Astana

Beim Anflug auf den Airport von Astana hat man eine spektakuläre Aussicht über die kasachische Steppe. Grenzenlose Ebene, soweit das Auge reicht, fruchtbarer als erwartet, grüner Saum entlang von Flüssen, ausgedehntes Weideland, über das früher einmal die Nomaden mit ihren Herden wanderten, braune, ockergelbe Felder, von den Haarrissen langer Straßen durchzogen. Ein paar Seen glänzen blau herauf, über den Himmel ziehen Wolken mit Kamelbuckeln. Die reine Flugzeit von Deutschland aus beträgt nicht mehr als sechs, sieben Stunden, einmal Umsteigen in Warschau oder Moskau, schon ist man da.

Ein Taxi, ein Uber genauer gesagt, bringt mich vom Flughafen in die Stadt. Kilometerlange Straßen, sechsspurig, stangengerade, im Schachbrettmuster angeordnet, links und rechts freistehende Hochhäuser, riesige Abstandsflächen, und immer laufen die Blickachsen bis zum Horizont. Die Entfernungen sind beängstigend. Sind wir noch in den Vororten oder schon im Zentrum? Eine ähnliche Irritation wie einst bei der Ankunft in Peking oder Jakarta. Auch Astana hat nicht viel gemeinsam mit den verdichteten, europäischen Städten, die um Jahrhunderte alte Kerne gewachsen sind wie Ringe um einen Baum.

Die vertraute urbane Logik von Mitte und Peripherie ist außer Kraft gesetzt. Auf dem Reißbrett entworfen, ist die neue Kapitale eine creatio ex nihilo des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, der die Hauptstadt per Dekret von Almaty (ehemals Alma Ata) nach Norden verlegte. In meinem alten Diercke-Weltatlas, mit dessen Hilfe wir in den siebziger Jahren die Geografie der geteilten Welt studierten, hieß Astana noch Zelinograd und ist als Ort mit 100000 bis 250000 Einwohnern verzeichnet. Nach der Unabhängigkeit wurde es in Aqmola umbenannt, seit 1998 trägt es seinen heutigen Namen, der auf Kasachisch nichts anderes bedeutet als Hauptstadt.

Angeblich wollte Nasarbajew durch deren Verlegung drohende ethnische Konflikte zwischen der kasachischen und der russischstämmigen, vor allem an der nördlichen Grenze zu Russland lebenden Bevölkerung entschärfen und Abspaltungstendenzen vorbeugen. Zudem musste er, anders als in Almaty, keine Rücksicht auf gewachsene urbane Strukturen, historische Traditionen, menschliche Bedürfnisse und geografische Begrenzungen nehmen. Mitten in der Steppe gab es Platz genug, um eine schöne neue Hauptstadt aus dem Boden zu stampfen, die zum Identifikationsort der sich neu erfindenden Nation und zugleich zum Monument ihres geltungssüchtigen Alleinherrschers werden sollte.

In gewisser Weise führte Nasarbajew das urbane Projekt aus russischer Zeit fort, denn die Stadt war schon zuvor nicht aus eigener Kraft, sondern als Resultat imperialer Politik gewachsen: 1830 als Festung Akmolinsk gegründet, hat man den Ort in der Ära Chruschtschow, als Kasachstan durch eine rücksichtlose Agrar- und Umsiedlungspolitik zur Kornkammer der Sowjetunion gemacht wurde, in Zelinograd (Neulandstadt) umbenannt und nach sowjetischem Muster nördlich des Flusses Ischim angelegt. Südlich des Ischim war tabula rasa, die ideale Projektionsfläche für die urbanen Fantasien Nasarbajews. Es galt lediglich, ein paar alte Datschen abzureißen, damit entlang einer etwa zehn Kilometer langen Achse die neue Hauptstadt aufgebaut werden konnte, die Kasachstans Anspruch demonstriert, zentralasiatische Führungsmacht zu sein.

Ich wohne in einem gerade bezogenen Wohnblock, der mit seinen billigen Metalltüren, den schlecht verputzten Treppenhäusern und rohbetonierten Fluren schon verwahrlost aussieht. Es ist, als sei man mit dem Bauen nicht termingerecht fertig geworden und sehe jetzt, da die Apartments verkauft sind, keinen Grund mehr, die fehlenden Arbeiten auszuführen. Ringsum Kräne, Baustellenwände, in die Höhe wachsende Häuser, Glasfassaden und Schachtelarchitektur, wie man sie aus sowjetischen Plattenbausiedlungen kennt.

Nur am „zentralen“ Nurzhol-Boulevard sind die Schachteln etwas ambitionierter, kippen leicht aus dem rechten Winkel, zeigen interessantere Fassaden. Die kasachische Eisenbahngesellschaft residiert in einem Doppelturm in gediegenem Dunkelblau, ein anderes Hochhaus sieht aus wie eine überdimensionale Kornähre. Stetig fließt der Verkehr über die autobahnbreiten Straßen, überall finden sich riesige Parkplätze, immer zieht es den Blick in leere Räume. Bald tun mir die Füße weh, es ist eine idiotische Idee, die Stadt ohne Auto zu erkunden. Es gibt zwar Stationen für Mieträder, aber niemand fährt hier Fahrrad. Astana ist für Autos gebaut, es sind nicht viele Menschen auf der Straße.

Die Expo 2017, die gerade in Astana stattfindet, widmet sich dem Thema Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien. Zur Realität der Stadt passt das wie die Faust aufs Auge, obwohl der japanische Architekt Kisho Kurokawa Astanas Masterplan nach Vorgaben seiner „Philosophie des Metabolismus“ entworfen hat. Der propagierte Paradigmenwechsel zielt auf die Überwindung des Maschinenzeitalters hin zu einem „Zeitalter des Lebensprinzips“, in dem sich die Gegensätze von Architektur und Natur, öffentlich und privat auflösen sollen.

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