Odessa: ein Dorf voller Verschwörer

Seit vielen Jahren spricht mein Vater davon, dass er ein letztes Mal noch Odessa sehen wolle. Nicht wegen der Sonne und des Meeres, nicht wegen der Potemkinschen Treppe, der Museen und Denkmä- ler, auch nicht wegen des Dorfes, in dem er unweit von Odessa geboren wurde, sondern wegen einer verstaubten Akte im Staatsarchiv. Der Akte meines Großvaters. Seit achtzig Jahren ist der Ort seiner letzten Ruhestätte unbekannt. Aber er muss irgendwo bei Odessa liegen. Vielleicht gibt die Akte etwas darüber preis. Im Juli ist es sehr heiß in Odessa, über 30 Grad Celsius, als wir auf dem Flughafen ankommen.

Belehrt durch Blogs erfahrener Odessa-Reisender ignoriere ich die offensiv um Touristen werbenden Fahrer in der Ankunftshalle. Lieber gehe ich zum offiziellen Taxistand und bitte um eine Quittung, die ich zu meinem Erstaunen sogar im Voraus bekomme. 400 Griwna kostet die Fahrt in die Stadt, Einheitstarif, egal welche Adresse. Auf der Rückfahrt bezahlen wir für dieselbe Strecke nur 80 Griwna. So sei das hier eben, Ort und Nachfrage bestimmten den Preis, nicht etwa die Strecke, die aufgewendete Zeit oder sonstige tarifliche Bestimmungen. Die Filiale des Staatsarchivs, in der die Registrierung der Besucher vorgenommen wird, befindet sich im seit Jahrzehnten maroden Gebäude der ehemaligen BrodskySynagoge auf der Schukowskistraße. Als der Beamte unsere bundesdeutschen Pässe sieht, begrüßt er uns auf Deutsch mit »Guten Tag!«.

Es gibt Formulare auszufüllen, ein Foto wird gemacht, wir erklären, mit der Einsichtnahme in die Akte lediglich familiäre Interessen zu verfolgen, und bestätigen schriftlich, dass wir nach der Lektüre der Dokumente keinerlei Ansprüche gegen die Ukraine zu erheben gedenken. Nach dieser Prozedur wird uns mitgeteilt, dass wir nunmehr im Lesesaal des Staatsarchivs am Hauptbahnhof die Akte einsehen dürfen. Gegen 11 Uhr vormittags ist es wieder sehr heiß, mein Vater möchte nicht so weit laufen, die Hitze, das Alter, die Beine. Taxischilder suchen wir im Straßenverkehr von Odessa vergebens. Ausschließ- lich telefonische Bestellungen mit vorheriger Preisvereinbarung seien ratsam, mahnen uns die Einheimischen zur Vorsicht. Taxameter gibt es kaum, oder sie werden nicht benutzt. Ein Passant hilft uns, ein Taxi zu rufen, denn wir sind mit der ukrainischen Ansage der neuen SIMKarte überfordert. Nicht genügend Guthaben, übersetzt der freundliche junge Mann, können die das einem nicht auch auf Englisch oder Russisch sagen? Außerdem hatten wir sie gerade gekauft, und der Verkäufer versicherte uns, das Guthaben reiche für einen ganzen Monat, Flatrate für call & surf. Irgendwo scheint ein Missverständnis vorzuliegen, das wir jetzt wohl nicht klären werden. Wir laden die unbenutzte Karte am Automaten auf.

Die Fahrt mit dem Taxi kostet dieses Mal nur 37 Griwna. Die zweite Filiale des Staatsarchivs von Odessa befindet sich in einem in die Jahre gekommenen Plattenbau mit dem Charme eines abgewrackten Studentenwohnheims. Am Eingang fragt  ein Pförtner nach unserem Anliegen. Insgeheim rechne ich bis zuletzt mit behördlicher Abweisung, vermutlich ein Erbe der Sowjetzeit. Dagegen hilft, sich betont sicher zu geben. Ja, selbstverständlich wissen wir, zu wem und wohin wir wollen – um genau zu sein, erwartet man uns in Zimmer Nummer 4! Der Pförtner trägt meinen Namen handschriftlich in das Besucherbuch ein und winkt uns durch. Dann liegt die Akte endlich vor uns. So viele Jahre darauf gewartet, dass jetzt ein wenig die Hände zittern. Der Lesesaal ist ein kleines Zimmer mit drei Arbeitsplätzen, die jeweils mit einer Tischlampe ausgestattet sind.

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