Russland und der Westen

»Man kratze am Russen, und man findet den Tataren …« Das einst vielzitierte Bonmot des Staats- und Gesellschaftsphilosophen Joseph de Maistre, der ab 1802 während vieler Jahre als sardischer Diplomat in Sankt Petersburg zugange war, bringt die stereotype, historisch alte Einstellung der »Europäer« gegenüber den »Russen« maliziös auf den Punkt. Durch dieses negative Stereotyp war die europäische Wahrnehmung Russlands über Jahrhunderte hin geprägt, und sie ist es in mancher Hinsicht und bei manchen Beobachtern noch heute. Zahllose Reise- und Zustandsberichte westlicher Besucher bieten seit jeher ein mehrheitlich düsteres Bild der russischen Alltagswelt, der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, der repressiven Machtausübung und der staatlichen Disziplinierung des Geisteslebens.

Zwar gibt es auch die schwärmerischen Apologeten einer urtümlichen, zivilisatorisch noch unverbrauchten, deshalb besonders zukunftsträchtigen »russischen Seele«. Sie bilden demgegenüber aber eine kleine, wenn auch prominente Minderheit, die sich vor allem aus deutschsprachigen Autoren − Rilke, Hesse, Thomas Mann − rekrutiert. Weit weniger bekannt ist, wie umgekehrt die Errungenschaften, Eigenarten, Wert- und Sinnbildungen Europas beziehungsweise des »Westens« in russischer Perspektive gesehen wurden und bewertet werden. Reichlich Material für eine Kontrollpeilung bietet seit kurzem ein umfassendes Sammelwerk des französischen Instituts für slawische Studien. Auf rund achthundert Seiten bündelt der sorgfältig edierte und ausführlich kommentierte Band in bisher unerreichter Fülle russische Stimmen aus zwei Jahrhunderten, die über (und aus) Europa berichten.

Die bereits in zweiter, aktualisierter Auflage erschienene Dokumentation vermittelt erwartungsgemäß ein überaus widersprüchliches Bild des europäischen Westens: Bewunderung und Verteufelung, Imitation und Verdrängung, Dialogbereitschaft und Provokation wechseln einander nicht bloß ab, vielfach gehen sie auch ungesondert ineinander über. Eine Konstante bildet allerdings die paradoxieträchtige Ambivalenz, die den russischen Blick nach Westen seit jeher kennzeichnet. Europa dient als Vorbild und Gegenbild zugleich, wird ebenso überschwänglich belobigt und nachgeahmt wie gehasst und verworfen − man möchte Europa haben, nicht aber Europa sein. Der europäische Westen kann nach traditionellem russischem Dafürhalten nur als ein russifiziertes Europa von nachhaltigem Interesse sein. Denn der ideale Russe, von manchen orthodoxen Patrioten als »Allmensch« mit der singulären Fähigkeit zur »Allresonanz« (zu »allweltlicher« Einfühlung) geadelt, ist und war schon immer auch der ideale Europäer.

Diese von Fjodor Dostojewski und dessen Gesinnungsfreunden popularisierte Typenbildung hatte ihren geistesgeschichtlichen Ursprung in der Ideenwelt der klassischen »Slawophilen«, die seit den 1820er Jahren einen russischen Sonderweg propagierten, dem sich außer den Großrussen, den Weißrussen und den ukrainischen Kleinrussen auch andere slawische Völkerschaften anschließen sollten.2 Die »russische Idee« beziehungsweise der »slawische Gedanke« hat die Konzeptualisierung Europas so grundlegend geprägt, dass das eine vom andern nicht mehr zu trennen ist: Das Europabild der Russen erweist sich als die negative Widerspiegelung ihres nationalen, kulturellen, religiösen Selbstverständnisses. Daraus ist die Tatsache zu erklären, dass der russische Diskurs über Europa − unabhängig davon, aus welcher Position er geführt wird − stets die eigene Befindlichkeit zur Voraussetzung hat.

Zu Hunderten haben sich an diesem Diskurs Publizisten und Schriftsteller, Politiker und Historiker beteiligt, die einen kritisch, die andern bejahend, alle jedoch ausgehend von 2 Die spätere, patriotisch überhöhte Slawophilie, angeführt von Dostojewski, Danilewski und Leontjew, hat dieses »panslawistische« Integrationsprojekt militant fortgeführt und imperialistisch verschärft. Bulgarien, Serbien und das »orthodoxe« Konstantinopel (mithin der Zugang zum Mittelmeer) bildeten nun, gegenüber dem Osmanischen Reich, das Hauptinteresse für das Vorrücken nicht allein der »russischen Idee«, sondern auch − in den Balkankriegen der 1870er Jahre − der zarischen Armee. dem Bild, das sie selbst von Russland hatten. Infolgedessen beschäftigen sich russische Autoren im Hinblick auf europäische Themen zumeist mehr mit ihrem eigenen Land als mit dem Westen, was wiederum zur Folge hat, dass ihre Argumentation oft allzu stark durch vorgefasste Wertungen bestimmt ist: Bald werden die Vorzüge des Russentums und dessen moralische, kulturelle wie auch allgemeinmenschliche Überlegenheit herausgestellt, um den Westen als minderwertig, dekadent, inhuman erscheinen zu lassen; bald übt man sich in massiver Selbstkritik, bezichtigt sich der Geschichts- und Kulturlosigkeit, um das westliche Europa als Modell für ein besseres Russland beliebt zu machen.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *