Medeas Geschichte

Medeas Geschichte

Von Stephan Wackwitz

Der Frauenname Medea ist überraschend gebräuchlich in Georgien. Fast schockierend gebräuchlich. Schockierend zumindest für westliche Sensibilitäten, denn die antike Schamanin Medea ist in der Kunst- und Literaturgeschichte des Westens – bei Euripides, Seneca, Grillparzer oder Heiner Müller – eine mythische Splatter-Heroine. Ihr Verrat der eigenen Kultur, ihre Liebe zu einem fremden Krieger und Seefahrer, der sie dann ihrerseits verrät, und das finale Massaker, mit dem die Geschichte ausgeht – Medeas Geschichte ist ein Zeitfenster, durch das wir eine frühe Form der Globalisierung betrachten können: die Katastrophen, Schocks und Glückschancen der bronzezeitlichen mediterranen Weltgesellschaft. Wie kommt man darauf, sein Kind so zu taufen?

Meine Medea begegnete mir als Vierundzwanzigjährige in meinem zweiten Monat in Tiflis, bei einer Ausstellungseröffnung im Nationalmuseum. Dea (wie der Name der mythischen Heldin auf Georgisch meist familiär abgekürzt und damit auch ein bisschen verharmlost wird) gehört zu den Menschen, deren Auftritt die Atmosphäre eines Raums schlagartig verändert. Sogar der riesige Museumssaal – dicht gefüllt von hektisch plaudernden, aus Plastikgläsern schlechten Weißwein nippenden und ihre soziale Umgebung unablässig auf »wichtige« Besucher scannenden Kulturmenschen – war für mich an diesem Abend im Oktober plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen, als Medea, gefolgt von einem sie eifersüchtig mit Beschlag belegenden Begleiter, in der Tür erschien: Große, perfekt geschminkte Augen, ein sehr voller Mund, lange braune Haare, die Nase eine Spur zur Seite verschoben (Souvenir eines um ein Haar tödlich ausgegangenen Motorradunfalls drei Jahre zuvor), ein sehr aufrechter, schneller, irgendwie entschiedener Gang, eine verschwenderische, völlig natürlich wirkende Zugewandtheit und soziale Begeisterungsbereitschaft. Sie wurde mir vorgestellt, und sofort machte sie ein Selfievon sich und von mir: Dieses erste Foto gibt es immer noch. Ich habe einen weißgrauen Trenchcoat an, eine braune Mappe unter dem Arm und sehe ein bisschen hilflos drein.

Damals stand Dea gerade kurz davor, für zwei Monate nach Shanghai und Guangzhou zu fliegen, wo sie mit ein paar anderen jungen Frauen Kleider in Shopping-Mall-Modeschauen vorführen würde, der erste Job in einer langen Reihe finanziell und karrieretechnisch mehr oder weniger prekärer Auslandseinsätze, von denen sie, beladen mit Geschenken für ihre Familie und jedes Mal fast schon wieder am Rand des finanziellen Ruins nach Georgien zurückzukehren pflegte, völlig unbekümmert darum, dass schon die Kosten ihrer Einkäufe und vollends die Gebühren für das Übergepäck meist alles aufgezehrt hatten, was in China zu verdienen gewesen war. Aber das machte Dea nichts aus. Es war ihr von vornherein vor allem um die Reise selbst gegangen, und nicht zuletzt um das Vergnügen, ihre chinesischen Abenteuer und Einkäufe den neidisch daheimgebliebenen Freundinnen und Feindinnen mittels Facebook-Posts aufs Butterbrot zu schmieren. Sie führte seit Jahren ein Leben auf der Überholspur, dessen depressive Schattenseiten ich nur momentweise erahnte.

Überhaupt war alles an Medea ein bisschen prekär und unzuverlässig. Wie ein Kind glaubte sie an viele Dinge, die nicht wahr (oder nicht ganz wahr) waren, so fest, dass es ihr nicht verwerflich schien, sie als die Wahrheit auszugeben. Vieles von dem, was sie sich vorstellte, wurde dann aufgrund ihres Charmes und ihrer Energie ja tatsächlich wahr. So war sie, zum Beispiel, in Georgien allen Ernstes irgendwie berühmt. Berühmt dafür nämlich, berühmt zu sein. Wenn ich mit ihr ausging, sprachen vor allem junge Mädchen sie an, verlangten Autogramme, machten Selfies mit ihr, sagten ihr, wie wichtig ihr persönliches Beispiel für sie sei. Denn sie war vor ein paar Jahren die Gewinnerin der ersten georgischen Container-Show des Fernsehsenders »Rustavi 2« gewesen.

The last woman standing nach den diversen telefonischen Publikumsvoten war Medea gewesen, obwohl (oder weil) sie während der wochenlangen Gruppeninternierung kein Fettnäpfchen ausgelassen hatte. Das beträchtliche Preisgeld haute sie sofort auf den Kopf, indem sie publikumswirksam einen Teil einem Tifliser Waisenhaus spendete und mit dem Rest eine ausführliche Italienreise antrat. Cappuccinos und Marlboros in den Straßencafés von Rom und Florenz, luxuriöse Hotels, der erste Boyfriend in der Fremde, Kofferladungen neuer Kleidungsstücke. Monate später der abgebrannte Wiedereintritt in die heimische Sphäre. Wo sie seither eine Art proletarische Rebellions-ikone geworden war, so etwas wie eine georgische Nina Hagen; ein existentialistischer weiblicher Clown.

Sie war schnell im Kopf, sie war schlagfertig, sie hatte vor nichts Angst, sie war charmant, sie war witzig, sie war großzügig mit allem, was sie hatte, sie redete viel und laut, sie musste überall im Mittelpunkt stehen und scheute bei Gelegenheit nicht vor Vulgarität oder politischen Provokationen zurück. Sie legte sich mit allen an. Vor allem mit der in Tiflis sehr tonangebenden und mächtigen Wohlanständigkeitsbourgeoisie, die einerseits politisch dem Westen zustrebt, andererseits erfüllt ist vom prekären und illusionären Überlegenheitsgefühl einer unbestreitbar alten und differenzierten autochthonen Kultur, von deren heroischen Erinnerungsbeständen jene Familien freilich eher zehren als sie zeitgenössisch zu mehren und zu bereichern. Dea imponierte das alles überhaupt nicht. Sie traute sich zu sagen und zu tun, wovon die meisten jungen Georgierinnen bloß träumen können, sittsam bebrütet wie sie sind von ihren Dorfgemeinschaften, ihren Müttern, ihren orthodoxen Beichtvätern und von den säkularen Tugendwächterinnen der Tifliser Intelligentsia.

Medea polarisierte. Viele meiner Intelligentsia-Bekannten waren über unsere Freundschaft regelrecht schockiert. Dass eine junge Frau sich so unbekümmert öffentlich darstellte, war in Georgien nicht vorgesehen. Wobei ihr flamboyantes Verhalten, wie ich stückweise zu ahnen begann, eigentlich eine Flucht nach vorn war, eine Flucht vor dem sozialen und ethnischen Stigma. Denn sie war zwar in Georgien zur Welt gekommen, aufgewachsen aber im hierzulande obligat gehassten und verachteten Russland, in Sankt Petersburg, und erst als ihr Vater die Familie verlassen hatte, war sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester wieder zurückgekommen, mit dreizehn. Die Familiensprache war Russisch gewesen. Ihre jüdische Mutter war erst nach der Rückkehr zur georgischen Orthodoxie konvertiert, und auch Deas flammende und auf Facebook bei jeder Gelegenheit ausführlich ausgestellte orthodoxe Frömmigkeit war eine Art Überkompensation.

Gelegentliche Flirts mit dem in der georgischen Unterschicht sehr verbreiteten Stalin-Kult, die dann auch mich zur Weißglut trieben und lange fruchtlose Diskussionen auslösten, lernte ich allmählich zu deuten als innere Rebellion gegen eine gute Gesellschaft, die sie – ebenso wie ihr weibliches Unterschichtenpublikum – nicht ohne Grund als heuchlerisch, elitär, exklusiv und bigott empfand. Dieser soziologische Hintergrund ihrer grundsätzlich auf Sieg spielenden gesellschaftlichen Technik gab ihr zugleich jenes Prekäre und unterschwellig Traurige, das meinen Beschützerinstinkt auslöste.

 

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