Profit ohne Risiko: Wissenschaftsverlage

Das marktbeherrschende Unternehmen einer der lukrativsten Branchen der Welt würde bald einen Aktiencrash erleben – davon war Claudio Aspesi, Senior Investment Analyst bei Bernstein Research in London, im Jahr 2011 überzeugt. Reed-Elsevier, ein multinationaler Verlagskonzern mit einem Jahresumsatz von über 6,8 Milliarden Euro, war ein Darling der Investoren. Anders als die meisten anderen Verlage hatte Reed-Elsevier den Übergang ins Internetzeitalter erfolgreich bewältigt, und der jüngste Unternehmensbericht sagte für das Folgejahr weiteres Wachstum voraus. Dennoch hatte Aspesi berechtigten Grund zur Annahme, dass diese Prognose falsch war.

Kerngeschäft von Elsevier ist die Publikation wissenschaftlicher Fachzeitschriften, wöchentlich oder monatlich erscheinender Periodika, in denen Wissenschaftler der Fachwelt die Ergebnisse ihrer Forschungen mitteilen. Trotz der zahlenmäßig geringen Leserschaft handelt es sich bei diesen wissenschaftlichen Publikationen um einen erstaunlich großen und gewinnträchtigen Markt. Mit einem weltweiten Umsatz von jährlich über 21 Milliarden Euro rangiert die Branche irgendwo zwischen Musik- und Filmindustrie, das Geschäft ist jedoch weitaus profitabler. Für das Jahr 2010 wies die Wissenschaftspublikationssparte von Elsevier einen Gewinn von rund 860 Millionen Euro aus – bei einem Umsatz von nur knapp über 2,3 Milliarden Euro. Das war eine Gewinnmarge von 36 Prozent, höher als bei Apple, Google oder Amazon im selben Jahr.

Elseviers Geschäftsmodell war bei genauerem Hinsehen ein Rätsel. Um Geld zu verdienen, muss ein traditioneller Verleger – beispielsweise einer Zeitschrift – erst einmal jede Menge Kosten auf sich nehmen: Journalisten für ihre Artikel bezahlen; Redakteure beschäftigen, die die Artikel in Auftrag geben, bearbeiten, die Fakten überprüfen; den Vertrieb organisieren, um das fertige Produkt zu den Abonnenten und in den Einzelhandel zu bringen. All dies ist finanziell aufwändig, bei erfolgreichen Zeitschriften beträgt die Gewinnspanne normalerweise zwischen 12 und 15 Prozent.

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