Das Geschichtsbild der Neuen Chronologie

An der Moskauer Staatsuniversität wird die historische Zeitrechnung radikal revidiert

Vor einiger Zeit wurde aus der Universität Salento (Lecce) eine dezidierte Neudatierung der sogenannten Kapitolinischen Wölfin gemeldet, eines Meisterwerks etruskischer Plastik, das den Gründungsmythos der Stadt Rom vergegenwärtigt und allein deshalb schon immer zu kontroversen Spekulationen Anlass gegeben hat. Durch Radiokarbontests und andere Materialstudien ist nun nachgewiesen, dass die angeblich aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert stammende Skulptur nicht vor dem 12. Jahrhundert hat entstehen können. Diesbezügliche Vermutungen gab es schon früher. Obwohl sie durch die jüngsten Untersuchungen zur Gewissheit geworden sind, bleibt in weiten Kreisen (und selbst unter Experten) ein Rest von Skepsis. Noch heute wird die Wölfin mit den beiden Säuglingen Romulus und Remus auf der Homepage der Kapitolinischen Museen ambivalent datiert auf »5. Jahrhundert v. Chr. oder Mittelalter«.

Mit rückhaltloser Begeisterung wurden die Erkenntnisse der italienischen Spezialisten an der Moskauer Staatsuniversität aufgenommen, wo eine Forschungsgruppe schon seit Jahrzehnten an einem nicht nur deutlich ambitionierteren, sondern zugleich deutlich umstritteneren Neudatierungsprojekt arbeitet: Die Anhänger der sogenannten Neuen Chronologie wollen die gesamte in den Geschichtswissenschaften gängige Zeitrechnung um gut eintausend Jahre beschneiden.

Durch die Aufdatierung beziehungsweise Verjüngung der angeblich antiken Bronzeskulptur, so ließen sie verlauten, sei nun endlich ein unabhängiger wissenschaftlicher Beweis für ihre These erbracht. Im gleichen Atemzug schlugen sie eine Datierung der Kapitolinischen Wölfin auf das späte 15. Jahrhundert vor. Und mehr als dies: Die etruskische Hochkultur insgesamt sei aus der vorchristlichen Antike ins Hochmittelalter zu transferieren. Die Moskauer Chronologen gehen nämlich davon aus, dass die Etrusker, entgegen allen bisherigen Vorgaben und Annahmen, im 13./14. Jahrhundert aus Vorderasien (östliches Mittelmeer, nördliches Schwarzmeergebiet) nach Italien eingewandert sind und sich dort als »Tyrrenier«, als »Tartaren« oder auch als »(Et)Russen« niedergelassen haben. Bei den Etruskern handelt es sich demzufolge um ein slawisches Völkergemisch mit deutlicher christlicher Imprägnierung.

Die Neue Chronologie wird seit den späten 1970er Jahren (und mit zunehmender Resonanz seit der Wende von 1989/1991) unter Führung des Mathematikers Anatolij Fomenko systematisch aufgearbeitet und medial höchst wirksam popularisiert, sei es in Form zahlloser Sachbücher »für breiteste Leserkreise«, sei es in Fernsehsendungen, in öffentlichen Vorträgen und Seminaren oder auf Youtube. Der Zuspruch ist enorm, die Auflagenzahlen und die Likes erreichen Spitzenwerte. Fomenko ist zu einem Markenzeichen geworden, sein Team zu einer Firma, und sein wissenschaftlicher Status ist beglaubigt durch zahlreiche akademische Mitgliedschaften, Anerkennungspreise, Urkunden und Titel.

Ungeachtet einer breit aufgestellten Gegnerschaft von Experten aus vielerlei Fachbereichen, die in der Neuen Chronologie lediglich eine abstruse esoterische Lehre erkennen können und die darüber hinaus – angesichts der zahlreichen Anhängerschaft – eine Verunsicherung des hergebrachten russischen Geschichtsbewusstseins, wenn nicht gar eine ernstliche Gefährdung des russischen Bildungswesens insgesamt befürchten, ist der Fomenkismus im postsowjetischen Russland zu einer eigenständigen historischen Disziplin geworden.

Fomenko, Mitglied der Russländischen Akademie der Wissenschaften und Professor an mehreren russischen Universitäten, präsentiert sich als ein Universalgelehrter alten Stils, und er kann außerdem auf sein bemerkenswertes künstlerisches Schaffen (Malerei, Fotografie) verweisen. Als sein Spezialfach könnte man – paradox, aber zutreffend – das Generalistentum bezeichnen, dem er selbstbewusst und ungeniert seit Jahrzehnten huldigt: Die Recherchen zur Neuen Chronologie reichen von der allgemeinen Geschichte über die Paläografie und die Materialwissenschaften bis zur mathematischen Statistik und zur Theologie.

Eine derartige Spannweite von Interessen und Kompetenzen wirkt auf heutige, zumeist hochspezialisierte Forscher zumindest provokant, wenn nicht obsolet. Die vielstimmige Kritik an der Neuen Chronologie hebt denn auch mehrheitlich auf Detailfragen ab, die sich einem Laien kaum erschließen und deshalb die Popularität des Fomenkismus als global konzipiertes Geschichtsmodell nicht nachhaltig beeinträchtigen können. Anatolij Fomenko und sein jüngerer Kollege Gleb Nossowskij (auch er von der Mathematik herkommend) bilden derzeit die Doppelspitze eines weltweit einzigartigen Unternehmens, das seinen Zuspruch dadurch gewinnt, dass es die überlieferte Geschichtsschreibung generell als Falsifikat ausweist und dieses »Falsifikat« kurzerhand durch eine neue, ingeniös ausgetüftelte Fälschung ersetzt.

Wust von mathematischen Formeln

Zur Legitimation ihrer alternativen Zeitrechnung und des darauf basierenden Geschichts- und Weltbilds haben die Vertreter der Neuen Chronologie nach dem pauschal-polemischen Motto »Zahlen wider die Lüge« eine überwältigende Fülle von entsprechend aufbereiteten Beweisstücken aus allen eurasiatischen Kulturen zusammengetragen und diverse eigene (vorzugsweise statistische und namenkundliche) Verfahren zu deren Datierung und Ausdeutung entwickelt. Die so gewonnenen historischen »Erkenntnisse« werden vorzugsweise in Form von Diagrammen und Vergleichslisten zur Darstellung gebracht. Als Leser ist man einerseits mit höchst ungewöhnlichen Thesen konfrontiert, anderseits mit einem kaum durchschaubaren Wust von mathematischen und physikalischen Formeln. Das eine wie das andere vermag durchaus zu faszinieren, regt zu kritischer historischer Besinnung an, derweil die Neue Chronologie insgesamt fundamentale Zweifel aufkommen lässt.

Seit 2003 synthetisiert Anatolij Fomenko den bisherigen Forschungsertrag seines Moskauer Arbeitskreises nicht mehr allein in russischer, sondern im Rahmen einer großangelegten Gesamtdarstellung der Neuen Chronologie auch in englischer Sprache. 1 Zu den dabei vorgelegten »Erkenntnissen« – die Anführungsstriche müssen vorerst beibehalten werden – gehören wahrhaft umwälzende (»revolutionäre«) Neudatierungen wie jene der etruskischen und christlichen Kultur, Datierungen, die zur drastischen Verschiebung von Epochenschwellen, aber auch zur wechselseitigen Überlagerung ganzer Jahrhunderte und Kulturkreise oder gar zu deren Aufhebung Anlass geben.

Wohl sind auch außerhalb Russlands (vorwiegend im deutschsprachigen Kulturraum) diverse Neochronologen am Werk, die mit ähnlichen Hypothesen aufwarten wie die Fomenkisten, doch handelt es sich dabei um Einzelgänger und Einzelkämpfer, die ihren fehlenden wissenschaftlichen Leistungsnachweis durch esoterische oder ideologische Spekulationen kompensieren. In universitären Historikerkreisen finden sie keinerlei Zuspruch, und dass irgendeiner von ihnen hierzulande auf einen Lehrstuhl oder in eine Akademie berufen werden könnte, ist undenkbar. Demgegenüber ist der Fomenkismus weitgehend in den staatlichen Wissenschaftsbetrieb integriert und kann über beträchtliche finanzielle wie auch personelle Ressourcen verfügen.

Obwohl die Neue Chronologie mithin als wissenschaftliche Institution offiziell anerkannt ist, fehlt ihr nach wie vor die viel wichtigere Anerkennung durch interdisziplinär und international angesehene Fachkollegen – ein Defizit, das selbst so berühmte Sympathisanten Fomenkos wie der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow oder der unlängst verstorbene Wissenschaftstheoretiker und Schriftsteller Alexander Sinowjew nicht ausgleichen können.

Auch von manchen russischen Experten wird der Fomenkismus, seiner wissenschaftlich-technischen Hochrüstung zum Trotz, skeptisch beobachtet und mitunter heftig kritisiert. Davon zeugen diverse Einzel- und Sammelpublikationen, die allerdings wegen mangelnder medialer Verbreitung (im Unterschied zu Fomenkos verlegerischer Massenproduktion) keine öffentliche Resonanz erzeugen. Gegner und Befürworter der Neuen Chronologie stehen sich unversöhnlich gegenüber – ein Dialog findet nicht statt und scheint sich auch nicht anzubahnen.

Der Fomenkismus geht von der bemerkenswerten Prämisse aus, dass die Historiografie keine schriftlichen Originaldokumente zur Verfügung habe, die älter als vierhundert Jahre sind – bei allen historischen, philosophischen, literarischen Texten, die gemeinhin auf die »Antike« oder die »frühchristliche« Zeit zurückgeführt werden, handle es sich um eigens gefälschte Schriften aus der frühen Neuzeit, und auch entsprechende Werke der Architektur und Plastik sowie Kultgegenstände, Sarkophage, Herrscherporträts usw. habe man – nach der »alten« beziehungsweise veralteten, vom Vatikan wie auch von weltlichen Herrschaften durchgesetzten Zeitrechnung – absichtsvoll fehldatiert. Eben dadurch habe sich die Geschichte der Christenheit um rund eintausend Jahre verlängert, so dass sich Päpste, Kaiser, Könige und manche Adelsfamilien nach Belieben ihre weit zurückreichenden Genealogien hätten zurechtlegen und daraus auch Macht- und Gebietsansprüche ableiten können.

Vordergründig verblüfft zunächst die radikale Verkürzung des bislang anerkannten Geschichtsverlaufs – die ägyptische, griechische, römische Antike wird von der Neuen Chronologie als eine von langer Hand geplante historische Fiktion ausgewiesen, die im Hochmittelalter und in der Renaissance von versierten Skribenten abgefasst worden sei, derweil das »dunkle Mittelalter« um mehrere hundert Jahre reduziert wird, was unter anderem die These – eher: die Behauptung – aufkommen ließ, es habe um 800 nach Christus weder Karl den Großen noch dessen weitläufiges Reich gegeben, und von den angeblich elf Jahrhunderten byzantinischer Geschichte seien bestenfalls deren sechs tatsächlich ins Land gegangen.

So verschiebt sich denn auch die griechische Antike in den Zeitraum vom 11. bis zum 16. Jahrhundert; die römische Kaiserzeit fällt mit der Zeit der spätmittelalterlichen Stauferkönige zusammen; der Krieg um Troja wird mit der definitiven Vernichtung der Stauferdynastie durch Karl von Anjou im mittleren 13. Jahrhundert gleichgesetzt, als deren Sänger und Chronist der damalige Dichter Saint-Omer (Homer: Ilias) zu gelten habe. Und weiter: Das Alte Testament beziehe sich im Wesentlichen auf historische Ereignisse des europäisch-byzantinischen 14. bis 16. Jahrhunderts, sei mithin eine »humanistische« Fiktion und im Übrigen jünger als das Neue Testament (das dem 12./13. Jahrhundert zugeordnet wird); die Epoche der Gotik müsse (aufgrund von architektur- und materialtechnischen Gegebenheiten) in die Barockzeit verlegt beziehungsweise mit ihr identifiziert werden; bei der astronomisch unhaltbaren Geschichtsschreibung Chinas wie auch bei der chinesischen Technikgeschichte handle es sich um neuzeitliche Fälschungen – Schießpulver und entsprechende Waffen, Papierherstellung und mechanische Druckverfahren seien allesamt zwischen dem 10. und 16. Jahrhundert in Europa erfunden und entwickelt worden.

Die Aufzählung derartiger alternativer Fakten ließe sich beliebig erweitern – die Fomenkisten liefern dafür Beispielmaterial zuhauf: Inschriften, Signaturen, Siegel, Münzen, Waffen, Gebrauchs- und Kunstgegenstände, Mythen und Epen, astronomische Berechnungen und chemische Analysen. Manche der zusammengetragenen Zeugnisse sind als solche von Interesse und lassen sich auch wissenschaftlich beglaubigen, problematisch ist jedoch die willkürliche Wertung und Zusammenführung dieser Zeugnisse zu einer universalistischen Lehre, die sich durch ihren dogmatischen Anspruch selbst diskreditiert und letztlich bestenfalls als ein ideologisches Konstrukt, nicht aber als kohärente Theoriebildung betrachtet werden kann. Daraus resultiert ein fataler Mix von Fakten und Fiktionen, der Wissen wie Glauben, Wissenschaft wie Religion gleichermaßen infrage stellt und sie auch gleichermaßen in ein fatales Patt versetzt.

Wahre Geschichte Russlands

Dass sich unter solchen Prämissen gerade auch die »vaterländische« russische Geschichte (Staatsgründung, Christianisierung, »Tatarenjoch«, Machtübernahme des Hauses Romanow usw.) völlig neu darstellt, liegt auf der Hand – für den Fomenkismus steht fest, dass sie im 18. Jahrhundert von einer Handvoll deutscher Historiker im Auftrag des Zarenhofs systematisch gefälscht und danach zur Legitimierung des Hauses Romanow entsprechend fortgeschrieben wurde. Diese »Fälschung« zu entlarven und »richtigzustellen«, gehört zu den praktischen, auch politisch relevanten Grundanliegen der neuen Moskauer Chronisten.

Anatolij Fomenko und seine Mitarbeiter nehmen für sich in Anspruch, in ausschließlich wissenschaftlicher Absicht, mit strengster, zugleich umfassendster wissenschaftlicher Methodik sowie breitester wissenschaftlicher Dokumentation die »Wahre Geschichte Russlands« und damit die »Slawische Eroberung der Welt« (zwei fomenkistische Buchtitel) unwiderlegbar dargetan zu haben. Der absehbare Abschluss dieses Projekts kommt tatsächlich einer »Revolution« gleich, von der die historische Forschung und das traditionelle russische Geschichts- und Selbstverständnis gleichermaßen betroffen sind – ein althergebrachtes Weltbild wird dadurch in sein Gegenteil verkehrt. Das Russentum, von der euroamerikanischen Geschichtsschreibung angeblich als zurückgebliebenes Völkergemisch ohne zivilisatorische und kulturelle Eigenständigkeit diffamiert, soll nun als Mentor, Befreier und Kulturträger des Westens endlich ins Recht gesetzt werden und als gesamteuropäische Gründungs- und Supermacht in die Annalen eingehen.

Der in der russischen Mentalität tiefverwurzelte Märtyrer- und Opferstatus des euroasiatischen Vielvölkerstaats mutiert kraft der Neuen Chronologie zu einer triumphalen Geschichte von Sieg und Gewinn. Die Argumente, Indizien und Thesen dafür erbringen nichts weniger als eine transnationale, vom Slawentum dominierte Heilsgeschichte, deren Einzugsgebiet ganz Europa, den Nahen Osten und Teile Nordafrikas umfasst – von Schottland bis Byzanz, vom Kaukasus bis nach Ägypten sowie ostwärts weit über den Ural hinaus.

Perplex nimmt man zur Kenntnis, dass der Fomenkismus so gut wie alle in diesem Großraum angesiedelten Völker dem Slawentum zuschlägt – die Normannen (Wikinger, Waräger) ebenso wie die Skythen, die Schotten, die Tataren, die Thrakier und die Türken, ja sogar die legendären Mongolen der Goldenen Horde und das Reitervolk der Amazonen. Diese und viele andere Völkerschaften sollen an der großen »Slawischen Eroberung der Welt« (im 13./15. Jahrhundert) beteiligt gewesen sein, einem historischen Großereignis, das man bisher fälschlicherweise als die große »Völkerwanderung« auf das 4. bis 6. Jahrhundert datiert habe. Hier wird also offenkundig die Idee eines eurasiatischen Großraums unter russischer (»slawischer«) Führung skizziert, mithin ein Geschichtskonzept, das für Putins aktuelle Geopolitik Modellcharakter haben könnte.

Die Staatsgründung der altrussischen Fürstenlande (Rus) wird in der Neuen Chronologie vom 9. auf das 13./14. Jahrhundert verschoben, die Christianisierung (»Taufe«) des Kijewer Reichs vom 10. auf das späte 15. Jahrhundert, das sogenannte Tataren- oder Mongolenjoch (Besatzung des Moskowiter Reichs durch die Goldene Horde) vom 13./15. auf das 14./16. Jahrhundert. Tataren und Mongolen werden nicht mehr, wie in der Geschichtsschreibung auch heute noch üblich, als brutale Unterdrücker und Ausbeuter dargestellt, sondern als weitsichtige Strategen einer »slawischen Eroberung« der gesamteuropäischen und nahöstlichen Welt, die keineswegs nur Zerstörung, vielmehr einen nachhaltigen kulturellen Input mit sich gebracht habe.

Karl der Große soll einer dieser Strate­gen gewesen sein: Durch seinen Vornamen Karl (slaw. kral oder korol, für König) wie auch durch den Beinamen (lat. magnus, der Große) sei er als »Mongole«, mithin als »Russe« und »Slawe« ausgewiesen. Da die Fomenkisten das Latein vom Altslawischen herleiten, können sie lat. »magnus« (groß) leicht mit russ. »mnogo« (viel) und auch mit dem russischen Namen der Mongolei (Mongolija) in Verbindung bringen. Damit ist Karl der Große als »Karl der Mongole« beziehungsweise als »König der Vielen« identifiziert. Die Bezeichnung der karolingischen Reichshauptstadt »Aachen«, hergeleitet vom mongolischen Herrschertitel »Chan«, bestätige die slawische Herkunft des »deutschen« Kaisers.

Solche Lesarten von Personen- und Ortsnamen finden sich im fomenkistischen Schrifttum zu Hunderten – sie sind sprachgeschichtlich größtenteils unhaltbar, lassen aber mit ihrer staunenswerten Kombinatorik manche Sachverhalte und ungeklärte Vermutungen in neuem Licht erscheinen, abgesehen davon, dass sie – wenn auch bloß als spielerische Fantasielösungen – ungemein anregend sein können. Damit kontrastiert freilich die unbeugsame Rechthaberei der Fomenkisten ebenso wie deren Sendungsbewusstsein, durch das jegliche Kritik mit immer noch mehr Scheinargumenten und Zufallsindizien abgeschmettert wird.

Von den epochalen Verrückungen der Neuen Chronologie sind, wie das Beispiel Karls des Großen zeigt, auch historische Einzelpersonen sowie deren Aktivitäten und Werke betroffen. Plotin und Plethon, ein spätantiker und ein hochmittelalterlicher Philosoph, nehmen im fomenkistischen Schrifttum alternativ – die Ähnlichkeit der Namen soll auch hier als »Beweis« gelten! – die Stelle Platons ein, der in Wirklichkeit ein Autor der Renaissance gewesen sei, ebenso der angeblich dem ersten nachchristlichen Jahrhundert zugehörende Autor Plutarch, der in Wirklichkeit (wiederum kraft seines Namens) mit Petrarca, dem großen Dichter und Gelehrten des 14. Jahrhunderts, identisch sein soll.

Nicht zuletzt bestimmen die Fomenkisten auch die Person und die Lebenszeit Jesu völlig neu – mit Konsequenzen, die in Bezug auf die biblische Überlieferung und die Kirchengeschichte tatsächlich »revolutionär« wären. Denn Jesus Christus und das gesamte christliche Heilsgeschehen werden durch die Neue Chronologie von der gewohnten »Zeitenwende« ins 12. Jahrhundert, von Palästina an den Bosporus verlegt. Fomenko glaubt aufgrund seiner mathematischen und astronomischen Berechnungen die Lebensdaten des Heilands exakt mit 1053 bis 1086 angeben zu können. Damit wäre zumindest das überlieferte Sterbealter Jesu, 33 Jahre, bestätigt. Als der wahre Jesus Christus wird jedoch der angeblich auf der Halbinsel Krim geborene byzantinische Kaiser Andronikos I. Komnenos namhaft gemacht, der bereits im dritten Regierungsjahr, nach dem Scheitern seiner Reformprojekte, gekreuzigt oder gesteinigt worden sei. Konstantinopel als das »wahre Jerusalem« (mit dem Garten Gethsemane und dem Hügel Golgatha, von denen in Palästina keine Spur zu finden sei) müsse als Ort der Hinrichtung angenommen werden. Dies also mit einer zeitlichen Verschiebung um mehr als ein Jahrtausend gegenüber der traditionellen Zeitrechnung und im Übrigen abweichend von den festgeschriebenen Lebensdaten des historischen Andronikos (1118–1185).

Die Fomenkisten verweisen dazu unter anderem auf eine literarische Quelle: In William Shakespeares Titus Andronicus (ca. 1590) werde keineswegs ein Feldherr der spätrömischen Antike vergegenwärtigt, sondern eben jener Andronikos Komnenos, der nachmals in der verklärten Gestalt Jesu göttlichen Status erreicht habe. Alle diesbezüglichen Annahmen und Behauptungen der Neuen Chronologie laufen darauf hinaus, den Begründer des Christentums als geschichtliche Persönlichkeit (»Christos Andronikos«) dem Heiligen Russland zuzuordnen, was naturgemäß leichtfällt, wenn man Byzanz mit Griechenland und Griechenland mit dem Land der Russen gleichsetzt.

Die Tatsache, dass der russische Präsident Wladimir Putin heute mit implizitem Rückgriff auf die Neue Chronologie die Annexion der Krim rechtfertigt und die geschichts- und kulturträchtige Halbinsel zum Heiligen Land des Russentums erklärt, ist Beleg genug für die politische wie auch propagandistische Wirkkraft dieses (nennen wir’s einmal so:) »retrospekulativen« Denkens, gleichgültig, ob es sich auf eine historische Fiktion, eine Fälschung oder eine mathematisch beglaubigte Zeitrechnung bezieht.

Abstruse Irrlehren

Man mag die fomenkistischen Spekulationen hin und wieder amüsant finden, man mag dabei an Geschichtsfiktionen wie jene von Umberto Eco oder Dan Brown denken, man mag sich vom Forschungs- und Fantasieaufwand der Neuen Chronologie beeindrucken lassen, doch durchweg bleibt man irritiert vom autoritären Dogmatismus und der fahrigen Methodik, mit der ihre Wortführer sich selbst zu behaupten und gleichzeitig ihre Gegner zu diffamieren suchen. Dass es sich bei ihren angeblichen Funden mehrheitlich um Fälschungen beziehungsweise um falsch eingeschätzte und fehlerhaft datierte Objekte handelt, davon sind die Experten der universitären Geschichts- und Sprachforschung überzeugt – sie werfen der Neuen Chronologie und deren Adepten genau das vor, was diese auch ihnen vorwerfen: Naivität, Inkompetenz, Inkonsequenz, Verantwortungslosigkeit und letztlich Verbreitung von »abstrusen«, bisweilen auch »gefährlichen« Irrlehren.

Doch Tatsache ist, dass solche Vorbehalte weitgehend ungehört verhallen. Obwohl viele – die meisten – Thesen der Neuen Chronologie auf wissenschaftlichen Kongressen und in wissenschaftlichen Publikationen falsifiziert worden sind, nimmt Fomenkos Anhängerschaft unentwegt zu und wird zu einer esoterischen Massenbewegung, die auch außerhalb Russlands mehr und mehr Beachtung findet. Im Internet, in Workshops, in staatlichen und privaten Medien genießt er längst Kultstatus und gewinnt zusehends den Rang eines prophetischen Meinungsführers, der dem Russentum durch die Erhellung und Neuauslegung der »vaterländischen« Geschichte gleich auch eine lichte Zukunft zu garantieren scheint: In dürftiger Zeit evoziert schönfärberische Geschichtsfälschung verpasste Möglichkeiten und regt gleichzeitig zu ihrer künftigen Verwirklichung an.

Womöglich ist dies ein Symptom für die Wiederkehr jener »intelligenten Dummheit« (mit Tendenz zu Geschichtsblindheit), die Robert Musil schon 1937, im unmittelbaren Vorfeld der Kriegskatastrophe und der rücksichtslosen Kulturvernichtung im »Dritten Reich«, als eine »dem Leben selber gefährliche Krankheit des Geistes« diagnostiziert hat. Heute gewinnt diese zeitkritische Diagnose ihre Aktualität zurück.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Anatoly T. Fomenko, History: Fiction or Science? Bend/Oregon: Delamere Resources 2003ff. (bisher 5 von 7 Bänden).

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