Über Literaturjurys

Jury-Sitzungen beginnen in der Regel leicht verspätet. Irgendetwas mit der Bahn, dem Flieger, dem Taxi oder bei der Parkplatzsuche ist, wenn sieben Menschen sich treffen, eigentlich immer. Die Sitzungen kommen aber auch meist nur langsam in Fahrt, und die Gründe dafür sind verwickelter. Es dauerte ein bisschen, bevor ich verstand, dass diese Anlaufschwierigkeiten nicht trotz, sondern gerade wegen der hohen Motivation aller Beteiligten – oder zumindest der allermeisten Beteiligten – zustande kommen.

Oft sind auch noch Fototermine zu erledigen, oder ein Kamerateam nutzt die Gelegenheit und dreht zu Beginn ein paar Einstellungen für die Atmo auf den Internet-Seiten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels oder der Leipziger Buchmesse. Das alles dauert schon mal. Aber es gibt eben keineswegs nur solche organisatorischen Gründe für die Verzögerungen. Sie ergeben sich vielmehr auch daraus, dass die Jury – und nur die Jury allein – zu Beginn selbst festlegen muss, wie sie zu ihren Entscheidungen kommen möchte. Es gibt zwar möglicherweise Ratschläge und Erfahrungswerte. Aber das Verfahren, das sie anwendet, wird der Jury selbstverständlich nicht vorgegeben. Da ist viel zu bedenken, und das ist ernst zu nehmen. Soll über jedes einzelne Buch gesprochen werden, das eingereicht wurde? In welcher Reihenfolge soll gesprochen werden? Oder soll jedes Jury-Mitglied gleich seine Favoriten nennen? Oder im Gegenteil diejenigen Bücher, von denen es glaubt, dass sie gleich gestrichen werden können? Wann soll abgestimmt werden? Mit welchem Prozedere soll abgestimmt werden? Was geschieht bei Stimmengleichheit?

Möglicherweise sind die Juroren aber auch ganz dankbar, dass sich der eigentliche Beginn der Verhandlungen noch hinauszögert. Es steht viel auf dem Spiel, nicht nur für die Kandidaten, auch für die Jury-Mitglieder selbst. Auf dem Papier mögen sich die Titel der zur Auswahl stehenden Bücher und die Namen ihrer Autoren wie eine dürre Liste lesen. Aber für jedes Mitglied des Literaturbetriebs sind sie umrankt von einem Geflecht von Loyalitäten, von Zu- und Abneigungen, von Vorannahmen, welche Literatur ausgezeichnet werden müsse und welche Literatur nicht – das alles schwingt im Hintergrund dieser Liste für jedes einzelne Jury-Mitglied mit; und sie wissen, dass sie nicht genau wissen, welche Hintergründe für die anderen Mitglieder mitschwingen.

Außerdem ist es nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, sondern auch eines der eigenen Rückversicherung, sich innerhalb der Jury durch Gesten und Freundlichkeiten zuallererst der gegenseitigen Wertschätzung zu versichern. Wenn man seiner Mitjurorin freundlich einen Kaffee einschenkt oder wenn man mit dem Jury-Kollegen noch schnell ein paar Bemerkungen über das Wetter austauscht, dann wird dabei unausgesprochen mitkommuniziert: Es mag sein, dass wir uns gleich furchtbar streiten werden, aber im Grunde schätzen wir uns doch.

In Wirklichkeit hat die Arbeit der Juroren längst angefangen, bevor die vorbereiteten Listen mit den Kandidaten hervorgeholt werden und bevor über das erste Buch oder über den ersten Antrag gesprochen wird. Man wäre sehr naiv, nähme man an, dass sich das bessere Argument oder die bessere Qualität von sich aus durchsetzen würde. Es geht immer auch um die Tagesform, mit der es gelingt, den eigenen Punkten Ausdruck zu verleihen. Und es geht auch um äußerliche Dinge wie die Sitzordnung oder die Frage, wann eine Zigarettenpause eingelegt wird.

Jury-Arbeit ist zweierlei. Sie ist stille, zähe, mal beglückende, mal frustrierende, einsame Lesearbeit zu Hause auf dem Sofa oder am Schreibtisch. Und während der Sitzungen ist sie genau das Gegenteil: Kommunikation unter Anwesenden. Da kommt es auf Schlagfertigkeit an und darauf, den entscheidenden Moment zu erwischen. Und alles ist kommunikations-, also letztlich möglicherweise entscheidungsrelevant: Blicke, Gesten, ein Lachen hier, ein Hüsteln da. Die Verzögerung des Beginns resultiert also auch daraus, dass man sich zunächst einmal wappnen muss. Und daraus, dass es gilt, ganz beiläufig einen Eindruck über mögliche Konstellationen im Raum zu gewinnen. Wer kann mit wem? Wie sind die Kräfteverhältnisse aufgeteilt? Wer könnte ein möglicher Verbündeter sein, wer ein möglicher Gegenspieler? Man kann sich seine Jury-Kollegen schließlich nicht aussuchen.

Im Jahr 2012 war ich Mitglied der Jury für den Deutschen Buchpreis. Von 2014 bis 2016 war ich Mitglied der Jury für den Leipziger Buchpreis. In den Jahren 2004 sowie 2015 war ich zudem Juror bei der Vergabe der Literaturstipendien des Berliner Senats. Alle damit verbundenen Sitzungen fanden selbstverständlich ausdrücklich hinter verschlossenen Türen statt, und die damit einhergehenden Gebote der Diskretion möchte ich in diesem Text auch einhalten. Wirklich brisante Vorgänge wie Bestechungsversuche oder Kollegen, die in den Jurys nur ihre Zeit abgesessen hätten, habe ich auch gar nicht erlebt. Verglichen mit dem Film oder dem staatlich subventionierten Theater und erst recht der Kunst ist im deutschsprachigen Literaturbetrieb sowieso wenig Geld im Spiel. Wahrscheinlich würden alle Honorare und alle Preis- und Fördergelder für ernsthafte Literatur zusammen gerade mal die Subventionen eines einzigen gehobenen deutschen Stadttheaters ausmachen.

Was mir allerdings während meiner Jury-Tätigkeiten aufgegangen ist: wie kompliziert und teilweise hochdramatisch die Vorgänge in Jurys sind. Und wie im Grunde dürftig über sie nachgedacht wird, möglicherweise nachgedacht werden muss, weil alles, was hinter verschlossenen Türen geschieht, dem Intrigen- und Mauscheleiverdacht ausgesetzt ist.

Der britische Schriftsteller Edward St Aubyn hat 2014 rund um den Man Booker Price die Betriebssatire Der beste Roman des Jahres geschrieben, in ihr lassen sich alle gängigen Vorurteile gegenüber Literaturjurys nachlesen. Zu den Standardvorwürfen gehören die der Korruption und der Inkompetenz. Und: Das haben die doch garantiert nicht alles gelesen! In dem Buch wird schließlich, weil es im allgemeinen Trubel amouröser und sonstiger Verwicklungen tatsächlich niemand aus der Jury richtig gelesen hatte, ein Kochbuch mit dem renommiertesten britischen Literaturpreis ausgezeichnet.

Das Buch ist recht amüsant, und man kann sowieso vollstes Verständnis dafür haben, wenn Schriftsteller ihre Ressentiments gegenüber Jurys pflegen. Das imprägniert ja auch gegen narzisstische Kränkungen. Für die meisten Autoren besteht die Erfahrung mit Jurys schließlich darin, selbst leider mal wieder nicht bedacht worden zu sein. Allerdings ist die Analyse von Jurys, die bei St Aubyn der Satire zugrunde liegt, auch ziemlich billig.

Es wäre allerdings schwer, einigermaßen angemessen aus Jurys zu berichten. Ganz ehrlich, ich halte das sogar für unmöglich. Es bräuchte schon die Kompetenzen einer literarischen Erfassung der komplexen Gegenwart, wie sie etwa Rainald Goetz in dem berühmten Abschnitt seines Buchs Rave zeigt, in dem er die Rückkopplungen zwischen DJ und Crowd auf der Tanzfläche bei einem ganz normalen Abend im Club beschreibt. Bei solchen intersubjektiven, offenen Prozessen wie einer Jury-Sitzung sollte man jedenfalls eher mit der Kompliziertheit der Vorgänge als mit dahinterstehenden und nur exekutierten Masterplänen oder Scharlatanerien rechnen. Wie immer, wenn man die handelnden Personen wirklich jede einzeln als Subjekt ernst nimmt, kommt ein als hochkomplex zu beschreibender Vorgang heraus.

Dennoch: Angesichts ihrer Bedeutung im gegenwärtigen Literaturbetrieb wird viel zu wenig über Jurys nachgedacht, dabei sind sie neben dem Autor, dem Verleger, dem Kritiker und dem Publikum längst Player aus eigenem Recht. Was nicht vom »Markt« (wie man im Literaturbetrieb sagt), letztendlich also über die Verkaufszahlen geregelt wird, wird über Jurys geregelt, und das ist eine Menge. Vom Stadtschreiberamt bis zum Büchner-Preis, von der Schriftstellerresidenz im Ausland bis zur Projektförderung – die gesamte Verteilung öffentlicher Mittel und Stiftungsgelder in der weitgespannten Förderlandschaft für Literatur wird über eine Vielzahl unterschiedlicher Jurys organisiert. Dass das System als Ganzes fragwürdig ist und eine Literatur am Leben erhält, die am Markt allein keine Chance hätte, wird zwar immer mal wieder mit einiger Inbrunst behauptet, aber das zielt aufs Pauschale, und die dahinterstehende Behauptung, dass das Jury-System die wahre, wilde, nur außerhalb des Betriebs mögliche Literatur verhindert, muss man nicht teilen. Viel interessanter und auch ziemlich erstaunlich ist eigentlich eher, wie lautlos und reibungslos Jurys diese Organisations- und Verteilungsarbeit (nicht nur von Geld, sondern auch von symbolischer Anerkennung) hinter den Kulissen erledigen.

In diesem eingespielten System haben sich mit der Gründung der beiden großen deutschsprachigen Buchpreise Verschärfungen ergeben. Beide Preise sind ausdrücklich auf Öffentlichkeit ausgerichtet, sie sollen nicht nur den Autoren Gutes tun, sondern auch Nachrichten produzieren. Wenigstens zweimal im Jahr sollen durch sie aktuelle Neuerscheinungen auch in der Tagesschau auftauchen. Beide Preise machen dabei die Jurys während der öffentlichen Preisverleihungen ausdrücklich sichtbar. Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises, jeweils am Montag vor Beginn der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römer, fängt die Kamera die Gesichter der Jury-Mitglieder ein, während der Moderator ihre Namen nennt und einen kurzen Lebenslauf verliest. Bei der Verleihung des Leipziger Buchpreises, jeweils am Donnerstag der Leipziger Buchmesse im zentralen Forum der dortigen Messehallen, sind die Juroren während der ganzen Veranstaltung auf der Bühne präsent, sie stellen die Kandidaten vor und halten auch die Laudationes auf die drei Preisträger in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung.

Diese Sichtbarkeit von Jurys ist – wenn man von der Besonderheit des Bachmann-Preises absieht – neu. Möglicherweise muss man sich an sie genauso erst gewöhnen wie an die Macht, die Jurys in den Verteilungskämpfen des Literaturbetriebs über diese beiden Preise gewonnen haben. Natürlich kann man die beiden großen Buchpreise als reine Marketingmechanismen ablehnen. Man kann das Verfahren oder zumindest die Verleihungszeremonien seltsam finden. Man kann die Ergebnisse nicht immer überzeugend finden. Aber, und das ist hier mein Punkt, man wird der Realität der Jury-Arbeit keineswegs gerecht, wenn man bei unerwünschten oder auch nur überraschenden Ergebnissen gleich in den Kategorien von Korruption und Inkompetenz denkt (die im Einzelfall aber natürlich nie auszuschließen sind). Gerade unter sieben motivierten und kompetenten Menschen kann es besonders schwierig sein, ein Ergebnis zu finden.

Die Kernarbeit der Jury beginnt mit Bücherstapeln und Excel-Tabellen. Etwa 150 bis 200 Romane sind von der jeweiligen Jury zum Deutschen Buchpreis jedes Jahr zu begutachten; jeder Verlag darf zwei Romane einreichen, hinzu kommen die Bücher, die die Jury zusätzlich von sich aus ordert. Beim Leipziger Buchpreis sind es in etwa genauso viele Romane, hinzu kommen hier allerdings noch die Kategorie des Sachbuchs, die ähnlich viele Einreichungen umfasst, sowie die Kategorie der Übersetzungen, zu der zwar etwas weniger Werke eingereicht werden, gut einhundert, bei der man aber noch die jeweilige Originalausgabe zumindest angeschaut oder sich wenigstens bei sprachkundigen Experten der jeweiligen Literatur schlau gemacht haben sollte.

Richtig, das kann wirklich kein Mensch alles lesen, jedenfalls nicht in der zur Verfügung stehenden Zeit von zwei bis drei Monaten. Also werden die Bücher auf die jeweils sieben Mitglieder der Jurys aufgeteilt. Alle Bücher gehen an alle Jury-Mitglieder, jeder Juror hat aber sein Kontingent, für das er verantwortlich ist. Selbstverständlich kann er aber auch alle Bücher aus den anderen Kontingenten lesen.

Ausgetauscht wird sich vor den entscheidenden Jury-Sitzungen, bei denen alle Mitglieder anwesend sind, über Mails, die in Listen zusammengefasst werden. In diesen Listen hat im Idealfall jedes der eingereichten Bücher, bevor es an die Bestimmung der Longlist zum Deutschen Buchpreis und der Kandidatenliste beim Leipziger Buchpreis geht, einen Eintrag. Das kann eine knappe Bemerkung wie »Auf gar keinen Fall!« sein (in Verkennung der Umstände werden auch schon mal banale Fantasy-Romane für die Buchpreise eingereicht oder obskure Schreibprojekte, für die eigens Verlage gegründet wurden), das kann sich aber auch zu argumentativ präzise durchgearbeiteten Kurzgutachten auswachsen, und in manchen Fällen kommt in diesen Listen bereits eine Diskussion zustande, was alles selbstverständlich Hinweise auf die Interessantheit und Durchsetzbarkeit der einzelnen Bücher bereits vor der Sitzung gibt.

Bevor die Juroren zusammenkommen, sind sie also bereits in eine ausufernde und punktuell ziemlich grundsätzliche Diskussion über die allerneueste Gegenwartsliteratur verstrickt, beim Leipziger Buchpreis auch über Sachbücher und Übersetzungen. Was man dazu wissen muss: Das sind keine akademischen Debatten. An jedem Punkt der Jury-Kommunikation geht es um Schicksale von Autoren und ihrer Bücher, und das ist allen Beteiligten auch klar. In einem Jury-Prozess hat man es also mit Argumenten zu tun, aber auch mit Leidenschaften, Herzblut, zusätzlich angefacht durch einen – jedenfalls nach den Maßstäben des Literaturbetriebs (im politischen System mag es noch intensiver zugehen) – enormen Entscheidungs- und Beobachtungsdruck. So höflich und rational abgefedert man in der Regel in diesen Jurys miteinander umgeht: Wenn es zur Sache geht, ist Adrenalin im Spiel.

Als einzelnes Jury-Mitglied hat man während dieser Sitzungen eine Vielfalt von Rollen zu spielen, die sich zudem in einer erstaunlichen Geschwindigkeit abwechseln. Bei dem einen Roman sieht man sich in die Verteidigerrolle gedrängt, beim nächsten mantelt man sich selbst zum Ankläger auf: So kann man doch nicht mehr schreiben! Beim wieder nächsten Buch möchte man sich erst einmal auf die Position eines interessierten Beobachters zurückziehen, und kurze Zeit später hört man sich Kurzvorträge halten, weil man sich bei den Hintergründen eines Werks einigermaßen auskennt. So geht das in einer Tour.

Was meiner Erfahrung nach für die Jury-Arbeit wirklich bedeutend ist, ist die Dichte intersubjektiver Dynamiken. Ein paar Tage, nachdem ich den schon vom Umschlag her gewichtig aussehenden Brief bekommen hatte, in dem ich gebeten wurde, der Jury zum Deutschen Buchpreis beizutreten, habe ich mir, halb zum Spaß, noch einmal Sidney Lumets klassischen Film Die zwölf Geschworenen von 1957 angesehen. Ich mag diesen Film. Er erzählt die Geschichte eines einzelnen Geschworenen (so eine Geschworenengruppe heißt im amerikanischen Rechtssystem bekanntlich Jury), der gegen die vorgefassten Meinungen seiner Kollegen hält und sie allmählich, einen nach dem anderen, davon überzeugt, dass der Angeklagte freizusprechen sei.

Aber das kannst du bei einer Buchpreis-Jury vergessen. Hier treffen, im Unterschied zum Lumet-Film, sieben hochmotivierte Überzeugungstäter aufeinander, jeder mit eigenen Vorstellungen, was ungefähr herauskommen sollte. Die intersubjektiven psychosozialen Dynamiken, die sich daraus ergeben, sind nun keinesfalls Abfallprodukte oder Begleiterscheinungen der Entscheidungsarbeit. Sie sind die Entscheidungsarbeit. Man fühlt sich dabei gelegentlich herumgeworfen wie in schwerer See.

Sehr beeindruckend kann es zum Beispiel sein, im Nachhinein zu rekonstruieren, wie unterschwellig und nebenbei sich innerhalb einer solchen Gruppe Widerstand aufbauen kann, wenn ein Mitglied allzu schnell und allzu offensichtlich seinen Favoriten durchsetzen will. Es mag sein, dass er keine direkten Widerworte auf sein Plädoyer bekommt, es mag sogar sein, dass einige Jury-Mitglieder nicken und andere so etwas sagen wie: »Ja, das Buch hat unbedingt seine Qualitäten.« Aber vielleicht hat ein anderes Jury-Mitglied während des Plädoyers demonstrativ aus dem Fenster geschaut. Vielleicht kam es zwischen zwei Juroren zu einem kurzen Blickkontakt. Vielleicht trat nach dem Plädoyer auch eine betretene Stille ein, die derjenige, der das Plädoyer gehalten hat, als Zustimmung missdeutet. Es ist also durchaus möglich, dass das Vorpreschen des einzelnen Jury-Mitglieds nicht direkt gekontert wird, aber die anderen Juroren haben sich längst darauf geeinigt, dieses Buch durchfallen zu lassen, und spätestens, wenn es zur Abstimmung kommt, kommt das auch heraus. Das einzelne Jury-Mitglied hat seine Argumente möglicherweise gut vorgetragen, aber nicht auf ihre Anschlussfähigkeit innerhalb der Gruppe geachtet.

Wie beglückend dagegen, wenn man seine Bewunderung für ein bestimmtes Buch erst noch zögerlich vorträgt, weil man selbst noch nicht ganz sicher ist, ob die Qualität wirklich für den Buchpreis ausreicht, und wenn man dann auf die Resonanz strahlender Augen einer Mitjurorin oder eines Mitjuroren trifft. Schnell kann die Diskussion dann etwas Schwärmerisches annehmen. Das sind die Momente, in denen innerhalb der Gruppe Verpflichtungen entstehen. Der Juror mit den strahlenden Augen hat, unausgesprochen, bei einem etwas gut. Wenn er selbst seine Vorlieben offenbart, muss man nicht unbedingt seiner Meinung sein. Aber wenn man seinem Urteil widerspricht, wird man das Bedürfnis spüren, das entweder innerhalb der Gruppe sorgfältig und ernsthaft zu begründen oder den Kollegen in einer Kaffeepause beiseite zu ziehen und ihm kurz zu erklären, dass man von seinem Gewissen her nicht anders konnte. Entscheidungsarbeit ist in Jurys von Beziehungsarbeit oft nicht zu trennen.

Überaus ernüchternd kann es sich dagegen anfühlen, wenn die eigene Begeisterung innerhalb der Gruppe so gar nicht erwidert wird. Man selbst sitzt innerlich bebend vor Hoffnung da, Gleichgesinnte zu finden, und stößt auf eine Wand leerer Gesichter. Die Prozesse, die in einem solchen Moment, manchmal in Hochgeschwindigkeit, ablaufen, sind komplex. Man selbst hat vielleicht noch ein paar Sekunden Zeit, einen Rückzieher zu machen, indem man etwa auflacht und so etwas sagt wie: »Versuchen kann man es ja mal.« Oder man entscheidet sich dazu, jetzt eine Grundsatzdebatte vom Zaun zu brechen. Und die anderen Juroren können einen entweder auszugrenzen versuchen – möglicherweise hatte ein Juror mit einem noch eine Rechnung offen – oder einem signalisieren, dass man sich, wie es in der auswärtigen Kulturpolitik heißt, zumindest darüber einig ist, sich in diesem Punkt nicht einig zu sein, und dass man vielleicht am einfachsten zum nächsten Punkt kommen sollte. Wenn das gelingt, hat der Vorfall wiederum einigen Juroren Gelegenheit geboten, sich als Moderator zu profilieren – und wieder haben sich die Loyalitäten innerhalb der Jury ein Stück weit verschoben.

Wahre Dramen des Mit-sich-Ringens können entstehen, wenn Juroren klar wird, dass sie gerade im Begriff sind, sich gegen Autoren zu entscheiden, denen sie sich doch verpflichtet fühlen, sei es, weil sie ihr Werk von Anfang an begleitet haben, sei es, weil sie der Meinung sind, dass diesem Autor seit langem Unrecht widerfährt und er längst die öffentliche Anerkennung eines wichtigen Preises verdient hätte – nur dass das aktuelle Buch des Autors vielleicht nicht sein bestes ist oder dass ein anderer Autor aus irgendeinem Grund der heißere Kandidat ist. Entweder hat dieser Juror dann die Kraft, den ganzen Entscheidungsprozess noch einmal von vorn aufzumachen, wozu viel eigene Überzeugung und noch mehr rhetorisches Geschick gehört. Oder, kann auch sein, die anderen Juroren helfen ihm tröstend über diese Entscheidungshürde hinüber.

Noch einmal: Das alles sind keine Dynamiken, die von den Inhalten ablenken. Vielmehr entstehen sie gerade dann, wenn es um Inhalte geht. Zumal diese interne Psychodynamik die Unabhängigkeit der Jury schützt. Manche Jurys zerstreiten sich über diesen Manövern heillos. Möglich sind aber auch Solidarisierungseffekte innerhalb der Gruppe über alle Differenzen hinweg, etwa wenn von außen, in der Literaturkritik, eindeutige Vorgaben gemacht werden, welcher Roman in der gegenwärtigen Situation unbedingt ausgezeichnet gehört (»Roman zur Zeit«). Dann kann sich innerhalb der Gruppe eine anfängliche diffuse Bockigkeit gegen solche Vorgaben steigern zu einem »Wir lassen uns doch den Preisträger nicht von außen vorschreiben«. Die intersubjektiven Prozesse innerhalb der Jury können einen so starken Binnendruck erzeugen, dass die Gruppe tatsächlich immun gegenüber ihrer Umwelt wird.

Wer glaubt, solche Entscheidungsprozesse ließen sich von außen oder von einzelnen Gruppenmitgliedern wirklich steuern, unterschätzt die Gruppendynamiken. Jury-Mitglieder unterliegen einer déformation professionnelle nicht nur, indem sie anders, zielgerichteter, immer sozusagen aufs Urteilen und die Einordnung in die Listenplätze schielend lesen, sondern auch, indem sie sich gegenseitig in eine Situation hineinschieben, in der die Frage, ob nun dieser oder jener Roman (die im Grunde ja auch beide auf ihre Weise gut sein können) den Preis erhält, mit einem eigenem Triumph oder aber einem Scheitern verknüpft ist. Diese Entscheidung erscheint plötzlich als die wichtigste Sache der Welt.

Die Jury tut gut daran, in den Infight zu gehen und sich nach außen ein Stück weit abzuschotten. Nur so kann eine Situation entstehen, in der sie sich für neue Konstellationen öffnet. Darüber hinaus ist sie nicht nur mit vielen, sondern auch mit einander widersprechenden Erwartungen konfrontiert. Die Situation im deutschsprachigen literarischen Leben ist immer noch die, dass die einen Hochkulturarroganz unterstellen, sobald ihnen schwierige Bücher angesonnen werden, und die anderen den Kotau vor den Marktmechanismen vermuten, sobald Kategorien wie Lesbarkeit ins Spiel kommen. Außerdem gibt es seitens der Verlage durchaus die Erwartung, dass der Buchpreis für Umsätze sorgt. Diese Erwartungen kann eine Jury nicht gleichzeitig erfüllen.

Wie die Ergebnisse der Jury-Arbeit zu bewerten sind, lässt sich sowieso erst zu einem Zeitpunkt beantworten, an dem es nur noch wenige Menschen interessiert. Erst ein halbes Jahr nach der Preisverleihung kann das Lesepublikum den Lesevorsprung der Jury halbwegs aufgeholt haben. Erst dann kann man sagen, welche Romane die Jury möglicherweise übersehen oder bewusst weggelassen hat, wie die Preisträger sich bei einer manchmal nötigen zweiten Lektüre bewähren und ob Impulse von Long- und Shortlist ausgegangen sind. Zu diesem Zeitpunkt stehen aber längst die nächsten Jury-Entscheidungen an.

Eine ideale Jury-Kritik kann es nicht geben, weil zu viele Details unbekannt bleiben werden. Aber gäbe es sie, müsste sie mindestens drei Gesichtspunkte umfassen. Zunächst selbstverständlich den Preisträger. Wirft die Wahl ein Schlaglicht auf ein interessantes Buch? Und darüber hinaus: Setzt sie eine fruchtbare Diskussion in Gang? Dann den Einfluss auf die Schwerpunktsetzungen innerhalb der literarischen Debatte. Wirklich gute Buchpreislisten können die Struktur der jeweiligen literarischen Saison stark vorstrukturieren. An welchem Buch kommt man nicht vorbei? Gibt es Trends? Die Listen können aber auch ein Sammelsurium unterschiedlicher Geschmäcker sein.

Der dritte Gesichtspunkt ist vielleicht etwas überraschender. Er bezieht sich gar nicht auf das, was bei der Jury-Tätigkeit herauskommt, sondern auf die Tätigkeit selbst. Die relevante Frage wäre hier: Wie weit ist es gelungen, die Freiheiten, die man als Juror hat, in ernsthafte Debatten innerhalb der Jury umzusetzen? Ein Jury-Prozess, der sich in einem reinen Machtkampf um die Plätze auf den Listen erschöpft, würde nämlich die Möglichkeiten, die der gegenwärtige Jury-Betrieb bietet, nicht weit genug ausnutzen. Ich habe einmal von einer dreiköpfigen Jury gehört, in der zwei Juroren, die sich gut kannten, den Preisträger vorab am Telefon festgelegt haben und dem dritten Juror, damit er das Spiel mitmacht, anboten, den Förderpreis zu bestimmen. Ein effizientes Vorgehen. Und vielleicht kamen sogar annehmbare Ergebnisse heraus. Dennoch: Das hatte etwas Armseliges.

Ich denke, dass dieser dritte Gesichtspunkt wichtiger ist, als es scheint. Es ist richtig, zwar kann man von außen nicht in die Jury-Diskussionen hineinschauen, aber auf irgendeine Weise, glaube ich, strahlen sie doch aus. Jurys, die keine Dynamiken und Dramen miteinander erlebt haben, wirken irgendwie zynisch und langweilig.

Das Ende der Jury-Arbeit ist simpelste Mathematik und bedarf doch noch einer gehörigen Anstrengung. Vier von sieben. Darauf läuft die gesamte Jury-Arbeit, all das Lesen, all das Kommunizieren am Schluss hinaus. Vier der sieben Jurorenstimmen sollte der Preisträger schließlich mindestens auf sich vereinen. Die Entscheidung für den einen Sieger ist das, was eine Jury am Schluss liefern muss, nebst einer Begründung, die allerdings niemanden groß interessiert und die höchstens in den ersten, schnell geschriebenen Berichten wegzitiert und dann vergessen wird.

Viele Beteiligte müssen im Literaturbetrieb viele, manchmal auch harte Entscheidungen treffen, das Business ist von Grund auf hierarchisch aufgebaut. Drucke ich dieses Buch oder lehne ich es ab, das muss sich der Verleger fragen. Lasse ich dieses Buch oder jenes rezensieren, der Literaturredakteur. Und weiter: Welches Buch präsentieren wir als Schwerpunkttitel unseres Programms? Wer soll bei uns im Literaturhaus lesen? Und so weiter.

Allerdings gibt es auch Tendenzen, die harten Entscheidungen abzumildern beziehungsweise ihnen auszuweichen, wie immer man das betonen mag. Die Verlage haben Wege gefunden, auch ganz unterschiedliche Bücher in ihren Programmen zu präsentieren; kaum ein Verlag wird einen Roman, der viel Gewinn verspricht, ablehnen, nur weil er nicht zum eigenen Haus passt. Lieber gründet man Imprints. Und in der Kritik hat der einst immens wichtige Buchmessenaufmacher längst an Bedeutung eingebüßt. Was die Literaturchefs von Zeit, Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche Zeitung groß auf der Aufschlagseite ihrer Beilagen zur Frankfurter Buchmesse präsentierten, trat mit dem Anspruch auf, der Roman des Herbsts zu sein. Inzwischen sind die Beilagen durch magazinige Formen teilweise ganz ersetzt und insgesamt in ihrer Strenge aufgelockert worden, und es gibt unterschiedliche Sendeplätze, auf denen unterschiedliche Romane nebeneinander stehen können. Der hoffnungsfrohe Debütant in einer Homestory, der verdiente Literaturrecke in einer sorgfältigen Für-und-Wider-Besprechung, die Autorin, an der sich die Geister scheiden, im Interview. In der Jury-Arbeit für die beiden großen Buchpreise aber bleibt es bei einer eindeutigen Entscheidung in all ihrer Härte und möglichen Ungerechtigkeit.

Es gibt die Fälle, in denen ein klarer Favorit alle anderen Bücher von vornherein überstrahlt. Aber das ist die Ausnahme. Häufiger ist, dass sich, während in den Jury-Diskussionen die jeweiligen Stärken und Schwächen der Bücher herausgearbeitet werden, mehrere engere Kandidaten herauskristallisieren, für die sich unter den Juroren ein oder mehrere Anwälte einsetzen. Das Meinungsbild wird weniger gelenkig, es verkrustet sich, bis sich möglicherweise klare Fraktionen bilden oder endgültig offenbaren.

Die Fraktionierung kann bis zu einer gegenseitigen Blockade gehen. Dann stellt sich die Frage, ob möglicherweise ein Konsenskandidat als Preisträger gefunden werden kann. Aber auch das ist schwierig. Dieser Konsenskandidat darf selbstverständlich keineswegs wie ein Konsenskandidat aussehen, und sobald nur einer im Raum dieses Wort auch nur ausspricht, ist das Konsensunternehmen auch schon nahe am Scheitern. Denkbar ist allerdings das Szenario, dass es ein Buch gibt, das von beiden Fraktionen für zur Not auch preiswürdig befunden wurde (während man den Favoriten der Gegenpartei rundheraus ablehnt) und am besten zusätzlich noch mindestens von einem sozusagen blockfreien Jury-Mitglied von Anfang an favorisiert worden war. Dann kann die große Stunde dieses Jurors schlagen. Er kann das Buch wieder in den Ring werfen und damit durchkommen. Da hängt viel von dem rhetorischen Geschick dieses Jurors ab. Zumindest er sollte sich mit seinem Vorschlag allerdings voll identifizieren. Sobald er auch nur halbherzig vorgeht, wird es eher zu einer Kampfabstimmung kommen.

Für die Juroren anstrengend, aber im Sinne einer Entscheidung hilfreich ist der Zeitdruck. Die Möglichkeit, alles noch einmal in Ruhe zu überschlafen, ist schlicht nicht vorgesehen, in den heißen Phasen der Jury-Sitzungen – wenn es beim Deutschen Buchpreis noch sieben Kandidaten für die Shortlist mit sechs Plätzen gibt, wenn schließlich der Preisträger bestimmt werden soll – ist oft nicht einmal die Zeit, noch kurz vor die Tür zu treten. Eine Entscheidung muss her, hier und jetzt – eine Situation, die man im echten Leben nur in Ausnahmesituationen kennt. Und da hilft es auch nichts, dass man gezwungen ist, sich zwischen Büchern zu entscheiden, die ihre Qualitäten auf ganz unterschiedlichen Ebenen haben. Es geht im Zweifelsfall nicht nur um eine Entscheidung zwischen Äpfeln und Birnen, sondern zwischen Kirschen und Kartoffelsalat.

Das ist die Situation, in der beide Fraktionen alle Argumente für den eigenen und gegen den anderen Kandidaten wiederholen, und ein paar Mal habe ich gedacht, wie schade es ist, dass diese Gespräche nicht öffentlich, ja noch nicht einmal aufgezeichnet werden. In jede kleine Schwäche des anderen Lagers wird hineingegrätscht, jeder noch so kleine Vorteil des eigenen Lagers wird sorgfältig herauspräpariert. In der Hoffnung auf die finale Kraft des besseren Arguments kann sich hier eine besondere Höhe der Debatte einstellen. Präziser, gelegentlich aber auch spitzfindiger wird im Literaturbetrieb nirgends argumentiert, glaube ich.

Manchmal müssen Jurys auch stellvertretend für die Öffentlichkeit die harten Debatten führen. Es scheint fast so, als hätte die Literaturkritik die Grundsatzdebatten – außer der ganz grundsätzlichen, dass sich Kritik derzeit sowieso in der Krise befindet – hinter die verschlossenen Türen von Jury-Sitzungen ausgelagert. Seit es die beiden großen Buchpreise gibt, hat jedenfalls die Energie merklich nachgelassen, die Gegenwartsliteratur auf Begriffe bringen zu wollen. Nach dem Begriff der Popliteratur ist da, so weit ich sehe, nicht mehr viel gekommen; mag allerdings sein, dass sich derzeit um die autobiografischen Schreibprojekte (Knausgård) wieder etwas Neues zusammenballt. Auch die Versuche, Gegenwartsliteratur wenigstens in Jahrzehntbüchern zu systematisieren, werden kaum noch unternommen.

Dabei spielen die Skripts, Begriffe und tradierten Vorlagen, die im Literaturbetrieb oft hinter dem Rücken der Akteure eine Rolle spielen, selbstverständlich in die Jury-Debatten hinein. Eine neue Erzählstimme entdecken – das ist so eine Wendung, die im Literaturbetrieb eine große Aura entfalten kann. Bei den Schlussdiskussionen innerhalb der Jury muss sie dann etwa gegen die Wendung antreten, jemand habe mit diesem Roman sein Opus magnum vorgelegt. Und dann muss man sich als Juror entscheiden, ob man für das Neue oder für die Reife optiert. Andere mögliche Skripts sind die vom jahrzehntelangen Außenseiter, dem nun endlich die volle Anerkennung des Betriebs gebührt; oder das vom Junggenie, das die eingefahrenen Bahnen der Literatur aufmischt; oder das Skript von dem Buch, das mit seiner Sperrigkeit die Widerspenstigkeit der Literatur aufrechterhält; das Buch, das wahlweise neue Horizonte eröffnet oder endlich die Literatur auf die Höhe der Zeit führt.

Es kann sein, dass ein Jury-Mitglied einen bestimmten Roman eigentlich sehr gut findet, ihn aber keinem Skript möglicher Preisträger zuordnen kann. Dann wird er zögern, sich für dieses Buch bis zum Letzten einzusetzen. Auch der entgegengesetzte Fall ist denkbar. Es kann nämlich auch sein, dass ein Juror einen Roman eigentlich gar nicht gern gelesen hat, ja sich sogar immer wieder zum Weiterlesen zwingen musste, diesen Roman aber sehr wohl seinen Skripts möglicher Preisträger zuordnen kann. Ich kann mir manche Jury-Entscheidungen nur so erklären, dass es in solchen Fällen menschlich ist, im Zweifel eher den Skripts als den eigenen Leseerfahrungen zu trauen. Da ist es gut, Menschen in der Jury zu haben, die Diskussionen, die sich in Allgemeinbegriffen verlieren, wieder auf den Boden des konkreten Texts zurückführen.

Was sich, so knapp zusammengefasst, wie Werbesprüche liest, sind in Wahrheit komplexe, ausgearbeitete Rahmungen für Bücher, mit denen jedermann umgehen kann. Wer einen Schmöker für den Urlaub braucht, wird sich keinen Roman aussuchen, für den der Begriff »sperrig« verwendet wird. Wer bei den Gesprächen über Gegenwartsliteratur am Ball bleiben möchte, wird sich vielleicht ein Buch mit dem Skript »neu« oder »Höhe der Zeit« aussuchen. Auf jeden Fall sollte man bei der Einordnung von Jury-Entscheidungen immer im Auge haben, dass es für Juroren ungleich attraktiver ist, wenn sie schon einmal in ihrem Leben die Chance haben, etwas für die Literatur zu tun, einem solchen Skript zum Durchbruch zu verhelfen als auf Verkaufbarkeit zu achten, wie es von den Verlagen manchmal gewünscht wird. Einem Roman, der sich sowieso erwartbar gut verkaufen wird, durch den Preis zu noch mehr Publizität zu verhelfen – das ist schlicht keine besonders aufregende Rahmengeschichte. Wie viel näher am Glutkern des Literarischen kann man sich als Juror doch fühlen, wenn man sich sagen kann, dass man mit seiner Preisentscheidung die fundamentalen Skripts des Literaturbetriebs ein Stück weit verschoben hat.

Aber irgendwann sind sowieso alle Argumente ausgetauscht, und ein Moment von Gewaltsamkeit bleibt bei der Entscheidung immer. Dann wird abgestimmt, anschließend geht es für die Juroren zur Preisverleihung.

Gibt es überhaupt Alternativen zum Jury-System? Für den großen Bereich der Förderungen, Stipendien und der kleineren bis mittleren Literaturpreise sehe ich keine praktikablen. Jurys sind ein eingeführtes Instrument, um die notwendige Auswahl von Kandidaten mit Legitimität auszustatten. Die Kulturbehörden oder andere Organisatoren können Kontrolle abgeben, lokale Kulturjournalisten und Literaturhauschefs einbinden, möglicherweise einige überregional bekannte Feuilletonisten gewinnen und, über die Auswahl der Juroren, dennoch zumindest immer mittelfristig die Zügel in der Hand behalten. Und die Autoren können die Hoffnung behalten, im nächsten Jahr, bei einer anderen Besetzung der Jury, zum Zuge zu kommen.

Für die beiden großen deutschen Buchpreise aber stünden andere Modelle als das des britischen Man Booker Preises bereit, an dem sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels orientiert hat. Sie könnten sich auch den Nobelpreis als Vorlage nehmen. Der wird gewählt von den Mitgliedern der Schwedischen Akademie, einem achtzehnköpfigen, auf Lebenszeit gewählten intellektuellen Honoratiorenkreis, in einem recht komplizierten Wechselspiel mit einem aus den Reihen der Akademie bestimmten sechsköpfigen Gremium, dem Nobelkomitee. Weltweit werden etwa 700 Menschen um Vorschläge gebeten. Das Komitee wählt aus diesen Vorschlägen eine Liste von zwanzig Namen aus, stimmt sie mit der Akademie insgesamt ab, wählt daraus wiederum fünf Namen aus, das ist die Shortlist. Die Mitglieder der Akademie bekommen nun etwa ein Vierteljahr Zeit, sich mit diesen Werken vertraut zu machen, dann wird innerhalb der Akademie abgestimmt.

Bei den Oscars werden die Preisträger durch eine Abstimmung unter den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Science verliehen. Denkbar wäre noch das Modell der SWR-Bestenliste. Ihr Entscheidungsorgan ist eine Gruppe von derzeit laut Homepage 24 Literaturkritikerinnen und -kritikern, die für aktuelle Neuerscheinungen Punkte vergeben und so die Reihenfolge bestimmen. Die einschlägigen Literaturredakteure der großen Blätter sind darunter, einige Radioredakteure sowie renommierte freie Kritiker. So eine Liste könnten sie auch einmal jährlich im Großen aufstellen.

Allerdings haben alle diese Modelle ihre Probleme. Um mit dem Oscar-Modell zu beginnen: Welche Gruppe genau soll über den Preisträger abstimmen? Die Mitglieder des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels? Dann wäre es ein reiner Businesspreis. Die Mitglieder der Akademie für Sprache und Dichtung? Die haben schon den Büchner-Preis. Außerdem wären sie wohl mit der Möglichkeit überfordert, nicht nur Veteranen, sondern auch Debütanten auszuzeichnen. Alle deutschsprachigen Autoren? Das Durcheinander möchte man sehen! Das Nobelpreis-Modell ist dagegen wohl zu umständlich. Und das SWR-Modell kann, da die beteiligten Juroren sich teilweise seit Jahrzehnten kennen, Mauscheleien hinter den Kulissen begünstigen.

Auf absehbare Zeit wird es für die beiden deutschsprachigen Buchpreise also wohl bei dem inzwischen eingeführten Jury-Modell bleiben. Sieben Jurorinnen und Juroren, die sich als Gruppe immer wieder neu finden, teilweise eine psychische Ausnahmezeit durchstehen und nebenbei, stellvertretend für die Leseöffentlichkeit, ihre Preisträgerinnen oder Preisträger finden müssen. Auf jeden Fall sind so immer wieder Überraschungen garantiert.


3 Kommentare

  1. Grammaticus sagt:

    „Jury-Mitglieder unterliegen einer déformation professionelle nicht nur …“

    Tja, wenn man nur Französisch könnte. Dann wüsste man, dass und warum „professionnelle“ da noch ein N mehr hat.

  2. Wie schön, dass wenigstens eine/r es kann. Ihre Anregung dankbar aufgenommen habend: die Redaktion.

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