Is There Live after Dead? Digital Deadheads, Transhumanism und die Suche nach dem Gehirn von Jerry Garcia

Auf einem Flug von München nach London saß ich einmal in der gleichen Maschine wie Uriah Heep. Das ist die Band, nicht die Dickens-Figur. Zwei Männer mit silbernem schulterlangem Haar und ein Kahlköpfiger, aus dessen Nase ein Stück poliertes Metall herauskam. Später merkte ich, dass noch ein Vierter, Jüngerer, zwei Sitzreihen weiter vorne dazugehörte, der schlief. Ich flog Economy Class, genau wie sie. Dass Uriah Heep sich den engen Kabinenraum mit uns anderen teilen mussten, beweist, dachte ich, die Wahrheit hinter dem Spruch, dass alte Sänger nicht sterben, sondern nach Las Vegas gehen. Oder, in Europa, zu Bikertreffen und Oldienächten in Deutschland, wo Lady in Black auch heute noch jeden Tag von Classic-Rock-Radiosendern gespielt und von jeder zweiten Coverband massakriert wird. Ich habe das Lied ja selbst massakriert, in der einzigen Band, in der ich je war.

Aber für all das bekommen die Uriah Heep von heute keine Tantiemen. Ken Hensley, der Lady in Black schrieb, hat die Band schon vor über fünfunddreißig Jahren verlassen. Ein junger Ukrainer bewahrte sie vor der Schmach der Anonymität. Ich hatte nur heimlich mit meinem Telefon ein Foto gemacht, als der kleinere Silberhaarige aufstand und zur Toilette ging. Der Ukrainer aber bat um Autogramme und bekam ein richtiges Foto mit der Band, die Arme über die Schultern gelegt, strahlend, Daumen hoch. Ich gönnte ihm seinen Enthusiasmus und beneidete ihn darum.

Seit Musik nichts mehr kostet, weil ausreichende Kompressionsraten, Napster und das Internet erfunden wurden, sind Konzerte wieder die wichtigste Einnahmequelle für Rockbands. Für die, die schon länger dabei sind, lässt sich so noch etwas Geld verdienen, und sei es als Nostalgiewanderzirkus. Rock’n’Roll, mit allen vielfältigen Spielarten dieser Kunstform, entstand in einer Welt, in der Musik einen physischen Datenspeicher erforderte. So kam es, dass in der industriell forcierten Sukzession von Schallplatte über Kassette zu CD auch immer die Gefahr bestand, auf einer Sammlung obsolet gewordener Medien sitzenzubleiben.

Heute bezeichnet „platform agnostic consumption“ ein Mediennutzungsverhalten, das besonders unter Millennials die Norm zu sein scheint. Für Plattformagnostiker kommt es nicht darauf an, ob sie Musik von einer Schallplatte abspielen oder über Spotify von ihrem Telefon. Streamingdienste machen, selbst wenn sie kostenpflichtig sind, den Kauf von Tonträgern überflüssig. Sie minimieren zugleich drastisch die Beteiligung der Urheber der Musik am Gewinn. Vielen Bands und Musikern, die in den 1960er Jahren begonnen haben und sich dem Ende ihrer Karriere nähern, bleibt (nur noch) die Rückkehr auf die Bühne, wo sie vergangene Zeiten aufleben lassen.

Die einzige Veranstaltung solcher Art, die ich besucht habe, war ein Abschiedskonzert der Grateful Dead, das ich am 4. Juli 2015 in einem Multiplex-Kino in San Francisco sah. Es war die Live-Übertragung eines Konzerts in Chicago, ohne Jerry Garcia, der seit zwanzig Jahren tot war. Was kulturelles Fankapital angeht, reicht das nicht sehr weit. Dass es noch einmal eine Chance geben wird, ist unwahrscheinlich. Zugleich scheinen die Nachfrage und das Interesse größer und intensiver, als sie es zu Lebzeiten von Garcia je waren. Als ich vor dem Fare-Thee-Well-Konzert das ehemalige Haus der Band in Haight Ashbury suchte, zogen Besucherprozessionen wie einander passierende Seilbahngondeln den Hügel hinauf und hinunter. Selbst Reiseführer warnen vor Haight Ashbury, und die Grateful Dead zogen schon Ende 1967 aus dem Viertel weg, weil es ihnen zu voll wurde und sie die Besichtigungsbusse voller Touristen nicht mehr aushielten.

In der Einfahrt des Hauses mit der Nummer 710 parkte ein japanischer Minibus. Jemand hatte eine verblichene Hülle von Blues for Allah vor das Lenkrad gelegt. Vielleicht war sie auch erst hinter der Autoscheibe verblichen. Obwohl es sie nicht mehr gibt, ist aus den Grateful Dead in den Jahren des Internet eine globale Marke geworden. Dass ich ihr Abschiedskonzert in San Francisco sah, war gewollt, als Teil einer Suche nach den Orten, an denen die Band gespielt hat. Nötig gewesen wäre es nicht. Leistungsfähiges Internet und eine Kreditkarte hätten genügt, um die Show von jedem Ort der Welt per Livestream verfolgen zu können.

Kalifornien ist ebenso die Geburtsstätte der Grateful Dead wie des Internet. Deadheads, von denen es in Silicon Valley und im Artificial Intelligence Lab in Stanford überdurchschnittlich viele gab, nutzten die ersten Computernetzwerke, um Setlists, Songtexte und Informationen über Auftritte der Band auszutauschen. John Perry Barlow, der Internet-Pionier, schrieb Songtexte für Bob Weir. Ned Lagin, ein Komponist elektronischer Musik und Kollaborateur von Phil Lesh bei dessen berüchtigten, pausenfüllenden Avantgardeeskapaden, nahm Mitte der siebziger Jahre eine Stelle beim Unternehmen Processor Technology in Berkeley an. Eines Tages wurden dort zwei junge Männer vorstellig, die beide Steve hießen. Sie hatten ein Schaltbrett dabei, von dem sie behaupteten, es sei ein Computer. Lagin kannte sie aus dem Homebrew Computer Club, in dem die Szene der Computergegenkultur aus der Bay Area sich traf. Aber Lagin hatte genug von Hippies. Steve Jobs and Steve Wozniak mussten ihren Apple-Prototypen wieder mitnehmen.

Zehn Jahre später veröffentlichte Donna Haraway, damals Professorin in Berkeley, ihr Cyborg Manifesto. Im späten 20. Jahrhundert, so beginnt der Essay, werden die Technowissenschaften von drei weitreichenden Grenzauflösungen geprägt. Menschen unterscheiden sich nicht von Tieren. Menschen und Tiere unterscheiden sich nicht von Maschinen. Und die Grenze zwischen physischer Substanz und nichtphysischer ist ebenfalls durchlässig. „Our best machines … are hard to see politically or materially. They are about consciousness – or its simulation“, schreibt Haraway.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-AboOder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *