Widerstand

Klangkolumne

Widerstand

Von Holger Schulze

Zwei Tage vor der Amtseinführung des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten am 20. Januar 2017 wurde ein Musikvideo der Band OK GO veröffentlicht, die bislang eher durch kunstvolle, meist in einer Plansequenz choreografierte Musikvideos aufgefallen war. Hier war aber nichts choreografiert, das Video besteht aus Auftritten des neuen Präsidenten sowie Bildschirmfotos von Zeitungsartikeln, die durch Schrifttafeln verbunden sind. Die Band singt dazu das Lied Interesting Drug von Morrissey aus dem Jahr 1989. Die Schrifttafeln zeigen einzelne Textzeilen, die dadurch unüberhörbar werden: »There are some bad people on the rise.« Das Musikvideo endet mit einem ausdrücklichen Handlungsaufruf: »It’s a difficult time but fear and anger aren’t the answer. Work to make a better world« – gefolgt von einer Liste von fünf Bürgerrechtsorganisationen (darunter American Civil Liberties Union, Immigrant Defense Project, Planned Parenthood), zu deren Unterstützung aufgerufen wird: »volunteer and donate«.

Mehr Musikvideos erschienen um die Amtseinführungstage herum und artikulierten musikalisch den Widerstand der Musikerinnen und Musiker. Sie wandten sich dabei dezidiert ab von einer Ästhetik, die sich im Wahlkampf des Vorjahrs noch in komödiantischer Dystopieangstlust dem undenkbaren Kandidaten zugewandt hatte: angefangen bei Pussy Riots vordergründig-satirischem »Make America Great Again«-Popszenario; vorbei an der Website 30 Days, 30 Songs, auf der Indierock-Stars wie Death Cab For Cutie, R.E.M., Bob Mould, EL VY, Jimmy Eat World oder Franz Ferdinand ihre Spottballaden und Widerstandsshanties versammelten; weiter zu WestBams Trump, der über seinem markanten Viervierteltakt Wahlkampfphrasen collagierte und zur Kenntlichkeit entstellte: »We need drugs. We need crime«; bis hin zum Hiphop-Track Fuck Donald Trump von YG and Nipsey Hussle, der – von zahllosen Variationen und Mixes begleitet – das Genre repolitisierte, ohne sich aber in den nun üblichen Retro-Sounds zu erschöpfen: »Don’t let Donald Trump win, that nigga cancer || He too rich, he ain’t got the answers || He can’t make decisions for this country, he gon’ crash us || No, we can’t be a slave for him.«

Hier endete die Satire. Die Drohung des Rassismus und Sexismus, der verstärkten Unterdrückung von Minderheiten, Einwanderern, Kriegsflüchtlingen, von anderen Lebensweisen und Geschlechteridentitäten – all das war unmittelbar spürbar. Der Widerstand musste nun organisiert und ausgesprochen werden, laut und unmissverständlich: »Fuck Donald Trump || Fuck Donald Trump || Yeah, nigga, fuck Donald Trump || Yeah, yeah, fuck Donald Trump.«

Widerstandsstücke

Zum Amtsantritt ging es also mit Dringlichkeit um musikalisches Handeln und Eingreifen. Vermeintlich unpolitische Popmusiker bezogen Position, besangen ihre Angst, ihren Mut, produzierten Stücke der Ablehnung und der gesellschaftlichen Utopie. Hallelujah Money sang etwa Benjamin Clementine in einem Lied der dystopiefreudigen Anime-Band Gorillaz. Dieses neue Lied allerdings – das erste der Band nach sieben Jahren – ist eine Klage nahe am Irrsinn. Flehendes Gebet paart sich mit schierer Fassungslosigkeit. Die singende Persona, die hier auftritt, ruft den Herrn und einzigen Herrscher des Mammon an – das lyrische Ich aber ist unzweifelhaft der neue Präsident: »And I thought the best way to perfect our tree || Is by building walls || Walls like unicorns || In full glory || And galore«. Im zugehörigen Video marschiert der Ku-Klux-Klan, die Herrscherschweine aus George Orwells Animal Farm kreischen, ein todessüchtiger Cowboy meditiert am Horizont hinter dem Sänger, dessen Haare schließlich in einer gigantischen Megatonnenexplosion verbrennen, während immer noch das Geld angebetet wird, die letzte verbliebene Autorität: »Hallelujah money (Past the chemtrails) || Hallelujah money (Hallelujah money).«

Ganz ohne Rollenlyrik singt eine wütende, eine revolutionäre Stimme im Lied Smoke ’em Out der Schwestern Sierra Casady & Bianca Casady (aka CocoRosie) gemeinsam mit der Transgender-Stimme Anohni (aka Antony Hegarty): »Burning down the house || The dead girl shouts || Smoke em out!« Auch in I Give You Power von Arcade Fire werden musikalische Formen genutzt, die die Krise der Gegenwart überwinden und Veränderung zumindest möglich scheinen lassen. Das Lied beginnt mit einem flachen elektronischen Beat, der sich zum Bulldozerbass aufbaut und über dem Mavis Staples’ vervielfältigte Stimme klagt und fordert. Disco, Soul und Funk werden mit älteren Protestsongtraditionen vermählt, obenauf kommen Orgelakkorde. Im Musikvideo ein analoges Mischpult, an dem mit sanfter Präzision nachjustiert wird; strahlend flackern Lichter über die Regler.

Der Ausnahmezustand macht sich in allen drei Liedern bemerkbar. Es geht um alles, alle Lebensformen, alle künstlerischen Freiheiten; die gesamte Zukunft der Gesellschaft, des globalen Klimasystems stehen auf dem Spiel. Dieser Widerstand wird zudem nicht durch klischierte Protestsongformate trivialisiert, vielmehr kommen andere, komplexere, nichtsuprematistische, nichtreaktionäre, nichtpatriarchal geprägte Formen der Audioproduktion, der Stimm- und Melodieführung zum Einsatz.

Sateen aus Brooklyn singen ihr Lied Love Makes The World in leuchtendroten Rüschenkleidern, teils im Wald, teils in Backsteinunterführungen; queere Personae begleiten sie und zeigen ihre Liebe und den Widerstand gegen heteronormative Lebensformen. Engelsstimmen über Clubbeats, elektronische Klänge der Hoffnung in außerirdischen Tönungen – sie fragen: »How can we progress: || When we’re ruled by racists?« Denn schon in den ersten Tagen nach der Wahl trumpften die Rassisten auf: der Ku-Klux-Klan in Zeichen und Aufmärschen, Bekenntnisse zum Separatismus und Auftritte von obskuren Propagandabeauftragten der neuen Faschisten wie Richard Spencer: »Hail Trump, hail our people, hail victory!«1 Dieser Nazihorror entsprang nur mittelbar einer dystopischen Groteske. Der sadistische Genuss seiner Protagonisten war überdeutlich.

 

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