sie besagt, dass dem globalen Kapitalismus, wie er im 15. Jahrhundert im Kontext des transatlantischen Sklavenhandels entstanden sei, von Beginn an ein rassistisches Denken, eine „schwarze Vernunft“ eingeschrieben war. Der Aufstieg Europas ging demnach einher mit der Schaffung der Figur des „Negers“, des „Menschenmaterials“, der „Menschenware“. Inzwischen bilde Europa zwar nicht mehr das Gravitationszentrum der Welt, doch die „condition nègre“ sei in der durch überbordenden Kapitalismus charakterisierten Gegenwart weiterhin präsent, wenngleich vom Konzept der Rasse entkleidet, nun gleichsam in Gestalt eines „Rassismus ohne Rassen“. Die Figur des „Negers“ umfasse derweil die gesamte „subalterne Menschheit“, also auch Gruppen wie das chinesische Subproletariat.

Mbembe unterscheidet drei Phasen der „schwarzen Vernunft“ des Kapitalismus: Zunächst transformierte der transatlantische Sklavenhandel Männer und Frauen afrikanischer Herkunft in menschliche Waren und menschliches Geld. Doch zunehmend, Phase zwei, begannen die „Neger“, den Status von vollwertigen Subjekten der Menschenwelt einzufordern. Diese Bestrebungen vollzogen sich über zwei Jahrhunderte, fanden ihren Ausdruck etwa in der Unabhängigkeit Haitis, der Abolitionsbewegung, der Dekolonisation Afrikas und kulminierten vor rund zwanzig Jahren in der Abschaffung der Apartheid.

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| Dieser Text stammt aus dem Heft Juli 2016 des Merkur. Er war für einige Monate freigeschaltet und ist jetzt wieder über unser Digitalarchiv für 2 Euro als PDF abrufbar. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |

 


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