Was ist die Literatur in „Digitale Literatur“?

In diesem Sommer bot der Suhrkamp Verlag anlässlich des fünfzigsten Geburtstags von Uwe Johnsons Roman Jahrestage allen Interessierten an, ihnen täglich den historischen Jahrestag per E-Mail frei Haus zu liefern. Bei den eintreffenden Nachrichten aus dem Leben Gesine Cresspahls handelte es sich zwar um einen Text, der in digitaler Form vorlag, nicht aber um Digitale Literatur. Was keine Digitale Literatur ist, scheint also halbwegs gut auszumachen zu sein, was allerdings nicht daran liegt, dass es besonders leicht wäre zu sagen, was das Digitale oder die Literatur ist. Die Probleme nehmen Fahrt auf, wenn man feststellt, dass Digitale Literatur als Sammelbegriff für alle möglichen Textsorten fungiert, in denen ein oftmals einfacher Grundgedanke in ein Programm übersetzt wird, dessen Ausführung dann einen mehr oder weniger lesbaren Text ergibt.

Dazu gehören alle möglichen Formen von Texten, die maschinell generiert wurden, die sich mechanisch andere Texte aneignen und deren Satz- und Wortelemente neu kombinieren, meistens mittels mehr oder weniger komplexer Scripte, die die Autoren selbst schreiben – das Schreiben der Texte, die sie hervorbringen, ist eine bestimmte Art computerisierter Textverarbeitung. Da die Schritte, die zu einem fertigen Text führen, nicht immer nachvollziehbar sind, werden sie bisweilen von Erläuterungen des künstlerischen Prozesses begleitet, so schreibt Gregor Weichbrodt in einer knappen Erläuterung zu seinem Buch Dictionary of non-notable artists: „Ich habe ein Python Script geschrieben, das den Inhalt jeder ‘Löschkandidaten‘-Seite der letzten Jahre herunterlädt, und habe die Ergebnisse nach künstlerischen Tätigkeiten geordnet.“ 1 Das Buch widmete er den Künstlerinnen und Künstlern, deren Wikipedia-Seiten zur Löschung vorgeschlagen wurden, er selbst war einmal einer von ihnen.

Digitale Literatur ist teils aber auch solche, die nicht in Büchern abgedruckt, auf Webseiten nachlesbar oder in anderen gebräuchlichen Formen angeboten wird, sondern beispielsweise über Bildschirme in Galerien läuft. Sofort entstehen neue Fragen: Kann man beispielsweise die Arbeit Truisms der Künstlerin Jenny Holzer, die schon 1977 mehr oder minder poetische Sätze über die Textticker des New Yorker Times Square laufen ließ, als Digitale Literatur bezeichnen? 2 Falls ja, was gehört dann noch alles dazu? Welchen Bereich beobachtet man, wenn man sich mit einem Werk aus der Digitalen Literatur auseinandersetzt.

Dass sich dieser Begriff trotz aller sofort auffallenden Probleme durchgesetzt hat, liegt vor allem daran, dass „das Digitale“ gerade ein unschlagbar starker Begriff oder sogar ein Epistem ist, also eine eigene Wissensordnung, die es erlaubt, alle möglichen Phänomene bei ihr einzusortieren. Bevor das aber geschehen kann, sollte man eingestehen, dass es aus diesem Grund erstens schicker ist, „Digitale Literatur“ zu sagen als beispielsweise „elektronische“ oder „generative“ Literatur (was beides auch irgendwie richtig wäre). 3 Gleichzeitig wird dieses Epistem dadurch zweitens recht schwammig, was immer ein Vorteil ist, wenn man drittens Versprechen hinsichtlich eines möglichen Erkenntnisgewinns machen möchte.

Das weist dann direkt auch darauf hin, für welchen Leserkreis die Digitale Literatur besonders attraktiv ist: nämlich den der Literaturwissenschaft, die große Freude an der Literarizität, Poetizität und vor allem Medialität der Digitalen Literatur hat. 4 Da all dies in der Digitalen Literatur reichlich vorhanden zu sein scheint, hat die Literaturwissenschaft in ihr eine Literatur gefunden, die den Anforderungen einer Gegenwartsliteratur als Dichtung (Literatur mit großem L, sozusagen) in besonderem Maße entspricht: Es besteht die Hoffnung, in der Digitalen Literatur heute schon die Texte zu finden, die morgen einer dann klassisch gewordenen Avantgarde zugeschrieben werden können. 5, die wieder und wieder herangezogen werden“. Vgl. Hannes Bajohr, Schreibenlassen. Gegenwartsliteratur und die Furcht vorm Digitalen (0x0a.li/de/schreibenlassen-gegenwartsliteratur-und-die-furcht-vorm-digitalen/).] Klassisch sind auch die Grundbegriffe, um die sich die Diskussion dann dreht: Ist Digitale Literatur eine eigene Gattung oder bedient sie solche, die schon seit der Antike bestehen? Gibt es schon so etwas wie einen eigenen Kanon? Macht Digitale Literatur eine eigene Epoche, die des Digitalen, auf besonders gute Art beobachtbar?

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Gregor Weichbrodt, Dictionary of non-notable artists. Berlin: Frohmann 2016 (im Original auf Englisch, hier übersetzt von H.E.).
  2. Jill Walker Rettberg sagt ja: www.dichtung-digital.org/2012/41/walker-rettberg/walker-rettberg.htm
  3. Ein weiterer möglicher Begriff wäre der der „Netzliteratur“ – die allerdings mittlerweile voll im Stadium ihrer (Selbst)Historisierung angekommen ist, vgl. beispielsweise die Arbeiten von Peter Gendolla.
  4. Das klingt ungefähr so: „Die alte Frage nach der Poetizität drängt sich durch die nivellierende technologische Begriffsbildung wieder auf. Erst kunstspezifische Semantisierung führt hier also weiter.“ Friedrich W. Block, Webseite. Zum Ort digitaler Literatur im Netz der Literatur. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.), Digitale Literatur. München: Edition Text und Kritik 2001.
  5. Dass diese Klassizität nicht zuletzt daher rührt, dass als zentrale Referenzpunkte der Digitalen Literatur ein „Satz früh kanonisierter Werke [dienen

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