Warten auf die Außerirdischen (II)

Leere Brutkästen

Die Milchstraße beherbergt einige Hundert Milliarden Sterne und vielleicht hundert Milliarden Braune Zwerge. Die meisten von ihnen haben irgendeine Art Planetensystem. Jedes Jahr kommen vier neue Sterne, ein neuer Brauner Zwerg und mit ihnen ein paar Handvoll Planeten hinzu. 1 Mindestens einer dieser neuen Planeten könnte nach aktuellem Kenntnisstand Leben beherbergen, er hätte die richtige Temperatur, eine Atmosphäre und eine Mischung aus flüssiger und fester Oberfläche. Nicht mit eingerechnet sind Monde und Kleinplaneten, die ebenfalls unter Umständen bewohnbar sein können. Nicht eingerechnet sind kalte Welten wie der Jupitermond Europa, der unter seinem Eismantel einen flüssigen Ozean beherbergt, beheizt durch Gezeitenkräfte. Kurz gesagt: Es gibt jede Menge Inkubatoren für Lebensformen irgendeiner Art.

Aber ist eine lebensfreundliche Umgebung auch tatsächlich belebt? Komplexe organische Moleküle sind weitverbreitet im Universum, aber wie oft entstehen daraus einfache Lebensformen? Und wie wahrscheinlich ist es, dass sich aus einfachen Organismen komplexe Tiere entwickeln, mit Schwänzen, Haaren oder Tentakeln? Ist die Entwicklung zu intelligenten Lebensformen unvermeidlich? Entwickeln sich Horden von intelligenten Lebewesen automatisch zu technologischen Zivilisationen? Und entwickeln sie zwangsläufig ein Interesse für den Rest des Universums? Wie lange überlebt eine hochentwickelte Gesellschaft, hat sie einmal die Rakete und das Radio erfunden?

Die Entdeckung der Exoplaneten und die Suche nach Leben im All hat die Prioritäten in der Astronomie radikal verändert. Bis eben noch war Astronomie vor allem angewandte Physik. Deshalb bewohnen Astronomen so oft dieselben Gebäude wie Physiker. Deshalb muss jeder Astronom Dutzende Vorlesungen über Grundlagenphysik aushalten. Die größten Strukturen im Universum kann man nur verstehen, wenn man sich mit den kleinsten Strukturen auskennt, mit Atomen, Molekülen, Staubteilchen. Seitdem wir wissen, dass Sterne aus denselben Bausteinen bestehen wie unsere irdische Umgebung, seitdem wir wissen, dass die mathematischen Strukturen, die Abläufe auf der Erde beschreiben, übertragbar sind auf andere Himmelskörper, seitdem sind Astronomie und Physik miteinander verheiratet.

Aber das scheint sich gerade zu ändern. Seit der Entdeckung der Exoplaneten arbeiten Astronomen verstärkt mit Biologen, Geologen, Meteorologen. Produktive Kollaborationen mit Geisteswissenschaftlern sind bereits im Entstehen. Astronomie ist eine flexible Disziplin, ein Chamäleon, das seine Farbe wechselt, je nach dem, was die vorherrschende Sichtweise auf den Kosmos ist. In der Vergangenheit musste man sich mit Mathematik, mit Theologie, mit Philosophie auskennen, um Astronom zu sein. Astronomen arbeiteten als Sterndeuter und als Navigatoren. Heute sind wir Physiker. Vielleicht ziehen wir demnächst weiter und befassen uns vorwiegend mit dem Aufstieg und Zerfall von Zivilisationen.

SETI, Search for Extraterrestrial Intelligence, ist die systematische Suche nach Zeichen von intelligenten Zivilisationen im All. Diese Spuren können Radiosignale sein oder Laserpulse oder die Abwärme von Kraftwerken in der Nähe von anderen Sternen oder Artefakte, die wir in unserem eigenen Sonnensystem finden, wie der schwarze Monolith in Clarkes 2001: Odyssee im Weltraum. Das führende Institut bei der Suche nach Aliens ist das amerikanische SETI-Institut.

Bis heute leiten sich zahlreiche Spekulationen der SETI-Forschung von der 56 Jahre alten Drake-Formel ab, eine Serie aus Faktoren, die miteinander multipliziert die Anzahl der derzeit gesprächsbereiten Zivilisationen in der Milchstraße ergeben. 2 Die Drake-Formel ist weniger eine präzise Formel als ein Forschungsprogramm, ein Fragenkatalog, eine Serie aus Aufgaben, an denen wir uns abarbeiten können. Ein Intelligenztest für die Menschheit. Nach dem Planetenrausch der letzten zwanzig Jahre können die astronomischen Aufgaben in der Drake’schen To-do-Liste abgehakt werden.

Die Drake-Formel dient als eine Art Paradigma in einem ansonsten paradigmalosen Wissenschaftszweig. SETI ist eine Protowissenschaft, vergleichbar mit den Exoplaneten, bevor man die ersten gefunden hatte. Es gibt keinen festen Satz an Axiomen, die eine reife Wissenschaft ausmachen. Unsere eigene Existenz ist der einzige sichere empirische Fakt. Wir wissen nicht, wonach wir suchen. Ein riesiger Raum mit absurden Möglichkeiten muss erkundet werden. „Bisher können wir weder Nano-Satelliten noch Von-Neumann-Maschinen ausschließen“, sagt Jill Tarter, die ehemalige Direktorin des SETI-Instituts. Staatliche Gelder gibt es dafür praktisch keine.  SETI-Forscher in Europa betreiben ihre Wissenschaft nebenbei, während sie ihr Geld mit der Beantwortung von weniger spekulativen Fragen verdienen.

In diesem Eizellenstadium ist eine Wissenschaft noch weich und formbar. Einerseits muss sie sich behaupten gegen Verschwörungstheorien, um nicht bedeutungslos zu werden, andererseits darf sie sich nicht verschließen gegenüber der Welt der Fiktion, aus der sie viele ihrer informierten Spekulationen bezieht. SETI-Forscher grenzen sich ab von UFO-Fantasten und verwerfen Erkenntnisse über Aliens, die unter Hypnose und unter Zuhilfenahme von Kristallen gewonnen wurden. Sie glauben nicht daran, dass die andere Seite des Monds von den Nazis bewohnt wird und dass die Aliens die ägyptischen Pyramiden gebaut haben.

Andererseits fließen Ideen aus der Science-Fiction-Literatur in die Forschung, von Olaf Stapledon und Arthur C. Clarke, und von dort wieder zurück. 3 Autoren wie David Brin und Stephen Baxter sind gleichzeitig angesehene SETI-Forscher. In der SETI-Forschung agieren Kunst und Wissenschaft auf Augenhöhe. Der Bund wird solange bestehen, bis die Forscher echte Außerirdische kennenlernen und damit über einen Satz aus Fakten verfügen, eine empirische Datenbasis, die einerseits die Richtung vorgibt, andererseits aber die Imagination einschränkt. Ab dann dürfen Künstler nur noch den Fortschritt der Wissenschaft illustrieren, den Dialog mit der Öffentlichkeit bereichern und vage inspirativ wirken, so wie heute bei den Exoplaneten.

Morgen könnte es soweit sein. Wenn die gelben Raumschiffe über der Erde hängen, wird aus SETI auf einmal angewandte Forschung, aus Fiktion werden Fakten.

Das Warten geht weiter

Laut einer Umfrage von Ipsos aus dem Jahr 2010 glaubt jeder Fünfte daran, dass die Außerirdischen unter uns sind. Und zwar nicht irgendwo da draußen, in dem schwarzen Möglichkeitsraum, in den wir so viele unserer Hoffnungen hineinprojizieren, sondern hier, bei uns, auf unserem vergleichsweise hoffnungsarmen Planeten. Die Alien-Jünger leben auf allen Kontinenten, stammen aus allen Einkommensschichten, sozialen Gruppierungen, Religionen und Altersgruppen. Ein Fünftel der Menschheit glaubt, dass sie schon hier sind. Oder hier waren, wie Erich von Däniken nicht müde wird zu behaupten.

Von den restlichen vier Fünfteln sind die meisten überzeugt, dass es sie irgendwo schon geben wird, nicht notwendigerweise auf der Erde, aber irgendwo ganz sicher. Die Hälfte der Bewohner westlicher Industrienationen glaubt an die Existenz von intelligenten Wesen im Universum. Ich gehöre nicht dazu. Ich vermute stark, dass es extraterrestrische Lebewesen gibt, zum Beispiel Schleimbrocken, die an Asteroiden haften, bin aber ansonsten Alien-Agnostiker.

Die Begeisterung für die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz ist enorm. Die wichtigste Frage der Menschheit sei es, so mutmaßen viele. Was bleibt vom Menschsein übrig, wenn sich herausstellt, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind? Oder nur ein Zacken in der Krone? Vielleicht wird die Entdeckung der Außerirdischen die Leute weiser machen, bescheidener, weniger vom Glauben geprägt, auserwählt zu sein. Vielleicht ändert sich auch nichts. Dieselbe Lektion hätten wir schon von Tintenfischen lernen können, vielleicht die intelligentesten Lebewesen auf der Erde, die keine Wirbeltiere sind. Stattdessen essen wir sie auf.

Vielleicht wird es die Menschheit vereinen, im Kampf gegen den extraterrestrischen Militarismus, eine neue Art Rassismus, der nach außen gerichtet ist, wie in so vielen Science-Fiction-Filmen, in denen die Aliens hässlich und grob sind und der Mensch edel und gut. Vielleicht bringen uns die Außerirdischen bei, Fusionsreaktoren zu bauen und das Energieproblem für alle Zeiten zu lösen. Vielleicht werden die Weisen aus dem All uns auf eine höhere Bewusstseinsebene bringen, auf der uns Fragen über Energie nicht mehr interessieren. Oder vielleicht ist das alles auch Unfug, und wir taumeln weiter wie bisher durch die Welt, einen Schritt vorwärts, dann einen zur Seite, dann wieder zurück. Die Erwartungen an die Außerirdischen sind untrennbar verbunden mit unserem Bild vom Menschen.

(…)

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Timothy C. Licquia/Jeffrey A. Newman, Improved Estimates of the Milky Way’s Stellar Mass and Star Formation Rate from Hierarchical Bayesian Meta-Analysis. In: Astrophysical Journal, Nr. 1 vom 10. Juni 2015; Koraljka Mužić u.a., The Low-mass Content of the Massive Young Star Cluster RCW 38. In: Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, Nr. 3 vom 1. November 2017.
  2. Duncan H. Forgan, A Numerical Testbed for Hypotheses of Extraterrestrial Life and Intelligence. In: International Journal for Astrobiology, Nr. 8, April 2009; Nicolas Glade u.a., A Stochastic Process Approach of the Drake Equation Parameters, In: International Journal for Astrobiology, Nr. 2, April 2012.
  3. Mark Brake/Neil Hook, Darwin to the Double Helix: Astrobiology in Fiction. In: International Journal for Astrobiology, Nr. 4, Oktober 2007.

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