„Pfeift nicht!“ Frankreich vor und nach dem Mai 2017

Gleich nach der ersten Hochrechnung tagt die Fernsehrunde. Nicolas Dupont-Aignan von der rechtsnationalen Kleinpartei Debout la France hätte unter Marine Le Pen Premierminister werden sollen, jetzt erklärt er gequält sein Scheitern. Dann räumt er den Platz für ein Gesicht, das der deutsche Beobachter noch nicht kennt. So kann wohl nur der Front National reden: Der gewählte Präsident habe keine Legitimation, sei »minoritär«. Der Einwand, in der Demokratie entscheide über Mehrheit und Legitimation ausschließlich eine Wahl, wie sie gerade mit Zweidrittelmehrheit zu Ende gegangen ist, wird im Namen des »Volks« vom Tisch gewischt. Doch falsch: Jean-Luc Mélenchons Sprecher Alexis Corbière, Ex-Sozialist, inzwischen auch Parlamentsabgeordneter, folgt Wort für Wort der unterlegenen Kandidatin und gibt damit den Ton vor für die kommenden Wochen.

Zwei Stunden später hat die Spannung ein Ende. Doch Emmanuel Macron erscheint an diesem 7. Mai 2017 nicht auf der Bühne, wo ihn alle erwarten. Ganz allein, im strengen schwarzen Mantel, tritt er aus dem Schatten der Cour Carrée in den nächtlichen Hof des Louvre, geht im Bogen zwischen der Renaissancefassade des Schlosses und der kristallinen Pyramide. Der neue Präsident tritt an zum Klang der Europäischen Hymne, spricht vor dem leuchtenden, einst so umstrittenen Wahrzeichen der modernen Architektur. Erst danach intonieren Zehntausende mit diesem ungewöhnlichen Mann und seiner selbst für Patchwork-Verhältnisse noch ungewöhnlicheren Familie die Marseillaise.

Marine Le Pen hat die Formel vom »Bankier Macron« erfunden. Wenn diese so schnelle Verbreitung fand, dann weil sie an ein hundert Jahre altes Muster anknüpft. Nicolas Dupont-Aignan wählte in der Stichwahl Le Pen, weil er »Frankreich nicht der Pariser Börse, das heißt Monsieur Macron übergeben« wollte. Wer ein wenig vertraut ist mit französischer Ideologiegeschichte, erkennt das seit der Dreyfus-Affäre bekannte Muster: Frankreich muss verteidigt werden gegen den Zugriff der vaterlandslosen Internationale des Geldes. Der Autor Éric Marty sieht denn auch in diesem »verleumderischen Stigma« das »wesentlichste Symptom dieses Präsidentschaftswahlkampfs«, nämlich die Wiederkehr eines »Faschismus, der auch ein Rassismus der Klasse« sei.

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