Theoriemüdigkeit. Designkolumne

Wenn in dreißig oder vielleicht auch fünfunddreißig Jahren die ersten Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker darangehen werden, das plötzliche Verschwinden der kleinen deutschen geisteswissenschaftlichen Buchverlage im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts aufzuarbeiten, dann wird, da bin ich mir ziemlich sicher, die Diagnose in vielen Fällen »fahrlässige Selbstabschaffung« lauten. Damals, so werden sie konstatieren, flossen die öffentlichen Druckkostenzuschüsse in derart breiten Strömen und vermeintlich so zuverlässig durch die Republik, dass zahlreiche Unternehmen ihr bisheriges Geschäftsmodell als unnötig riskant zu empfinden begannen und lieber auf das Prinzip der feudalen Pfründewirtschaft umstellten.

Fortan zogen sie an sich, was an subventionierten Druckaufträgen irgend zu bekommen war, und ließen wahllos Aufsatzsammlung um Aufsatzsammlung, Qualifikationsschrift um Qualifikationsschrift, Kongressaktenkonvolut um Kongressaktenkonvolut zwischen Buchdeckel binden und mit einer ISBN versehen. Ihr ehemaliges Kerngeschäft – Stoffentwicklung, Lektorat, Programmpflege, Öffentlichkeitsarbeit – versahen sie nur noch minimalinvasiv, sofern sie es nicht gleich komplett an dieselben Autoren und Forschungsverbünde delegierten, die ohnehin bereits das Geld und die Inhalte frei Haus lieferten.

So kam es, wie es kommen musste: Die Leser verloren zunehmend die Lust, sich durch den rasant aufquellenden, amorphen Schriftenbrei zu quälen. Die Autoren waren frustriert, weil ihre Arbeiten in aller Regel ohne öffentliche Resonanz blieben. Die Verlage wunderten sich, weshalb sie auf ihren Büchern sitzen blieben. Die Bibliotheken beschwerten sich, dass man ihnen die Regale Monat für Monat aufs Neue mit Magazinware vollstellte. Selbst die langmütigsten Förderinstitutionen empfanden es irgendwann als widersinnig, in den Betrieb akademischer Resterampen zu investieren. Und als sich schließlich eines Tages auch unter den letzten Papiernostalgikern herumgesprochen hatte, dass sich via Internet mit geringem Rechercheaufwand ohnehin jegliche wissenschaftliche Literatur sekundenschnell gebührenfrei auf jeden Bildschirm zaubern ließ, war das Spiel vorbei.

Propädeutische Endlosschleifen

Dass dieses Spiel in seine letzten Runden geht, ist kaum mehr zu übersehen. Zur Kontrollpeilung ein Zufallsgriff in den Berg wissenschaftlicher Neuerscheinungen: ein Sammelband mit Vorträgen zum Thema Design und Philosophie, der schon durch die superlativische Selbstbeschreibung Misstrauen erregt. 1 »Erstmals im deutschsprachigen Raum«, tönt es von der Rückseite des Buchumschlags, »führt der Band die Bereiche Design und Philosophie thematisch zusammen«.

Ob diese Behauptung Ahnungslosigkeit oder aber Chuzpe dokumentiert, sei dahingestellt – für beides gibt es hinreichend Anhaltspunkte. Sie fügt sich in ihrem Aberwitz allerdings nur zu gut in das desolate Gesamtbild, das diese als disziplinäre Leistungsschau verkleidete, fehlerübersäte, konzeptlos zusammengenietete und lieblos gestaltete Sammlung philosophischer Harmlosigkeiten auf allen Ebenen abgibt.

Von der inhaltlichen Substanz her hätten die Beiträge ebenso gut vor zehn, wenn nicht vor zwanzig Jahren erscheinen können. Nur hätte damals in dieser Form wohl kaum einer davon ein seriöses Fachbuchlektorat passiert. Der erste Beitrag buchstabiert über volle zehn Druckseiten hinweg beflissen aus, was Design mit Visionen vom »guten Leben« zu tun haben könnte (nur zur Erinnerung: die Gründung der Darmstädter Künstlerkolonie ist bald 120 Jahre her). Beitrag zwei empfiehlt Gestaltern in großzügiger Abstraktion von allen professionellen Produktionszwängen, im moralischen Zweifelsfall lieber auf Logos denn auf Ethos und Pathos zu setzen. In Beitrag drei werden Heideggers Sein und Zeit und der zeitgenössische Begriff des Social Design derart lose zueinander in Beziehung gesetzt, dass es an Tollheit grenzt. Es folgt ein ungewollt parodistischer Versuch, unter Berufung auf Horkheimer endlich einmal einen ganz, ganz kritischen Blick auf Gestaltung zu werfen. (Achtung: Verblendungsgefahr!) Mit Startnummer fünf gelangt ein analytischer Philosoph mit denkbar hohem kasuistischem Aufwand zu denkbar schlichten Einsichten: »Großes Design besteht daher in großer Funktionalität gepaart mit großem künstlerischem Ausdruck.« Für den Autor des sechsten Beitrags kann man nur hoffen, dass er fälschlich angenommen hatte, um Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe gebeten worden zu sein. Den Instruktionswert des abschließenden Besinnungsaufsatzes wiederum zeigt dessen erster Satz verlässlich an: »Das Thema ›Phänomenologie und Architektur‹ ist sehr weitreichend und vielschichtig.«

Dass sich in dem gesamten Band kein einziger anregender, spannender oder auch nur überraschender Gedanke findet, sagt einiges aus über eine Veröffentlichungspraxis, bei der offenbar deutlich mehr Aufwand betrieben werden muss, Leistungsversprechen zu formulieren als diese einzuhalten 2 (notfalls lässt sich selbst das offensichtlichste Nicht-zu-Ende-Denken ja immer noch als »produktive Unschärfe« verkaufen). 3

Es passt aber zugleich zu der geschäftigen Biederkeit, die akademische Designdiskurse hierzulande insgesamt auszeichnet. Die fachphilosophischen Beiträge, sofern sie sich nicht gleich auf binnendisziplinäre Theoriespiele beschränken (»Über Nancy hinausgehend soll mit Deleuze gezeigt werden …«), wirken bestenfalls wie die endlose Fortschreibung ein und derselben Einführungsvorlesung: Designfragen werden vor dem Hintergrund einer philosophischen Tradition erörtert, in der offenbar jede nur denkbare Problemkonstellation schon einmal musterhaft durchgespielt wurde.

Die immer gleichen hochdekorierten Honoratioren des Fachs, von Aristoteles über Marx und Heidegger bis Merleau-Ponty, werden nacheinander auf die Bühne zitiert, wo sie noch einmal ihre beliebtesten Kunststücke vorführen. Das Schlusskapitel betont schließlich den Herausforderungscharakter der Zukunft (erweiterter Designbegriff! Transhumanismus!) und diffundiert darüber hinaus ins Vage. 4 Die meisten Texte würden deshalb nicht weniger gut funktionieren, ersetzte man »Design« durch »Mentaltraining« oder »Esskultur«.

Nun machen philosophische Schriften (und auch die aus akademischen Nachbardisziplinen) nur einen Bruchteil des wissenschaftlichen Literaturangebots aus. 5 Quantitativ gesehen dominieren auf diesem Feld seit jeher dickleibige, reich illustrierte Monografien zu Designern, Stilen und Werken. Das macht die Sache allerdings nicht unbedingt besser. Denn auch die Designgeschichte ist über weite Strecken von lähmender Vorhersehbarkeit. Die wenigsten Autorinnen und Autoren entwickeln neben ihren antiquarischen und panegyrischen Interessen auch nur den geringsten Ehrgeiz, die gespurten Bahnen der gängigen kunsthistorisch inspirierten Ahnenforschung zu verlassen, die mit dem Namenlosen, Alltäglichen, massenhaft und ambitionslos Hergestellten, das nun einmal den Großteil der Produktkultur jeder Epoche ausmacht, schlichtweg nichts anzufangen weiß. 6

Man darf sich also nicht wundern, wenn einem nach 439 akribisch recherchierten Seiten mit 784 Fußnoten Erkenntnisse dieses Kalibers begegnen: »Interior Design war der Arbeitsbereich des Nelson-Büros, der in den 1970er Jahren mit Abstand für die meiste Presse sorgte. Rückblickend lässt sich feststellen, dass es sich dabei durchweg um gute und solide, nicht aber um überragende, Maßstäbe setzende Gestaltung handelte.« 7

Maulheldentum und Ungeschick

Man findet allerdings auch außerhalb der subventionsbetriebenen akademischen Publikationsmaschinerie kaum brauchbare deutschsprachige Literatur, die die zahllosen spannenden Fragen, die ein so zentrales Daseinsfeld wie die Gestaltung unserer Dingwelt ständig aufwirft, auf einem ihrer Relevanz angemessenen Niveau verhandeln würde. Auf den dezidierten Willen dazu trifft man bei den Museen für Design und Gestaltung. Von denen sind allerdings die wenigsten personell wie wirtschaftlich auch nur annähernd so gut aufgestellt wie das Wiener MAK, das in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Ausstellungen mit lesenswerten Katalogen begleitet hat. 8

Die massenhaft erhältlichen Praxisbücher und Entwurfslehren, meist geschrieben von Designern für Designer, sehen diskursive Exkurse entweder gar nicht erst vor oder bearbeiten die etablierten Topoi der akademischen Welt auf niedrigerem Niveau. 9 Die nicht weniger zahlreichen Designperiodika wiederum veredeln optisch zwar verlässlich die Zeitschriftendisplays gutsortierter Buchhandlungen, ihre intellektuelle Flughöhe aber ist bei aller Ambition zumeist umgekehrt proportional zum gestalterischen Aufwand. Die Diskrepanz zwischen dem immer neuen Vergnügen an der hand- und blickschmeichlerischen Finesse einer arrivierten Publikation wie form und der immer neuen Enttäuschung über den dürftigen Gehalt der darin versammelten Textbeiträge macht deutlich, wie dünn die Autorendecke auf diesem Feld ist und wie klein zugleich das auf hohem Niveau sicher bespielbare Themenrepertoire. 10

Dass nichtsdestotrotz regelmäßig Publikationen auf den Markt kommen, die ausdrücklich eine designtheoretische Vogelschau anstreben, spricht nur so lange gegen diesen Befund, wie man sie nicht auch lesen muss. Erschreckend viele Autoren auf diesem Feld neigen nämlich zu der Fehleinschätzung, es stelle bereits eine Orientierungsleistung dar, wenn man mit großem Zeremoniell seinen privaten Zettelkasten öffentlich ausbreitet. Exemplarisch für diese Form trauriger Fleißarbeit sind Frank Wagners als Theorie-Vademecum für Designinsider gedachtes The Value of Design und Friedrich von Borries‘ designpolitisches Manifest Weltentwerfen. 11

Beide Bücher überdehnen den Umfang des Designbegriffs zunächst einmal so weit, dass sich damit kaum mehr ein konkreter Inhalt fassen lässt. Davon abgesehen bestehen sie im Wesentlichen aus Gemeinplätzen (Wagner: »Design ist zum direkten und indirekten Nutzen des Menschen gemacht.« Borries: »Gesellschaft verändert sich, wenn sie ein anderes Ideal von sich selbst bekommt.«) und Motivationstrainerfloskeln (Wagner: »Globalisierung und Digitalisierung haben uns eine Metaperspektive aufgezwungen. Alles was wir tun, hat globale Relevanz.« Borries: »Designer, Architekten und Stadtplaner können zur Aufklärung beitragen, indem sie mit den Mitteln von Design gesellschaftliche Missstände aufdecken«). Notdürftig zusammengehalten werden die schmalen Bändchen durch eine Pauschalkritik der Konsumkultur von trivialster Bauart. Wagner: »Ein Aspekt ist, dass mit der unendlichen Wahlmöglichkeit, die uns das Internet bietet, sich eine (Un-)Kultur der Optionen verbreitet hat.« Borries: »Das Dogma der Selbstentfaltung und die damit verbundenen Versprechen wie ›Du darfst‹ und Aufforderungen wie ›Just do it‹ suggerieren Optionen, die gar nicht existieren.« Selten sind dünnere Bretter mit massiverem Selbstbewusstsein gebohrt worden.

Auch wenn es wenig Anlass gibt, Qualität und Dichte des entsprechenden Literaturangebots für verwandte Felder wie Architektur oder Städtebau zu verklären – dass da immer wieder neue, bemerkenswerte Fragestellungen vielstimmig und auf hohem Niveau verhandelt werden, Fragestellungen wohlgemerkt, die nicht ausschließlich wissenschaftlich bedeutsam und deshalb auch über begrenzte Fachöffentlichkeiten hinaus von Interesse sind, steht außer Frage. Die Designtheorie tritt im Vergleich dazu geschäftig auf der Stelle, und das ist noch wohlmeinend formuliert. Als intellektuell herausfordernde, im öffentlichen Diskurs wahrnehmbare Größe existiert die Disziplin seit den Konsumdebatten der 1970er Jahre im Grunde nicht mehr. (Wer daran Zweifel hegt, sollte nur einmal spaßeshalber versuchen, sachhaltige deutschsprachige Literatur zum globalen Siegeszug des Designs von Apple aufzutreiben.)

Normative Abrüstung: Gert Selle

Ein solch eklatanter Mangel an diskursiver Kontinuität führt zwangsläufig dazu, dass ständig aufs Neue jemand auftaucht, der glaubt, das Rad noch einmal erfinden zu müssen. Symptomatisch ist deshalb, dass weder bei Wagner noch bei von Borries der Name Gert Selle auch nur am Rande erwähnt wird. Nun ist Selle eine der wenigen festen intellektuellen Größen auf diesem Feld (und nicht nur auf diesem, auch als Kunstpädagoge hat er sich einen Namen gemacht).

Selle schreibt seit Jahrzehnten informiert, reflektiert und dabei leicht zugänglich über Designfragen, hat populäre Standardwerke zur deutschen Designgeschichte vorgelegt und war mit seinen Vorträgen sowie als Autor von Katalogbeiträgen über lange Zeit nahezu omnipräsent. Ihn völlig zu übergehen grenzt also schon an Mutwillen. Und das umso mehr, als er schon 1973 in seiner ersten Monografie fast alle der konsumkritischen und nachhaltigkeitssensiblen Fragestellungen, deren Wiedervorlage Wagner und von Borries nun treuherzig als Eigenleistung auszugeben versuchen, in nicht weniger aufklärerischer Absicht und zugleich deutlich radikaler entfaltet hat.

Dabei ist auch Ideologie und Utopie des Design alles andere als ein unproblematisches Buch. 12 Zwar bewegt sich Selle über weite Strecken auf deutlich höherem Reflexionsniveau als die meisten kapitalismuskritischen Designtheoretiker der Gegenwart. Doch ist der Text, getragen vom ideologiefixierten Entlarvungspathos der frühen siebziger Jahre – Selle verbeißt sich geradezu in seinen Gegenstand –, überinstrumentiert, überambitioniert, überpädagogisiert und aus der historischen Distanz darum nur noch sehr bedingt genießbar. Ausgehend von Marx‘ Lehre vom Fetischcharakter der Ware, die Wolfgang Fritz Haug bereits zwei Jahre zuvor für seinen Überraschungsbestseller Kritik der Warenästhetik adaptiert (und damit unverhofft ein neues Marktsegment erschlossen) hatte, 13 betrachtet Selle die meisten Ergebnisse industrieller Formgebung als »Ersatzwirklichkeit des schönen Scheins«.

Deren perfide antiemanzipatorische Wirkung sieht er erwartungsgemäß darin, dass sie die »durch sie vermittelten oder hergestellten Abhängigkeitsverhältnisse« unsichtbar macht. Die zentrale Aufgabe des theoretisch informierten Beobachters bestünde folglich darin, die Camouflage zu zerstören und so den Trick auffliegen zu lassen – Designtheorie und Designkritik fallen für Selle ineins. Dieser selbstgewisse Anspruch, den er kenntnisreich und mit schneidigem Entlarvungsgestus inszeniert, macht viel vom Reiz seiner Studie aus, markiert aber zugleich deren Begrenztheit. Denn ein Kritiker, der im Vollgefühl der eigenen Auf- und Abgeklärtheit immer schon alles (und möglichst auch mehr als die meisten anderen) über seinen Gegenstand zu wissen glaubt, verliert diesen als konkretes Gegenüber fast zwangsläufig aus dem Blick.

Es zeichnet Selle aus, dass er genau das erkannt und seine Fragestellungen schon bald entsprechend nachjustiert hat. Die designhistorischen Studien der Folgejahre sind einerseits von dem Bemühen gekennzeichnet, sich von disziplinären Befangenheiten freizumachen. Damals mehr noch als heute heißt das vor allem: vom Paradigma einer autor- und werkzentrierten Designgeschichte nach dem Modell der Kunstgeschichte. Bei Erklärungsversuchen im Bereich der Designgeschichte, so Selle 1978, habe es »um Fragen einer umfassenden Soziologie der Alltagskultur« zu gehen – eine Feststellung, mit der man sich zu dieser Zeit in einem akademisch kaum etablierten, um Anerkennung ringenden Fach sicher keine Freunde machte. 14

Zugleich aber entfernt Selle sich von der Vorstellung, eine solch umfassende Perspektive sei durch die Konstruktion normativer Großtheorien zu gewinnen. Anstelle des Panoramablicks vom geistigen Feldherrnhügel empfiehlt er mehr Interesse für die vermeintlichen Niederungen der Empirie: »Wie sich Menschen unter dem Druck industriekapitalistischer Produktionsverhältnisse – in der entfremdeten Arbeit und beim Warenkonsum – verhalten und entwickeln, ist auf theoretischer Ebene häufig dargestellt worden. Doch den teilweise sehr schlüssigen Manipulationstheorien steht ein auffälliger Mangel an empirischer Forschung, an Fallstudien, historischen Ansätzen und gezielten Versuchen einer differenzierenden Überprüfung der Theorien in der gesellschaftlichen Praxis gegenüber.«

Selle selbst löst diese Forderung 1986 mit dem Buch Leben mit den schönen Dingen ein. 15 Es darf als eine der ersten material studies auf dem Feld deutscher Designtheorie gelten. Zusammen mit seiner Koautorin Jutta Boehe befragt Selle Paare in ausführlichen Gesprächen nach ihrem Umgang mit den sie im privaten Raum umgebenden Dingen und den affektiven Beziehungen, die sie mit Gebrauchsgütern, Erinnerungsstücken, Renommierobjekten verbinden. Noch immer geht es um die »Warenwelt« und ihre in emotions- und verhaltenssteuernder Absicht gestalteten Oberflächen.

Aber aus dem latent dogmatischen Designkritiker ist mittlerweile ein genauer Beobachter und geduldiger Zuhörer aus Überzeugung geworden: »Immer wieder wurde die sich ausbreitende industrielle Massenproduktkultur angeklagt, die falschen Beziehungen mittels falscher Dinge für die falschen Leute zu stiften. Die erzieherischen Maßnahmen und die gestalterischen Gegenentwürfe machten aber immer die Rechnung ohne den Wirt. Die tatsächlichen Gebraucher wurden nie gefragt, es wurde auch nie danach gefragt, was die vielleicht doch richtig taten und welche eigenständigen Fähigkeiten im Umgang mit den vielen Dingen sie schon entwickelt hatten.«

Less is more

Indem Selle genau das unternimmt, verschwindet der kritische Grundimpetus seines Denkens nicht etwa, er verlagert sich allerdings auf eine andere Ebene. Das geht mit einem produktiven Perspektivwechsel einher, durch den die »Gegenstände zum Gebrauch« nicht länger bloß als gleisnerische Ablenkung von gesellschaftlichen Produktions- und Machtverhältnissen oder alternativ als »funktionale, ästhetische, soziale und persönliche Bedeutungsträger« in den Blick geraten, sondern als in mentalen und affektiven Tiefenschichten ansetzende »Instrumente in einem langfristigen Formungsprozeß, bei dem sich die Produktionsgeschichte der inneren und äußeren Natur des Menschen bemächtigt«. Einer Designtheorie unter dieser Prämisse kann es nicht um wohlfeile Entlarvungsgesten gehen. Sie will den Mechanismen »ästhetischer Sozialisation« in ihrer ganzen Komplexität und Rätselhaftigkeit nachspüren.

Diesem Projekt hat Selle sich seither in immer neuen Anläufen gewidmet, 16 wobei sein Interesse zunehmend der digitalen und vernetzten Dingwelt galt. In der Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Handgreiflichkeit und Virtualität, die der Umgang mit den neuartigen »Halb- und Überdingen«, in den er selbst nicht als Nutzer hineingewachsen und der ihm deshalb eingestandenermaßen bis zu einem gewissen Grad fremd geblieben ist, scheinen mitunter die holistischen gesellschaftskritischen Reflexe seiner frühen Jahre auf. Merkbar wird das, wenn Selle etwa vorschlägt, technologische smartness als »Zustand gelungener Anverwandlung des Gebrauchers und Bewohners an die Wahrnehmungsbedingungen und Handlungsvorschriften einer mit hochtechnologischer Intelligenz aufgeladenen Umwelt« zu begreifen, bei dem »die Forderungen des technoökonomisch-technokulturellen Komplexes insgesamt« erfüllt würden. 17

Doch hinter solchen Thesen steht längst nicht mehr der Anspruch, Subjekt, Logik und Ziel dieser Forderungen bereits durchschaut zu haben. Diese sind vielmehr heuristische Ausgangspunkte für immer weitere Beobachtungen aus immer neuen Blickwinkeln, über die er in seinen Büchern unaufgeregt und uneitel Rechenschaft gibt, oder genauer: gab. Denn sein Im Haus der Dinge, eine Art Nachruf auf vordigitale Dingwelten, soll nach Aussage des mittlerweile über Achtzigjährigen tatsächlich seine letzte Veröffentlichung zu Designfragen gewesen sein. 18 2015 erschienen, ist es bislang kaum auf Resonanz gestoßen. Das mag damit zu tun haben, dass er als Autor hier das Sprechen aus der routinierten Sicherheit des Wissenden ständig offen hintertreibt, etwa wenn er über die Eigenheiten des Umgangs mit Smartphones und Tablets schreibt und zugleich freimütig bekennt, »nicht über die gegenwärtig selbstverständlichen digitalen Handhabungsfähigkeiten« zu verfügen.

Man könnte deshalb meinen, hier stehe jemand den technologischen Innovationsschüben der Gegenwart uninteressiert oder gar ratlos gegenüber. Doch das wäre ein Missverständnis: »Man kann nicht aus der kulturellen Strömung aussteigen, in die man hineingewachsen ist. Man mag die Digitalisierung der Artefaktenwelt als Bedrohung oder Bereicherung des Lebens empfinden – man entkommt ihr einfach nicht. Von Freiheit im Gebrauch der Artefakte kann also keine Rede sein. Auch wenn man sich dieser oder jener zeitgenössischen Innovation verweigert, bleibt man im Strom der Kulturzeit wie ein Stein, der mitgerollt wird. Um sich bewusst zu machen, was dabei geschieht, ist teilnehmende Beobachtung ein brauchbares Mittel: Man schaut sich selbst und anderen zu, wie und mit welchem Ergebnis man zum Kiesel der Zeitgenossenschaft rundgeschliffen wird … Im Akt des Sich-selber-Bewusstwerdens als im Strom der Innovationen Mitgerissener stellt sich automatisch die Frage: Was mache ich da und was wird mit mir, aus mir durch Eingewöhnung in das neue Brauchen gemacht?«

Durch das konsequente Bemühen, dabei an gängigen Ordnungsmustern der Designtheorie vorbeizudenken und stattdessen auf eine sorgfältige historische Phänomenologie der Gesten der Inbesitznahme und des Gebrauchs alltäglicher Objekte zu setzen, ist Im Haus der Dinge ein merkwürdiges und zugleich denkwürdiges Buch geworden. Selles Essay erinnert an die Bemühungen eines routinierten Zeichners, der die Unbefangenheit des Weltbezugs malender Kinder wiederzuerlangen versucht. Die Unsicherheit, die damit einhergeht, schlägt sich gerade am Anfang des Texts in einigen gewöhnungsbedürftigen Zügen nieder, etwa ständigen Respektsbekundungen in Richtung anderer, meist philosophischer Autoren. Das ist nicht das Einzige, was diesen Text befremdlich macht. So leidet er beispielsweise an Wiederholungen. Es gibt lange Passagen, die an die deutsche Atmosphären-Philosophie erinnern. Um deren säuselnden, leicht pastoralen Ton ohne Ingrimm ertragen zu können, sollte man als Leser schon robust gebaut sein.

Und doch: Selle stellt in philosophischem Geist genuin philosophische Fragen. Man mag einwenden, dass er viele davon nicht zu beantworten vermag – was Selle selbst am allerwenigsten leugnen würde. Doch wenn er, ausgehend vom eigenen Staunen, seine Beobachtungen Schritt für Schritt sichtet, sichert, modifiziert und reflektiert, so ist das Theorie im besten Sinne: ein um allgemeine – und nicht nur historische – Orientierung bemühtes, gleichermaßen informiertes wie geduldiges hinsehendes Nachdenken. Es bleibt ein Rätsel, weshalb diese Form intellektueller Sorgsamkeit nicht längst Schule gemacht hat.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Julia-Constance Düssel (Hrsg.), Design & Philosophie. Schnittstellen und Wahlverwandtschaften. Bielefeld: transcript 2016.
  2. Das hat maßgeblich mit der Logik der Ressourcenverteilung zu tun. Denn auch wenn die Fördervolumina, mit denen der Weinberg der Wissenschaft bewässert wird, in absoluten Zahlen noch so eindrucksvoll erscheinen, sind die Mittel umgerechnet auf die noch weitaus eindrucksvollere Zahl an Bewerbern chronisch knapp. Zugleich werden Veröffentlichungen und Herausgeberschaften in Buchform zumindest in den Geisteswissenschaften nach wie vor als sicherer Leistungsnachweis betrachtet und stellen damit ein maßgebliches Karrierekriterium in einem hochprekären Berufsfeld dar. Das aber verführt dazu, noch für die schlichtesten disziplinären Fingerübungen in Anspruch zu nehmen, sie seien bahnbrechend und innovativ, was nebenbei dadurch erleichtert wird, dass die Logik der Mittelvergabe ohnehin dazu zwingt, ständig über die Ergebnisse von Projekten und Überlegungen zu fantasieren, zu denen man wegen der aufwändigen Finanzierungssicherung noch gar nicht gekommen sein kann. Die realistische Einsicht, dass vom Output des akademischen Betriebs das Wenigste gedruckt vorliegen muss, weil im Alltagsgeschäft mit seinem andauernden Zeit- und Gremiendruck improvisierte Tagungskonzepte, Last-minute-Vorträge und das Recycling alter Textbausteine zwangsläufig eher die Regel als die Ausnahme darstellen, hat in diesem System schlicht keinen Platz (gar nicht erst zu reden davon, dass spektakuläre Erkenntnisse ohnehin die Ausnahme darstellen, weil auch das energischste Nachdenken häufig genug in Sackgassen endet).
  3. So in der Einführung des von Judith Dörrenbächer und Kerstin Plüm herausgegebenen, in jeder Hinsicht genretypischen Tagungsbands Beseelte Dinge. Design aus Perspektive des Animismus. Bielefeld: transcript 2016.
  4. Zuletzt etwa Florian Arnold, Philosophie für Designer. Stuttgart: avedition 2016. Das klar formulierte und kenntnisreiche Büchlein ist so sehr im didaktischen Korsett gefangen, dass mich das Blau des Umschlags mit dem Fortgang der Lektüre immer mehr an einen Kommunionsanzug hat denken lassen. Einer der wenigen mir bekannten Versuche einer nicht nur propädeutisch gemeinten systematischen Philosophie der Gestaltung stammt von Andreas Dorschel (Gestaltung – Zur Ästhetik des Brauchbaren. Heidelberg: Winter 2002).
  5. Dass die Soziologie noch immer eher wenig zum Thema Gestaltung zu sagen weiß, belegt das Buch von Silke Steets, Der sinnhafte Aufbau der gebauten Welt. Eine Architektursoziologie. Berlin: Suhrkamp 2015. Steets setzt einen aufwändigen Theorie- und Begriffsapparat ein, wozu sie sicher die Hälfte der Textmasse einem von zahllosen Originalzitaten eingefassten Repetitorium zur Wissenssoziologie von Schütz, Berger und Luckmann widmet. Allerdings wären Einsichten wie die, dass die architektonische Entwurfspraxis »mit dem Problematisieren architektonischer Probleme einhergeht« oder auch »Orte eine architekturprägende Wirkung entfalten können, ohne die die Symbolik eines Bauwerks nicht endgültig zu entschlüsseln ist«, deutlich billiger zu haben gewesen.
  6. Eine erfreuliche Ausnahme ist das 2016 von Reinhard Klimmt und Patrick Rössler vorgelegte (mit einem Verkaufspreis von fast 250 Euro leider nur für Bibliotheken erschwingliche), völlig zu Recht durchgehend wohlwollend rezensierte Duett aus Text- und Bildband Reihenweise. Die Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter. Butjadingen: Achilla Presse 2016.
  7. Jochen Eisenbrand, George Nelson. Ein Designer im Kalten Krieg. Ausstellungen für die United States Information Agency 1957–1972. Zürich: Park Books 2014. Ernstzunehmende Impulse, das blinde Vertrauen in die gängigen kunst- und designhistorischen Narrative zu hintertreiben, kommen am ehesten noch von Seiten der Kulturwissenschaften. Vgl. Katharina Eck/Astrid Silvia Schönhagen (Hrsg.), Interieur und Bildtapete. Narrative des Wohnens um 1800. Bielefeld: transcript 2014 (das man als Leser allerdings über weite Strecken mühsam aus dem Antragsdeutschen rückübersetzen muss).
  8. So etwa Christoph Thun-Hohenstein u.a. (Hrsg.), Wege der Moderne. Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen. Basel: Birkhäuser 2015. Da die meisten Designmuseen in erster Linie designhistorische Sammlungsinteressen und Forschungsfragen verfolgen, begegnet man in den Begleitveröffentlichungen häufig denselben Autoren, die auch das akademische Feld bestellen.
  9. Vgl. Andreas Beaugrand/Pierre Smolarski (Hrsg.) Adbusting. Ein designrhetorisches Strategiehandbuch. Bielefeld: transcript 2016. Adbusting, ein Neologismus aus »Ad(vertisement)« (Werbung) und »to bust somebody« (jmd. verarschen, hochgehen lassen) bezeichnet die in aller Regel anonym vorgenommene, sinnentstellende Verfremdung von Werbebotschaften im öffentlichen Raum etwa durch Überschreiben, Übermalen, Überkleben von Plakaten. Die listige Umwidmung von Werbebotschaften wirkt umso schlagender, je geringfügiger der jeweilige Eingriff ist und je größer die durch ihn bewirkte Bedeutungsverschiebung. Wie das Buch belegt, bleibt der Erkenntnisgewinn, der vom Ausbuchstabieren solcher Pointen ausgeht, auch dann gering, wenn man die aristotelische Rhetorik bemüht.
  10. Eine kurze Leseprobe aus dem vielversprechenden Themenschwerpunkt »Arbeit«: »Heute geht es vor allem darum, Arbeitsplatzumgebungen zu entwerfen, die Kollaboration und Kommunikation unterstützen und kreatives wie experimentelles Arbeiten beflügeln, kurzum: Innovation fördern. Der Ex-Manager Thomas Sattelberger meinte hierzu, Unternehmen müssten demokratischer werden. Der Trend geht in diese Richtung. Diversität, also das Einbeziehen unterschiedlicher Herangehensweisen, Erfahrungshorizonte und Denkrichtungen, spielt eine wesentliche Rolle, um neue Ideen zu entwickeln.« In: form Design Magazine, Nr. 268, Nov./Dez. 2016. Das ist in etwa dieselbe intellektuelle Bohrtiefe, die man im aktuellen Ikea-Katalog antrifft, wo Design und Demokratie in ähnlicher Weise unproblematisch ineinander fallen.
  11. Frank Wagner, The Value of Design. Wirkung und Wert von Design im 21. Jahrhundert. Mainz: Hermann Schmidt 2015; Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie. Berlin: Suhrkamp 2016.
  12. Gert Selle, Ideologie und Utopie des Design. Zur gesellschaftlichen Theorie der industriellen Formgebung. Köln: DuMont Schauberg 1973.
  13. Das Buch ist vor einigen Jahren nochmals erschienen, ergänzt durch einen vom Autor bis in die Gegenwart aktualisierten zweiten Teil. Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik. Gefolgt von Warenästhetik im High-Tech-Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp 2009.
  14. Gert Selle, Die Geschichte des Design in Deutschland von 1870 bis heute. Entwicklung der industriellen Produktkultur. Köln: DuMont 1978.
  15. Gert Selle/Jutta Boehe, Leben mit den schönen Dingen. Anpassung und Eigensinn im Alltag des Wohnens. Reinbek: Rowohlt 1986.
  16. Anregend insbesondere Gert Selle, Die eigenen vier Wände. Wohnen als Erinnern. Frankfurt: Campus 1993; ders., Siebensachen. Ein Buch über die Dinge. Frankfurt: Campus 1997; ders., Design – Randphänomen oder Zentralmassiv der Industriekultur? Vortrag zur Gründungsveranstaltung der Gesellschaft für Designgeschichte in Weimar, 3. Februar 2008. http://www.gfdg.org/verein/reden/gert-selle/
  17. Gert Selle, Hart und Weich. Vortrag zum 2. Weißenhof-Symposium »Neue Wohnkultur. Von der Mechanisierung zur Elektronisierung des Domizils« an der HbK Stuttgart (1998). In: Ders., Beiseitegesprochen. Über Kultur, Kunst, Design und Pädagogik. Frankfurt: Anabas 2000.
  18. Gert Selle, Im Haus der Dinge. Versuch einer phänomenologischen Orientierung. Mit Zeichnungen von Astrid Brandt. Frankfurt: Surface 2015. Seit längerem angekündigt, aber noch immer nicht erschienen, ist ein Sammelband mit dem Titel Design denken!, der Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 2010 bis 2015 enthalten soll.

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