Warten auf die Außerirdischen (I)

Im Oktober des Jahres 1995 findet in Florenz eine denkwürdige astronomische Fachtagung statt. Zum einen wird dort der erste Exoplanet vorgestellt, ein Planet also, der einen regulären Stern umkreist, einen Stern, der nicht die Sonne ist. 1 Es ist der Anfang einer Revolution. Denn da nach heutigem Wissensstand nur Planeten Bedingungen bieten, unter denen Leben entstehen kann, ist die Nachricht, dass in fernen Welten, die noch nicht durch Raumsonden erreicht werden können, Planeten existieren, eine Sensation. Was eben noch Science-Fiction war, wird jetzt zu einem ordentlichen Forschungsprogramm.

Auf derselben Konferenz werden außerdem die ersten Braunen Zwerge präsentiert, 2 Himmelsobjekte, die nicht genug Masse besitzen, um in ihrem Inneren Fusionsreaktionen zu zünden, das wesentliche Merkmal von Sternen. Braune Zwerge sind Hybride, Objekte zwischen Sternen und Planeten. Seit Menschen sich mit dem Nachthimmel befassen, unterscheiden sie zwischen Sternen und Planeten, vor allem, weil Sterne und Planeten für das Auge leicht auseinander zu halten sind. Sterne stehen wie festgeklebt an ihrer angestammten Stelle. Der gesamte Sternenhimmel dreht sich scheinbar um uns, aber die einzelnen Sterne bewegen sich relativ zueinander nicht oder zumindest nur sehr langsam. Planeten dagegen ziehen zwischen den Sternen ihre Bahnen. Sie wandern über den Sternenhimmel.

Auch am Ende des 20. Jahrhunderts trennt man die Sphäre der Sterne noch von der Sphäre der Planeten. Die einen sind heiß und lebensfeindlich, die anderen kühl, vielleicht bewohnbar und im Orbit um einen Stern. Es gibt Astronomen, die sich mit Sternen befassen, und solche, die sich mit Planeten befassen. Dazwischen klafft eine Lücke. Braune Zwerge lehren uns, dass diese Lücke nur in unseren Köpfen existiert. Sterne, Braune Zwerge und Planeten formen ein Kontinuum. Die Natur legt ihre Himmelsobjekte nicht ordentlich in die Schubladen, die wir eingerichtet haben.

Und noch etwas geschieht im Oktober 1995: Der Student Aleks Scholz beginnt an der Universität Würzburg sein Physikstudium. Er weiß noch nicht, dass er den Rest seines Lebens im Limbo der Braunen Zwerge verbringen wird.

Der lange Weg zu 51 Peg b

Was im Oktober von den Schweizer Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz publik gemacht wurde, die Existenz des Planeten, der den Stern 51 Peg umkreist und daher 51 Peg b genannt wird, war nicht die erste Entdeckung eines Exoplaneten. Wie jede ordentliche wissenschaftliche Revolution fand auch die Revolution der Exoplaneten nicht an einem Tag statt, sondern baut auf einer langen und komplizierten Vorgeschichte auf. Spekulationen über fremde Welten und ihre Bewohner ziehen sich über Jahrhunderte durch die Geschichte der Astronomie, von Nikolaus von Kusa über Kepler zu Kant. Im Jahr 1952 erklärt Otto Struve in einem kleinen Aufsatz, wie man fremde Planeten finden könnte. 3 Er antizipiert damit die Methodik, die später tatsächlich zum Erfolg führt.

In den 1970ern beginnen zwei Kanadier mit der Suche nach Exoplaneten: Gordon Walker, Professor an der University of Columbia in Vancouver, und sein Postdoktorand Bruce Campbell. In jahrelanger Detailarbeit lösen sie die entscheidenden technischen Probleme. Sie arbeiten mit der sogenannten Radialgeschwindigkeitsmethode, bei der es darum geht, die durch die Schwerkraft eines Planeten verursachte Bewegung des Muttersterns zu messen. Am Ende des Jahrzehnts können sie die Geschwindigkeiten von Sternen mit einer Genauigkeit von fünfzehn Metern pro Sekunde messen, 4 zwei Größenordnungen besser als die Konkurrenz. Zum ersten Mal wird das Problem der Exoplaneten technisch lösbar. Noch einmal zehn Jahre später, nach vielen langen Nächten am Teleskop, präsentieren sie ihren Planeten, einen Begleiter des Doppelsterns Gamma Cephei5

Walker und Campbell betreten unsichere Gefilde. Zu oft haben andere vor ihnen fälschlich die Entdeckung von Planeten vermeldet. Zu viele Misserfolge haben die Stimmung verdorben. Noch in den achtziger Jahren waren Exoplaneten ein toxisches Forschungsgebiet, von dem man jungen Astronomen abrät, weil es die Karriere zerstört. Ein Feld, das verdächtig nahe an der Pseudowissenschaft liegt.

Bruce Campbell spürt die Ablehnung, als er nach einer neuen Stelle sucht. Im Jahr 1991 verlässt er die Astronomie, wird Steuerberater und löscht aus Frustration seine Daten. Nur wenige Jahre später wäre er mit seiner Entdeckung des ersten Exoplaneten auf die Shortlist für den Physik-Nobelpreis geraten. So wird er zu einer Fußnote der Wissenschaftsgeschichte. Weltruhm und Obskurität liegen dicht nebeneinander, eine Lektion, die bei der Suche nach Außerirdischen noch nützlich sein könnte. Gamma Cephei b, der Planet von Bruce Campbell, ist übrigens keine Falschmeldung. Es gibt ihn wirklich. Er kam nur nicht zur richtigen Zeit.

Warten auf den Glühwurm

Heute kennen wir Tausende dieser Exoplaneten. Nur ein paar Dutzend davon sind direkt zu sehen, auf hochaufgelösten Aufnahmen der besten Teleskope der Welt. In den allermeisten Fällen müssen indirekte Nachweise reichen. Zu dicht stehen die Planeten an ihrem Mutterstern, zu hell ist der Stern im Vergleich mit dem Planeten, ein Glühwurm, der direkt neben einer Straßenlaterne fliegt, einer Laterne, die außerdem so weit entfernt ist, dass wir sie wiederum nur als Glühwurm wahrnehmen.

Die meisten Exoplaneten werden mithilfe der sogenannten Transit-Methode gefunden, bei der das Warten eine große Rolle spielt. Man beobachtet sehr viele Sterne immer wieder und wartet auf den Transit, eine Bedeckung des Sterns durch einen seiner Planeten. Der Stern wird ein bisschen weniger hell, für ein paar Stunden, weil der Planet einen Teil von ihm abdeckt. Um einen Transit zu beobachten, muss die Bahn des Planeten genau in der Sichtlinie zwischen Erde und Stern liegen. Nur ein kleiner Teil der existierenden Exoplaneten kann mit dieser Methode nachgewiesen werden.

Das Warten auf die Transits wird somit zu einem Glücksspiel, ein Anrennen gegen den Zufall. Man bekämpft den Zufall, indem man viele Sterne ansieht, sehr viele. Weitwinkelkameras scannen große Teile des Himmels, immer wieder. Die Bilder werden automatisch ausgewertet, mit spezieller Software, die Sterne detektiert, Helligkeiten misst, Daten kalibriert und am Ende nach Transits sucht. Im Jahr 2000 publiziert ein Team um den Amerikaner David Charbonneau zum ersten Mal die Transitbeobachtung eines Exoplaneten, ein Objekt, das den Stern HD209458 umkreist. 6 Ich habe diese Zahl hingeschrieben, ohne nachzuschlagen. Die Postleitzahlen der berühmten Exoplaneten sind in den Gehirnen von Astronomen fest verdrahtet.

Der Radius der Sonne ist ungefähr zehnmal größer als der des Jupiter, der wiederum zehnmal größer als der unserer Erde. Die Erde neben der Sonne ist ein Stecknadelkopf neben einer Wassermelone. Wenn sich die Erde vor die Sonne schiebt, würde für einen außerirdischen Beobachter die Helligkeit der Sonne nur um etwa 0,01 Prozent geringer werden – ein fantastisch winziger Effekt. Ein Riesenplanet wie Jupiter dagegen erzeugt einen Helligkeitsabfall von einem Prozent. Das ist vergleichsweise trivial zu messen. Ausrüstung im Wert von ein paar tausend Euro – ein kleines Teleskop, eine Digitalkamera, ein Computer – genügt völlig. Aber ohne digitale Technik, ohne automatisierte Auswertung von vielen Bildern, ohne Teleskope, die sich jede Nacht von alleine öffnen und ihre Bilderserien starten, ohne Computer, die jede Woche Gigabytes an Daten verarbeiten können, wäre die Transitsuche undenkbar.

Die meisten heute bekannten Exoplaneten, Tausende nämlich, wurden mithilfe eines Weltraumteleskops namens »Kepler« entdeckt, ein Fernrohr, dessen Geschichte unsere Urenkel in der Schule lernen werden, genauso wie wir die Geschichte des anderen Kepler gelernt haben. Ein kleiner Satellit mit einem Teleskop und einer digitalen Kamera, die drei Jahre damit zubrachte, eine Himmelsgegend im Sternbild Adler zu fotografieren. Immer wieder.

Fremde Welten

Die früh entdeckten Exoplaneten wie 51 Pegasi b, HD209458 b oder Gamma Cephei b sind sogenannte Hot Jupiters: große, heiße Gasplaneten, weniger als 10 Millionen Kilometer von ihrem Gestirn entfernt. Zum Vergleich: Merkur, der Planet, der unserer Sonne am nächsten steht, ist im Mittel knapp 60 Millionen Kilometer von ihr entfernt. Planeten wie 51 Pegasi b zeigen ihrem Stern immer dieselbe Seite, so wie der Mond uns immer dieselbe Seite zeigt. Auf der Tagseite von 51 Pegasi b wird das Gas durch die direkte Strahlung des Sterns auf mehr als 1000 Grad Celsius erhitzt. Auf der Nachtseite ist es mehrere hundert Grad kälter. Das Gas in der Atmosphäre strömt mit Geschwindigkeiten von zehntausend Kilometern pro Stunde von der Tagseite auf die Nachtseite. Enorme Wirbelstürme sind die Folge, Stürme, gegen die unsere Hurrikane und Taifune niedlich wirken. Wolken aus winzigen Staubkristallen rasen über die Nachtseite. 7 Blitze flackern in einem globalen Gewitter. Nichts hat Bestand in den Atmosphären von Hot Jupiters, nichts außer Hydrodynamik und Chaos.

Die allermeisten Sterne in der Milchstraße sind deutlich kleiner und leichter als die Sonne oder 51 Peg. Die allermeisten Planeten sind deutlich kleiner als Jupiter. Erst vor kurzem veröffentlichte ein überwiegend belgisches Team um Michaël Gillon von der Universität Lüttich die Entdeckung eines Planetensystems um einen Stern, der nur etwa acht Prozent Masse der Sonne hat, kaum schwerer als ein Brauner Zwerg. Gleich sieben Planeten umkreisen den winzigen Stern, der jetzt den Namen Trappist-1 trägt, benannt nach dem belgischen Bier. 8 Die Bahnen der Planeten sind wundervoll harmonisch aufeinander abgestimmt, wie die Saiten eines riesigen Musikinstruments. Alle sieben sind ähnlich groß wie die Erde, und mehrere befinden sich in der sogenannten habitablen Zone, in der die Temperaturen die Existenz von flüssigem Wasser (und flüssigem Bier) erlauben.

Planeten können aus Gas bestehen, aus Felsen, oder aus Eis. Planeten können so groß sein wie Jupiter oder kleiner als die Erde. Sie können sehr dicht an ihrem Stern ihre Bahn ziehen. Planetensysteme können deutlich kleiner sein als das Sonnensystem, aber auch größer. Die bisher häufigste Planetensorte findet man im Sonnensystem überhaupt nicht – sogenannte Super-Erden, mit einem Gewicht zwischen dem der Erde und dem von Uranus. Super-Erden können wiederum vorwiegend fest, flüssig oder gasförmig sein. Die Planetensysteme im Universum sind extrem verschieden, das ist die wesentliche Lektion, die wir von Kepler gelernt haben.

Planeten können auch ganz ohne Stern auskommen, sogenannte freifliegende oder isolierte Planeten. WISE0855-0714, entdeckt im Jahr 2014 vom amerikanischen Astronomen Kevin Luhman, 9 ist ein riesiger Eisball, zehn Mal so schwer wie Jupiter, nur ohne Stern, den er umkreisen könnte. Im Unterschied zu den altbekannten Planeten ist WISE0855-0714 wirklich ein Wanderer und nicht nur ein Begleiter eines Sterns. Er wandert durch unsere Galaxis, getrieben von seinem eigenen Impuls und vom Gezeitenfeld der Milchstraße. WISE0855-0714 ist ein Brauner Zwerg mit einer Masse, die der von Planeten ähnelt, und ein Beispiel dafür, wie schwammig die Grenze zwischen Sternen und Planeten geworden ist.

 

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Eiswolken überziehen die Oberfläche von WISE0855-071410 Der Planet ist eingehüllt in eine Atmosphäre aus kalten Gasen: Wasserstoff, Helium, Wasser, Methan und Ammoniak. Es regnet Staubkristalle. Der Sturm hört nie auf in der Eiswüste. WISE0855-0714 ist kalt wie das Innere einer Kühltruhe, so kalt, dass vorwiegend Infrarotlicht abgesondert wird, Licht, das für das menschliche Auge unsichtbar ist. Vielleicht trägt WISE0855-0714 einfache Bausteine des Lebens von einer Seite der Milchstraße auf die andere, ein gefrorenes Paket mit lebenswichtigen Substanzen.

In den oberen Atmosphärenschichten von WISE0855-0714 entsteht ein Photon. Milliarden von Wassermolekülen, alle vibrieren und rotieren um ihre Achsen. Zwei von ihnen stoßen zusammen, verlieren dadurch ein wenig Energie und vibrieren ein wenig langsamer. Die freiwerdende Energie wird als Lichtteilchen abgesondert, ein Quantum Infrarotstrahlung. Das Photon entkommt den Wolken, bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit sieben Jahre lang in Richtung Sonnensystem, trifft auf die Erde und wird auf dem Gipfel eines kahlen Berges von einem Teleskop eingefangen. Am anderen Ende des Teleskops hängen ein Infrarotdetektor und ein Computer. Der Astronom ist zuhause und empfängt die Signale übers Internet.

Das Reich von Slartibartfast

Wie WISE0855-0714 dorthin gekommen ist, wo wir ihn heute sehen, bleibt unklar. Vielleicht entstand er in der Nähe eines Sterns, stieß dann mit einem anderen Planeten zusammen und schoss in einem kosmischen Homerun in die Tribünen des Weltalls. Überhaupt ist bei der Entstehungsgeschichte der Planeten einiges unklar. Wo kommen sie alle her, die vielen neuen Planeten? Es muss robuste Vorgänge geben, die eine Vielfalt an Planetensystemen produzieren. Parallel zur Entdeckung von immer neuen Exoplaneten arbeiten Astronomen daran, ihre Ursprünge zu enthüllen. Es ist ein Teilgebiet der Astronomie, in dem vor allem kalter Staub erforscht wird.

Planeten entstehen aus den Resten, die übrigbleiben, nachdem sich ein Stern gebildet hat. Sterne wiederum entstehen beim gravitativen Kollaps von Wolken, die aus kaltem molekularem Gas bestehen, vermischt mit ein wenig interstellarem Staub. Am Ende dieses Vorgangs sind die jungen Sterne eingebettet in einen Strudel aus Gas und Staub, ein sich drehender Restenebel, der zur Form einer Scheibe abgeplattet ist, wie ein Pizzateig, den man um seine Achse dreht, bis er flach wird. In dieser Scheibe ist die Dichte der Staubkörner groß genug, dass sie gelegentlich zusammenstoßen und zu größeren Brocken verkleben. Es entstehen Klumpen aus Staub, die winzigen Anfänge der Planeten.

Bis vor wenigen Jahren konnten wir diese Scheiben, die Baustellen der Planeten, nur indirekt sehen. Der Staub wärmt sich im Licht des jungen Sterns auf und strahlt im Infraroten, wie die kalte Asche am Morgen nach dem Feuer. Das neue Teleskop ALMA, ein Schwarm aus Parabolantennen, die auf einem Hochplateau in der Atacama-Wüste ein geometrisches Muster bilden, ist spezialisiert auf die Beobachtung von kalten Strukturen. Es empfängt Licht mit Wellenlängen von einem Millimeter, abgestrahlt von Objekten, die nur wenige Grad warm sind. Nicht über null Grad Celsius, sondern über dem absoluten Nullpunkt von minus 273 Grad Celsius.

Im Herbst 2014 entsteht in den Computern von ALMA ein heute schon legendäres Bild, die erste detaillierte Abbildung einer kalten Staubscheibe um einen jungen Stern. Das Zentralobjekt heißt HL Tau, ein seit Jahrzehnten bekanntes enigmatisches Objekt im Sternbild Stier, umgeben von einem Nebel, dessen Helligkeit sich ändert, eine typische Eigenschaft von jungen Sternen. HL Tau ist weniger als eine Million Jahre alt, verglichen mit unserer erwachsenen Sonne ein Fötus. Das ALMA-Bild zeigt eine abgeplattete Struktur, so groß wie unser Sonnensystem. Die Struktur ist nicht gleichmäßig hell, man erkennt helle konzentrische Ringe, getrennt durch dunkle Lücken, in denen vielleicht schon die halbfertigen Planeten ihre Bahnen ziehen. 11

Drei Jahre bevor das Bild von HL Tau zum ersten Mal von einem Menschen betrachtet wird, beobachteten wir mit ALMA den Braunen Zwerg RhoOph-102, ein Objekt, das nur 5 Prozent der Masse der Sonne hat. Genau wie HL Tau verfügt RhoOph-102 über eine Staubscheibe. Genau wie bei HL Tau gibt es deutliche Spuren der Planetenentstehung. 12 Zwar ist die Scheibe zu klein, um Ringe zu sehen. Stattdessen finden wir klare Hinweise auf das Zusammenklumpen der Staubkörner in der Scheibe. Während HL Tau vielleicht einmal ein Planetensystem wie unser eigenes beherbergen wird, entsteht um RhoOph-102 ein Miniatursystem, kleiner, kompakter und seltsamer als unser eigenes, vielleicht vergleichbar mit Trappist-1, ein winziger Stern im Zentrum, umkreist von mehreren felsigen Planeten.

Wenn man junge Sterne mit Teleskopen wie ALMA beobachtet, dann sieht man die Anfangsstadien unseres eigenen Planetensystems. Man sieht Strudel aus Rohmaterial, in denen komplexe physikalische und chemische Prozesse ablaufen, Nebel, in denen stetige Bewegung herrscht. Material strömt nach innen und fällt in die Sterne. Magnetfelder, die im Innern der sich drehenden Sterne aufgebaut werden, pflügen durch die Scheiben. Kalter Wind bläst Gas von den Scheiben ins All. Gleichzeitig entstehen in den Scheiben die ersten weichen Klumpen, die Vorstufen der Planeten, die man um erwachsene Sterne findet. Die Protoplaneten wiederum reagieren mit dem Gas, das sie umgibt. Wir sind weit davon entfernt, alle diese Vorgänge gründlich durchdacht zu haben. Wir verstehen noch nicht, warum dabei scheinbar zwangsläufig Planeten herauskommen. Aber die Zeichen sind eindeutig. Planeten entstehen immer dann, wenn Sterne entstehen. Seit Milliarden von Jahren. Die Staubscheiben sind der Teig, aus dem später die vielen unterschiedlichen Planeten werden.

Slartibartfast ist ein Designer von Planeten, jedenfalls in Douglas Adams‘ Science-Fiction-Büchern Per Anhalter durch die Galaxis. Slartibartfast hat einen langen weißen Bart. Er entwirft Kontinente, Küstenlinien und Gebirge. Slartibartfast ist ein Spezialist für Fjorde. Wenn er mit der Arbeit fertig ist, setzt ein Team aus Ingenieuren seine Pläne um. Sie beginnen mit einer Art Planetenteig, einer warmen formbaren Masse, die frisch von den Sternentstehungsregionen der Milchstraße geliefert wird. Wenn die Planeten fertig sind, schiebt man sie in den Ofen, bis sich eine harte Kruste bildet. Erst dann werden die Planeten an ihre zukünftigen Bewohner verkauft.

Neue Welten, dieselben Kaninchen

Wenn wir heute die Sterne am Nachthimmel betrachten, dann wissen wir, dass die meisten Lichtpunkte dort oben ihre eigenen Planetensysteme besitzen. Die meisten davon sind vollkommen anders als unser eigenes Sonnensystem. Viele von uns hätten das ohnehin vermutet, zum Beispiel, weil sie mit Raumschiff Enterprise oder Erich von Däniken aufgewachsen sind, aber vermuten kann man so einiges. Jetzt gibt es keine Zweifel mehr.

Mittlerweile kennen wir Planeten, die weder zu heiß noch zu kalt für Lebewesen sind. Wir kennen Planeten mit flüssigen Ozeanen, Planeten mit Atmosphären und solche mit festem Boden. Wir können Planeten vermessen und wiegen und herausfinden, woraus sie bestehen. Als Nächstes werden die Atmosphären unter die Teleskope genommen. Atmosphären könnten Spuren von Leben tragen, Sauerstoff zum Beispiel, eine Ozonschicht, vielleicht die Abgase einer Zivilisation oder die Spuren von nuklearer Verwüstung, ein spektraler Fingerabdruck, der darauf hinweist, dass dort draußen nicht nur tote Materie ist oder war. Was danach kommt, ist unklar. Was tatsächlich auf so einem Planeten herumläuft, seien es Schleim, Schildkröten oder Springtamarine, können wir mit den bisherigen Methoden nur erahnen.

Jedes Jahr müssen wir unsere Vorlesungen umschreiben, weil es jedes Jahr etwas Neues zu berichten gibt. Neue Teleskope, neue Projekte, neue Institute entstehen. Ich arbeite jetzt in einem Centre for Exoplanet Science. Forschungsgelder sprudeln. Studenten kommen zu uns, um Exoplaneten zu erforschen. Innerhalb des Jahrzehnts, das zwischen Campbells Abschied aus der Astronomie und Charbonneaus erstem Transit lag, ist aus dem Außenseitergebiet ein Trend geworden. Noch ein paar Jahre später sind Exoplaneten im Mainstream angekommen. Schulkinder nicken, wenn ich das Wort »Exoplanet« benutze. Den Eltern muss ich es noch erklären.

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA veröffentlicht seit einigen Jahren wunderschöne Poster, die Exoplaneten als Reiseziele anpreisen, in einem virtuellen imaginären Reisebüro. Überhaupt ist vieles virtuell in der Welt der Exoplaneten. Fliege mit uns zu einer Welt, auf der das Gras immer roter ist als zu Hause. Ein Planet, auf dem dein Schatten immer Gesellschaft hat, weil es zwei Sonnen gibt. Erlebe die Super-Schwerkraft einer Super-Erde. Die Poster sind frei verfügbar und hängen weltweit in Observatorien, Instituten und Astronomenbüros. Die Idee von der interstellaren Reise ist ohnehin schon in unseren Köpfen, die Poster machen sie nur sichtbar. Nichtsdestotrotz bleibt die Fahrt zu neuen Planeten auf absehbare Zeit eine Illusion.

Die Suche nach Wegen, die ungeheuren Entfernungen im All zu überbrücken, ist in vollem Gang. Ein Konzept sieht vor, einen Schwarm aus winzigen Nanosatelliten loszuschicken, jeder nur so groß wie eine Briefmarke. Angeschubst wird jeder einzelne der hypothetischen Satelliten von einem Laser, der auf der Erde steht und dessen Lichtstrahl ein handtuchgroßes Segel trifft, das der Satellit aufspannt. Nach nur ein paar Jahrzehnten Reisezeit wäre die Nanosonde am nächsten Stern, Alpha Centauri, und könnte damit anfangen, hochaufgelöste Bilder von dessen Planeten nach Hause zu funken. 13

Egal, ob die Reise zu den Exoplaneten technisch machbar ist oder nicht, die Frage bleibt dieselbe. Was machen wir mit ihnen? Was wollen wir eigentlich dort? Wir sind nicht nur Touristen, die fremde Welten besuchen. Wir sind nicht nur Wanderer, wie Carl Sagan behauptet, getrieben für alle Zeiten von einem biologischen Drang, immer weiter zu gehen. Alle bisherigen großskaligen Entdeckungsreisen, nach China, nach Amerika, zum Mond, folgten knallharten ökonomischen oder militärischen Interessen, die naive Freude am Entdecken war lediglich eine Begleiterscheinung. Naturwissenschaftler sind wie ein enthusiastischer Hund, der immer ein paar Meter vorneweg läuft und die Kaninchen aufscheucht, die der Hundebesitzer dann erschießt.

Die Jünger von Elon Musk und Yuri Milner sehen fremde Planeten als möglichen Ersatz für unseren eigenen, die Expansion ins Universum als eine natürliche Weiterentwicklung unserer Spezies. Unsere Zukunft liegt im Weltall, das ist es, was die Reiseposter der NASA versprechen. Die Erde, ein Auslaufmodell, ein alternder Heimatplanet, der entweder in absehbarer Zeit von seinen Bewohnern zugrundegerichtet wird oder aber in weniger absehbarer Zeit von einem Asteroiden auf Kollisionskurs oder in noch fernerer Zukunft von der sterbenden Sonne. Jeder neue Exoplanet ist ein potentieller Trittstein in der endlosen Weite, eine Raststätte auf dem Weg zum Ende des Universums. Jeder neue Exoplanet ist ein neuer Anfang für unsere Spezies, die Chance, alles anders und besser zu machen. Der neue Planet verspricht auch einen neuen Menschen.

Aber die Dinge werden auch auf den neuen Planeten nicht besser werden. »Space travel won’t save you from capitalism«, schreibt Sam Kriss in einem Essay für The Atlantic nach der Entdeckung der sieben Planeten um Trappist-1. Die Logik der Kolonisierung des Weltalls beruht auf der Annahme, dass die Gesellschaft immer expandieren muss, immer weiter in den leeren Raum hinein, denn wenn sie anhält, stirbt sie, so Kriss. 14 Auf den Reisepostern der NASA muss man sich im Hintergrund immer die Industrieruinen vorstellen, die brennenden Halden mit Plastikmüll, die Schlote mit Abgasen, die immer gleichen Flughäfen und Autobahnen. Die Exoplaneten werden unsere Probleme nicht lösen, sie geben ihnen nur mehr Platz zum Wachsen.

roter punkt_20px Hat Ihnen der Artikel gefallen? Bleiben Sie auf dem Laufenden.  Abonnieren Sie unseren Newsletter.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Michel Mayor/Didier Queloz, A Jupiter-mass Companion to a Solar-type Star. In: Nature, Nr. 6555 vom 23. November 1995.
  2. Tadashi Nakajima u.a., Discovery of a Cool Brown Dwarf. In: Nature, Nr. 6556 vom 30. November 1995; Rafael Rebolo u.a., Discovery of a Brown Dwarf in the Pleiades Star Cluster. In: Nature, Nr. 6545 vom 14. September 1995.
  3. Otto Struve, Proposal for a Project of High-precision Stellar Radial Velocity Work. In: The Observatory, Oktober 1952.
  4. Bruce Campbell/G. A. H. Walker, Precision Radial Velocities with an Absorption Cell. In: Publications of the Astronomical Society of the Pacific, Nr. 542, August/September 1979.
  5. Bruce Campbell/G. A. H. Walker/S. Yang, A Search for Substellar Companions to Solar-type Stars. In: Astrophysical Journal vom 15. August 1988.
  6. David Charbonneau u.a., Detection of Planetary Transits Across a Sun-like Star. In: Astrophysical Journal, Nr. 1, Januar 2000.
  7. Vivien Parmentier u.a., Transitions in the Cloud Composition of Hot Jupiters. In: Astrophysical Journal, Nr. 1 vom 24. August 2016.
  8. Michaël Gillon u.a., Seven Temperate Terrestrial Planets Around the nearby Ultracool Dwarf Star TRAPPIST-1. In: Nature, Nr. 457 vom 23. Februar 2017.
  9. Kevin L. Luhman, Discovery of a ~250 K Brown Dwarf at 2 pc from the Sun. In: Astrophysical Journal Letters, Nr. 786 vom 10. Mai 2014.
  10. Jacqueline K. Faherty u.a., Indications of Water Clouds in the Coldest Known Brown Dwarf. In: Astrophysical Journal Letters, Nr. 793 vom 8. September 2014.
  11. C. L. Brogan u.a., First Results from High Angular Resolution ALMA Observations Toward the HL Tau Region. In: Astrophysical Journal Letters, Nr. 808 vom 14. Juli 2015.
  12. L. Ricci u.a., ALMA Observations of ρ-Oph 102: Grain Growth and Molecular Gas in the Disk around a Young Brown Dwarf. In: Astrophysical Journal Letters, Nr. 761 vom 30. November 2012.
  13. Philip Lubin, A Roadmap to Interstellar Flight. In: Journal of the British Interplanetary Society, Februar 2016.
  14. Sam Kriss, Think Twice About Escaping Earth to an Exoplanet. In: The Atlantic vom 8. März 2017 (www.theatlantic.com/science/archive/2017/03/space-travel-wont-save-you-from-capitalism/518853/).

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