Südfrüchte vom Ätna

Historischer Ortstermin: Südfrüchte vom Ätna

Von Valentin Groebner

Auf Sizilien kann man lernen, dass die katholische Auffassung vom sakralisierten Essen – das Brot ist der Leib Gottes, der Wein sein Blut, das Öl die Salbung – im Alltag weiter herunterdekliniert werden will. Werbeplakat für ein Restaurant: »La cucina tipica e sana come a casa tua.« (Aber wieso dann dort hingehen?) Ebenfalls auf der Insel zu kaufen gibt es Produkte der Marke »Libera terra«, produziert auf konfiszierten ehemaligen Landgütern der Mafia – Slogan: »I sapori della legalità«. Essen ist eben nicht nur Heimkommen und gleichzeitig Befreiung von Zuhause, sondern geträumte Verbesserung von Gesamtkörpern. Und des eigenen sowieso.

Die Orangen, die unter dem Ätna an der sizilianischen Ostküste wachsen, werden in buntbedruckten Einwickelpapieren verkauft: Sterne, Palmen, dunkelhäutige Kinderköpfe, schwarzlockige weibliche Schönheiten und der Vulkan als schwarze Silhouette, die große orangerote Flammen ausspuckt. Als Kind im Wien der 1970er Jahre habe ich die Einwickelpapiere gesammelt und mich mit meinem älteren Bruder um die besonders prächtigen gestritten: Heute ist ihnen ein eigenes Museum im Internet gewidmet, in dem man in ihren Dekorationen schwel-gen kann. Die Beschriftungen – »agrumi dell’Etna« – waren wie die exotischen Ortsnamen – Paterno, Catania – im grauen Wiener Winter ein Versprechen auf Wärme und Intensität, und ein Einwickelpapier verspricht sogar »Etna esplosione«.

 

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