Plaudertasche emeritus. Religionskolumne

Das Münchner Literaturhaus liegt nur wenige Schritte vom erzbischöflichen Palais entfernt, dem Wohn- und Amtssitz von Reinhard Kardinal Marx. Dies hinderte Kurienerzbischof Georg Gänswein am Mittag des 12. September 2016 nicht daran, im Foyer des Literaturhauses die harsche Kritik zu bekräftigen, die Papa emeritus Benedikt XVI. abermals an der deutschen Amtskirche geübt hatte. Als Benedikt am 11. Februar 2013 seinen am 28. Februar wirksam gewordenen Rücktritt vom Amt des Bischofs von Rom erklärte, sicherte er seinem – damals ja noch unbekannten – Nachfolger unbedingten Gehorsam zu und kündigte an, sich aus der Öffentlichkeit in ein klösterliches Leben des Betens, Nachdenkens und Schweigens zurückziehen zu wollen.

Dies aber scheint ihm sehr viel schwerer zu fallen, als vor drei Jahren angekündigt. Jedenfalls legt er nun Letzte Gespräche mit dem aus der Nähe von Passau stammenden Journalisten Peter Seewald vor, mit dem er seit 1996 bereits die höchst erfolgreichen Gesprächsbücher Salz der Erde, Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit (2000) und Licht der Welt (2010) veröffentlicht hatte. Wie wichtig es dem alten Papst ist, sich noch einmal öffentlich zu erklären, ließ sein Privatsekretär bei der Vorstellung des Buchs in München deutlich erkennen. Er richtete Grüße des Papa emeritus an die Gläubigen seiner einstigen Diözese sowie an die Presseleute aus, pries das Buch als authentisches Dokument zur Verbreitung eines neuen Benedikt-Bilds und inszenierte sich als treuer Diener seines Herrn, den er besser als jeder andere kenne. Dass er nun, im Pontifikat von Franziskus, zugleich als Präfekt des Päpstlichen Hauses amtiert, also Loyalitätspflichten gegenüber dem neuen Papst hat, trat hinter seine Benedikt-Verehrung zurück.

Zur Pressekonferenz hatte im Namen des Droemer Verlags »Politycki & Partner. Das Literatur- und Pressebüro im Hamburger Generalsviertel« eingeladen. Erschienen waren die Mitarbeiter mehrerer Fernsehstationen, diverse Fotografen und circa neunzig Journalistinnen und Journalisten. Am Eingang erhielten die Angemeldeten ein Freiexemplar des Buchs und ein Werbeblatt mit der Überschrift: »Erstmals in der Geschichte des Christentums: Ein Papst zieht die Bilanz seiner Amtszeit«. Auch wurde hier die Süddeutsche Zeitung zitiert: »Sollte Joseph Aloisius Ratzinger, nunmehr Papst emeritus, Geheimnisse gehabt haben, dann nicht vor Peter Seewald.« Das Beichtgeheimnis und das Seelsorgegeheimnis dürften damit nicht gemeint sein. Aber dass »Politycki & Partner« mit der gedankenlosen Formulierung der SZ Werbung macht, lässt wenig Gutes vermuten: Man fördert die Erwartung, dass der emeritierte Papst Geheimnisse preisgebe, also indiskret sei.

Hans-Peter Übleis vom Droemer Verlag begrüßte auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Vorstands des Münchner Literaturhauses die Presseleute mit der »in aller Bescheidenheit« formulierten Versicherung, dass heute »ein wirklich historisches Buch« vorgestellt werde, habe es doch »nie zuvor einen Papst gegeben, der über sein eigenes Pontifikat berichtete«. Obendrein gebe Benedikt wirklich »ganz offen und ehrlich« Auskunft. Auch der Moderator der Veranstaltung Tilman Schöberl, ein Redakteur des Bayerischen Rundfunks, pries die Letzten Gespräche als »eine Sensation«, die in den letzten Tagen zu Recht große mediale Resonanz gefunden habe. Die Bild-Zeitung habe an gleich drei Tagen jeweils eine ganze Seite Vorabdrucke aus dem Buch gebracht. Dass »Politycki & Partner« den schnellen Erfolg des Buchs mit großer Professionalität verstärkt hatten, sagte er nicht. Doch wies er die Versammelten elegant darauf hin, dass man einen Kurienerzbischof mit »Exzellenz« anzureden habe. Er habe sich hier eigens kundig gemacht.

Der kleine Prinz

Georg Gänswein sprach 35 Minuten. Er erinnerte zunächst daran, dass Papst Benedikt auf den Tag genau vor zehn Jahren zur selben Stunde in der Aula seiner alten Alma Mater, der Regensburger Universität, »eine Jahrhundertrede« gehalten habe. Dass diese »Regensburger Rede« in der muslimischen Welt schnell für heftige Empörung sorgte, erwähnte er nur am Rande. Im Kalender des Kirchenjahrs feiere die Kirche am 12. September das Fest »Mariä Namen«. Es erinnere daran, wie 1683 am Kahlenberg vor Wien christliche Truppen, denen man eine Schutzmantelmadonna vorangetragen habe, die »osmanische Eroberung gestoppt« hätten. Damit war die Regensburger Rede in einen religionspolitischen Kontext gestellt, den die damaligen Kritiker des päpstlichen Professors gar nicht bedacht hatten. Dass er die islamkritischen Passagen der »prophetischen Rede« noch einmal rechtfertigen wollte, sagte der Kurienerzbischof allerdings nicht. Der Träger zahlreicher hoher staatlicher Orden beließ es hier bei Andeutungen.

| Dieser Text stammt aus dem Heft November 2016 des Merkur. Das ganze Heft sowie die Bestellmöglichkeiten – für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe – finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr – die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. |

Den »Vertrauensraum«, den Seewald und »Papst Benedikt« in ihren dichten Gesprächen geschaffen hätten, deutete Gänswein, der »Schwarzwälder«, als Folge des Austauschs »zweier ganz unterschiedlicher bayerischer Seelen, die einander von Herz zu Herz begegneten«. Gerade die Letzten Gespräche ließen mit ihrem »zwanglosen Ton«, ihrem »ratschenden Plauderton«, ihrer »fast unverblümten Sprache« und ihrer »ungezwungenen Heiterkeit« eine »ganz eigene neue Intimität« erkennen. So könnten sie die falschen Bilder korrigieren, die viele »Nicht-Freunde« Benedikts sich von dessen Person und Pontifikat noch immer machten.

Mehrfach betonte Gänswein, wirklich Tag für Tag mit Benedikt im Gespräch zu sein und mit ihm über alles zu reden, gerade auch über aktuelle Kirchenpolitik im Vatikan und in Deutschland. Benedikt habe seinen Rücktritt, der keine Flucht gewesen sei, niemals bereut. Er sehe sich nicht als gescheitert und sei mit sich und Gott im Reinen. Auch attestierte der Privatsekretär dem emeritierten Papst »ein erstaunliches Maß an Selbstkritik« und »Selbstironie«. In seiner »sprichwörtlichen Arglosigkeit« seien »dem großen Denker und Dichter« die klerikalen Machtspiele in der Kurie immer fremdgeblieben. Trotz seiner »überragenden und hellwachen Intelligenz« sei »Menschenkenntnis nicht seine Stärke«.

Das neue Buch zeige »ein großes Kind Gottes, das wieder heim will«. Der Papa emeritus sei keineswegs »der machtbesessene Großinquisitor« gewesen, als der er oft angegriffen worden sei. Eher gleiche er Antoine de Saint-Exupérys »kleinem Prinzen«. Mit dem überraschenden Bild vom »päpstlichen kleinen Prinzen in den roten Schuhen des Fischers« schloss Gänswein seine Darstellung ab. Doch im Dialog mit Seewald wusste er dann noch viel Unbekanntes aus dem Alltag des Emeritus zu berichten. Detailliert schilderte er den Tagesablauf im kleinen Monasterio in den vatikanischen Gärten, wo »der Papst« von vier italienischen Schwestern umsorgt werde. Aber muss es die Öffentlichkeit interessieren, dass der schon vor Beginn seines Pontifikats auf dem linken Auge erblindete »Nichtraucher und Nichttrinker« ohne Führerschein inzwischen auf einen Rollator angewiesen ist?

Die nun in zwölf Sprachen erschienenen Letzten Gespräche waren zunächst nicht für eine Publikation gedacht. Seewald, der trotz seiner einst engen Kirchenbindung als Oberministrant 1973 aus der römisch-katholischen Kirche austrat, dann unter dem Eindruck der ersten, im November 1992 stattgefundenen Begegnung mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation wieder in »die Kirche« zurückkehrte, führte sie mit dem von ihm tiefverehrten »Heiligen Vater«, um Fragen zu klären, die sich ihm bei der Arbeit an einer »großen Benedikt-Biographie« gestellt hatten. In seiner »sauberen journalistischen Arbeit« sei ihm jedoch bald klargeworden, dass eine eigene Publikation der Gespräche dringend nötig sei. Benedikt sei ursprünglich gegen eine Veröffentlichung gewesen. »Ich habe ihn aber überzeugt, dass gerade zur Klarstellung seines Rücktritts das Buch geboten ist.«

In der Tat erläutert Benedikt auf zwölf Seiten seine Entscheidung, am Rosenmontag, dem Festtag der Mutter Gottes von Lourdes, aus Gesundheitsgründen, mit Blick auf seine schwindenden Kräfte als erster Papst der Moderne das Amt niederzulegen. Auf Seewalds Frage »Ist das Nachlassen der Leistungsfähigkeit Grund genug, vom Stuhl Petri herabzusteigen?« antwortete er: »Da kann man natürlich den Vorwurf erheben, das wäre ein funktionalistisches Missverständnis. Die Petrusnachfolge ist ja nicht nur mit einer Funktion verbunden, sondern sie trifft ins Sein hinein. Insofern ist die Funktion nicht das einzige Kriterium. Andererseits: Der Papst muss auch konkrete Dinge tun, muss die ganze Situation im Auge behalten, muss wissen, welche Prioritäten zu setzen sind, und so weiter … Selbst wenn man sagt, da kann man einiges abstreichen, so bleiben doch so viele Dinge, die wesentlich sind, dass, wenn der Auftrag richtig angenommen sein will, klar ist: Wenn dazu die Fähigkeit nicht mehr da ist, ist es auch geboten – für mich jedenfalls, jemand anderer mag das anders sehen –, nun eben den Stuhl frei zu machen.« 1

Der auf die exzellente Planung des Rücktritts stolze Benedikt hält dabei an dem Anspruch fest, analog zu den Bischöfen, die im Alter von 75 Jahren ihr Amt niederlegen müssen, aber weiter »Träger einer sakramentalen Sendung« bleiben, noch »Papa«, »Vater« zu sein. In Kritik einer »Funktionalisierung und Verweltlichung, einer Art Beamtenkonzept, das man auf den Bischof nicht anwenden darf«, betont er mit Blick auf das Papstamt: »auch ein Vater hört auf. Er hört natürlich nicht auf, Vater zu sein, aber er gibt konkrete Verantwortung ab. Er bleibt weiter Vater in einem tiefen, inneren Sinn und mit einer besonderen Beziehung und Verantwortung, aber nicht mit den Aufgaben als solchen … Wenn er zurücktritt, bleibt er in einem inneren Sinn in der Verantwortung, die er übernommen hat, aber nicht in der Funktion. Insofern wird man langsam verstehen, dass das Papstamt von seiner Größe nichts verloren hat, auch wenn die Menschlichkeit des Amtes vielleicht deutlicher hervortritt.«

Ins rechte Licht

Doch ist es klug, die eigene Demission im Nachhinein noch einmal zu erläutern und rechtfertigen zu wollen? Man kann dies mit guten Gründen bezweifeln. Den vielen Verschwörungstheorien, denen zufolge kuriale Kreise Benedikt nach den diversen Skandalen in seinem Pontifikat zum Rücktritt genötigt oder ihn gar erpresst hätten, verhilft der demissionierte Papst nur zu neuer Aufmerksamkeit. Päpste sollten das Geschwätz der Leute nicht dementieren wollen. Sich selbst im Nachhinein ins rechte Licht rücken zu wollen, wirkt wenig souverän.

Auf Bitte des Moderators Schöberl, der seinen Freund Peter duzte, erläuterte Seewald die näheren Umstände der Gespräche. Der Papst habe durchgängig »sehr brav« geantwortet und wirklich keine Frage zurückgewiesen oder unbeantwortet gelassen. Niemals habe »der größte Theologe auf dem Stuhl Petri« und »erfolgreichste theologische Schriftsteller der Gegenwart«, »einer der größten Denker unserer Zeit«, einen »Ton der Verbitterung« angeschlagen. Er fasziniere nicht zuletzt durch die »Strenge der Zeitführung« und die »Klarheit« seiner Antworten. Immer wieder sei Seewald erstaunt und ergriffen, was dieser »ebenso geniale wie bodenständige Mensch«, ein »Mozart-Typ«, schon vor dem Beginn seines Pontifikats alles geleistet habe.

Je stärker Seewald »den Papst« als gelehrten Theologen und visionären Pontifex Maximus lobte, desto schärfer fiel seine Kritik der deutschen Presse und überhaupt der Ratzinger gegenüber »feindselig« eingestellten Teile der deutschen Öffentlichkeit aus. Seine Gespräche dienten dem Interesse, dem »verbreiteten Papst-Bashing« deutscher Journalisten ein positives Bild entgegenzusetzen. Gerade weil er »das wahre Bild« in all seiner gebotenen Differenziertheit zeichnen und die »Geschichte eines demütigen Dieners« erzählen wolle, falle ihm die Arbeit an der großen Biografie so schwer. Gänswein drängte allerdings darauf, das langjährige »Projekt« nun endlich zum Abschluss zu bringen. Die Zeit drängt auch deshalb, weil Joseph Vilsmaier die Vita Josef Ratzingers nach Seewalds Biografie verfilmen will.

Auf die Frage einer Journalistin, ob das Buch die Gespräche ungekürzt beziehungsweise in voller Länge biete, räumte Seewald ein, einige unspektakuläre Äußerungen Benedikts nicht gebracht zu haben. Doch sei der gesamte Text von Kurienerzbischof Gänswein mehrfach korrigiert und »vom Papst« autorisiert worden. Die sechs Fragen, die Journalisten stellen durften, ließen schnell die tiefen Spannungen erkennen, die zwischen Benedikt und seinem Sekretär einerseits und diversen deutschen Bischöfen und führenden Laienvertretern andererseits bestehen. Hier konnte man lernen, wie Kirchenpolitik funktioniert.

Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der von Papst Franziskus in eine Kommission zur Reform der Kurie berufen wurde, hatte in einem Interview damals die »pompöse Hofhaltung« im Vatikan kritisiert. Benedikt weist dies entschieden zurück: »Wir haben immer sehr einfach gelebt, schon von meiner Herkunft her … Schon von daher kann ich nicht Hofstil betreiben.« Gänswein legt nach: Marx‘ Kritik habe »uns schon sehr verwundert«. Plötzlich wird die Härte römischer Klerikalmacht sichtbar: »Man muss vorsichtig sein mit Behauptungen oder mit Bewertungen, a) wenn man die Situation nicht so gut kennt und b) wenn man dann selber mal die eigene Tür aufmacht.«

Mit anderen Worten: Kardinal Marx solle sich um seinen eigenen episkopalen Lebensstil kümmern. Gegenüber Seewald hatte Benedikt mit harten Worten noch einmal die »deutsche Kirche« im zunehmend glaubenslosen Europa kritisiert. Gewiss gebe es in Deutschland »lebendigen Glauben und von Herzen kommenden Einsatz für Gott und die Menschen«. – »Aber auf der anderen Seite steht doch die Macht der Bürokratien, die hier da ist, die Theoretisierung des Glaubens, die Politisierung und der Mangel an einer lebendigen Dynamik, die dann auch noch unter den Strukturübergewichten oft fast zerdrückt zu werden scheint.« Mehr noch: »In Deutschland haben wir diesen etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten. Kirche ist für sie nur der Arbeitgeber, gegen den man kritisch steht. Sie kommen nicht aus einer Dynamik des Glaubens, sondern sind eben in so einer Position. Das ist, glaube ich, die große Gefahr der Kirche in Deutschland, dass sie so viele bezahlte Mitarbeiter hat und dadurch ein Überhang an ungeistlicher Bürokratie da ist.«

»Getroffene Hunde bellen laut«

Als nun ein Journalist fragt, warum Benedikt in seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising sowie später von Rom aus an den deutschen katholischen Verhältnisses nichts geändert habe, reagiert Gänswein zunächst apologetisch: Substantieller Wandel brauche Zeit, und die Sorge eines alten Hirten gelte der Mahnung, endlich etwas zu ändern. Eine andere Journalistin erwähnt einige kritische Reaktionen prominenter deutscher Katholiken auf die Letzten Gespräche. Seewald belehrt sie, dass die Meinung von Vertretern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken »den Papst« nicht interessieren müsse. Er habe von diesen Leuten noch niemals einen besonders guten Eindruck gehabt.

Der Ton zwischen den Benedikt-Anhängern und seinen deutschen Kritikern wird härter, aggressiver. Mehrfach hatte der einst an der Münchner Universität in Kirchenrecht promovierte Gänswein in den letzten Monaten die These vertreten, dass man das Verhältnis zwischen dem alten, emeritierten Papst und dem jetzigen, aktiven Amtsinhaber im Sinne einer Lehre von den »zwei Körpern« des einen Papstes zu deuten habe: Es gebe nun ein geteiltes Petrusamt mit einem aktiv Dienst leistenden und einem kontemplativen Papst. In der Tat tritt Benedikt ja weiter wie ein Papst auf, und das Cover der Letzten Gespräche zeigt ihn auf der Vorderseite in weißer Soutane, mit Scheitelkäppchen und mit großem goldenen Kreuz auf der Brust.

Dennoch hat Gänswein mit seiner These, die er erstmals an der Gregoriana, der Universität der Jesuiten in Rom, vortrug, massive Kritik provoziert. Sie ist durch die Publikation der Letzten Gespräche noch einmal verstärkt worden. Der Jesuit Andreas R. Batlogg, der Chefredakteur der im deutschsprachigen Katholizismus einflussreichen, von prominenten Jesuiten herausgegebenen Zeitschrift Stimmen der Zeit. Zeitschrift für christliche Kultur, bezeichnete Gänsweins Deutung im Interview mit dem Deutschlandfunk am 9. September als »absoluten Quatsch«. 2 Benedikt hätte besser daran getan, das selbst auferlegte Gebot des Schweigens nicht zu durchbrechen. Es sei »irgendwie stillos und taktlos, wenn ich meinen Nachfolger kommentiere«. In der Münchner Pressekonferenz auf Batloggs Kritik angesprochen, erklärt Gänswein sichtlich verärgert: »Getroffene Hunde bellen laut.«

Eigene Beachtung verdient die Selbstbezüglichkeit, mit der Benedikt über sich und seine Amtsführung berichtet. Darf ein Papst Einzelheiten aus Gesprächen mit hochrangigen Politikern ausplaudern, denen er bei ihren Besuchen im Vatikan oder auf seinen Auslandsreisen begegnet ist? Erschwert er seinem Nachfolger und den Diplomaten des Heiligen Stuhls nicht die Arbeit, wenn die Herren Obama, Putin und Erdoğan nun nachlesen können, was ihr päpstlicher Gesprächspartner von ihnen gehalten hat? Muss Benedikt den Leuten erzählen, dass er mit der Wahl seines Nachfolgers Franziskus nicht gerechnet habe? (»Ich habe nicht gedacht, dass er unter den engeren Kandidaten ist.«) Dient es der einem Papst aufgegebenen Arbeit an der »Einheit der Kirche«, wenn Benedikt nun alte Verletzungen zur Schau stellt? Auch Selbstmitleid ist bloß eine Form von Selbstbezüglichkeit.

Mit Blick auf die Williamson-Affäre im Januar 2009, die Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen der von Rom getrennten Piusbruderschaft, unter denen sich auch der englische Holocaust-Leugner Richard Williamson befand, spricht Benedikt von einer »riesigen Propagandaschlacht gegen mich«: »Die Leute, die gegen mich waren, hatten endlich die Handhabe zu sagen, der ist untauglich und ist falsch an seinem Platz.« Auch in dem in Deutschland heftig geführten Streit um die von ihm selbst im Februar 2008 formulierte neue Karfreitagsfürbitte, die in der von Johannes Paul II. für bestimmte Gruppen wieder zugelassenen lateinischen Messe die antijudaistische Rede von den »perfidi Iudaei« ersetzen sollte, sieht er sich von »Nicht-Freunden« bewusst falsch verstanden.

Benedikt ersetzte die älteren Bitten, in denen von der »Verblendung« der Juden die Rede war und diese »ihrer Finsternis entrissen« werden sollten, durch folgende Fürbitte: »Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen. Allmächtiger, ewiger Gott, Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus, unseren Herrn. Amen«.

Hier wurde der Hoffnung auf eine Taufe von Juden Ausdruck gegeben. Dies provozierte viel theologische Kritik, auch in Deutschland. Benedikt beschreibt den Streit so: »Aber bestimmte Leute in Deutschland haben immer schon versucht, mich abzuschießen. Sie wussten, dass es über Israel am leichtesten geht, und haben dann die Lüge montiert, dass da nun weiß Gott was gesagt sei. Ich muss sagen, das finde ich eine Ungeheuerlichkeit. Bis dahin wurde die alte Fürbitte gebetet, und ich hab sie, für diesen Kreis, durch eine bessere ersetzt. Aber das wollten die nicht, dass jemand das versteht.« Hier sieht sich der Papa emeritus offenkundig von »Nicht-Freunden« umstellt. Natürlich vermeidet er die Rede von Gegnern oder gar Feinden. Aber in den Letzten Gesprächen argumentiert er immer wieder in Freund-Feind-Schemata.

Schon als Präfekt der Glaubenskongregation und mehr noch als Papst hatte der einstige Dogmatikprofessor Joseph Ratzinger über die »Verweltlichung der Kirche« in den modernen westlichen Gesellschaften geklagt und gerade von der »deutschen Kirche« eine entschiedene »Entweltlichung« eingeklagt. In den Letzten Gesprächen affirmiert er seine Forderung noch einmal, auch mit kritischem Blick auf das deutsche »Kirchensteuersystem«. Die geistlichen Konturen seiner entweltlichten Kirche bleiben allerdings irritierend unscharf. Benedikt XVI. redet vom Glauben in einer stark subjektbezogenen, existentialistischen Sprache, die nicht selten an die Bekenntnisrhetorik protestantischer Pietisten erinnert. Er leidet unter der Mehrdeutigkeit der volkskirchlichen Verhältnisse und setzt auf den ganz echten, zutiefst innerlichen, das Leben in allen seinen Dimensionen fundamental durchdringenden Tatglauben der wenigen wirklich ernsthaften Christen. Solch existentieller Glaube steht immer in Spannung zur kirchlichen Institution mit ihren hierarchisch strukturierten geistlichen Ämtern. Es ist überraschend zu sehen, dass der Papa emeritus zur Institutionalität der römisch-katholischen Kirche als Heilsanstalt nur ein gebrochenes Verhältnis entwickeln konnte – aus »spirituellen«, religiös subjektiven Gründen.

Ein Kurienkardinal und später Papst, der sich über zwanzig Jahre hinweg mit einem theologisch ungebildeten Journalisten über Glaubensfragen und den Ort der Kirche in der modernen Welt austauscht, um mit »Weltbestsellern« (Klappentext) zu missionieren, betreibt auf seine eigene Weise nur genau jene »Verweltlichung« seiner Kirche, die er mit religiöser Emphase gern verwirft. Sich an das einst angekündigte Schweigegelübde zu halten, wäre wohl das sehr viel seriösere Zeugnis gewesen. Man musste bei der Münchner Pressekonferenz den traurigen Eindruck gewinnen, dass die Herren Seewald und Gänswein gar nicht gemerkt haben, welch großen Schaden sie mit ihrem vorsätzlich erzeugten Medienhype einem 89-jährigen alten Mann zugefügt haben. Und mit Exzellenz Gänsweins These vom doppelten Papst wird obendrein noch das Amt beschädigt.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Benedikt XVI., Letzte Gespräche. Mit Peter Seewald. München: Droemer 2016.
  2. »Das Buch sollte es eigentlich nicht geben«. Andreas Batlogg im Gespräch mit Monika Dittrich. Deutschlandfunk vom 9. September 2016 (www.deutschlandfunk.de/jesuit-batlogg-ueber-letzte-gespraeche-von-benedikt-xvi-das.886.de.html?dram:article_id=365317).

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