Schnappschuss mit Ruine

Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schaut ein junges Ehepaar vom Kinderzimmer ihrer Nachbarn aus auf eine Ruinenlandschaft. Was da vor ihnen liegt, besteht aus Grundmauern, einigen Fassadenteilen und einer Menge Schutt, der bis in die eingestürzten Kellergeschosse hinunterreicht und an seinen erdhaltigsten Stellen mit Buschwerk und Bäumchen besiedelt ist. Zwischen den vormaligen Häuserblöcken haben sich Trampelpfade gebildet, die teilweise bis in die steinernen Grundrisse der Gebäude hineinführen und dort in irgendwelchen Kellerlöchern enden.

Von alldem ist auf dem Foto, wenn überhaupt, nur ein winziger Ausschnitt zu sehen. Doch hat sich in meiner Erinnerung das Bild dieser Ruine so festgesetzt, dass ich es auch ohne fotografische Unterstützung als immer noch gegenwärtig empfinde. Fast die gesamte Kindheit über hatte ich, wann immer ich aus dem Fenster unseres Kinderzimmers schaute, diese in Parzellen unterteilte Backsteinwüste vor Augen; und nichts hätte mich und meine Freunde davon abbringen können, in dieser verbotenen Zone nach Abenteuern zu suchen, also etwas zu tun, das Mama und Papa nicht zu wissen brauchten, wofür Schlupfwinkel aller Art vonnö- ten sind, und eine Ruine ist naturgemäß voll davon. Obwohl der Begriff »Abenteuerspielplatz« noch gar nicht geboren war, darf man in diesem aus unerfindlichen Gründen stehengebliebenen Ruinenviertel einen seiner natürlichen Vorläufer erkennen.

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