Sankt Petersburg – Petrograd – Leningrad. Überlegungen zu einer Geschichte diesseits des Großen Oktober

Als ich vor ein, zwei Jahren Freunde und Kollegen in Petersburg darauf ansprach, was die Stadt denn zum einhundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution unternehmen würde, ob sie sich für das Jahr 2017 nicht um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ bemühen sollte, blickten die mich ziemlich erstaunt, um nicht zu sagen entgeistert an. Vielleicht hat es Petersburg einfach gar nicht nötig, sich als „europäische Kulturhauptstadt“ zu bewerben, spielt es doch in einer anderen Klasse als Kosice (Kaschau, Kasso), das Ruhrgebiet oder Tallinn. Vielleicht hatte man es auch satt, sich an dem Recycling von Jubiläen und Jahrestagen, das so oft an die Stelle wirklicher Bewegung getreten ist, zu beteiligen. Aber mein Verdacht ging in eine andere Richtung: dass die Stadt jenen Augenblick, jenen historischen Moment, in dem sie tatsächlich Hauptstadt der europäischen Geschicke im 20. Jahrhundert geworden war, nicht wahrhaben wollte, ihn verdrängte. Was sollte man mit 1917 zu tun haben, in dem die einen Jahrzehnte lang den Anbruch eines neuen Zeitalters gepriesen und die anderen den Untergang einer ganzen Welt beklagt hatten. Und wie soll man diese so gegensätzlich wahrgenommenen „zehn Tage, die die Welt erschütterten“, das Ineinander von Aufbruch und Untergang zusammenbringen!

Diese Frage bewegt vielleicht nicht nur die Petersburger oder die Bürger der Russländischen Föderation, sondern auch Europäer, und Historiker im Besonderen. Es ist eine ungemein schwierige Arbeit trotz vorliegender meisterhafter Groß- und Gesamt-Darstellungen, mit dem Problem der Gleichzeitigkeit von Aufbruch und Katastrophe fertig zu werden. Es gibt einen Abstand, in dem die (ideologischen und ideenpolitischen) Leidenschaften sich abgekühlt haben, erkaltet sind und sich jene sine ira et studio-Haltung einstellt, die der Entideologisierung und Entmoralisierung gut tut und die Historisierung so umstrittener Ereignisse erleichtert. Umgekehrt ist es ein die historische Sensibilität und Imagination befördernder Umstand, als Zeitgenosse mit Erfahrungen konfrontiert zu werden, die den Paradoxien, dem tumultuarischen Geschehen jener Umbruchzeit zwischen 1917 und 1920 ähneln oder sogar verwandt sind. Wie soll man als ein in Friedenszeiten aufgewachsener Mensch meiner Generation Situationen verstehen können, in denen alles out of control geraten und klar ist, dass es niemanden gibt, der Herr des geschichtlichen Verfahrens sein könnte, da Geschichte unverfügbar und bei aller Offenheit des Prozesses doch kein Experiment ist, das einer Versuchsanordnung folgt.

Man muss etwas von Chaos, Kontrollverlust, brachialer Gewalt, Verzweiflung, Hysterie und Panik mitbekommen haben, um in Kategorien analysieren und schreiben zu können, die historischen Umbrüchen von der hier angedeuteten Größenordnung angemessen sind. Hier geht es nicht um psychologische, sondern epistemologische Fragen. Geschichte wiederholt sich nicht, und Analogien führen immer in die Irre, aber es besteht meines Erachtens kein Zweifel, dass – sagen wir – der rabiate Fundamentalismus, die offensive Begründung rücksichtloser Gewaltanwendung, die Verwundbarkeit ziviler Gebilde durch terroristische Attacken uns empfänglicher macht für die Erforschung einer Welt im Ausnahmezustand als die zur Selbstverständlichkeit gewordene, durch Abschreckung geschützte friedliche Welt. Die historische Distanz und die neue Nähe zu den Feuerherden unserer jüngsten Gegenwart – beides schärft unsere Wahrnehmung für historische Vorgänge. Wir blicken noch einmal mit neuen Augen auf ein Geschehen, das uns so vertraut, eben allzu vertraut ist: die russische Revolution und alles, was daraus sich ergab.

 

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Die Rezeption der russischen Revolution ist nach wie vor geteilt und gespalten. Es gab eine Zeit, wo sie – nicht tagespolitisch oder ideologisch aktuell, sondern durchaus seriös – als fast zwingendes, in der Logik der Dinge liegendes Ereignis verstanden, manche würden sagen: verteidigt worden ist. Und es gab eine Zeit, die einem aufgeschlossenen Verständnis für revolutionäre Vorgänge nicht gerade günstig war. Rezeptionen haben ihre Konjunkturen, sie können über Generationen hinweg stabil sein und irgendwann erodieren – siehe die bis heute andauernden Kontroversen um die Französische Revolution.

Vielleicht ist es gut, aus den Scharmützeln des Pro und Contra um den „Großen Oktober“ für einen Augenblick herauszutreten und sich noch einmal auf dem Originalschauplatz, den wir vielleicht schon zu gut kannten, umzusehen: auf nach Petrograd.

Petersburg/Petrograd als Ort einer „Kultur der Interferenz“

Die Petrograder Welt ist so widersprüchlich wie die Stadt, in der sie sich entfaltet und in der sie verlöscht. Es ist die glänzendste Stadt des Reiches, aber ihr Glanz war mit Hekatomben von zur Arbeit gezwungenen Leibeigenen, Sträflingen, Kriegsgefangenen erkauft. Es ist die geschichtslose Stadt par excellence, die ihre Geschichtslosigkeit durch triebhafte Mythenbildung kompensiert. Es ist eine Stadt, über deren Gründungsdatum bereits das Gerücht vom baldigen Untergang schwebte, die Stadt, die nur leben kann, wenn sie sich unentwegt anstrengt, ihr Überleben auf schwankendem Grund zu sichern. Petersburg ist die exzentrische Hauptstadt am nördlichen Rand Europas und an der Peripherie des Reiches – Ort einer aus Extremen gespeisten Kulturerfahrung. Petersburg liegt zwischen Extrempolen, und die Extrempole laufen mitten durch sie hindurch: zwischen Europa, in dessen Gegenwart es bereits die eigene Zukunft sieht, und zwischen einem weiten Land, in dem eine schon altgewordene Kultur immer wieder dem eigenen zivilisatorischen Kindheitsalter begegnet. In der Stadt treffen die verschiedensten Zeitmaße, unterschiedlichste Arbeits- und Lebensrhythmen aufeinander. In Petersburg lebten verschiedene Jahrhunderte, ja Zeitalter, wie Nikolai Berdjajew sagte, in mehreren Stockwerken eines Hauses zusammen. Es liegt zwischen einer Autokratie, die sich in den Palästen und Paradiesen der Hauptstadt verschanzt hat, und einer maßlos expandierenden Industrie- und Geschäftswelt. Von Petersburg aus führen die Fluchtlinien in eine mythische Vergangenheit und in eine Zukunft, die es nur als utopische gibt.

Doch je weniger die Stadt Ort des Hofes und je mehr sie Stadt wird, je unabhängiger ihr Eigenleben von Hof und Staatsbürokratie wird, desto größer werden auch der Sog und die Fähigkeit, aus den zugewanderten Fremden Städter zu machen, die polaren Zeiten, Erfahrungen und Erwartungen zu etwas Eigenständigem zu amalgamieren. In der Interferenzzone Petersburg gründet fast alles, was die russische Moderne und die sowjetische Avantgarde an selbständigen und originellen Schöpfungen hervorgebracht hat. In dieser Zone gibt es eine Reihe von produktiven Herden, die sich in solcher Nähe und Konzentration nirgendwo sonst im Reich, vielleicht nicht einmal in Europa, finden: eine Eliteschule wie das Gymnasium Mai, eine Kunstschule wie die Ateliers der Gräfin Tenischewa, eine Akademie wie die des Barons Stieglitz, ein philosophisch-literarischer Salon wie der von Wjatscheslaw Iwanow „Turm“ im Eckhaus am Taurischen Garten, eine Akademie der Künste, das Volkshaus der Gräfin Panina, die Redaktionen von ebenso anspruchsvollen als auch luxuriösen Zeitschriften wie Mir iskusstwa und Apollon, der Zirkus und die großen akademischen Theater – das sind nur Stichworte.

Das Djagilew’sche Gesamtkunstwerk aus Musik, Ballett und Bühnenbild konnte nur da zustande kommen, wo ein Künstler wie Léon Bakst, ein Tänzer wie Serge Lifar und ein Komponist wie Igor Strawinsky aufeinandertrafen – die Ballets Russes fanden dann freilich jenseits der Grenzen, in Paris statt. Der russische Theateroktober ist kaum denkbar ohne die Schule der kaiserlichen Theater und die Spielwut der Jahrmärkte und Volkshäuser. Der Siegeszug der demokratischen Künste, des „elektrifizierten Theaters“, also des Kinos, hatte auf dem Newski Prospekt längst schon vor dem Krieg begonnen und sich als Medium von Erziehung, Aufklärung und Propaganda für ein neues Publikum empfohlen. Strawinskys Musik ist kaum denkbar ohne die klassische Schulung am Petersburger Konservatorium und ohne die Entdeckung Petruschkas, der sich, aus der Provinz kommend, alljährlich in den Schaubuden der hauptstädtischen Märkte einfand. Alle Welt wundert sich über die Frische und den Lakonismus der ROSTA-Plakate Majakowskis, doch die moderne Massenpresse und die Tradition des russischen Lubok-Holzschnittes waren bereits vor ihm in Kontakt miteinander gekommen. Die suprematistischen Bilder von Malewitsch, die schon vor dem Krieg gezeigt wurden, tragen die Spuren der eben erst wiederentdeckten Kunst der Ikone.

Leningrad und Moskau sind in den zwanziger Jahren als eine Hochburg des Neuen Bauens im Westen bekannt geworden, dann als Zentren eines retrospektiven Neoklassizismus. Ohne das Experimentalstadium der Petersburger Industriearchitektur und ohne die an der Akademie der Künste ausgebildeten Architekten – Iwan Scholtowski, Wladimir Schtschuko, Wladimir Gelfrejch – ist die nachmalige Blüte nicht zu erklären. Die philosophischen Köpfe hören auf, nur noch die Schüler Kants, Hegels oder Nietzsches zu sein, und beginnen sich endlich um das eigene Zentrum, um die „russische Idee“ zu drehen, und versuchen zu denken, wie eine moderne Fassung der „russischen Idee“ im Zeitalter der Technik und der sozialen Massenbewegung aussehen könnte. Und so weit in die Zukunft reichende Schulen wie die formalistische und marxistische Literaturwissenschaft konnten sich wohl nur in einem sozial und kulturell derart zerklüfteten Raum wie Sankt Petersburg/Petrograd ausbilden.

Vor allem aber gehören zu Petersburg die Schulen und Institute, die Begabungen aus allen Teilen des Reiches anziehen, es erscheinen Zeitungen und Zeitschriften, über die das Zentrum mit seinen Peripherien kommuniziert. Hier bildet sich das Babylon der Ideologien, in dem auch nicht die winzigste Nuance und Schattierung ausgelassen ist, der Markt der Ideen, der nicht mehr dirigierbar ist und schon von seiner Wirkungsweise her gefährlich ist für Monismus – ob konservativer oder futuristischer Prägung. Petersburg ist die große Erzieherin einer Gesellschaft, die es immer weniger nötig hat, auf einen despotischen Erzieher zu hören. Es ist der Raum, in dem sich – zwischen den Garderegimentern und den Bataillonen der industriellen Arbeit – eine zivile Kultur herausbildet, der Autonomie und Selbstorganisation selbstverständlich geworden waren.

Man könnte in der Aufzählung fortfahren: Petersburg/Petrograd war die Stadt der „Eisernen Frauen“, wie Nina Berberowa jenen neuen emanzipierten Frauentyp à la Alexandra Kollontai oder Baroness Maria Budberg genannt hat. Petersburg hatte seine Schwulenszene mit prominenten Dichtern und Komponisten. In Petersburg erschienen die gesammelten Werke Sigmund Freunds und Otto Weinigers. In Petersburg gab es an zentraler Stelle eine Moschee im Jugendstil, eine berühmte Synagoge im maurischen Stil und einen buddhistischen Tempel, der auf die Formenwelt Südostasiens verwies. In Petrograd schafften Revolutionäre jüdischer Herkunft den Aufstieg aus dem Shtetl des Ansiedlungsrajons auf die Kommandohöhen der Macht. Die Religionsphilosophen blickten nun nicht mehr nur nach Heidelberg oder Marburg, und auch Lenin hatte aufgehört, zu seinem verehrten Lehrer Karl Kautsky und der Zweiten Internationale aufzublicken. Die fundamentale Verunsicherung, in die Russland durch den Einbruch des industriellen Kapitalismus und den Bankrott des Ancien Régime gestürzt war, warf die überkommenen Denkmöglichkeiten über den Haufen.

Hier ist die Bruchstelle, der Ort und die Geburtsstunde des Originellen: Originell wird Petersburg in dem Augenblick, wo die sonst gegangenen Wege nicht mehr gangbar sind und andere möglich werden: In der Politik ist Lenin ein solch eigenständiger Kopf, in der Philosophie sind es Nikolai Berdjajew, Lew Schestow und Wladimir Ern, in der Soziologie Pitirim Sorokin, in der Malerei Kasimir Malewitsch, in der Prosa Wassili Rosanow und der Moskauer Professorensohn Andrei Bely, in der Organisationswissenschaft Alexander Bogdanow, im Theater Nikolai Jewrejnow oder Wsewolod Meyerhold. In einer Periode allseitiger Unsicherheit und Offenheit beginnen sich auch die traditionellen Lagerbildungen aufzulösen, der Riss geht mitten durch Familien, Freundschaften, Milieus.

Als das kapitalistische Petersburg von der Flut der Waren, des Verkehrs und der Reklame überrollt wird, sehen Alexander Benois, der aus dem Umkreis der bürgerlich-aristokratischen Hochkultur kam, und ein Sozialdemokrat wie Pawel Juschkewitsch darin den Einbruch der „Asiatschina“. Über die als zerstörerisch empfundene Dynamik des modernen Kapitalismus dachte man unter den aufgeklärten Köpfen der zaristischen Bürokratie kaum anders als im Führungsstab der Bolschewiki, und entsprechend lauteten auch die Vorschläge, die auf die Kontrolle der „negativen Folgen“ abzielten: Staatssozialismus und Staatskapitalismus. Selbst die „Arbeiterfrage“ war nicht der Sozialdemokratie vorbehalten. Es war die zaristische Geheimpolizei, die über ihre informellen Mitarbeiter Subatow und Gapon die Arbeiter organisieren und Streiks auslösen ließ – den Weg zum Polizeisozialismus, zur staatlich, von oben organisierten Arbeiterorganisation also.

Auch über die Notwendigkeit der Alphabetisierung und die Hebung des Bildungsniveaus gab es keinen Dissens zwischen den ansonsten politisch verfeindeten Lagern. Es klingt nur für die auf die Konfrontation von „Rot“ und „Weiß“ eingespielten Ohren der Nachgeborenen seltsam, zu hören, dass es nach der Revolution profilierte Köpfe der imperialen Bürokratie – gerade auch der Armee – gewesen sind, die in den als „Internationalisten“ verhassten Bolschewiki schließlich die Retter des Imperiums sahen. Es waren schließlich so kultivierte Philosophen wie Nikolai Trubezkoj aus altem russischem Adel oder ein Dichter wie Alexander Blok, die in der Revolution den Ausbruch Russlands aus der Hegemonie der europäischen Zivilisation und den Übergang nach Eurasien gepriesen hatten – Nikolai Trubetzkoj starb übrigens 1938 in Wien, seine Gedenktafel hängt im Innenhof der Wiener Universität. Der Glaube, dass Russland zum Vorkämpfer der vom Imperialismus beherrschten Völker werden würde, war keineswegs auf die Revolutions- und Bürgerkriegspartei beschränkt. Noch in der entschiedensten Konfrontation waren sich Bolschewiki und große Teile der antibolschewistischen Opposition in einem einig: in ihrem Ressentiment gegen das bürgerliche Europa, in dem Glauben, dass das vom „kleinbürgerlichen Egoismus“ zerfressene Europa an ein Ende gekommen sei und im Ersten Weltkrieg „aus dem Kulturmenschen der Löwe“ geboren worden war, wie Michail Gerschenson konstatierte.

Man sah von Petersburg aus manches in Europa schärfer: die „Verbürgerlichung“ der ehemals revolutionären Arbeiterbewegung oder den Gang einer Aufklärung, die „von Kant zu Krupp“ geführt hatte – so Nikolaj Ern im ersten Kriegsjahr 1915. Man empfand an diesem vorgeschobenen Posten die begrenzte Reichweite des europäischen Weges auf die Höhen der Zivilisation. Petersburg war die exponierte europäische Hauptstadt par excellence, ein in seiner Hypertrophie überempfindsames und verletzliches Gebilde – ein Zivilisationsseismograph. Die Stadt schwebte, so Wiktor Schklowski, „zwischen Gegenwart und Zukunft, schwerelos wie eine Kugel zwischen Erde und Mond“. 1. München: Hanser 2002; Katerina Clark, Petersburg. Crucible of Cultural Revolution. Cambridge/Mass.: Harvard University Press 1995; Felix Philipp Ingold, Der große Bruch. Russland im Epochenjahr 1913. München: Beck 2000.]

Die Auflösung der Petersburger Kultur – die Spuren zurückverfolgen

Wenn man dem Prozess der Auflösung und Neubildung, einer totalen Metamorphose auf die Spur kommen will, sollte man sich an einige Dinge erinnern, die bei der Rede von der Revolution oder dem Systemwechsel allzu schnell vergessen werden – Selbstverständlichkeiten. Revolutionen ändern alles, und doch geht das Leben weiter. Alles hat eine verschiedene Zeit. Man kann den Namen der Hauptstadt ändern – es bedarf nur eines Dekrets, um aus Sankt Petersburg Petrograd, aus Petrograd Leningrad und irgendwann auch aus Leningrad wieder Petersburg zu machen. Aber das Leben einer Metropole hat seine eigene Schwerkraft, seinen eigenen Rhythmus, und Revolutionen sind ja erst dann endgültig, wenn sie auch die molekularen Vorgänge des sozialen Lebens erfasst haben.

Was wir die Dekomposition einer Gesellschaft nennen, wird zu einem alltäglichen, mit bloßem Auge zu verfolgenden Vorgang. Was gestern noch unvorstellbar war, ist morgen schon eine Selbstverständlichkeit. Eine große Umdekoration der Bühne. Manches geht schnell, aber vieles vom alten Habitat und Habitus stirbt erst mit der Generation, die darin aufgewachsen ist. Schnell gehen Umbenennungen von Straßen und Plätzen, schnell geht der Denkmalsturz, schnell gehen Beschlagnahmungen, die Schließung einer Zeitungsredaktion, das Verbot oppositioneller Parteien und die Verhaftung verdächtiger Personen. Anderes braucht seine Zeit: die Ausarbeitung eines neuen Repertoires für die städtischen Bühnen, der Aufbau neuer Institutionen, die Überwindung schlechter Manieren, die nicht in einem Crash-Kurs möglich ist.

Wie schnell können sich Ordnungen, Disziplin, Routinen der Alltagsnormalität unter dem Druck sozialer Zusammenbruchs auflösen und städtische Räume, die soeben noch begehbar und geordnet waren, in No-go-Areas verwandeln, die Situation also, in der der Firnis der Zivilisation abplatzt und die Gesellschaft in den Kampf aller gegen alle abstürzt – diese Situation hat Petersburg/Petrograd in rasendem Tempo durchlebt. Wir tun uns mit unserer begriffsgestützten und ordnungsverwöhnten Denkweise schwer, jene Situation totaler Ungeschütztheit zu denken: als die Deputierten des Bauernkongresses, wie der bestürzte Gorki bemerkte, sich in den Schlafgemächern der Zarin niederließen und die Porzellanvasen für ihre Bedürfnisse nutzten, obwohl es water closets gab; in der man Epaulettenträger straflos umbringen und eine Frau zur Zwangsarbeit abkommandieren konnte – Schneeräumen, Entladen von Brennholz –, nur weil an ihren weißen Händen oder ihrer Brille erkennbar war, dass sie der Welt von gestern angehörte, eine Burshujka, an der man Verachtung, Hass, sadistische Rachegefühle auslassen konnte.

Aber auch die andere Situation: die leuchtenden Augen der Leute in den grauen Soldatenmänteln, die ins Mariinski-Theater oder in die Philharmonie strömten und zum ersten Mal in ihrem Leben eine Beethoven-Symphonie oder einen Strauss-Walzer zu hören bekamen. Die Wohnungen des Bürgertums im Stadtzentrum wurden „umverteilt“, und nun lebten statt einer Familie mehrere dort, statt fünf Personen vielleicht fünfzig, der Putilow-Arbeiter und Matrose mit dem ehemaligen Eigentümer, der sich nun mit einer Zimmerecke abfinden und arrangieren musste mit Leuten, die noch nie ein Haus mit marmornem Treppenaufgang, Spiegeln und Lift gesehen hatten. Palais stehen offen, von ihren Besitzern verlassen, und wer will, kann sich bedienen, sofern nicht die neue Macht sie bereits unter ihre Obhut genommen hat.

So wird Petersburg zur offenen Stadt mit kaum lösbaren Problemen: Es gibt kein Holz, um die Häuser zu heizen, Wasserleitungen gefrieren und platzen, wenn der Frühling kommt, die Stadtbewohner retten sich, indem sie ihr Mobiliar und ihre Bibliotheken verheizen, um zu überleben. Es ist die Situation, in der der Himmel über der Stadt klar geworden ist, weil die Fabriken zu arbeiten aufgehört haben, und wo aus dem Pflaster der Prospekte das Gras hervorbricht, wo Häuser und Zäune und alles, was an brennbarem Stoff vorhanden ist, in die burzujki, in die Kanonenöfen wandert. Rückeroberung der Stadt durch die Natur. Die Zeitgenossen haben das Sterben der Stadt mit letzter Kraft beschrieben und gezeichnet, und manche meinten, sie sei nie in reinerer Schönheit erstrahlt als in dem Augenblick, da sie starb – als die 2,1-Millionen-Stadt auf 700000 Einwohner zurückgeschrumpft war und die Fabriken ihre Arbeit eingestellt hatten.

Aber wir wissen auch, dass sie kämpfte, überlebte, ins Leben zurückfand. Eine ganze Stadtbevölkerung verwandelte sich in eine Gesellschaft von Hamsterern, Sackhändlern und Basar-Experten, die zu Fuß oder in überladenen Eisenbahnwaggons aufs Land hinausfuhren, um dort Teppiche, Nähmaschinen, Nägel und Feuerzeuge gegen Brot und Gemüse zu tauschen. Wir wissen, dass sich ganze Berufsgruppen neu orientierten: Die Schneider des Hofes schneiderten nun für die neue, die rote Elite, und die Diener im Winterpalais wurden zu Wärtern im „Palast der Künste“ mit Kinosaal und Ausstellungsräumen. Die Portiers und Conciergen im Astoria oder L’Europe bedienten nun nicht mehr die Aristokratie, sondern die Delegierten des Kongresses der Kommunistischen Internationale.

Die Vergegenwärtigung des Auflösungsprozesses einer Millionen- und Reichshauptstadt und ihrer Neubildung als soziales und kulturelles Universum ist, was die Forschung angeht, ein atemberaubender Vorgang, der viel handgreiflicher und brachialer als alle Ideenbildungen ist, der aber auch viel komplizierter zu dokumentieren und zu analysieren ist: Wir haben es nicht allein mit Texten zu tun, sondern mit Texturen und Zeichen, die uns den Zugang zu Lebenswelten eröffnen, wenn wir denn an deren Entschlüsselung interessiert sind. Ich meine hier nicht die naheliegende Wendung in eine Alltagsgeschichte, die allzu lange im Schatten von Haupt- und Staatsaktionen oder großen Personen verborgen war. Es gibt keinen Alltag, der isoliert bliebe von den dramatischen Kollisionen auf der Bühne der Weltgeschichte – und umgekehrt.

Vieles, was man später und retrospektiv als „sowjetische Lebensform“, als „sowjetski byt“ bezeichnet, nimmt hier seinen Anfang, und es wäre die Aufgabe einer Geschichtsschreibung, ausgehend von einer sozialen Topografie eine Archäologie der sowjetischen Zivilisation in Gang zu setzen, einer Zivilisation, wie Stephen Kotkin es genannt hat, die freilich erst im Zuge der nächsten Jahrzehnte, vor allem in den dreißiger und vierziger Jahren zu ihrer festen Form finden wird. Es ist nicht schwer, die Felder und Topoi zu benennen, die relevant sind. Man könnte sie ablesen an der Umgestaltung der öffentlichen Räume, dem Verschwinden der Logos und Brands der internationalen Gesellschaften und Banken und ihrer Übermalung durch die Hieroglyphen der neuen Macht, also die Symbole der Monumentalpropaganda und der Plakatkunst. Oder: wie aus Adelspalästen Museen und Kulturpaläste werden. Hierher gehören die neuen Rituale der Macht, die in mancher Hinsicht die Weiterführung und Umfunktionierung vorrevolutionärer Formen der Inszenierung sind: Prozessionen und Demonstrationen, die nun zu Paraden, Volksfeste, die zu revolutionären Feiertagen umfunktioniert werden, ein Roter Kalender, der den alten orthodoxen Kirchenkalender überlagert und eine neue Zeitordnung etabliert.

Gewiss gehörte hierher – geradezu als Zentrum der Lebenswelt – die Gemeinschaftswohnung, die Kommunalka, in der ein großer Teil der Stadtbevölkerung von nun an lebt, und was dieses enge, von der Not erzwungene Miteinander ganz fremder Menschen für das Leben einer oder sogar mehrerer Generationen bedeutet: wenn man auf engstem Raum zusammenzuleben gezwungen ist und es keinen Rückzug ins Private mehr gibt. Was es bedeutet, wenn ehemals wichtige Stütz- und Knotenpunkte der Geselligkeit – das Café, das Restaurant – verschwinden zugunsten einer am Fabrikleben orientierten Freizeitgestaltung, in der Arbeiterklubs, Kultur- und Erholungsparks und die körperliche Ertüchtigung in kollektiv organisierter Form ins Zentrum rücken. Was es bedeutet, wenn die Distribution von Gütern nicht mehr über den Markt, sondern über Rationierung, und Zuteilung erfolgt und die Warteschlange gleichsam zu einer festen Institution wird, in der ein großer Teil der Lebenszeit verausgabt wird. Wenn sich Umgangsformen herausbilden, in denen das „Du“ allgemein geworden ist, und wo Gegenstände des allgemeinen Bedarfs aufgehört haben, selbstverständlich zu sein: englische Seife, Toilettenpapier, Bücher und Übersetzungen moderner Literatur. Wenn eine geistige Situation eintritt, in der der Kampf der Meinungen als Gefahr und die Selbstreflexion als Schwäche des Kleinbürgertums gebrandmarkt wird und wo das Erlernen eines „ABC des Kommunismus“ an die Stelle des orthodoxen Katechismusgetreten ist.

 

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Eine Archäologie der sowjetischen Lebensform würde die Spur zurückverfolgen und aus den Splittern, in die eine Lebensform zerfallen ist, wieder das Universum jener Petersburger Kultur im Übergang zusammenfügen. Man könnte den Titel eines sensationellen Films von 1929, Oblomok imperii von Friedrich Ermler, fast als Arbeitstitel für diese Spurensuche nehmen. In Trümmer des Imperiums kommt ein Petersburger Arbeiter nach einer langen Abwesenheit in die Stadt zurück und wird gewahr, dass die Stadt, die er noch kannte, nicht mehr oder nur noch in Fragmenten existiert, und sich zugleich eine andre Stadt schon zusammenfügt. Was könnte die Recherche zu Trümmer des Imperiums zutage fördern?

Petersburg findet sich nach dem großen Exodus auf der ganzen Welt wieder. Unter den anderthalb Millionen Flüchtlingen und Emigranten aus dem Russischen Reich ist die Petersburger Gesellschaft besonders stark vertreten: Angehörige der alten Eliten, das Offizierskorps, der Apparat der Reichsregierung, der Intelligenz, der Boheme. Peterburg findet sich wieder in fast jeder europäischen Hauptstadt. So gibt es das Sankt Petersburg am Wittenbergplatz und den „Nepski-Prospekt“ in Berlin, Gelehrte der Kaiserlichen Akademie finden sich wieder im „russischen Oxford“, das heißt in Prag. Kaum eine Stadt, die nicht profitiert vom Reichtum Petersburgs. Konstantinopel bekommt sein Opernhaus, und Schanghai, Beirut und Alexandria bekommen ihre Nachtklubs. Was sich vor 1917 einmal in den Petersburger Salons eingefunden hatte, ist nun in alle Welt zerstreut. Die Petersburger Schönheiten von einst gehören jetzt zu den Modemacherinnen und Parfümdesignerinnen in Paris. George Balanchine und Léonide Massine werden das Ballett in Amerika neu erfinden. Es ist erstaunlich, wie einflussreich und überlebensstark die Petersburger Kultur in der Diaspora war. Sergei Djagilew, Serge Lifar, Ida Rubinstein. Waren 1917 zahlreiche Emigranten aus dem Ausland zurückgekommen – Nikolai Bucharin und Leo Trotzki aus New York, Georgi Plechanow aus Lausanne, Lenin aus Zürich –, so gingen jetzt Hunderttausende, manche schon ein zweites Mal, wieder ins Exil.

Manche, die der Generalität des Russischen Reiches angehört hatten, werden Staatsgründer und Staatschefs – vorübergehend Pawlo Skoropadskyj in Kiew, ein Leben lang Carl Gustaf Emil Mannerheim in Helsinki. Aktivisten der revolutionären Bewegung, Sozialrevolutionäre, Anarchisten, Menschewiki, gehen ins Exil oder werden in die gerade errichteten Konzentrationslager auf Solowki verschickt. Von Petrograd aus läuft im November 1922 das sogenannte Philosophenschiff aus, auf dem Dutzende handverlesene, als unverbesserliche Konterrevolutionäre eingestufte Gelehrte und Intellektuelle ins Ausland deportiert werden – für viele ein Glück, wie man im Blick auf die Stalin’schen Säuberungen der dreißiger Jahre im Nachhinein sagen muss. Auf den Dampfern „Bürgermeister Haken“ und „Preußen“ sind auf dem Weg nach Stettin Gelehrte wie Nikolai Berdjajew, Nikolai Losski, Alexander Kiesewetter und Simon Frank. Sie werden prominente Vertreter russischen Denkens im Ausland werden. Simon Dubnow, der Nestor der Geschichtsschreibung des jüdischen Volkes, wird in der Stadt, in der Bolschewiki jüdischer Herkunft einen atemberaubenden Aufstieg hinter sich gebracht haben, seine Bibliothek einpacken und erst nach Kaunas und dann nach Berlin weiterreisen. Petersburg versorgt die ganze Welt mit Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern – aber auch mit Rechtsextremisten und Terroristen, die die Protokolle der Weisen von Zion im Westen in Umlauf bringen werden.

Petersburg war das Zentrum der Wissenschaft und versorgt nun das sowjetische Nachfolgeimperium mit Plänen, Ideen, Wissen. Von hier aus beginnt mit dem GOELRO-Plan die Elektrifizierung der Sowjetunion, in den Ingenieurbüros und Fabriken werden die Staudämme konstruiert und die Turbinen gebaut. Es sind die Architekten und Designer Petersburger Schule, die die Skyline des neuen Moskau entwerfen und prägen werden: Iwan Scholtowski, Wladimir Schtschuko, Lew Rudnew – von ihnen stammen die Entwürfe für den Palast der Sowjets, für die späteren Stalin-Hochhäuser und für die Moskauer Lomonossow-Universität. An den Ballettschulen der ehemals Kaiserlichen Theater werden die Tänzer und Primadonnen ausgebildet, die später auf der Bühne des Bolschoi-Theaters auftreten werden, und sie liefern politisches Personal, ohne das Stalins Imperium nicht auskommt: Der junge Andrei Schdanow, mit dessen Namen eine Epoche kultureller Repression verbunden ist, hatte in Leningrad Karriere gemacht.

In einem nicht abreißenden Strom wird alles, was verdächtig erscheint, aus der Stadt entfernt – und die Hauptstadt von einst hat viele, die den Verdacht auf sich ziehen konnten: Aristokraten, Intellektuelle, Angehörige der nichtbolschewistischen Parteien, von Monarchisten bis zu Sozialdemokraten, Offiziere, Kaufleute, sogenannte Asoziale, Angehörige des leichten Gewerbes, Wissenschaftler. Die Säuberung der Stadt in nicht abreißenden Sequenzen: 1929, 1932, 1934, 1937, 1948. Selbst unter den Bedingungen der Leningrader Blockade durch die Deutschen kümmert sich der NKWD um Verdächtige, und verdächtigt werden konnte jeder.

Nicht untypisch für diese Entwicklung ist das Schicksal Nikolai Anziferows, des Autors des Buches Die Seele Petersburgs von 1922, der zusammen mit anderen Angehörigen diverser Petrograder Zirkel Ende der 1920er Jahre aus der Stadt geschafft wird und zwar an das erste Großprojekt der OGPU, zum Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals, der zwischen 1929 und 1932 errichtet werden wird. 2 Anziferow, der Urbanist avant la lettre, zum Gründer des Lagermuseums bestimmt, trifft dort auf andere Petersburger aus alten Tagen: Maxim Gorki oder Michail Soschtschenko, die den Bau des Kanals mit seinen Abertausenden von Arbeitssklaven und Toten als Erfolg der „Umschmiedung“ der alten in die neuen Menschen feiern werden. In Medweshegorsk, der Hauptstadt der Lagerzone, gibt es Opern- und Theateraufführungen, erscheinen Zeitungen, es gibt Diskussionen und Vorträge über ägyptische Architektur, die Romanform bei Dostojewski und vieles mehr, was man normalerweise nicht mit Zwangsarbeit und Konzentrationslager assoziiert. Petersburg/Petrograd/Leningrad war zu einer Stadt an Stalins Weißmeer-Ostsee-Kanal geworden. Anziferow nennt die Lagerhauptstadt die „Hauptstadt der russischen Intelligenzia“, eine Art „Athen“, ein anderes „Palmyra des Nordens“.

Das Drama ist damit nicht zu Ende und es bedürfte gesonderter Kapitel, um zur Sprache zu bringen, was nach dem Attentat auf Kirow 1934, und während des Grossen Terrors 1937 geschehen ist: mit den Verhören im „Grossen Haus“, dem Sitz des NKWD, mit Tausenden von Erschossenen, die außerhalb der Stadt, in Lewaschowo-Polje verscharrt worden sind. Und ein ganz eigenes Kapitel würde es fordern, über die 900 Tage der Blockade mit einer Million Toten zu sprechen, jenen Urbizid, der noch immer nicht ganz im Bewusstsein der Europäer angekommen ist.

Um es an einem Beispiel deutlich zu machen, was ich mit einer Spurensicherung der Petersburger Kultur meine: ich hatte wohl 1980 in der Wiener Staatsoper zufällig eine Vorstellung mit Rudolf Nurejew, dem 1961 in den Westen „übergelaufenen“ Superstar des Kirow-Balletts gesehen. Am Ende trat er vor den Vorhang und verbeugte sich mit einer unnachahmlich eleganten, „natürlichen“ Geste. Selbstverständlich war sie nicht „natürlich“, sondern das Ergebnis der Schule des sowjetischen Balletts, der Methode Waganowa, die ihrerseits schon bei Marius Petipa am Marijnski Theater gelernt hatte. In der Grazie von Nurejews Geste steckte die Beharrungskraft einer über hundert Jahre alten Tradition, die alle Stürme von Revolution, Bürgerkrieg und Krieg überdauert hatte. Und der Genese dieser Formen auf die Spur zu kommen – ob im Ballett, in der Kommunalka oder in der Warteschlange – das meine ich mit einer Archäologie von Lebensformen.

Das nachsowjetische Russland ist, so weiß man längst, auf der Suche nach einer Identität nach dem Ende des Imperiums. Die über die Sowjetunion vermittelte ist zweifelhaft geworden, ein Kampf um die Re-Interpretation hat eingesetzt. Es ist absehbar, dass der Kampf um die Deutungshoheit über Ursprung und Folgen der Russischen Revolution in eine neue Runde gehen wird, und es ist nicht ausgemacht, wem sie zufallen wird. Ich jedenfalls finde, dass wir nicht besonders gut gerüstet sind. Zu sehr vertrauen wir auf die Narrative von der Russischen Revolution, die sich bewährt haben, die aber längst in Frage gestellt und herausgefordert sind von einer Führung, die weiß, wie man Verunsicherung und historische Traumata nutzt für neoimperiale Revanche und chauvinistische Mobilisierung – einschließlich militärischer. Es wird zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution daher nicht bei einem Reenactment des Sturms auf den Winterpalast á la Eisenstein bleiben. Zu erwarten ist die Arbeit an einem neo-imperialen Narrativ, das die Angst vor einem Rückfall ins Chaos schürt, die Einheit des Volkes – ob nun roter Kommissar oder weißer General, Opfer oder Täter – beschwört und einen äußeren Feind für alles verantwortlich macht, was schief läuft im großen, weiten Land.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Karl Schlögel, Petersburg 1909-1921. Laboratorium der Moderne [1988
  2. Nikolai P. Anziferow, Die Seele Petersburgs. Aus dem Russischen von Renata von Maydell. Vorwort von Karl Schlögel. München: Hanser 2003.

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