The Monuments Men Are Back

Kulturgüterschutz als sicherheitspolitische Herausforderung

»When tracking down terrorists, we now find antiquities.«
Matthew Bogdanos1

Im Oktober 2016 beschloss das britische Unterhaus, die Streitkräfte künftig durch eine »specialist cultural protection unit« zu ergänzen. Modern-day Monuments Men Wanted by the British Army titelte The Art Newspaper. Tatsächlich verfügte die britische Armee seit Ende des Zweiten Weltkriegs über keine Spezialeinheit mehr, die ausdrücklich mit dem Schutz von Kulturgütern vor Zerstörung, Raub und Plünderungen befasst gewesen wäre – »wherever its forces are deployed.«2 Inzwischen wird der Beschluss des House of Commons umgesetzt, die Einheit befindet sich im Aufbau.

Die Gründe für diese Entscheidung liegen auf der Hand: In bedrückender Regelmäßigkeit werden seit Jahren vor allem in den Konfliktzonen des Nahen und Mittleren Ostens antike Stätten und Kulturdenkmäler zerstört.3 Dabei wenden der IS, die Taliban und ähnliche Organisationen eine perfide Doppelstrategie an. Einmal zerstören sie unbewegliches Kulturgut mit brachialer Gewalt, dann wieder nutzen sie es als eine Art »kulturelles Schutzschild« gegen Angriffe. Antike Tempelanlagen wie im syrischen Palmyra werden gleich mehrfach gesprengt, Filmaufnahmen aus Nimrud im nördlichen Irak dokumentieren, wie mit Bulldozern die noch immer beeindruckenden Überreste assyrischer Baukunst plattgewalzt wurden, die Liste ließe sich verlängern. Zwar sind auch in früheren Kriegen und Gewaltkonflikten Kulturdenkmäler immer wieder bewusst zerstört worden, aber das geschah in der Regel im Verborgenen. Die Täter verwandten einige Energie darauf, Spuren zu verwischen, ihre Täterschaft zu verschleiern oder den Verdacht auf andere zu lenken.

Heute hingegen werden die Zerstörungen ganz bewusst öffentlich und zugleich möglichst spektakulär inszeniert. Sprengungen antiker Stätten werden bisweilen live im Internet übertragen, wobei die schwarze Fahne des IS fortwährend im Bild steht, um ja keinen Zweifel an der Täterschaft aufkommen zu lassen. Gesetzt wird auf die Schockwirkung der Bilder, die, so das Kalkül, im »Westen« Ohnmachtsgefühle auslösen und zugleich den eigenen Anhängern die Morschheit dieses »Westens« sowie dessen Unfähigkeit zu koordiniertem Handeln vorführen sollen. Und in der Tat konnte der systematischen Zerstörung kulturellen Erbes bislang wenig entgegengesetzt werden. Es blieb und bleibt weitgehend bei wortreichen Verurteilungen, Protesten, Appellen, hilflos wirkenden Aufforderungen und Verweisen auf die inzwischen zahlreichen internationalen Abkommen zum Kulturgüterschutz. Einige Kommentatoren sind inzwischen gar der Meinung, die westlichen Demokratien hätten durch ihr tatenloses Zusehen beziehungsweise beschämtes Wegschauen einige ihrer zentralen Werte aufgegeben.4

Der britische Beschluss zur Gründung der neuen Spezialeinheit ist so einerseits eine Reaktion darauf, dass man den Zerstörungen bislang nur hilflos zusehen konnte. Er dokumentiert andererseits aber auch die eminente Bedeutung, die der identitätsstabilisierenden Kraft von Kulturdenkmälern bei der Vorbeugung wie auch der Beilegung von Konflikten mittlerweile zugemessen wird. Kulturstätten sind eine unverzichtbare und zugleich kaum wiederherstellbare Ressource für das kulturelle Gedächtnis jeder Gesellschaft: »Protecting culture is a security issue«, betont die Generalsekretärin der UNESCO, Irina Bokova, deshalb mit Nachdruck.5

Antike Kultur im Tausch gegen Waffen

Die Strategie des IS zielt keineswegs ausschließlich auf Zerstörung, sie zielt zugleich darauf, alle Kulturgüter zu verkaufen, derer man habhaft werden kann und die nur einigermaßen transportabel sind. Vor laufender Kamera gesprengt werden die großen Bauwerke, die Tempel und Kolonnaden. Mit allen kleineren Objekten, ja selbst mit den Bruchstücken, die zuvor aus größeren Reliefs herausgeschlagen wurden, geht man hingegen weit sorgsamer um – sie lassen sich schließlich zu Geld machen, und das braucht der IS dringend. In seiner Startphase 2011 finanzierte er sich zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil noch durch die Förderung und den Verkauf von Rohöl aus von ihm kontrollierten Gebieten. Dies ist heute in den Hintergrund getreten. Die Förderung von Erdöl ist aufwändig. Sie bedarf einer komplexen Infrastruktur, qualifizierten Personals und nicht zuletzt eines einigermaßen stabilen Umfelds sowie sicherer Transportwege. Infrastruktur und Transportrouten sind deshalb immer wieder angegriffen worden. Zudem sind die Marktpreise für Rohöl deutlich gefallen. Auf den Antiken- und Kunstmärkten kennen die Preise dagegen seit längerem nur eine Richtung: nach oben.

Der illegale Handel mit Kulturgütern, die aus Plünderungen öffentlicher und privater Sammlungen oder aus Raubgrabungen in archäologischen Stätten stammen, leistet einen erheblichen und weiter steigenden Beitrag zur Finanzierung terroristischer Aktivitäten. Bereits während des Irakkriegs 2003 wurden eindeutige Belege dafür gefunden, dass gezielt und systematisch geplündert oder illegal gegraben wurde, um mit dem Erlös aus dem Weiterverkauf der antiken Kulturschätze Waffenkäufe zu finanzieren oder neue Kämpfer zu rekrutieren.6 In verschiedenen Berichten wird übereinstimmend darauf verwiesen, dass der IS ein raffiniertes System – inklusive Büros und Visitenkarten – institutionalisiert habe,7 um antike Schätze illegal über die Grenzen zu schaffen, sie vermarkten zu lassen und sich auf diese Weise Einkommensquellen zu erschließen.8 Vieles deutet freilich darauf hin, dass gerade in Syrien der illegale Verkauf von Kulturgütern für sämtliche am Konflikt beteiligten Parteien zu einer attraktiven Einkommensquelle geworden ist. Palmyra, Aleppo, Apamea usw. werden, je nach Frontverlauf, mal von der einen, mal von der anderen Seite geplündert. Satellitenaufnahmen lassen eindeutig erkennen, dass die illegalen Grabungen weitergeführt werden, sobald ein Gebiet mit archäologischen Stätten, in denen Raubgrabungen stattgefunden haben, von einer anderen Konfliktpartei erobert wurde. Die Grabungslöcher sind selbst für den Laien auf Google Earth problemlos sichtbar.

Die Doppelstrategie des IS im Umgang mit dem antiken Erbe reflektiert den doppelten Charakter dieser Objekte, die als Kulturgüter symbolische Bedeutungsträger sind, zum anderen aber als Kunstwerke und antike Artefakte zugleich Kulturgüter im ökonomisch-kommerziellen Sinn. Damit unterliegen sie Angebot und Nachfrage, sie werden auf Märkten gehandelt, und sie haben einen Preis.

Die Gewinnspannen, die im illegalen Handel mit Antiken realisiert werden, sind exorbitant. Zwischen den Beträgen, die den Raubgräbern vor Ort von der untersten Ebene der Zwischenhändler gezahlt werden, und den Endpreisen liegen leicht einige tausend Prozent. Laut UNESCO, Interpol und Scotland Yard beträgt der Umsatz des illegalen Handels mit Kulturgütern jährlich weltweit sechs bis acht Milliarden US-Dollar. Der Markt ist damit nach dem illegalen Waffen- und dem Drogenhandel dem Volumen nach der drittgrößte.9 Neuere Schätzungen der UNESCO gehen noch weiter, es wird vermutet, dass sich der Umsatz mit illegal gehandelten Antiken allein aus dem Gebiet des Irak in der Größenordnung von sieben Milliarden Euro bewegen könnte. Zum Vergleich: Der Umsatz der beiden im Kunsthandel weltweit führenden Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s wird für das Jahr 2016 mit insgesamt 6,3 Milliarden US-Dollar angegeben.

Ohne entsprechende Nachfrage wäre ein derart gigantischer illegaler Markt für Kunst- und Kulturgüter undenkbar – ganz offenbar fehlt es nicht an zahlungswilligen Kunden. Sie kommen häufig aus Europa und Nordamerika, es sind Sammler, Investoren, Geschäftemacher, die höchst selten nach der Herkunft der Stücke fragen und deren Gewissensbisse sich in Grenzen zu halten scheinen. Schließlich ist eine plausibel wirkende Exkulpationsstrategie meist schnell bei der Hand.10 Allerdings gibt es genug Fälle, die darauf hindeuten, dass durchaus methodisch »auf Bestellung« geplündert oder gegraben wird. Antiken- und Kunsthändler, Auktionshäuser und Galerien wissen um die Vorlieben ihrer Kundschaft und verfügen über einschlägige Kontakte zu den Zwischenhändlern. Der Schweizer Kunsthändler Christoph Leon gestand in mehreren Interviews bereitwillig die straffe Organisation der Handelskette ein: »Die haben Organigramme von großer Präzision, vom Ausgräber bis hin zur Einlieferung.«11 Den illegalen Anbietern ist zudem durchaus bewusst, dass die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt.

Nun ist der Kunsthandel traditionell hochgradig intransparent, Informationsasymmetrien werden systematisch ausgenutzt, Insidergeschäfte sind nicht die Ausnahme, sondern stellen eher die Regel dar. Auf den von Medien und Öffentlichkeit stark beachteten Versteigerungen durch die großen Auktionshäuser taucht zudem nur ein Bruchteil dessen auf, was im weltweiten Antikenhandel die Besitzer wechselt. Und selbst darunter finden sich regelmäßig Stücke, deren Provenienz alles andere als zweifelsfrei ist. Angesichts von Aufschlägen zwischen 12,5 und 20 Prozent auf den Hammerpreis nehmen es die Auktionshäuser mit ihrer Sorgfaltspflicht nicht immer genau.12

Der größte Teil des Handels mit Kulturgütern aber wird ohnehin jenseits der Auktionssäle abgewickelt. Hier hat sich ein eigener Berufszweig etabliert, die »Kunstvermittler«, die im Auftrag vermögender Kunden das Passende suchen und beschaffen, häufig aus sehr dunklen Quellen. Hinzu kommen spezialisierte Firmen, »Private Treaty Specialists«, die hinter verschlossenen Türen Kontakte zwischen Sammlern/Investoren und potentiellen Anbietern gesuchter Objekte anbahnen und Verkaufsverhandlungen führen. In der einschlägigen kulturökonomischen Literatur werden Märkte für Kulturgüter daher gern als »opak« charakterisiert. Diese Opakheit ist einer der Gründe dafür, dass sich geraubte Antiken auch als Anlagegegenstände anbieten, mit denen sich leicht Geldwäsche betreiben lässt. Einfallstore dafür sind unter anderem die Zollfreilager in der Schweiz. Wer dort etwas einlagert, muss kaum fürchten, eingehend nach der Herkunft der Objekte befragt zu werden. Wohl auch deshalb nimmt deren Flächenbedarf enorm zu, Erweiterungen sind im Bau oder in Planung.

Befördert wird die Opakheit durch Inkonsistenzen im internationalen wie in nationalem Recht. Die vielen Schlupflöcher erschweren die – ohnehin nicht sehr ausgeprägten – Bemühungen um eine effektive Strafverfolgung.13 Den Vorwurf, durch das Offenhalten von Lücken in der Gesetzgebung systematisch mindestens problematisch zu nennende Anreize zu schaffen, muss sich gerade Deutschland gefallen lassen, das zu einer der wichtigsten Drehscheiben im internationalen Handel mit illegalen Kulturgütern aufgestiegen ist. »Denn hierzulande lässt sich Hehlerware problemlos veräußern, solange eine ›Amtsperson‹ in einer öffentlichen Versteigerung ihren Segen dazu gibt.«14 Zwar ist nach Paragraph 935 des BGB der gutgläubige und damit rechtmäßige Erwerb von Sachen, die dem Eigentümer gestohlen wurden, grundsätzlich nicht möglich. Doch dieser Paragraph hat noch einen zweiten Absatz, der diese allgemeine Regel durch die Bestimmung entscheidend einschränkt, dass die Vorschriften ausdrücklich »keine Anwendung« auf Sachen finden, »die im Wege öffentlicher Versteigerung veräußert werden«.

Das bedeutet, dass ein in Palmyra illegal ausgegrabenes Fragment einer antiken Skulptur auf einer Auktion in München völlig legal erworben werden kann. Das Stück bekommt auf diesem Weg sogar eine saubere Provenienz und kann als nunmehr weiße Ware auf den höherpreisigen Märkten weiterverkauft werden. Zumindest zu fragen wäre, ob der deutsche Staat durch solche Regelungen nicht Hehlerei zumindest begünstigt. Schließlich werden fast sämtliche der aus Syrien stammenden und derzeit auf internationalen Märkten auftauchenden antiken Kulturgüter von vornherein illegal gehandelt, denn der Handel mit ihnen war schon lange vor dem Krieg in Syrien verboten. Die restriktive Gesetzgebung des Osmanischen Reiches von 1869 (kein Export ohne explizite staatliche Genehmigung) gilt hinsichtlich der Ausfuhr von Kulturgütern auch in den Nachfolgestaaten bis heute unverändert fort. Aufgrund der aktuellen Situation in Syrien hat die Europäische Union dieses Handelsverbot zudem noch einmal ausdrücklich bekräftigt. Jede Ausweitung des Angebots auf den Märkten für antike Kulturschätze kann mithin nur auf illegalen Aktivitäten beruhen.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Foreign Affairs sah sich jüngst veranlasst, den Kampf um das Trockenlegen der Finanzquellen von Terrororganisationen für verloren zu erklären.15 Für die Zukunft ist kaum Besserung zu erwarten: Die Nachfrage nach Kulturgütern steigt weiter, die Liquidität in den Märkten ebenso, während deren inzwischen selbst von namhaften Volkswirten geforderte wirksame staatenübergreifende Regulierung nicht vorankommt.16 Wenn somit nur geringe Aussichten bestehen, das Problem über die Nachfrageseite zu lösen, liegt es nahe, an der gegenüberliegenden Marktseite anzusetzen. Wirksamer Schutz von Kulturstätten in Kriegs- und Konfliktgebieten würde das Angebot stark verringern und einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Sicherheitslage sowohl unmittelbar in den Konfliktgebieten als auch weit darüber hinaus leisten.

Genau hier greifen die modernen »Monuments Men« ein, wobei die Initiative nicht allein von Großbritannien ausgeht. Bereits seit längerem fordert etwa Italien »Kulturblauhelme«, das heißt den Aufbau einer internationalen Schutztruppe unter Führung der Vereinten Nationen, um Kulturstätten in Kriegsgebieten zu schützen. Der italienische Vorstoß steht im Einklang mit der Präambel zur Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954, in der es heißt, dass »jede Schädigung von Kulturgut, gleichgültig welchem Volke es gehört, eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit bedeutet, weil jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt leistet.« Italien selbst begann bereits 1969 mit der Aufstellung einer Spezialeinheit der Carabinieri zum Schutz zunächst des italienischen Kulturerbes. Später kamen Kulturschutz- und Sicherungsmissionen im Rahmen internationaler Operationen wie zum Beispiel im Irak von 2003 bis 2006 hinzu.17

 

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Formal betrachtet, genießen Kulturgüter durch das humanitäre und das Kriegsvölkerrecht sowie das internationale Strafrecht einen sehr hohen Schutzstatus. Mittlerweile besteht kein Mangel mehr an Abkommen und Konventionen. Als jüngstes Glied in dieser Kette kann die vom Europarat beschlossene und am 19. Mai 2017 von den Außenministern der 47 Mitgliedstaaten auf Zypern unterzeichnete Konvention gegen Zerstörung von Kulturgütern gelten. Allerdings gibt es auch hier gravierende Vollzugsdefizite.

In das Kriegsvölkerrecht fand der Kulturgüterschutz bereits vor fast einhundertzwanzig Jahren erstmals Eingang. In der Haager Landkriegsordnung von 1899 verpflichteten sich 26 Unterzeichnerstaaten zur Einhaltung von Vorschriften, die sich mit dem Schutz von Kulturgütern vor Zerstörung und Beschlagnahme während kriegerischer Auseinandersetzungen befassen. Eine Erweiterung wurde wenig später mit der Haager Landkriegsordnung von 1907 vorgenommen, die den Schutz ausdrücklich auch auf »geschichtliche Denkmäler« ausweitete.

Einen großen Schritt stellt die unter dem Eindruck der Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs am 14. Mai 1954 beschlossene Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten dar, denn erstmals wurde hier der Schutz von Kulturgütern zum Regelungsgegenstand eines eigenen völkerrechtlichen Vertrags. Kulturgüter werden im Artikel 1 des Vertrags definiert als »bewegliches oder unbewegliches Gut, das für das kulturelle Erbe der Völker von großer Bedeutung ist«. Die wesentlichen Ziele der Haager Konvention: Während bewaffneter Auseinandersetzungen müssen Raub, Missbrauch und Zerstörung von Kulturgütern, die stattfinden, um Gegner zu bestrafen, erpressen, demütigen, demoralisieren oder zu täuschen, verhindert werden. Die Konvention sieht die Zerstörung und den Raub von Kulturgut als Vorboten von Völkermord, Vertreibung und Unterwerfung an. Präzisierungen erfuhr die Haager Konvention durch bislang zwei Protokolle (von 1954 und 1999), die insbesondere vorbereitende Sicherungsmaßnahmen festlegen, die in Friedenszeiten umzusetzen sind.

Eine deutliche Verschärfung erfuhr das Kulturgutschutzrecht zuletzt mit dem im Juli 1998 beschlossenen und vier Jahre später in Kraft getretenen Römischen Statut als der Rechtsgrundlage für die Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Artikel 8 Absatz 2 weitet den Begriff des Kriegsverbrechens aus und bezieht nun »vorsätzliche Angriffe auf Gebäude, die dem Gottesdienst, der Erziehung, der Kunst, der Wissenschaft oder der Wohltätigkeit gewidmet sind, auf geschichtliche Denkmäler« in die Definition mit ein. Solche Angriffe gelten seither als Kriegsverbrechen nicht mehr allein in zwischenstaatlichen bewaffneten Konflikten, sondern ausdrücklich auch »im bewaffneten Konflikt, der keinen internationalen Charakter hat«. Die vertragschließenden Seiten suchten damit dem Umstand Rechnung zu tragen, dass symmetrische Kriege, in denen sich reguläre Streitkräfte souveräner Staaten gegenüberstehen, mittlerweile die Ausnahme darstellen.

In asymmetrischen Konflikten aber greifen die bisherigen Regelungen des internationalen Vertragsrechts nicht. Durch die explizite Einbeziehung von Konflikten nichtinternationalen Charakters wird der Internationale Strafgerichtshof zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen ermächtigt, wenn eine solche Tat entweder durch einen Staatsangehörigen einer Vertragspartei oder auf dem Hoheitsgebiet einer Vertragspartei begangen wurde. In Staaten, in denen es aufgrund von inneren Unruhen zum Versagen ihrer Institutionen kommt und somit eine effektive Strafverfolgung kaum möglich ist, soll der Internationale Strafgerichtshof nach dem Komplementaritätsprinzip die Aufgaben der dysfunktionalen nationalen Institutionen übernehmen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der betreffende Staat selbst Vertragspartei des Römischen Statuts ist.

Die wichtigste Regelung des internationalen Friedensrechts, die sich dem Schutz nationaler Kunstwerke widmet, ist das Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut der UNESCO vom 17. November 1970. In Artikel 2 verpflichten sich die Vertragsstaaten, illegale Ein- und Ausfuhr von Kulturgut zu verhindern und »mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln diese Praktiken zu bekämpfen, indem sie insbesondere ihre Ursachen beseitigen, im Gang befindliche Praktiken beenden und zu den erforderlichen Wiedergutmachungen beitragen«. Darüber hinaus ordnet Artikel 7 ein Ankaufsverbot von widerrechtlich exportierten Kulturgütern durch öffentliche Museen an. Deutschland ist erst 2008 unter dem Eindruck der Geschehnisse im Irakkrieg dieser Konvention bei- und in deren Verpflichtungsrahmen eingetreten.

Probleme der Umsetzung

Die Durchsetzung und Anwendung der in den vielen internationalen Abkommen getroffenen Vereinbarungen bereitet jedoch große Schwierigkeiten. Nach wie vor haben diejenigen, die Kulturgüter zerstören, rauben und illegal verkaufen, um Kriegskassen zu füllen, allerbeste Chancen, straffrei davonzukommen. Bislang musste sich erst ein einziger Täter vor dem Internationalen Strafgerichtshof für seine Verbrechen gegen das kulturelle Erbe verantworten: Im Sommer 2016 erfolgte die Verurteilung des Milizenführers Ahmad al-Mahdi wegen der Zerstörung von UNESCO-Weltkulturerbe in Timbuktu (Mali) zu neun Jahren Haft. Doch selbst um dieses eine Urteil gab es heftige Kontroversen. So wandte sich der Kunstkritiker Jonathan Jones ausdrücklich gegen die Klassifizierung der Zerstörung von Kulturgütern als Kriegsverbrechen.

Jones sieht darin eine Aufweichung des Begriffs des Kriegsverbrechens, gar einen Trend zu dessen Auflösung in Beliebigkeit: »War crime as a category must be kept distinct. It needs to be highly specific. The destruction of art is vile and offensive to many – but it is not mass murder and we should not pretend it is the same, nor that it belongs in the same court. There is potential for absurdity and moral confusion if artistic vandalism becomes a matter for The Hague.«18 Robert Bevan, Journalist und als Mitglied des International Council on Monuments and Sites (ICOMOS) Berater der UNESCO zu Fragen des Weltkulturerbeschutzes, erinnerte dagegen daran, dass die Zerstörung materieller Kultur und die Auslöschung von menschlichem Leben allzu oft eng miteinander verbunden sind: »When attacks are intended to erase identities in the name of religion, politics or conquest, they are a crime against humanity.«19

Die Schwierigkeiten liegen auf verschiedenen Ebenen. Die internationalen Verträge werden nicht von allen Staaten unterzeichnet und nicht von allen Unterzeichnern auch ratifiziert. Zudem sind alle diese Regelungen völkerrechtlicher Natur. Organisationen wie der »Islamische Staat« sehen sich nicht daran gebunden – aber schon die bloße Verhandlung mit dem IS über Abkommen und Konventionen setzte voraus, diesem als Völkerrechtssubjekt eine gewisse Staatlichkeit zuzubilligen.

Und dennoch könnte es trotz all dieser Schwierigkeiten um den Schutz des kulturellen Erbes und damit eben auch um die Sicherheitslage besser bestellt sein, würden die Unterzeichnerstaaten der Haager Konvention, der UNESCO-Konvention usw. die mit dem Beitritt zum jeweiligen Vertragswerk eingegangenen Verpflichtungen auch konsequent erfüllen und die dafür erforderlichen Ressourcen bereitstellen. Allerdings haben sich den schon in der Haager Konvention von 1954 formulierten Anforderungen bislang erst Italien und Österreich umfassend gestellt. Nicht viel besser sieht es mit den Mitgliedern der NATO aus, die eigentlich an die Bestimmungen des Washingtoner Vertrags von 1949 gebunden wären.

Zwar bietet das Internet über Datenbanken nach Art des Lost Art Register die Möglichkeit, sich rasch Informationen über gestohlene Werke zu verschaffen. Das Kulturgüterschutzrecht stellt überhaupt nach wie vor stark auf das sogenannte Listenprinzip ab: Verzeichnisse sollen »national wertvolles« Kulturgut erfassen und so Überblick und Kontrolle ermöglichen. Die aktuelle Situation in Syrien, Irak, Libyen und anderswo zeigt aber schnell die Grenzen dieser Instrumente auf, denn aus Raubgrabungen stammende Objekte waren zuvor noch nicht bekannt und konnten daher auch nicht katalogisiert und inventarisiert worden sein.

Das Aufgabenfeld für spezialisierte Einheiten zum Schutz von Kulturstätten in Konfliktzonen wäre damit denkbar weit gesteckt. Neben dem militärischen Schutz im engeren Sinn wird es darum gehen müssen, Schäden zu dokumentieren, Täter festzustellen und sie der Gerichtsbarkeit zu übergeben, wobei man h0ffen muss, dass durch die öffentliche Ausstrahlung solcher Aktionen zugleich ein allgemeiner Bewusstseinswandel in den jeweiligen Einsatzländern angestoßen wird. Nur dann besteht eine Chance, Zerstörungen, Plünderungen und illegalen Handel künftig zumindest einzudämmen.

Ein deutscher Beitrag?

In Deutschland scheint der Schutz von Kulturgütern bisher kein Thema in den Konzeptionen zur Sicherheitspolitik zu sein, und die Verbindung zur Terrorfinanzierung wird erst recht nicht hergestellt. In einem ansonsten thematisch überaus vielfältigen deutschsprachigen Standardwerk zur Sicherheitspolitik findet sich kein Eintrag zu »Kultur«, »Kulturgütern« oder zum »Kulturgüterschutz«.20 Weder die Haager Konvention noch die UNESCO-Konvention von 1970 finden Erwähnung. Gleiches gilt für das aktuelle Weißbuch der Bundesregierung zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr von 2016.

Immerhin haben die deutschen Streitkräfte schon vor Jahren eine eigene Einheit zur »interkulturellen Einsatzberatung« (IEB) aufgebaut. Sie unterstützt Kommandeure von Auslandsmissionen, indem sie sie über landestypische und lokale Besonderheiten informiert, die für den Einsatz relevant werden könnten, um etwa durch kulturelle Missverständnisse verursachten Konflikten mit der Bevölkerung im Einsatzgebiet vorzubeugen. Die IEB leistet damit einen wichtigen Beitrag zur umfassenden Lagebeurteilung. Durch das Einbeziehen von Faktoren und Beziehungen, die jenseits der traditionellen militärischen Logik liegen, lassen sich angemessenere, weil umfassender begründete Entscheidungen treffen. Aktiver Kulturgüterschutz gehört hingegen bislang nicht zu den Aufgaben. Allerdings sollte es möglich sein, die mit den IEB geschaffenen Fähigkeiten zu erweitern und diese Einheit auch personell zu stärken. Schließlich besteht dazu eine konkrete aktuelle Notwendigkeit, denn die Bundeswehr ist unter anderem an der Stabilisierungsmission der UNO in Mali (MINUSMA) aktiv beteiligt. Das entsprechende Mandat erklärt, wenn auch als letzten Punkt der langen Liste, folgendes zum Auftrag: »Support for cultural preservation. To assist the Malian authorities, as necessary and feasible, in protecting from attack the cultural and historical sites in Mali, in collaboration with UNESCO.«21

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Col. Matthew Bogdanos, The Terrorist in the Art Gallery. In: New York Times vom 10. Dezember 2005.
  2. Der Einsatzbericht der »originalen« britischen »Monuments Men« im Zweiten Weltkrieg ist nach Kriegsende veröffentlicht worden und stellt ein in mehrfacher Hinsicht beeindruckendes Dokument dar. Vor allem fällt auf, dass sich bestimmte Problemlagen in den letzten siebzig Jahren nur unwesentlich verändert haben. Lt.-Col. Sir Leonard Woolley, A Record of the Work Done by the Military Authorities for the Protection of the Treasures of Art & History in War Areas. London: His Majesty’s Stationery Office 1947.
  3. Vgl. Herfried Münkler, Raub oder Rettung? Der Transfer von Kulturgütern aus aller Welt in die Metropolen Europas. In: Merkur, Nr. 802, März 2016.
  4. Zum Beispiel der ehemalige Kulturminister Italiens (2006–2008) Francesco Rutelli: »In cities, archaeological sites and religious and historic monuments devastated or destroyed by ISIS, the West is an oblivious witness, abandoning its core values.« Francesco Rutelli, The Return of Iconoclasm. Barbarian Ideology and Destruction by ISIS as a Challenge for Modern Culture, Not Only for Islam. In: Noah Charney (Hrsg.), Art Crime. London: Palgrave Macmillan 2016.
  5. Irina Bokova, Culture Under Fire. In: New York Times vom 6. April 2012.
  6. Vgl. Col. Matthew Bogdanos, Thieves of Baghdad. And the Terrorists They Finance. In: Noah Charney (Hrsg.), Art Crime.
  7. Der Experte für Raubkunst Arthur Brand dazu im Arte-Interview »Der große Raubkunstdeal« vom März 2015: »Die Terrormiliz selbst kennt sich mit Raubkunstgeschäften natürlich nicht gut aus und bedient sich daher schon bestehender Organisationen. Da haben wir es mit sehr professionell agierenden Schmugglern und Hehlern zu tun, die bestens vernetzt sind und in den besten Kreisen verkehren. Gerade in München habe ich Mitglieder eines großen türkischen Schmuggelkartells in aller Seelenruhe am gleichen Tisch mit respektablen deutschen oder amerikanischen Kunsthändlern gesehen. Man kennt sich, man ist Geschäftspartner. Man tauscht Visitenkarten aus. Und das ist übrigens nichts Neues. Der IS nutzt hier vor allem alte Geschäftswege, die schon seit dreißig, vierzig Jahren existieren. Ähnlich wie die Taliban in Afghanistan, die für ihr Geschäft mit dem Heroin auch die alten Schmuggelwege nutzen« (info.arte.tv/de/der-grosse-raubkunstdeal).
  8. Amr Al-Azm/Salam Al-Kuntar/Brain I. Daniels, ISIS‘ Antiquities Sideline. In: New York Times vom 2. September 2014.
  9. Dieser Schätzung hat sich auch die Bundesregierung angeschlossen. Vgl. das Vorwort im Bericht der Bundesregierung zum Kulturgutschutz in Deutschland vom 24. April 2013.
  10. Vgl. Erin L. Thompson, »But We Didn’t Steal It«. Collectors‘ Justifications for Purchasing Looted Antiquities. In: Journal of Art Crime, Frühjahr 2015.
  11. »Aber so was von stinkfalsch«. Gespräch mit Christoph Leon. In: Spiegel vom 31. Januar 2015.
  12. Vgl. David W. J. Gill, The Auction Market and Due Diligence: the Need for Action. In: Journal of Art Crime, Frühjahr 2016; Christos Tsirogiannis, Something Is Confidential in the State of Christie’s. In: Noah Charney (Hrsg.), Art Crime; Neil Brodie, Auction Houses and the Antiquities Trade. In: Suzanna Choulia-Kapeloni (Hrsg.), 3rd International Conference of Experts on the Return of Cultural Property. Athen: Archaeological Experts Fund 2014.
  13. Die zuständige Abteilung für Kunst- und Kulturgüterkriminalität im deutschen Bundeskriminalamt verfügt über gerade einmal vier (!) Stellen. Kaum besser sieht die Situation bei Scotland Yard oder auch bei Interpol aus.
  14. Inge Kloepfer, Drehkreuz für den Kunstraub. In deutschen Auktionshäusern kommt gestohlene Kunst unter den Hammer. In: FAS vom 1. März 2015.
  15. Vgl. Peter R. Neumann, Don’t Follow the Money. The Problem with the War on Terrorist Financing. In: Foreign Affairs, Nr. 4, Juli/August 2017.
  16. So zum Beispiel der Makroökonom Nouriel Roubini, selbst leidenschaftlicher Kunstsammler. Vgl. den Bericht über seinen Auftritt auf dem World Economic Forum 2015 in Davos: John Gapper/Peter Aspden, Davos 2015: Nouriel Roubini says art market needs regulation. In: Financial Times vom 22. Januar 2015.
  17. Vgl. Laurie Rush/Luisa Benedettini Millington, The Carabinieri Command for the Protection of Cultural Property. Woodbridge: Boydell Press 2015.
  18. »Die Kategorie des Kriegsverbrechens sollte eigenständig bleiben. Sie muss höchst spezifisch sein. Die Zerstörung von Kunst ist in den Augen vieler Menschen schändlich und beleidigend – doch es handelt sich dabei nicht um Massenmord, und wir sollten auch nicht so tun, als sei es dasselbe und wäre vor dem gleichen Gericht zu verhandeln. Wenn Kunstvandalismus ein Fall für Den Haag würde, könnte das schnell absurd werden und zu moralischer Konfusion führen.« Jonathan Jones, Destroying priceless art is vile and offensive – but it is not a war crime. In: Guardian vom 22. August 2016.
  19. Robert Bevan, Attacks on culture can be crimes against humanity. In: The Art Newspaper vom 27. September 2016. Bevan ist auch Autor des Buchs The Destruction of Memory. Architecture at War (London: Reaktion Books 2016), das den Zusammenhang zwischen der Zerstörung von materieller Kultur und dem damit einhergehenden Verlust von immateriellem kulturellen Gedächtnis in den Blick nimmt.
  20. Stephan Böckenförde/Sven Bernhard Gareis (Hrsg.), Deutsche Sicherheitspolitik. Herausforderungen, Akteure und Prozesse. Opladen: Budrich 2014.
  21. www.un.org/en/peacekeeping/missions/minusma/mandate.shtml

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