Binging Bouffier: NSU-Berichterstattung

Die Aufarbeitung der NSU-Verbrechen geht ihrem Ende entgegen. In dem seit Mai 2013 laufenden Prozess am Münchner Oberlandesgericht gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André Eminger, Carsten Schultze und Holger Gerlach wurde vor der Sommerpause dieses Jahres die Beweisaufnahme abgeschlossen. Es ist die Zeit der Plädoyers, die Urteilsverkündung wird für Anfang 2018 erwartet. Seine Arbeit abgeschlossen hat zum Ende der zurückliegenden Legislaturperiode der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag (es war bereits der zweite), zugleich sind in verschiedenen Landtagen noch immer eigene Untersuchungsausschüsse tätig: in Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen ebenfalls zum zweiten Mal, in Hessen seit 2015 und in Brandenburg seit 2016; in Mecklenburg-Vorpommern wurde der Forderung der Fraktion Die Linke vorerst mit einem Kompromiss nachgegeben – in Form eines Unterausschusses des dortigen Innenausschusses, was die sowieso begrenzten Möglichkeiten der Aufklärung noch einmal limitiert: Ein Unterausschuss ist nicht mit eigenen Ermittlungskompetenzen ausgestattet, und er tagt in nichtöffentlicher Sitzung.

Gerade die Öffentlichkeit macht aber einen nicht unbedeutenden Teil der Ausschussarbeit aus. Wenn die Ausschüsse schon über keine juristische Handhabe verfügen gegenüber Aussagen, die Zeugen dort machen, wenn sie das Nichterscheinen geladener Zeuginnen nicht sanktionieren können (in Hessen ist etwa trotz mehrfacher Aufforderung Corryna Görtz bislang nie erschienen; sie gilt als Verbindungsfrau zwischen nordhessischer und Thüringer Neonaziszene), dann bleibt als Sinn doch immer die Herstellung von Öffentlichkeit.

Also wird in den Sitzungen nicht selten aus Akten zitiert. Die Vorhalte treffen zwar auf die Erinnerungslücken von Zeugen, werden durch das Verlesen aber überhaupt mitgeteilt. Es findet eine Transferleistung statt, die mit dem Zusammenspiel verschiedener Kräfte in einer Demokratie rechnet: Die um Aufklärung bemühten Politikerinnen verlesen die Aktenstellen letztlich im Bewusstsein, dass die Details durch mediale Vermittlung in das Wissen um den NSU-Komplex eingehen können.

Öffentlichkeit ist dabei ein unscharfer Begriff. Denn die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren in persönlichen Gesprächen mit – wenn man so will – lauter Einzelöffentlichkeiten gemacht habe, ist eher deprimierend. Mein Interesse am Münchner Prozess und den verschiedenen Untersuchungsausschüssen (Bundestag, Thüringen, Hessen) erschien im Spiegel der meisten Menschen, mit denen ich darüber sprach, wie die Grille eines Historikers – die Beschäftigung mit einer Angelegenheit, die lange vorbei ist.

 

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Wenn schon nicht zu erwarten war, dass Leute, die während ihrer Arbeitszeit an Verhandlungen und Sitzungen schlicht nicht teilnehmen können, atemlos den Lauf der Aufklärungsversuche verfolgen, so ist das Ausmaß an Resignation und Desinteresse, das aus vielen Reaktionen sprach, doch beredt: dass das alles so lang dauert; dass doch eh nichts rauskommt; was das alles kostet.

In gewisser Weise gibt es beim NSU-Komplex also zwei Öffentlichkeiten: Die große, resignative, für die das Thema durch ist. Und eine kleine, informierte aus professionellen und nichtprofessionellen Beobachtern, die jede Äußerung verfolgt und einordnen kann. Das mag letztlich bei jedem (politischen) Thema der Fall sein und legitimiert den Berufsstand des Journalisten. Bei der Befassung mit dem NSU-Komplex berechtigt aber gerade die beträchtliche Zahl der Informierten zu Hoffnungen – dem langwierigen und vor allem schwierigen Ringen um Aufklärung zum Trotz. Die Pressetribüne im Münchner Oberlandesgericht ist konstant besser gefüllt als die Seite, auf der die anderen Besucher den penibelsten Rekonstruktionen von weit zurückliegenden Vorgängen an einer Straßenbahn-Endhaltestelle in Jena-Winzerla folgen könnten.

Und es berichten nicht nur große Medien, die sich ständige Beobachterinnen leisten können, sondern auch Lokalzeitungen und Ehrenamtliche. Das Netzwerk NSU-Watch protokolliert, der föderalen Struktur der Republik folgend, die Bewegungen im Prozess und die in den Untersuchungsausschüssen. Das sogenannte NSU-Tribunal, das im Mai in Köln vor Hunderten von Besuchern stattfand, bündelte die investigative Energie von Freiwilligen auf eine Weise, die das kollektive migrantische Wissen um deutschen Rechtsterrorismus in den Mittelpunkt stellte – auch wenn klassische, an Institutionen wie Gericht, Regierung und Parlament orientierte Medien mit einem solch gewaltigen, nichtprofessionell initiierten Ereignis nicht viel anzufangen wussten.

Die Trennlinie zwischen den beiden Öffentlichkeiten lässt sich an den Namen der NSU-Mordopfer ziehen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat sind dem Kreis der Beobachterinnen geläufig. Die große Öffentlichkeit kennt hingegen am ehesten den Name der Polizistin Michèle Kiesewetter, die als zehntes Opfer gilt, deren – in die Mordserie nicht passen wollender – Fall aber zu den rätselhaftesten in dem an Rätseln nicht armen NSU-Komplex gehört.

Die namentliche Erwähnung der Opfer hat sich über die Gespräche in Prozesspausen und auf Landtagsfluren, in denen sich ein nur gelegentlicher Besucher wie ich bei den dauerhaften Berichterstattern auf den Stand des aktuellen Redens bringen kann, zu einem Standard der Respektsbekundung entwickelt. Als Zschäpe im Dezember 2015 ihre absurde Aussage verlesen ließ, vermerkte Spiegel Online die Namen der Opfer ganz oben auf der Website.

Bundesanwalt Jochen Weingarten, ein eloquenter, darin mitunter übertrieben eitler Redner (einen „Ausnahmefall“ bezeichnet er zusätzlich als „exzeptionell“), bediente sich in seinem Plädoyer am 378. Verhandlungstag Ende Juli 2017 ebenfalls dieser verbalen Geste. Wobei der kleine Unterschied in seiner Aufzählung der Opfernamen sinnbildlich für die Politik der Bundesanwaltschaft steht, die sich früh auf eine Drei-Täter-Theorie festgelegt hat und von einem NSU, der als Netzwerk von Helfern und Informanten über Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hinausgeht, nichts wissen will.

Weingarten sprach nämlich von Yunus statt von Mehmet Turgut, was darauf zurückgeht, dass die Geburtsdaten der beiden Brüder einst vertauscht wurden, woraufhin Yunus und Mehmet wiederum ihre Pässe tauschten. Bei der Identifizierung des fünften Opfers am 25. Februar 2004 in Rostock wurde die Verwirrung schließlich offenbar und der anfänglich genannte Name des Toten von Yunus in Mehmet Turgut korrigiert (Yunus Turgut lebt heute in der Türkei). Es mag eine Petitesse sein, aber dass die Bundesanwaltschaft sich an den falschen Pass hält (in der Anklageschrift ist ebenfalls von Yunus Turgut die Rede), lässt den Respekt vor den Toten unaufrichtig wirken. Sie passt zu der Anklage der Bundesanwaltschaft, die die Ausrichtung des Prozesses bestimmt.

Auch wenn ein Prozess eine juristische Unternehmung ist und keine kriminalistische oder innerbehördliche Investigation – in der Ignoranz gegenüber den berechtigten Fragen der vielen als Nebenkläger in München vertretenen Familienangehörigen von Opfern zeichnet sich mit Blick auf das nahende Ende der OLG-Verhandlungen eine dritte Brüskierung ab. Nach dem Verlust des Ehemanns, Vaters, Bruders, Sohns und nach den jahrelangen, bis zum Auffliegen der Terrorzelle am 4. November 2011 in Eisenach falschen Verdächtigungen droht sich das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der zentralen Trauerfeier im Februar 2012 als leer herauszustellen: „Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ (zit. nach SZ)

Kühle Absage

Was in den vergangenen Jahren an Chancen verpasst worden ist, lässt sich für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland wohl erst im Laufe der Zeit ermessen. Gerade die tiefe Verunsicherung von ökonomisch integrierten Mitgliedern der ersten und zweiten „Gastarbeiter“-Generation, die das sehr gezielt ausgesuchte Objekt der Anschläge waren, wäre als Anlass zu begreifen gewesen, offensiv Zeichen der Versöhnung auszusenden.

Weingartens Kollegin, die Oberstaatsanwältin Anette Greger, hat jedenfalls am 377. Verhandlungstag den Hoffnungen der Hinterbliebenen eine erstaunlich kühle Absage erteilt, als sie formulierte: „Eine Existenz von rechten Hintermännern an den Tatorten, die einige Rechtsanwälte ihren Mandanten offensichtlich versprochen hatten, hat sich bislang weder in den seit sechs Jahren laufenden Ermittlungen und der Hinweisbearbeitung, noch in der bisher 360-tägigen Beweisaufnahme, wo wieder jedem Hinweis darauf nachgegangen wurde, … noch in den breit angelegten Beweiserhebungen der zahlreichen Untersuchungsausschüssen bewahrheitet.“

Dieser Satz ist schon deshalb eine Unverfrorenheit, weil die Anwälte der Nebenklage ihrerseits praktische Aufklärungsarbeit geleistet haben, zu der professionelle Ermittler offenbar nicht im Stande waren. Ein Beispiel wäre die Episode an der Straßenbahn-Endhaltestelle in Jena-Winzerla, bei der die Verteidigung von „Thüringer Heimatschutz“- und NPD-Funktionär Wohlleben hoffte, den einzig reuigen, ihren Mandanten belastenden Mitangeklagten Carsten Schultze diskreditieren zu können. Was nicht gelang, weil ein Nebenanklageanwalt Zeugen auftrieb, die Schultzes Version des in Rede stehenden Vorfalls, einer Schlägerei Ende der neunziger Jahre, bestätigten.

Zudem erweist sich Gregers Satz als ironisch, insofern das Versprechen einer Aufdeckung von „Hintermännern“ gar nicht auf die Nebenkläger zurückgeht, sondern bis in den Wortlaut hinein auf die Passage aus der Merkel-Rede reagiert. Diese öffentliche Kommunikation zwischen Exekutive und Judikative zeichnet ein merkwürdiges Bild, weil das Selbstgespräch zwischen den Gewalten des Staates über die Köpfe seiner Bürger hinweggeht. Solche freudianischen Momente, in denen das Eigentliche als Dementi ausgesprochen wird, gibt es im NSU-Komplex häufiger. Legendär unrühmlich ist die Behauptung des damaligen SPD-Innenministers Otto Schily, der einen Tag nach dem NSU-Nagelbombenattentat vom 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße bereits einen „terroristischen Hintergrund“ ausschloss, ohne dass bis heute klar wäre, wie die zu dieser Zeit noch – im Fall der NSU-Verbrechen konsequent in die eine, falsche Richtung – laufenden Ermittlungen diese Erkenntnis hätten stützen sollen.

Den Vertretern der auflagenstärksten, publizistisch noch immer wirkmächtigen Medien fällt der Abstand zu den staatlichen Organen schwer. Bei allem gesammelten Wissen und aller Beständigkeit der Berichterstattung (das Magazin der Süddeutschen Zeitung räumt jährlich Auszügen aus den Prozessprotokollen Raum ein) resultiert der professionelle Gerichtsreporterinnenblick nicht selten in limitiert affirmativen Beschreibungen der handelnden (und zweifellos juristisch beschlagenen) Bundesanwälte.

So beginnt Karin Truscheit ein Porträt Herbert Diemers in der FAZ mit: „‚Jetzt kommt Diemer!‘, raunte es oft unter Journalisten und Zuschauern, wenn sich der Bundesanwalt anschickte, nach einem nicht nur von der Länge her ausufernden Beweisantrag im NSU-Verfahren das Wort zu ergreifen. Herbert Diemer beugte sich in seiner roten Robe vor und zerlegte den Antrag dann mit rauchiger Stimme in zwei, drei Minuten in seine Einzelteile, bis der Antrag am Ende als ‚irrelevant‘ und der Antragsteller oft genug als juristischer Pennäler dastand. Das konnte man auch anders sehen. Aber wenn der Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof Herbert Diemer mit zuweilen nur mühsam verborgenem Sarkasmus und rollendem, fränkischem ‚R‘ Stellung bezog, war die Aufmerksamkeit im Gerichtssaal selbst an langen Verhandlungstagen schnell wiederhergestellt – bei allen Verfahrensbeteiligten.“

Annette Ramelsberger von der SZ malt das Bild des für die Anklage entscheidenden Mannes so: „Bundesanwalt Herbert Diemer ist ein freundlicher, weißhaariger Herr. 63 Jahre alt, geborener Bayer, einer, der weiß, wie das Leben läuft und dass es sich selten an Planungen hält. 374 Tage hat er schon hier in München verbracht, vom ersten Tag des Verfahrens am 6. Mai 2013 bis zu diesem Dienstag, dem 375. Tag, an dem es nun wirklich losgehen soll mit den Plädoyers, also mit der Schlussphase dieses in vielerlei Hinsicht einmaligen Strafprozesses … Dann legt Diemer los. Und alles Freundliche ist nun verschwunden. Es ist der letzte große Prozess im Berufsleben Diemers. Er hat russische Spione angeklagt und Linksradikale; aber dieses Verfahren ist die Krönung seiner Laufbahn.“

An solchen Stellen werden die Grenzen effektvoller, aber konventioneller journalistischer Formen erkennbar, auch wenn die Wahl dieser Mittel sicherlich auch durch die Schwierigkeit begründet ist, nach über 370 Verhandlungstagen (und ebenso vielen Texten) das eigene Schreiben abwechslungsreich zu gestalten. Letztlich machen solche mit szenischem Impressionismus arbeitenden Tüchtigkeitserzählungen aber immer nur die blinden Flecken sichtbar, die sich bei genauem Lesen im Verhältnis arrivierter Medien zu den Organen des Staats entdecken lassen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz, das gerade wegen seiner vielen dubiosen Aktionen im NSU-Komplex (Aktenvernichtung, Aufklärungsunwilligkeit, nutzloses V-Mann-System) mit größter Skepsis behandelt gehörte, wird in der Rolle eines scheinbar objektiven, allwissenden Erzählers verdächtiger krimineller Bewegungen weiterhin kaum hinterfragt – seine Beobachtungen etwa zu dem jüngeren Phänomen der „Reichsbürger“ werden für allgemeingültige Angaben genommen, statt darüber zu reflektieren, ob dem Amt in diesem Feld nicht Versäumnisse vorzuwerfen sind. Es waltet eine bosbachschlichte Solidarität mit den Behörden. Dabei träfe die Kritik ja nicht die niederen Ausführenden, sondern zielte auf Struktur und Führung.

Ein Stück Erdbeerkuchen

Zugleich stellen die vielen einzelnen Termine Medien vor Herausforderungen, die mit ergebnisorientierter Berichterstattung nicht zu bewältigen sind. Nachrichtlich lässt sich etwa dem Auftritt des heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) in der 40. Sitzung des Hessischen NSU-Untersuchungsausschusses am 26. Juli 2017 nicht viel mehr abgewinnen als eine früh formulierte Agenturmeldung: „Bouffier bestreitet Behinderung der NSU-Ermittlungen.“

Das tatsächliche, in seiner ermüdenden Redundanz dennoch spannende Geschehen, das sich allein in öffentlicher Sitzung über zehn Stunden zog, bedürfte, um zumindest einmal adäquat abgebildet zu werden, Formen des Beschreibens, die noch über journalistische Artikel hinausgingen, wie sie selbst die in ihrer Begleitung der Ausschussarbeit äußerst umsichtige Frankfurter Rundschau produziert. Interessant machte einen solchen Bericht gerade ein Augenmerk auf die Redelogiken: eine feuilletonistische Perspektive, die das Nichts-sagen-Wollen und das Nichts-erinnern-Wollen des einstigen Innenministers weiter kontextualisiert. Warum sind gelangweilte oder auch nur erschöpfte Medien nicht auf die Idee gekommen, für eine lose Serie gewiefte Schriftstellerinnen als „besonders aufmerksame Seismografen“ (Iris Radisch) in Prozess und Ausschüsse zu entsenden?

 

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Bouffier – der am Tag der besagten Ausschusssitzung sein neuestes, im Gespräch mit den beiden FAZ-Journalisten Werner D’Inka und Peter Lückemeier entstandenes Buch Ich will die Welt jeden Tag ein bisschen besser machen veröffentlichte (FAZ: „Der Titel ist Programm“)– wäre überdies ein reizvoller Gegenstand für filmisch informierte Beobachter. Allein wegen der schieren Länge seiner Zeugen-Performance: Binging Bouffier.

Angesichts von Bouffiers wiederkehrenden, in der Ahnung um den geringen Unterhaltungswert immerhin variierten Auskünften („Das ist mir nicht erinnerlich“; „dazu kann ich aus eigener Kenntnis überhaupt nichts sagen“) käme man dann nämlich schwer umhin, in dem langjährigen Politiker einen der Replikanten zu erkennen, die in Ridley Scotts Blade Runner den Spezialagenten Rick Deckard (Harrison Ford) vor allerlei Probleme stellen. Wenn bei der Unterscheidung zwischen Replikanten und Menschen letztlich immer die Fähigkeit zur Erinnerung geholfen hat, dann kann man den täglichen Weltverbesserer Bouffier, wie er sich im Ausschuss zeigt, unmöglich auf die Seite des Humanen schlagen – schon weil er von sich aus keine Erinnerungen anbietet.

Die Zeit nach dem Kasseler Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006, bei dem der Verfassungsschützer Andreas Temme zugegen war, die atemlosen Tage nach dem Auffliegen des NSU im Jahr 2011 – nichts davon hat Spuren im Gedächtnis von Volker Bouffier hinterlassen. Bouffier erzählt, als wäre er so lausig programmiert wie die Öffentlichkeit, die er nicht unterrichtet hat: Er erfährt als Innenminister Dinge aus der Zeitung und weiß auch sonst nichts. Träumt Volker Bouffier von rassistischen Morden? Seine erste menschliche Regung zeigte sich nach sechseinhalb Stunden: „Ich hätte gern ein Stück Erdbeerkuchen.“

Wie prekär bei Bouffier noch die Erinnerung ist, die sich wenigstens andeutet, beweist die Antwort auf die Frage, ob er als Innenminister (von 1999 bis 2010) etwas von Überlegungen zu einer „Braunen RAF“ mitbekommen habe – eine Diskussion in Sicherheitskreisen, die Bouffiers Parteifreund Clemens Binninger, der dem zweiten NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags vorstand, in den frühen Nullerjahren verortet: „Ich weiß das nicht mehr so genau, wann war denn dieser Anschlag auf das Oktoberfest?“ Das  bis heute schwerwiegendste terroristische Attentat der bundesrepublikanischen Geschichte ereignete sich am 26. September 1980, zu einer Zeit, da Bouffier (Jahrgang 1951) bereits ein erwachsener, politisch arbeitender Mensch war. Dass der Anschlag bei ihm so wenig Eindruck hinterlassen hat (wo er im „Deutschen Herbst“ war, wüsste Bouffier vermutlich), verweist auf die stupende Geschichtslosigkeit des bundesdeutschen Rechtsterrorismus: Während es sechs verschiedene Schauspielerinnen gibt, die in Filmen Gudrun Ensslin verkörpert haben, sind neonazistische Anschläge medial nie tradiert worden. Abgetan als Einzelfälle (was in der Reduktion des NSU auf das Trio Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe eine geschichtliche Kontinuität erkennen lässt), fehlt es an historisch fundiertem Wissen um größere Zusammenhänge.

Immerhin hat der NSU-Komplex in dieser Hinsicht etwas bewirkt. Mittlerweile sind Bücher erschienen, die sich an einer Zusammenschau versuchen: Rechter Terror in Deutschland. Eine Geschichte der Gewalt von Olaf Sundermeyer (2012), Blut und Ehre: Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland von Andrea Röpke und Andreas Speit (2013) oder die erste um Wissenschaftlichkeit bemühte Darstellung Right-Wing Terrorism in the 21st Century: The ‚National Socialist Underground‘ and the History of Terror from the Far-Right in Germany von Daniel Koehler (2016, bezeichnenderweise auf Englisch). 1

Die Untersuchungsausschusssitzung mit Bouffier könnte nicht zuletzt in ihrer personalen Anordnung ästhetisch begeistern. So heißen die hessischen Verfassungsschutzpräsidenten aus der Zeit der NSU-Mordserie, die öfter Erwähnung finden, schon so, als wären es Charaktere, die Theodor Fontane sich ausgedacht hat: Irrgang und Eisvogel. Holger Bellino, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion und für diese im Ausschuss der einzige Sprecher, präsentiert sich ebenfalls wie eine fiktionale Figur mit sprechendem Namen. Karikaturisten würden ihn als humorlos dreinblickende Bulldogge mit majestätischen Augenringen in einer riesigen Hundehütte vor der Staatskanzlei zeichnen.

Bellino tritt auf als Ausputzer, der sich nicht zu schade ist, dem Chef entwürdigend-harmlose „War es nicht so“-Fragen hinzulegen wie ein Vater seiner fünfjährigen Tochter den Fußball, damit Bouffier in seinem Landesvaterbass dann lauter „Ja, das hatte ich im Sinn“-Antworten reinmachen kann. Geleitet wird die Sitzung von Hartmut Honka (CDU), einem konfirmandenhaften Schlaks (Jahrgang 1978), der in der um Witzigkeit bemühten Servilität gegenüber dem Mann, der aktuell für den Fortgang seiner Karriere entscheidend ist, zugleich die Souveränität des unabhängigen Untersuchers darzustellen versucht – ein Zwiespalt, der prima Material für Komödienschreiber bereithielte.

Als Treppenwitz des Ganzen erscheinen die Vertreter der in Hessen mitregierenden Grünen, die durch Vorhalte aus den Akten daran erinnert werden, wie kritisch sich ihr Vorsitzender Tarek Al-Wazir gegenüber Bouffier zu Wort gemeldet hatte in Sachen NSU-Aufarbeitung, bevor er 2014 dessen Stellvertreter als Ministerpräsident wurde.

Dass die Kunst bei der Bedeutung der offenen Fragen im NSU-Komplex durchaus hilfreich sein kann, führte die 41. Sitzung des Hessischen Untersuchungsausschusses am 25. August 2017 vor. Geladen war der in heillose Widersprüche verstrickte Verfassungsschutzmitarbeiter Temme, dem auf Antrag der SPD-Fraktion Ausschnitte aus der Rekonstruktion des Yozgat-Mordes durch das Londoner Büro Forensic Architecture vorgeführt wurden – einer Arbeit, die schon beim NSU-Tribunal zu sehen war und die unter dem Titel 77sqm_9:26min zu den Attraktionen der letzten Documenta gehörte. Zwar blieb V-Mann Temme, obwohl das Video das Gegenteil mehr als nur suggeriert, und anders als in Shakespeares schöner Fiktion Hamlet, wo das Stück im Stück die Schuldigen überführt, bei der Version, nichts gesehen zu haben: „Das ist keine Version, das ist die Wahrheit.“

Die Vorführung aber zeigte an, wo die Hoffnung auf Aufklärung der den Glauben in die Demokratie erschütternden, weil allerhand Verschwörungstheorien Raum bereitenden Lücken in der Aufklärung der NSU-Verbrechen liegt: in Bearbeitungen, die Medien Anlässe zum Diskursivieren und Recherchieren schaffen, wenn die Aufarbeitung, wie sie Gericht und Ausschüsse betreiben, zu Ende ist.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Philipp Schnees Feature Verdrängte Vergangenheit? Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik. Erstsendung am 11. Januar 2017 auf DLF Kultur.

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