Der Brexit, Irland und Deutschland

Im Frühjahr 1986 fragte mich eine Kommilitonin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel: »Bist du Ire oder Nordire?« »Ja«, antwortete ich, was sie aber nur verwirrte. Ich erklärte ihr, dass ich als gebürtiger Belfaster mit zwar doppelter Staatsbürgerschaft, aber nur einem einzigen (irischen) Pass sowohl Nordire als auch Ire sein könne – genau wie sie als Kielerin sowohl Norddeutsche als auch Deutsche sei. Mit Politik habe das nichts zu tun, meinte ich.

Im Herbst 1987 in Rostock, DDR, fragte ich, frisch angekommener Englischlektor an der Wilhelm-Pieck-Universität, einen Studenten aus Schwerin: »Sag mal, hältst du dich für einen Deutschen?« »Natürlich bin ich Deutscher«, erwiderte er vehement, »was denn sonst?« Die Frage hatte ihn beleidigt.

Im Sommer 1988 trampte ich von Lübeck nach Bremen. Der Mann, der mich mitgenommen hatte, sah mich verwundert an, als er erfuhr, dass ich in der DDR arbeitete. »Wir Deutsche leben halt anders, sehen die Welt anders als die da drüben«, meinte er. »Das sind aber auch Deutsche«, entgegnete ich. »Ja, schon, irgendwo«, meinte er, »aber nicht Deutsche wie wir!« Wo Deutschland liegt, das schöne Büchlein von Günter Gaus, kannte er offensichtlich nicht.

Die Deutschen wissen, was es bedeutet, in einem geteilten Land zu leben, und dass es schmerzt. Es wächst auseinander, was eigentlich zusammengehört, regionale Differenzen, die in jedem Land vorhanden sind, prägen sich mit der Zeit weiter aus. Unterschiedliche Einflüsse kommen von außen, man hört andere Musik, hat eigene Institutionen, es entsteht auch eine anders gefärbte Literatur.

Aber man denkt nicht jeden Tag an die Teilung, sie bleibt einfach irgendwo im Hintergrund, es sei denn, man lebt in unmittelbarer Nähe zur Grenze. Das Leben geht weiter, man schließt Freundschaften, geht zur Schule oder zur Arbeit, trifft sich mit Freunden und Verwandten, man heiratet, bekommt Kinder, begleitet die Eltern auf der letzten Reise. Der Alltag ist ähnlich, aber doch anders als da drüben im Osten/Westen oder da oben/unten im Norden/Süden.

Mit der Zeit spricht man auch anders über das Land. Aus »Zone« wurde »Mitteldeutschland«, dann die »DDR«, am Ende sogar ohne Gänsefüßchen. Aus der Bundesrepublik wurde mit der Zeit einfach »Deutschland«, der andere Landesteil damit implizit ausgeschlossen. Bis zum heutigen Tag ist auf der Website des Deutschen Fußballbunds ein nicht nur fußballerisch inkongruentes Spielergebnis aus dem Jahr 1974 zu lesen: DDR 1 Deutschland 0. Hielte man es mit Wolf Biermann, der in jenen Jahren die DDR für »das bessere Deutschland« befand, sollte es wohl eigentlich heißen: Deutschland 1 BRD 0.

Aus dem 1921 nach der Loslösung von Großbritannien gegründeten »Irischen Freistaat« wurde mit der Zeit einfach »Irland«, aus den »sechs Grafschaften« im Nordosten mit der Zeit »Ulster« oder »Northern Ireland«. Wo vor dreißig Jahren »Northern Ireland« und »Republic of Ireland« zusammen »Ireland« bildeten, zumindest in englischer Sprache, redet man heutzutage von »Ireland« und »Northern Ireland«, die zusammen »the island of Ireland« bilden, so als wäre Irland eine Art Sylt oder Hiddensee vor der britischen Küste, während Großbritannien oft als »das Festland« bezeichnet wird. Semantischer (und geografischer) Unsinn eigentlich, aber eben auch erniedrigend – die Sprache ist hier ein politisches Machtmittel. Dass der südirische Staat sich selbst inzwischen einfach als »Irland« bezeichnet, ist sicher nicht hilfreich.

Schriftsteller sind in einer solchen Situation äußerst wichtig, vor allem solche wie Heinrich Böll, Günter Grass und Christa Wolf in Deutschland, oder Seamus Heaney, Brian Friel und Frank McGuinness in Irland, deren Leser sich zwar jeweils anders, aber trotzdem grenzüberschreitend angesprochen fühlen. Weil Danzig außerhalb Nachkriegsdeutschlands lag, aber auch weil Grass sich mit der deutschen Vergangenheit so tiefgehend auseinandersetzte, trug er wesentlich dazu bei, dass trotz aller politischen Unterschiede eine gemeinsame deutsche Kultur nach 1945 fortbestand. Böll dagegen vermittelte ein ausgeprägt rheindeutsches Gewissen an den protestantischen Osten (und nicht nur an den Osten!), Wolf andererseits ein herausforderndes ostdeutsches Bewusstsein an den skeptischen Westen. Sie waren als Vermittler erfolgreich, weil sie gedruckt, gelesen und verstanden wurden, und auch zu Zeiten der Teilung galten Böll und Wolf trotz unterschiedlicher politischer Umfelder den meisten schlicht als »deutsche« Schriftsteller, Grass sowieso.

In Irland vermittelte der gebürtige Nordire Heaney in seinen frühen Gedichten den Konflikt im Norden an ein mit dem Thema wenig vertrautes südirisches Publikum, setzte sich später jedoch mit dem gesamten irischen Erbe auseinander, ob es nun irische oder schottische Kelten, Angelsachsen, Normannen oder Wikinger waren, die historisch dazu beigetragen hatten. Brian Friels Theaterstück Translations handelt von der Kolonisierung und vor allem der Anglisierung der gälischsprachigen Iren im 19. Jahrhundert und gibt somit den heutigen Nord- und Südiren einen Einblick in den Wert der eigenen Identität und Kultur.

Identität ist auch das zentrale Thema des Stücks Observe the Sons of Ulster Marching Towards the Somme von Frank McGuinness. Die Tatsache, dass dieser katholische Dramatiker aus einem grenznahen Teil der Republik so einfühlsam die Identität protestantischer Ulster-Soldaten in der britischen Armee im Ersten Weltkrieg darstellen konnte, wurde von vielen Iren gelobt, nicht zuletzt, weil imaginativ-kreative Darstellungen von Ulster-Unionisten diesen sonst selten sympathisch gewesen waren. Die innerirische Grenze ist dank unserer Schriftsteller auch in schlechten Zeiten weniger dicht gewesen, als sie es hätte sein können.

Bis Oktober 1990 war die DDR das inoffizielle 13. Mitglied der Europäischen Gemeinschaft, ein sogenanntes »hinkendes Mitglied«. Ganz wie die regulären EG-Mitgliedstaaten, war auch die DDR bei Ein- und Ausfuhren von Zöllen freigestellt. Dies war der Tatsache geschuldet, dass die DDR für das EG-Mitglied Bundesrepublik Deutschland nicht und niemals als »Ausland« gelten konnte. Ein 1957 unterzeichnetes Protokoll über den innerdeutschen Handel räumte der Bundesrepublik das Recht ein, die DDR trotz EWG-Vertrag wirtschaftlich weiterhin wie Inland zu behandeln, verpflichtete sie im Gegenzug aber auch dazu, dafür zu sorgen, dass »Schädigungen innerhalb der Volkswirtschaften der anderen Mitgliedstaaten« vermieden würden.

Das Vereinigte Königreich, Frankreich und andere betrachteten diese Sonderregelung »mit scheelen Augen«, wie es im April 1989 in einem Bericht der Zeit hieß. Die Briten beklagten sich über illegale Re-Exporte von DDR-Ware aus der Bundesrepublik, vor allem Stahl- und Textilwaren. Hinzu kamen Steuervergünstigungen für bundesdeutsche Importeure, die zwar den innerdeutschen Handel fördern sollten, in anderen Ländern jedoch als wettbewerbsverzerrend angesehen wurden. Bonn hat einfach im nationalen Interesse darauf bestanden, dass es so sein muss.

In den internen britischen Brexit-Debatten, sowohl vor als auch nach der Abstimmung, spielte und spielt Irland, ob Nord oder Süd, so gut wie keine Rolle. In den großen Debatten vor dem 23. Juni 2016 fiel in Großbritannien kaum ein Wort über Irland. Gelegentlich wurde eine gewisse Angst um den Frieden in Nordirland von Remainern zum Ausdruck gebracht, die Brexiter jedoch ignorierten die Frage größtenteils. Im Rest des Vereinigten Königreichs wird Nordirland heute, seit es mehr oder weniger friedlich geworden ist, bloß als hochsubventionierter Landesteil betrachtet, der mit eigenem politischem System und eigenen politischen Parteien abseits der eigentlichen britischen Politik steht.

Dabei ist die Nordirlandfrage nach dem Brexit keine unwesentliche, auch für die Europäischen Union. Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 zwischen London und Dublin kann jeder Nordire die doppelte Staatsbürgerschaft für sich reklamieren, muss aber nicht zwei Pässe haben, weder in Großbritannien noch in Irland sind Personalausweise eingeführt worden. Meine in Belfast lebenden Eltern sind im eigenen Land wohnhafte doppelte Staatsbürger mit irischem Pass. Ihre probritischen Nachbarn mit britischem Pass werden als britische Staatsbürger anerkannt, die ebenfalls im eigenen Land wohnen. Wie soll man da per Ausweis das Recht zur Ein- und Ausreise kontrollieren, wenn eine »harte (EU)Grenze« entsteht?

Beide Landesteile sind wirtschaftlich in hohem Maß aufeinander angewiesen. 32 Prozent der nordirischen Exporte gehen in die Republik, aus der Republik kommen 27 Prozent der Importe. Außer Großbritannien selbst ist die Republik Irland bei weitem der wichtigste Handelspartner für Nordirland. Umgekehrt trifft das nicht im selben Maß zu, seit den 1990er Jahren aber nimmt das Handelsvolumen auch in die Gegenrichtung stetig zu. Viele Institutionen waren ohnehin schon immer gesamtirische. Wegen der engen historischen und wirtschaftlichen Beziehungen wird Irland mehr als alle anderen europäischen Länder an den Folgen eines harten Brexit leiden. Soll jetzt auch die irisch-irische Beziehung nach all den politischen und wirtschaftlichen Bemühungen der letzten fünfundzwanzig Jahre einer bitteren britisch-europäischen Scheidung zum Opfer fallen?

Ich verließ die DDR am 18. September 1989. An der Grenze fühlte ich mich schlecht, ich hatte gute Freunde dort zurückgelassen, die selbstverständlich nicht mitfahren durften. Ich weinte, als die Grenzbeamtin, eine kleine, streng aussehende ältere Frau in graugrüner Uniform meinen Ausweis kontrollierte. Sie schaute auf den Pass mit den mehrfachen DDR-Stempeln und auf mein Gesicht und fragte, was los sei. »Ich will gar nicht weg«, heulte ich. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie sanft sagte: »Kommen Sie doch bald wieder.« Ich habe sie geküsst.

Keine sieben Wochen später tanzte ich, inzwischen Doktorand, vor Freude in einer Kneipe in Nottingham, England, als ich im Fernsehen sah, dass man die Mauer geöffnet hatte, wie die Menschen in den Westen strömten, dass sie frei reisen durften, wie sie auf dieser hässlichen Mauer tanzten. Es waren für alle, denen die beiden Deutschland etwas bedeuteten, emotionsgeladene Tage, und ich weinte vor Freude vorm Fernsehgerät drei Tage später, am Sonntag, als ich Bilder der langen Schlangen von Ostdeutschen an den Grenzkontrollen sah, die jetzt einfach wieder in den Osten nach Hause wollten. Am 18. Dezember 1989 lachte ich nur noch, als im Bahnhof von Nottingham eine Freundin aus der DDR ankam, um mich auf der Weihnachtsheimreise nach Irland zu begleiten. So schnell ging das alles.

Zwischen 1992 und 1998 erlebte ich dann bei mehreren Aufenthalten, wie Berlin einen langsamen Vereinigungsprozess unternahm. Im März 1992 kam ich mit dem Auto um fünf Uhr morgens in Berlin an und fuhr hin und her von in meinem alten Falk-Plan westlichen rosa- über östliche graugefärbte Straßen und wieder zurück, zwei Stunden lang, einfach weil ich es konnte. Im Sommer 1992 in einem Lokal in Berlin-Mitte erklärten wir, eine amerikanische Freundin aus meiner Rostocker Zeit und ich, zwei Wessis, die offensichtlich zum ersten Mal überhaupt Neufünfland betraten, wie man da ein Bier bestellt. Und ich pendelte frei zwischen meiner Wohnung im Prenzlauer Berg und der Germanistik-Bibliothek der Freien Universität in Dahlem. Aufbruchstimmung!

Eine letzte Erinnerung von damals. 1991, als ich Germanistik am Universitätskolleg in Maynooth bei Dublin lehrte, besuchten mich zwei meiner ehemaligen Studentinnen aus Rostock. Sie wollten natürlich auch den Norden besuchen. An der Grenze bei Newry, ungefähr auf halber Strecke zwischen Dublin und Belfast, wurden unsere Ausweise von schwerbewaffneten britischen Soldaten kontrolliert, für mich damals ein völlig normales Erlebnis. Meine Mitfahrerinnen aber waren von dem Anblick entsetzt: ein hoher Grenzwachturm aus Beton, keine fünfzig Meter von der Straße entfernt. Aus der Perspektive ehemaliger Ostdeutscher war die innerirische Grenze von der inzwischen überwundenen innerdeutschen Grenze kaum zu unterscheiden.

Keiner wünscht sich das zurück. Inzwischen kann ich, wohnhaft im Westen Irlands, ohne jegliche Kontrolle meine Eltern in Belfast besuchen. Ich sehne mich nach der Wiedervereinigung meines Landes, in erster Linie, weil ich glaube, damit wäre die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Trennlinien im eigenen Volk, die Mauer im Kopf, ob konfessioneller oder nationaler Natur, endlich überwunden werden könnten. Ich bin mir aber auch absolut im Klaren darüber, dass weder ein vereinigtes Irland noch das Vereinigte Königreich auch nur einen einzigen Tropfen Blut wert ist.

Mit der jetzigen politischen Zwischenlösung können hier viele leben, die an sich nicht unbedingt für sie stimmen würden, weil die Grenze in den letzten zwanzig Jahren immer unbedeutender wurde. In Nordirland stimmten 56 Prozent für den Verbleib in der Europäischen Union, eine größere Mehrheit als diejenige im gesamten Königreich für den Austritt. In der Republik Irland wäre eine Abstimmung über die Mitgliedschaft in der EU genauso überflüssig wie vor hundert Jahren eine Abstimmung in Nordschleswig über die Zugehörigkeit zu Dänemark. Letztendlich sind wir alle Europäer.

Für manche hierzulande jedoch, die den jetzigen Frieden sowieso ablehnen, würden wiedereingerichtete Grenzkontrollen sofort ein »legitimes« Angriffsziel darstellen, und Konflikte und Gewalt könnten leicht wieder eskalieren. Nicht nur aus diesem Grund braucht Nordirland einen Sonderstatus nach dem Brexit. Angesichts ihrer eigenen Geschichte sollten gerade die Deutschen verstehen können, dass der Brexit für kein anderes Land in Europa schwerwiegendere Folgen hat als für Irland.


1 Kommentare

  1. Baldur Jahn sagt:

    Der Teufel ringt um die Seelen, politische Systeme um die Identität. Manchmal erschaffen sich Identitäten Staaten, Selbstbestimmungsrecht genannt. Manchmal Staaten aus Gewöhnung und aus separatistischen Eigenwillen eigene „Identitäten“ (DDR-Nation der SED ab 1970).

    Was ist Blut wert? Tatsächlich noch eine Volk-Raum-Fragestellung seit Hiroshima/Nagasaki? Oder eine identitäre, mutige irisch-insulare?

    Letztendlich sind wir alle Europäer , so die Feststellung des Autors. Wäre die Binse „Weltbürger“ nicht rhetorisch offener gewesen? Immerhin korrespondiert sie mit vielen Einstellungen deutschsprachiger Zunge, die sich überzeugungs- oder sicherheitshalber, nicht festlegen wollen.

    Wer liest, weiß mehr. Aber nicht unbedingt wo Deutschland liegt, wenn man Gaus gelesen hat. Der Autor, das hat seinen berufsbedingten Charme, überschätzt die Hilfs-„Wissenschaft“ des Lebens, die Literatur.

    Aber ohne sie und dem ihr innewohnenden Illusionstheater und den „teuflichen“ Verführungen zum eigenen Willen als Himmelsmacht, zum Beispiel um in Rostock zu lehren, wäre weder die Umarmung einer DDR-Grenzerin und die gleichzeitige Freude über die Beseitigung der Grenzen zwischen Westdeutschland und der DDR vermittelbar.

    Und, weil der Autor ein netter Mensch zu sein scheint und die irische Frage mit Sicherheit über die Jahrhunderte kompliziert ist und ich selbst immer noch nicht in Irland war, will man sein Narrativ „Rostock“ im Jahre 1987 so genau gar nicht hinterfragen.

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