Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und der Donbass. Zur Wiederentdeckung von Andrej Platonow

Sie sind wieder da: Empörte, die ganz plötzlich und voller Realitätsverachtung irgendwo aus der Provinz hervorkommen. Fast ohne jede politische Bildung, maßen sie sich auf einmal eine Stimme an, obwohl sie in ihrer sonderbaren Interesselosigkeit eigentlich mit niemandem reden wollen. Für viele bilden sie eine große Gefahr, für andere sind sie die einzige Hoffnung, das Unrecht zu überwinden, das ihre Existenz bedeutet. Bei Andrej Platonow (1899–1951) gibt es sie schon. »Die Übrigen« nennt er einen Teil von ihnen in aller Schlichtheit. Es ist also ganz folgerichtig, dass Platonow im Jahr 2016 hierzulande wiederentdeckt wurde: von Frank Castorf mit seiner Inszenierung von Tschewengur (1929) am Schauspiel Stuttgart oder vom Suhrkamp Verlag mit einer Neuübersetzung von Die Baugrube (1930) durch Gabriele Leupold sowie Hans Günthers Biografie. 1 Platonow entführt uns in seinen Texten in eine seltsam verwirrte und zugleich mutig politische Welt, die nicht von ungefähr erstaunliche Ähnlichkeiten mit unserer desorientierten Gegenwart hat. Erzählt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Platonow und seinen Texten, dann hat sie drei Protagonisten: Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und den Donbass.

Donbass 1905

Den Donbass kennt der 1899 an der Grenze zur heutigen Ukraine in Woronesch als ältestes Kind eines Eisenbahnmaschinisten geborene Platonow schon früh aus der Nähe. Unweit des Donbass spielt auch sein Opus Magnum, der provinzielle Revolutionsroman Tschewengur von 1929. 2 Als das Dorf, in dem der Roman beginnt, noch in vorrevolutionären Zeiten von einer Dürre betroffen ist, flieht seine Bevölkerung in zwei Richtungen: »Das Dorf schloß seine Katen ab und ging in zwei Abteilungen hinaus auf die Landstraße – die eine Abteilung nach Kiew, um zu betteln, die andere nach Lugansk zum Broterwerb.« In den Westen also zum Betteln, nach Lugansk zum Arbeiten. Lugansk ist neben Donezk eine der beiden Städte, die sich heute, mit der Unterstützung Russlands, als »Volksrepubliken« selbständig gemacht haben, in denen der Krieg keineswegs aufgehört hat, mit mittlerweile über zehntausend Opfern.

Warum also geht man zum Broterwerb in den Donbass? Die Stadt Donezk ist um 1900 noch denkbar jung. Erst 1869 eröffnete der walisische Geschäftsmann John Hughes in der ukrainischen Steppe eine moderne metallurgische Fabrik, später auch Kohlebergwerke, und bringt dabei viele ausgebildete englische und walisische Arbeiter mit. Nach ihm wird die Stadt auch benannt, die zunächst schlicht Юзовский завод (Hughes Fabrik), später Юзовскa (Jusovka) heißt. In die bis dato nur dünn besiedelte Region strömen Arbeitskräfte aus Russland, aber auch viele Juden siedeln sich in der Region an, so dass manche gar von »Jewsoffka« sprechen. 3 Während sich die meisten ukrainischen Bauern von den als ausländisch wahrgenommenen Kohleminen fernhalten, entwickelt sich der Donbass innerhalb kürzester Zeit sowohl zum industriellen Herzland des Imperiums als auch zum politischen Zentrum der russischen Arbeiterklasse. Diese macht durch diverse Streiks und Proteste bereits Ende des 19. Jahrhunderts auf sich aufmerksam und spielt dann in der Streikwelle von 1905 eine herausragende Rolle. Gerade in den Wochen vor dem Oktobermanifest üben vom Donbass aus organisierte Infrastrukturstreiks von Bergbau und Eisenbahn, Post und Telegrafie einen nie dagewesenen Druck auf das Zarenreich aus. Es ist die Erfahrung von 1905, das Offenkundigwerden dieser ganz neuen Handlungsmacht einer besser als je zuvor organisierten Arbeiterklasse, die Energiekonzerne und Regierungen zu der Entscheidung bewegen wird, sich zukünftig mehr auf Öl als auf Kohle zu konzentrieren, um den starken Bergbau- und Eisenbahngewerkschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen. 4

Allerdings hat die Geschichte der Arbeiterklasse 1905 im Donbass auch ihre weniger heroischen Seiten. Wie andernorts im russischen Imperium finden auch hier Judenpogrome statt, zum Beispiel in Dnipropetrowsk, damals Jekaterinoslaw und heute die erste Großstadt außerhalb der umkämpften Gebiete, die einen großen Teil der knapp zwei Millionen ukrainischen Binnenflüchtlinge aufgenommen hat. 1905 entstand hier erstmals die politische Form der Räte beziehungsweise Sowjets. Die Pogrome in Jekaterinoslaw folgten zeitlich unmittelbar auf die Streiks und entwuchsen dem selben Milieu wie diese. Manche Historiker deuten sie als Frustration über die zu geringen Erfolge der Streiks, andere als Gegenaktion der konservativen Teile der Arbeiterklasse, als Ausnutzung der geschwächten Staatsgewalt, wieder andere als staatlich provozierte Eskalationen, als Strategie der Zersetzung des proletarischen Widerstands. 5 Die Ereignisse im Donbass 1905 lassen sich gerade in dieser Janusköpfigkeit als Auftakt und Vorspiel des 20. Jahrhunderts begreifen: Hier wurde die ganz neue, unerhörte Macht der Arbeiter offenbar, aber auch die Gefahr, die ihre politische Exklusion mit sich bringt, auf die garantiert immer genügend einflussreiche Akteure hinwirken. Leider war die Arbeiterklasse nicht nur im Donbass zugleich revolutionär und reaktionär, industriell und provinziell. Sie, und nicht nur sie, hatte ein – wie es bei den Historikern des Donbass heißt – »gemischtes Bewusstsein«.

»Der Kapitalismus ist eine internationale Lage«

Zu den geheimen Protagonisten von Platonows Tschewengur gehört auch Rosa Luxemburg. 6 Im Zentrum des Romans steht die geradezu sentimentale Freundschaft zwischen Alexander Dvanov, einem »Halbintellektuellen« und Waisenkind (sein Vater, ein Fischer, hat sich aus Neugier auf den Tod in einen See gestürzt) und dem als »Feldbolschewik« eingeführten Kopjonkin, einem Revolverhelden, der das Porträt der gerade ermordeten Rosa Luxemburg, zu deren Grab in Deutschland er reiten will, in seiner Mütze trägt. Zwischen Dvanov und Kopjonkin gibt es bei aller Gewalt, die sie umgibt und die sie selbst verursachen, eine erotische Anziehung, die sogar zu dem einen oder anderen Kuss führt. Einmal malt Kopjonkin für Dvanov mit Kohle das Bild von Rosa Luxemburg, »damit Dvanov von der Schönheit Rosa Luxemburgs nach und nach angezogen und dadurch glücklich werden würde, denn Kopjonkin schämte sich, Dvanov unvermittelt zu umarmen und zu lieben«.

Rosa Luxemburg ist im russischen Zarenreich geboren, im heutigen Polen, direkt an der Grenze zur Ukraine. Ein Schlüsselerlebnis ihrer politischen Biografie waren die Ereignisse von 1905: Eben aufgrund der neuen Erfahrungen mit dem Massenstreik diagnostizierte sie den Beginn einer »neuen Epoche in der Entwicklung der Arbeiterbewegung«. 7 Ihre Position in der Frage nationaler Unabhängigkeit bleibt jedoch auch nach 1905 dahingehend unverändert, dass polnische und russische Arbeiter »eine politische Klasse mit einem politischen Programm« bilden. »Die Wiederherstellung Polens« ist für sie »ein Hirngespinst.« Zwischen dem mächtigen deutschen Kaiserreich und dem russischen Zarenreich ist die Unabhängigkeit Polens für sie eine Illusion. Solcher »Sozialpatriotismus« verleugnet für sie die Existenz der vom Kapitalismus geschaffenen internationalen Strukturen. Die Frage ist dabei nicht, was legitim und wünschenswert wäre, sondern welcher Kampf sich lohnt und welcher zum Scheitern verurteilt ist. »Der Kapitalismus ist eine internationale Lage für die Menschheit«, schreibt Luxemburg.

Weil das so ist, besitzt der in Luxemburg verliebte Kopjonkin in Tschewengur auch keine Dokumente. Immer wenn er nach seinen Dokumenten gefragt wird und in seine Tasche greift, hält er hinterher nur ein paar Brotkrumen in der Hand. Platonows Utopien sind solche des Mangels: Gerade jene, die nichts sind, nichts haben und niemandem angehören, können das Universelle verkörpern. Als jenem, der in Rosa Luxemburg verliebt ist, steht Kopjonkin seine Staatenlosigkeit gut.

Denkt man an die heutige Ukraine, so hat Luxemburgs damalige Argumentation eine gewisse Plausibilität. De facto hat sich die Unabhängigkeit des ukrainischen Staats immer wieder als besonders beschränkt erwiesen: Auch die neue Politik aus Lohn-, Renten- und Sozialkürzungen wurde seit Tag eins der Revolution vom IWF diktiert und finanziert. Neben nationalistischer Symbolpolitik, die im Verbot von kommunistischen Symbolen und auch der Kommunistischen Partei gipfelte, bestehen die Strukturreformen in der Verteuerung von öffentlichem Verkehr, Wasser und Strom und nicht zuletzt in einer Beschränkung von Arbeitnehmerrechten, die auch von der Europäischen Union eingefordert wurde, obwohl sie selbst in Europa ohne Beispiel ist. 8

Antinomien des Klassenbewusstseins

Im Jahr von Februar- und Oktoberrevolution ist Platonow achtzehn Jahre alt. Im Bürgerkrieg kämpft er auf der Seite der Roten Armee. Parallel schreibt er Gedichte, und vor allem arbeitet er als Journalist und publiziert agitatorische Texte. Im Zentrum dieser frühen, auch philosophischen Agitation stehen zwei Begriffe: das Proletariat und das Bewusstsein. Zusammen fügen sie sich zum Begriff des Klassenbewusstseins. Platonow entwirft ein Konzept für eine »schöpferische Zeitung« als »Wissenschaft vom Ausdruck des proletarischen Klassenbewusstseins«. 9 Das Klassenbewusstsein muss dabei immer den Vorzug sowohl vor der Partei als auch vor dem Marxismus erhalten, das ist ein fundamentales Prinzip Platonows. Klassenbewusstsein also, ein merkwürdiges Fossil der europäischen Geistesgeschichte, das aber gerade in seinen Widersprüchen und Ambivalenzen interessant ist.

Gemeint war zunächst das potentielle Bewusstsein der industriellen Arbeiterklasse, die durch ihren Standpunkt im Produktionsprozess die kapitalistische Produktionsweise zu verstehen imstande sei und daraus die politischen Konsequenzen ziehen könne. Es konnte allerdings nicht nur als Bewusstsein der Klasse gedeutet werden, sondern auch als Bewusstsein jedes Beliebigen von der Klassenförmigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. In dieser doppelten Form von empirischer Subjektivität und politischer Subjektivierung besetzt es eine Position der Vermittlung von Praxis und Theorie. Beim Klassenbewusstsein handelt es sich also nicht um die Antwort, sondern um das Problem. Es war epistemologische Hypothese, strategischer Kampfbegriff und empirisches Problem zugleich, so dann auch systematisch in Georg Lukács‘ Geschichte und Klassenbewusstsein (1923).

Platonows Orientierung am Klassenbewusstsein zeigt sich nicht zuletzt literarisch, etwa darin, dass es bei ihm kaum so etwas wie eine Hauptfigur gibt. Die Aufmerksamkeit wandert vielmehr gleichförmig unter einer endlosen Reihe von Figuren umher. Vermeintliche Protagonisten verschwinden über Hunderte von Seiten, so wie Dvanov in Tschewengur, der die eigentliche Revolution beim Studium verpasst und die Katastrophe nicht mehr aufhalten kann, als er in Tschewengur eintrifft. Am Ende springt Dvanov in den See, in dem auch sein Vater ertrunken ist, kurz darauf aber ist der Leser schon wieder bei den Überlebenden, nämlich bei Dvanovs Halbbruder Proschka, der in Tschewengur alles kurz und klein gemetzelt hat und jetzt einsam über die Toten weint. Im Zentrum steht also nicht der einzelne Held, sondern die Geschichte selbst, und zwar in ihrer ganzen Ziellosigkeit.

Literatur und Klassenbewusstsein

In den Jahren nach dem Bürgerkrieg leitet Platonow als Ingenieur die Bewässerungs- und Elektrifizierungsarbeiten eines ganzen Gouvernements. Auch in Tschewengur findet Dvanov in der Bewässerung eine »zweite, zusätzliche Idee« neben dem Hauptgedanken, »der Unversehrtheit der Menschen in Tschewengur«. Die Erzählung Die Epiphaner Schleusen (1926) handelt von dem gescheiterten Versuch Peters des Großen, Wolga und Don zu verbinden. Ein solcher Kanal würde das Kaspische mit dem Schwarzen Meer verbinden und damit auch den europäischen mit dem asiatischen Teil Russlands. Zwischen Wolga und Don verläuft eine wichtige europäische Hauptwasserscheide: Östlich des Don fließen alle Gewässer ins Kaspische Meer oder ins Polarmeer. Bis 1917 entstanden für einen Kanal zwischen Wolga und Don erneut dreißig verschiedene Entwürfe. Als Platonow seinen Text schreibt, ist die Realisierung eines Plans bereits beschlossen. Die Arbeiten daran beginnen 1935, fertiggestellt wurde der Kanal erst ein Jahr nach Platonows Tod, 1952, und wie so oft unter Stalin: durch Häftlinge.

Der junge Platonow begreift seine Arbeit als Ingenieur im Unterschied zur literarischen nur als eine andere Form von Arbeit am Klassenbewusstsein. Mit der Industrialisierung sollen schließlich die rückständigen Bauern in die Moderne katapultiert werden. Allerdings verblüfft er angesichts dieser futuristischen Gewalt zugleich durch ein ökologisches Denken, das man in der Sowjetunion so kaum vermuten würde. Platonow hält die Arbeit als Ingenieur jedenfalls für bedeutender als seine Literatur und wird nur unfreiwillig zum Berufsschriftsteller. Um 1927 grenzt ihn die Partei so stark aus, dass er arbeitslos wird. Er siedelt nach Moskau über, wo in den folgenden Jahren seine großen Romane entstehen.

In radikalen Formen erlebter Rede aus einem Hybrid ideologisch-bürokratischen Jargons und vulgärer Alltagssprache entwickelt er eine Poetik, die Autorschaft als Medium von Klassenbewusstsein begreift. Die Geschichte soll sich in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit in den Texten niederschlagen, ohne belehrende Vermittlung. Was heutige wie damalige Leser daran schockiert, lässt sich darum weder einfach als Resultat literarischer Genialität isolieren noch als Kritik am Stalinismus in eine westliche Fantasie von Dissidenz übersetzen. Um das unausweichliche Scheitern des sowjetischen Experiments noch einmal zu illustrieren, könnte man andere Autoren lesen. Platonow bleibt bei all den Katastrophen, die er beschreibt, die ganze Zeit Kommunist.

»Klüger sein als das Proletariat«?

Die misslingende Vermittlung von abstrakten politischen Ideen und empirischer Wirklichkeit wird in Tschewengur besonders deutlich bei der gemeinsamen Marx-Lektüre. Es stellt sich nämlich heraus, dass niemand Marx gelesen hat. Trotzdem wird ganz richtig festgestellt, dass »bei Karl Marx nichts über die restlichen Klassen gesagt ist«. Das Klassenthema ist in Tschewengur ein Kernthema, und zwar in Form einer Überblendung des »Proletariats« mit eben diesen »restlichen Klassen«. Aus der Steppe werden nämlich die »Übrigen« geholt und bilden im Folgenden die Bevölkerung von Tschewengur. Sie sind »noch schlechter als das Proletariat«, wie es explizit heißt, und werden auch als »Fußproletariat« oder »ungelernte Arbeit« bezeichnet. Interessant ist an den »Übrigen« unter anderem, dass sie vor der Revolution gar nicht sichtbar waren. Erst nach der Revolution ist man überhaupt auf sie aufmerksam geworden. Bei Platonow sind eben die »Übrigen« das Subjekt der Revolution, nicht das Industrieproletariat im herkömmlichen Sinne.

»Du brauchst nicht für das Proletariat zu denken, es ist selber bei Verstand«, heißt es einmal in Tschewengur. Zudem werde es auch für Lenin Zeit, »nicht mehr zu schreiben, sondern sich wieder ins Proletariat einzureihen«. Denn: »Klüger sein als das Proletariat, das schaffst du auf Dauer nicht.« Natürlich wird in Tschewengur viel Unsinn herumphraseologisiert. Es handelt sich um eine höchst parodistische Welt, in der kein Satz mit sich selbst identisch ist und keine Wahrheit bestehen bleibt. Dass es unmöglich ist, klüger zu sein als das Proletariat, gehört jedoch zu den Basisannahmen linker Gesellschaftsdiagnostik: Solange Massen von Proletarisierten existieren, werden sie sich auf irgendeine Art bemerkbar machen und auf das Unrecht hinweisen, das ihre Existenz bedeutet. Wie verheerend es ist, wenn das ohne Klassenbewusstsein geschieht, führt Tschewengur vor Augen.

Körper der Arbeit: symbolisch, real

Am 31. August 1935 fördert der Bergarbeiter Alexei Stachanow 102 Tonnen Kohle an einem Tag und damit das elffache der Norm, und zwar im Donbass. Es wurde sogar eine Stadt nach Stachanow benannt. 2014 ist, nach dem Ausbruch des Kriegs, in dem die Stadt von der ukrainischen Armee heftig bombardiert wurde, sogar kurzweilig eine »Volksrepublik Stachanow« entstanden. Der Stachanow-Mythos erinnert noch einmal daran, inwiefern der Donbass das eigentliche Zentrum der Sowjetunion war: Der Staat der Arbeiter und Bauern hatte hier nicht nur seinen industriellen Rückhalt, sondern auch seine symbolische Mitte. Bereits zu Beginn der zwanziger Jahre wurde der Donbass auf Propagandabildern als Herz der Sowjetunion dargestellt. Wie wichtig er war, lässt sich auch daran erkennen, dass Jusovka 1924 in Stalino umbenannt wurde und damit nicht nur den Stahl, den es produzierte, im Namen führte, sondern auch Stalin. Erst 1961, in Zeiten der Entstalinisierung, erhielt die Stadt ihren heutigen Namen Donezk.

Der Kult um Stachanow wird heute oftmals als ein typisch stalinistisches Phänomen dargestellt. Liest man allerdings Platonow, stellt man fest, dass dieser sich bereits direkt nach der Revolution für eine solche Bewegung zur Steigerung der Arbeitsmoral eingesetzt hatte und dabei von den »Helden der Arbeit« spricht. Platonows Reflexionen über neue Produktions- und Organisationsformen waren nicht frei von tayloristischen Ideen. Die Steigerung der Produktivität erschien auch ihm als unabdingbar für den Erfolg des sowjetischen Experiments, umso mehr als die revolutionären Bewegungen im Ausland scheiterten. Gleichzeitig könnte sich ohne eine Kultur der Wertschätzung von Arbeit auch kein Klassenbewusstsein entwickeln und die Herrschaft der Bürokraten würde sich ewig reproduzieren, so Platonows einfache Gleichung.

Die Sowjetunion ist in ihrem affirmativen Verhältnis zur Arbeiterklasse fraglos immer auf der Ebene des Symbolischen stehengeblieben. Partizipieren konnten Arbeiterinnen weder in den Sowjets noch in den Gewerkschaften. Andererseits übte der Sowjetstaat mit seiner Ideologie wohl doch einen gewissen Erwartungsdruck aus. So entstand eine Art Wettstreit um die soziale Frage, von dem Arbeiter und Angestellte weltweit tendenziell profitiert haben mögen. Der Krieg im Donbass kann als Phänomen des Vakuums nach dem Ende dieses Wettstreits verstanden werden. Viele Menschen aus Stachanow und der »multivektoriellen Ostukraine« haben sich im Frühjahr 2014 gegenüber der Europäischen Union jedenfalls ebenso fremd gefühlt wie gegenüber Russland. 10

Lebendige und tote Arbeit

Platonows literarische Karriere verläuft miserabel. »Ein talentierter Schriftsteller, aber Pack«, sagt Stalin und verortet ihn damit unter jenen Übrigen, über die Platonow schreibt. Auch der sympathisierende Gorki hält ihn für einen Anarchisten und für leider unpublizierbar. Nur einer bezieht wirklich für ihn Stellung, und zwar ausgerechnet der große Theoretiker des Klassenbewusstseins Georg Lukács. 1938 wird Platonows fünfzehnjähriger Sohn Platon zu Zwangsarbeit in den Bergwerken von Norilsk verurteilt, angeblich aufgrund eines geplanten Attentats auf Stalin. Das dortige Nickelkombinat wurde lange Zeit fast ausschließlich von Häftlingen des Norilsker Besserungsarbeitslagers (Noril-Lag) betrieben. 11 Heute fördert die Mining and Metallurgical Company Norilskij Nikel dort Kohle, Platin und auch Kobalt – jenes unentbehrlich gewordene Metall für Mobiltelefone. Als Platon Platonow 1940 mit Tuberkulose aus dem Lager entlassen wird, steckt er seinen Vater an, bevor er 1943 stirbt. Platonow selbst zieht als schriftstellerischer Korrespondent in den Krieg. Nach dem Krieg bearbeitet er vor allem Märchen, bevor auch er 1951 an Tuberkulose stirbt.

Über seinen Sohn ist Platonow also auch mit dem als Gulag bekannten sowjetischen System von Zwangsarbeit verbunden. Der Gulag galt vielen westlichen Historikern und Menschen als Grund, warum die Sowjetunion, und mit ihr der Kommunismus, unbedingt zu verdammen sei. Für manche Kommunisten dagegen waren solche Straflager eines von vielen Anzeichen dafür, dass der Bolschewismus die kapitalistische Produktionsweise nicht zu überwinden vermochte, die freie Lohnarbeit schon immer gut mit Formen von Zwangsarbeit und »ursprünglicher« Akkumulation zu verbinden wusste. Das gilt auch für Platonow, der den Bolschewiki gerne vorwarf, »bis jetzt nur die Bourgeoisie kopiert« zu haben.

Bei Marx bezeichnet der Gegensatz von lebendiger und toter Arbeit metaphorisch das vampirische Einsaugen von Arbeitskraft durch das Kapital. Diese Begriffe wurden aber auch ganz unmetaphorisch verwendet, um die Produktivitätsdespotie des modernen Disziplinarstaats zu charakterisieren, also die Repression der lebendigen Arbeit durch die tote: Was in der frühen Neuzeit der Galgen, das Arbeitshaus oder die Galeeren waren, das wird im 20. Jahrhundert das Lager, und das könnte heute das mit vollem Bewusstsein tolerierte Massengrab des Mittelmeers sein, das wieder einmal die Arbeiterinnen auffängt, nämlich die Wanderarbeiterinnen, die »schon immer das Zentrum des marxistischen Konzepts vom Proletariat« bildeten. 12

Platonow hat sich für den Tod auch darum so obsessiv interessiert, weil sein Kommunismus einer der lebendigen Wesen sein sollte. Damit rückte seine eigene utopische Denkweise, die Kühe als schlafende Menschen verstand, in biopolitisch verdächtige Nähe zu den Totalitarismen seiner Zeit. Seine literarische Forschungsarbeit über den Tod folgt jedoch keinem nazistischen Formfetisch und keiner nietzscheanischen Kraftfantasie, sondern einem eher defensiven Lebens- oder Überlebensbegriff für die schwachen und unterschätzten Wesen, die sich in natürlicher Nähe zum Tod eingerichtet haben, den sie so gewohnt sind, wie sie ihn zu vermeiden gelernt haben.

Ein Platonow-Forscher hat einmal gesagt, man wisse bei ihm nie, ob eine Figur schon tot ist oder noch lebt. Platonows Begriff des Lebens ist ein thermodynamischer, den er von den Maschinen auf die Menschen überträgt. Er begreift den biologischen Prozess des Lebens selbst als Form von Arbeit. Zugleich sind für ihn auch Maschinen Lebewesen, und auch Tiere gehören zur Menschheit. Genauso wie die Toten, die im Kommunismus ebenfalls einen Platz beanspruchen dürfen: Eine Kultur der Erinnerung und des Andenkens wurde ihm mit der Zeit immer wichtiger. Erinnerung nämlich ist für ihn gleichbedeutend mit Bewusstsein. Als würden Platonow und seine Figuren heute noch leben, darf man ihre Geschichte in die Gegenwart hinein weitererzählen.

Donbass 1989

Im Juli 1989 treten die Kohlearbeiter im Donbass in den Streik. Sie wählen Streikkomitees und erkämpfen sich nicht nur höhere Löhne, sondern auch das Recht, Ingenieure und Betriebsleiter eigenständig zu ersetzen. Andere Ziele dagegen werden nicht erreicht: die Erneuerung der Technologien, die Verbesserung der Sicherheitsstandards und der sozialen Dienste. Deshalb bleibt das Streikkomitee in den folgenden Jahren bestehen und übernimmt die Produktionsleitung. Noch im Oktober 1989 wird eine unabhängige Bergarbeitergewerkschaft gegründet. Der Streik springt von der Kohle- auf die Stahlindustrie über. Im Grunde entsteht hier erstmals auf sowjetischem Territorium eine unabhängige, von unten organisierte Arbeiterbewegung, die sich in die gesamte Sowjetunion hinein verbreitet. In den folgenden Jahren werden in den Minen des Donbass die Direktoren und Chefingenieure nicht mehr aus dem Kohleministerium in Moskau oder Kiew ernannt, sondern in den Kollektiven jeder einzelnen Mine gewählt.

Die Welle von Streiks, Protesten und Selbstverwaltung im Donbass dauerte letztlich bis 1993 an. Bereits Ende 1991 jedoch kommt es zum Referendum für die Unabhängigkeit der Ukraine. Diese Unabhängigkeit schwächt die damals entstandene Bewegung extrem, zerschlägt sie in der Mitte. War die Idee nationaler Unabhängigkeit gerade für die ehemals sowjetischen Staaten verführerisch, bleibt bis heute offen, ob sie nicht nur Illusion und schlechter Ersatz für etwas ganz anderes war. Der Historiker Daniel Walkowitz, der in diesen Jahren vor Ort war, Interviews geführt und einen beeindruckenden Film (Perestroika from Below, 1990) gedreht hat, schreibt, 1989 hätten die Arbeiter in den Streiks noch »mit einer gemeinsamen Stimme gesprochen«. 1992 dagegen, nach der Unabhängigkeit der Ukraine, haben offenbar verschiedene als »Mafia« bezeichnete Gruppen die entstandenen Strukturen instrumentalisieren können. 13

In den zwei folgenden Jahrzehnten zerfällt die industrielle und damit auch die soziale Struktur des Donbass. Private Oligarchen häufen wahnsinnige Reichtümer an und bauen enorme Macht auf. Während die allermeisten Minen offiziell stillgelegt werden, wird der Kohleabbau illegal weiterbetrieben. Am Anfang des Jahrtausends hat das System inoffizieller Stollen, das den ganzen Donbass durchzieht, geradezu industrielle Maßstäbe angenommen. Ganze Dörfer leben nach wie vor aus einer Mischung von landwirtschaftlicher Subsistenzwirtschaft und Kohleabbau. Der aus Lugansk stammende Fotograf Alexander Chekmenev hat diese Periode in verschiedenen seiner Serien, bis zum heutigen Krieg, auf faszinierende Weise eingefangen. Auch der Dokumentarfilmer Michael Glawogger eröffnet seinen epischen Film Workingman’s Death (2005) mit dem illegalen Kohleabbau im Donbass, und zwar mit der Stadt Stachanow. Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass jene sowjetisch geprägten Leute aus den Minen mit ihrem Stolz, ihrer Selbstgenügsamkeit und ihrer Kultur der Arbeit einen gewissen Zivilisationsvorsprung gegenüber der nachfolgenden Generation hatten, als sei es in den letzten Jahrzehnten zu einem Prozess der Verrohung gekommen. Für Russland und die Separatisten Kriegsarbeit zu leisten, ist für ein zwar kleines, aber nicht ganz unerhebliches Häufchen jedenfalls reizvoller, auch besser entlohnt, als in die Grube abzutauchen und auf dem Markt Kohle gegen Kartoffeln zu tauschen. Ehrenhafter zudem als zum Betteln in den Westen zu gehen.

Klassenkampf ohne Klassenbewusstsein: Terror, Hass

Was heute vom IS über Pegida bis zu den Separatisten des Donbass zu beobachten ist, darf man wohl als erneuten Aufstand von Platonows »Übrigen« verstehen, der in irgendeiner Weise Abgehängten, wie der Jargon des Kapitals sie gerne bemitleidet: Jene, die in der alltäglichen Utopie von Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft eigentlich gar nicht vorkommen dürften, melden sich gerade darum zu Wort, weil sie in ihr keinen Platz haben. Zum Gespenstischen dieser Übrigen gehört auch, dass man nie genau weiß, ob es nur ein kleiner Teil ist, den man irgendwie ausmerzen oder eingrenzen kann, oder ob es nicht sehr viele sind, die übrig sind, und ob nicht auch wir zu diesen Übrigen gehören oder schon bald gehören könnten. Dass die Sympathie mit den heutigen Übrigen gleich an mehreren Fronten unaufhörlich wächst, findet eine materielle Fundierung wohl auch in der historisch neuen Situation, dass Wachstum heute keine Beschäftigung mehr bringen muss. Denn hierin sind sich Marxisten und Liberale im Grunde einig: Dass die Kapitalakkumulation bei steigender Produktivität immer weniger Arbeit benötigt und immer mehr Surplus-Proletariat hervorbringt, ist eine Tatsache, die spätestens seit der letzten Krise ins europäische Bewusstsein vordringt. 14 In der Ambivalenz von Entortung und Ausbeutung, »Freisetzung« und »Einsaugung« von Arbeitskraft kehrt aber zugleich eine Problemlage wieder, die schon die ersten, protoindustriellen Jahrhunderte von Kapitalismus und Klassenbildung geprägt hat, als man überall und chronisch nur »Pöbel« zu sehen glaubte.

Platonow spricht einmal von der »scheinbaren Schwäche der Übrigen«. Aus jener Schwäche, jener Ohnmacht, die man als fehlende Partizipation und Produktionsmacht entschlüsseln darf, werden auch heute wieder Terror und Hass geboren, unter anderem der rechte Konkurrenzhass. Der Hass macht schon bei Platonow die Hässlichkeit der Übrigen aus. Ihre Hässlichkeit ist aber auch Ausdruck einer beharrlichen Verleugnung existierender Klassenkämpfe in den Augen der Betrachter. Der Hass und die von uns zugerechnete Hässlichkeit bilden gemeinsam die empirische Oberfläche eines verschobenen Klassenkampfs ohne Klassenbewusstsein.

Wenn Klassenbewusstsein auch bedeutet, Gesellschaft nicht als harmonische Universalinklusion zu denken, sondern sich die Existenz von harten Antagonismen einzugestehen, dann heißt das auch, dass die Rede vom Ende der Geschichte ein Oxymoron ist. Deswegen sind bei Lukács Geschichte und Klassenbewusstsein auch zwei aufeinander bezogene Begriffe. Nachdem schon das Ende der Geschichte ausgerufen wurde, erfahren wir heute, wie unheimlich formlos die Zeit nach einem solchen Ende ist. Auch hier dürfen wir Platonow lesen, denn in Tschewengur sagt er sehr klar, was übrig bleibt, wenn »die Geschichte längst zu Ende« ist: »ein zwischenmenschliches Zerstampfen«.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Andrej Platonow, Die Baugrube. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold; Hans Günther, Andrej Platonow. Beide 2016 bei Suhrkamp in Berlin erschienen.
  2. Die Ähnlichkeit der heutigen Ereignisse im Donbass mit Platonows Roman hat, in nationalistisch-sarkastischer Manier, 2014 bereits Wiktor Jerofejew diagnostiziert. Vgl. Viktor Erofeev, Donbass Kij Čevengur. (snob.ru/selected/entry/79267).
  3. Vgl. Theodore H. Friedgut, Iuzovka and Revolution. Vol. I. Life and Work in Russia’s Donbass 1869–1924. Princeton University Press 1989.
  4. Vgl. Timothy Mitchell, Carbon Democracy. Political Power in The Age of Oil. London: Verso 2013.
  5. Vgl. Charters Wynn, Workers, Strikes and Pogroms. The Donbass-Dnepr Bend in Late Imperial Russia, 1870–1905. Princeton University Press 1992.
  6. Andrej Platonow, Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen. Berlin: Volk und Welt 1990.
  7. Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke. Bd. 2. 1906 bis Juni 1911. Berlin: Dietz 1972.
  8. Oksana Dutchak, Unite or Fall. Labor Protests in Ukraine in the Face of the Crises. In: intersections, Nr. 3, 2015.
  9. Andrej Platonow, Sočinenija. Tom pervij 1918–1927. Kniga vtoraja: stat’i. Hrsg. v. Natal’ja Kornienko. Moskau 2004.
  10. Vgl. Ljudmila Belkin, Donbass. Zur Vielheit in der Ukraine. In: Merkur, Nr. 788, Januar 2015.
  11. Vgl. Stephen Fortescue/Vesa Rautio, Vom Arbeitslager zum Weltmarktführer. Ein Firmenporträt der Buntmetallhütte Noril’sk Nikel‘. In: Osteuropa, Nr. 6, 2007.
  12. Alain Badiou, »Nomadische Kräfte«. Gespräch mit Nils Markwardt. In: Freitag vom 9. Januar 2014.
  13. Lewis H. Siegelbaum/Daniel J. Walkowitz, Workers of the Donbass Speak. Survival and Identity in the New Ukraine, 1989–1992. New York: Suny Press 1995.
  14. Vgl. »Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft« (Hrsg.), Reflexionen über das Surplus-Proletariat. Phänomene, Theorie, Folgen. In: Kosmoprolet, Nr. 4 vom 26. August 2015.

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