Die Möwe J.

Auf ein Töffli oder ein Motorrad kann ich mich nicht mehr setzen. Jedes Mal, wenn ich diese leichten Erschütterungen spüre, die vom Sattel abgegeben werden und in den ganzen Körper übergehen, denke ich an damals – und muss weinen. Damals: Mein zweites Kindergartenjahr hatte begonnen, eine Woche, bevor wir in die neue Wohnung ziehen würden. Von Anfang an wurde ich deshalb dem neuen Ort zugeteilt, der zwar zu weit weg lag von der alten Wohnung, um zu Fuß zu gehen, dafür aber auf dem Arbeitsweg meines Vaters.

So kam es, dass er mich jeden Morgen und jeden Nachmittag jeweils hin und zurück mit auf sein Töffli nahm, eines dieser alten Zwei-Gang-Mopeds, die vor allem im ersten Gang schön vibrierten. Da saß ich also, vier Mal täglich, ganz dicht bei meinem Vater, nämlich vorne auf dem breiten Sattel, während er möglichst weit nach hinten rutschte, und mich mit seinen Beinen umschloss. Die Fahrten gefielen mir. Ich war meinem Vater körperlich nahe, das kam sonst selten vor. Dazu taten wir etwas Verbotenes. Mein Vater betonte immer wieder, dass dies eigentlich nicht erlaubt sei. Das gab dem Ganzen einen Hauch von Abenteuer. Etwas Übermütiges keimte in mir auf. Ich sog die vorbeiziehenden Bilder rechts und links in mich hinein, blickte weit voraus und immer wieder rückwärts hoch zu meinem Vater, den Hals verdreht und verbogen. Mein Vater lachte, fuhr aber ruhig weiter.

Einmal, am Morgen, die Sonne war wohl erst etwa eine Stunde am Himmel, zeigte er mir einen Vogel, weit in der Ferne, unter ein paar Wölkchen. »Schau«, sagte er, »die Möwe Jonathan.« – Ich sagte nichts. Ich wusste nicht, wer die Möwe Jonathan war. Und obwohl ich im Vorschulalter nur zwei Drittel der normalen Sehstärke besaß, schien es mir vom Flug her eher eine Taube zu sein. Doch das änderte meine Gefühle keinesfalls: Mochte mein Vater sagen, was er wollte, endlich hatte er Zeit für mich allein, und endlich benahm er sich nicht so wie immer, nicht nur spie- ßig, nicht bünzlig. Vermutlich kannte ich diese Ausdrücke damals noch nicht, weil sie in unserer Familie nie benutzt wurden, aber ich wusste von meinen Kollegen, dass mein Vater vergleichsweise langweilig war.

Er arbeitete als Primarlehrer, machte sich nichts aus Autorennen und den gerade aufkommenden Computerspielen, bastelte nicht an elektrischen Eisenbahnen oder Seifenkisten, sondern lebte selbst für meine damaligen Begriffe ein sehr angepasstes Leben. Sogar den Sensler Dialekt, die Mundart seiner Heimat, hatte er völlig in das Luzerner Idiom transformiert. Dazu versuchte er fast verzweifelt, eine gewisse Anerkennung zu erlangen: Kaufte sich ein Kollege eine teure Ledermappe, die bestaunt wurde, so kaufte er sich exakt dieselbe. Waren die Männer unseres Mietblocks mehrheitlich in der Feuerwehr, so trat er da auch ein. Nur wenn etwas für uns Kinder Geld kosten sollte, dann geizte er: Eine Glace in einem Restaurant, das gab es nie. So blieben mir diese Fahrten als Momente, in denen mein Vater endlich nicht einfach knauserig und hundsnormal war

(…)

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