Ein Sternenset

Ein Sternenset

Von Harry Walter

Was sind Sterne? An den Himmel gesteckte Lichter; oder Löcher, die uns durch eine Kugelschale hindurch in das Inferno blicken lassen? Augen, die sorgenvoll über uns wachen; oder die erstarrten Seelen der Toten? Blanke Taler, die einem guten Mädchen zur Belohnung in den Schoß fallen, wie im Sterntaler-Märchen; oder doch bloß kleine aufgespießte goldene Mücken, wie es in Büchners Woyzeck heißt? Oder sind die Sterne einfach nur da?

Nachts, wenn alle Katzen grau sind, kann ein Blick nach oben dennoch etwas ziemlich Buntes offenbaren: Zahllose rötliche, gelbliche und bläuliche Punkte sind um ein y-förmiges, von dunklen Schwaden durchsetztes Lichtband – die Milchstraße – verstreut und leuchten in verschiedenen Intensitäten. Je länger man hinschaut und je klarer und mondloser der Nachthimmel ist, desto mehr davon tauchen auf – bis das Auflösungsvermögen der Netzhaut und die sich einstellende Genickstarre dem schließlich eine natürliche Grenze setzen und der Himmel gesättigt erscheint, ohne überladen zu wirken.

Doch selbst wenn wir uns eigens auf den Rücken legen, erleben wir diese Sternenversammlung nicht als ein Gegenüber, nicht als ein Bild, sondern als eine über uns aufgespannte Kuppel, als Zelt oder Schale, die uns umschließt und trotz der vielen Fixpunkte, zwischen denen das Auge hin und her springt, die sich dazwischen auftuende Leere nicht vergessen machen kann. Die Diskretion, mit der die stellare Farbenpracht vor dem schwarzen Nichts in Szene gesetzt ist, hat sich vermutlich tief auf unser Geschmacksempfinden ausgewirkt. Was funkelt und glitzert, löst ein Staunen aus, das seine kindlichen Wurzeln nie ganz verbergen kann und sich, mit dem Gedanken der Unendlichkeit gekreuzt, bis zum Gefühl des Erhabenen steigern lässt.

Eine meiner Tanten erzählte immer wieder, wie sie als Vierjährige von ihrem im Ersten Weltkrieg nach Verdun abkommandierten Vater beim Abschied am Rastatter Bahnhof in die Arme genommen und dabei magisch angezogen wurde von einem goldenen Uniformknopf, so dass ihr der Vater versprechen musste, ihr beim nächsten Heimaturlaub einen solchen mitzubringen. Die ganze Kriegszeit war in ihrer Erinnerung auf diese eine Episode zusammengeschrumpft, und durch ihr langes Leben zog sich eine Spur kitschiger, jedenfalls auffällig an Weihnachtsschmuck erinnernder Objekte: Engel mit goldenen Locken, Rehe mit Glitzerstaub auf dem Rücken, von Goldfäden durchwirkte oder mit bunten Blättchen aus Metallfolie beklebte Deckchen, was keinen Zweifel daran aufkommen ließ, dass der goldene Knopf sie in tausendfacher Form erreicht hatte.

 

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *