Bildschirme/Schirmbilder

Am Schreibtisch, vor – oder hinter? – dem Schirm des aufgeklappten Laptop sitzend, versuche ich, weil mir sonst nichts einfällt zu dem, woran ich eigentlich weiterschreiben will, und um einen Bogen darum herum zu machen, als kleine Etüde zum Zeitvertreib den winterlichen Sonnenuntergang zu beschreiben, der auf Augenhöhe vor mir sich abspielt und dabei, die vier Elemente verschmelzend, den See und den Himmel und das gegenüberliegende Ufer in einen gleißenden Feuertaumel reißt. Das alles ist zu sehen durch das vom Boden bis zur Decke des Studierzimmers reichende Glasfenster. Auf ihm, indessen, spiegelt sich zugleich die Rückseite des Laptop, darüber mein Kopf und meine Schultern, dahinter die ins Gewölbe eingebaute Bücherwand. Aber nicht nur dies: Auf dem Bildschirm spiegelt sich vor dem Hintergrund der prall gefüllten Bücherregale mein Kopf noch einmal, den ich somit zweimal gespiegelt hinter und vor mir sehe. Und ich selbst, in dieser ganzen verzwickten Versuchsanordnung, in die ich ungewollt hineingeraten und mich hineinzuschreiben im Begriff bin?

Eingeklemmt, ausgequetscht dazwischen, inmitten, fort und da und ganz und gar verspiegelt. Und so geht denn auch, in dem sich eindunkelnden Farbenspiel draußen, die Sonne nicht vor, geschweige denn in meinem Auge unter. Stattdessen aber geht der Text auf, den ich hier tippe und der alledem gilt: auf dem glänzenden Schirm schwimmend und nur noch als zitternde Chinoiserie erkennbar, als unlesbares Ornament, reine Oberfläche ohne Hinten und Vorne, die Spiegelung meines Gesichts und meiner Augen, die das und dabei ihr Sehen sehen, überschreibend, unterschreibend. Dort – aber wo? – auf dieser Oberfläche höre ich auf, mir selbst wie normalerweise im Spiegel ein Gegenüber zu sein.

Auch die Oberfläche hört auf, ein sichtbarer Gegenstand zu sein und unterläuft und überspielt die Alternative zwischen materieller Opazität und glasiger Transparenz. Sollte Nietzsche Recht gehabt haben mit der provokativen, technologisch mittlerweile längst eingeholten und bestätigten These: »Das Bewusstsein ist eine Oberfläche«? Die Tiefe beider, des Bewusstseins wie der Oberfläche, läge dann gerade darin, keine zu haben und sie nur vorzuspiegeln und als bloßer Bildschirm zu fungieren, auf dem sich abbildet und darstellt und einschreibt, was wir im  Bezug nach Außen und nach Innen – in Analogie zu jedem lesbaren Text und dem grundsätzlichen Fort/Da jeder sprachlichen Repräsentation – erkennen und erleben. Als Außenwelt der Innenwelt der Außenwelt. In der Drehung dazwischen.

Auf der Innen und Außen verbindenden, scheinbar unendlich dehnbaren und durchlässigen Trennfläche der Darstellung, die ihre Funktion als Bildschirm nur um den Preis zu erhalten scheint, dass sie, als Schirmbild, die beängstigende Zumutung ihrer Scheintiefe, ihrer radikalen Oberflächlichkeit abschirmt und abdeckt. Also auch ihrerseits – in Verlängerung der obigen These – die Oberfläche von sich selbst als pure Oberfläche. Und so die eigene Schattenlosigkeit verdeckt, wegblendet, abschattet. Was auf dem Bildschirm steht, nimmt dessen Qualität an. Zwei Seiten einer Medaille, Innen und Außen gleichzeitig? Noch nicht einmal das. Sondern weniger. Von Grund auf resistent gegen jede Wendung auf die eine oder andere Seite. Schrift ohne Unterlage. Unvergleichlich abgründiger als auf Papier in seiner greifbaren Materialität. In spukhafter Lebendigkeit des Buchstäblichen glimmend. Grau auf Farblos. Schattenlos.

(…)

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