Barolo

Zu dieser Jahreszeit sind die Weinbeeren noch Stecknadelköpfe. Es ist heiß, doch die Verkehrsschilder warnen vor Nebel, das ganze Jahr. Wenn er im Herbst kommt, wird geerntet. Sagt man den Menschen in den flachen Gebieten Piemonts, dass man nach Barolo fährt, machen sie mit der rechten Hand eine Wellenbewegung. Alle diese Wellenhügel und Täler sind mit Wein bepflanzt, so weit man schauen kann. Und niemand würde wagen, dies hier eine Monokultur zu nennen. Ich lächle, als mich der Anblick an meine Heimat erinnert. Würde man den Odenwald roden und mit Wein bepflanzen, es sähe aus wie hier, denke ich mir still. Sie sagt, die Hügel erinnern sie an die Ausläufer der Rhodopen. Es wäre ja auch verschwenderisch gewesen, so weit zu fahren und sich dann nicht zuhause zu fühlen. Und während sich im Dorf die Reisegruppen die teuren Weine teilen, haben wir hier oben den Weinberg für uns. Wir haben einen Spumante von gleich hinter den Hügeln, gerollten Schweinebauch vom Dorfmetzger und krumme Grissini vom Bäcker gegenüber.

Dieser Metzger trägt Muskel-Shirt, Tattoos und Undercut, ein Hipster an Fleischwolf und Schwarte. Beim Bäcker gegenüber stehen die Grissini stolz in den Gläsern. Hier nennt man das Delikatessen, wo ich herkomme: aussterbendes Handwerk. „Bella, bellissima“, sagen die deutschen Touristen hier zu Geranien, Katzen, kleinen Mädchen. Andere italienische Wörter kennen sie nicht, deshalb öffnen sie die Augen hier besonders weit für alles Schöne, um es dann mit dem einen Wort, das sie kennen, benennen zu können. Es kommt ihnen so häufig und leicht über die Lippen wie in der Heimat nur das Wort „scheiße“. Und während sie im Heimatland die Käffer verachten, finden sie hier in jedem kleinen Ort Kultur.

Früher habe ich die Käffer auch gehasst. Ich fragte mich damals, wie meine Eltern mir diesen Ort am Odenwald zur Heimat machen konnten. Und ich hatte nur Freunde, die genauso dachten, alles Kinder Zugezogener, die sich fragten, warum die Eltern sich so entschieden hatten, wo sie sich doch entscheiden konnten. Mit den schon ewig Einheimischen verstanden wir uns nicht, denn die hatten statt unserer Heimatleere nur Selbstverständlichkeit. Und wenn sie mal auf abschweifende Gedanken kamen, dann wurden sie herausgerissen vom Kniff in die Backe durch irgendeine Tante, der sie hier verlässlich auf der Straße begegneten.

Wir fühlten uns nicht zuhause, doch wir kannten auch nichts anderes als unseren Ort, wir hatten nie Gelegenheit, einen Sinn für das Woanders zu entwickeln. Berlin, New York, selbst Frankfurt, das sagte uns nichts. So waren wir unzufrieden ohne Perspektive. Wir hassten das Hier, doch wollten nirgends hin. Nur das Mittelmaß wollten wir verlassen und glaubten nicht, dass der Hass auf unsere Heimat jemals enden würde.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-AboOder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.

 


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *