Über die unterschiedlichen Umgangsformen in Hochkultur und Populärkultur (Hohe Kultur 10)

Im ersten Beitrag dieser Reihe hat Thomas Hecken Leitfragen zu dem Kooperationsthema ‚hohe Kultur‘ formuliert. Eine davon war, ob die Unterscheidung von Hochkultur und populärer Kultur – sosehr man ihr auch ein Ende nachsagt und so wenig man noch von ‚hoch‘ oder ‚nieder‘ in Bezug auf Kultur spricht – nicht doch stillschweigend verlängert wird. Zwar signalisiere der Aufstieg von populärer Kultur, dass es keine hohe Kultur im bildungsbürgerlichen Sinne mehr gebe, doch würden noch immer in Kultur- und Kunstorganisationen Urteile gefällt und Auswahlen getroffen. Aber es gibt noch ein anderes Indiz dafür, dass die Unterscheidung von ‚high‘ und ‚low‘, ‚hoher‘ und ‚niederer‘ Kultur erhalten geblieben ist. Und dieses Indiz spürt man insbesondere im Umgang mit Artefakten auf, im Blick darauf, welche Dimension der kulturellen Produktion verehrt und wie diese Verehrung praktiziert wird. Kurzum: in der Fankultur. Umgekehrt lässt sich am Umgang mit verschiedenen Artefakten sogar ablesen, wann es sich um Populär- und wann um Hochkultur handelt.

Nirgendwo treffen Hochkultur und Populärkultur sowie die dazugehörigen Bewunderer und Fans so stilsicher aufeinander wie jedes Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse. Während üblicherweise in den Hallen 2 bis 4 die Verlage ihre neuen Bücher präsentieren, Autoren interviewt und Lesungen abgehalten werden, findet in Halle 1 die Manga-Comic-Con statt. Dort sorgen allen voran Cosplayer für Aufsehen – Fans, die in aufwändiger Kostümierung ihre liebsten Protagonisten darstellen. Außerdem werden Sammelfiguren, Kuscheltiere, Kartenspiele und vieles mehr verkauft, worauf verschiedenste Comic-Helden abgebildet sind. Beide Teile der Buchmesse sind Ausdruck einer Verehrungskultur – die sich allerdings jeweils ganz anders ausprägt. Auf der einen Seite, in Halle 2 bis 4, zeigt sich die hochkulturelle Verehrungskultur in einem Kult um den Autor als Schöpfer. In Halle 1 ehrt man hingegen weniger die Autoren der Comics und Serien als vielmehr ihre Protagonisten: die Helden der Geschichten, die – möchte man es nüchtern ausdrücken – Produkte (statt der Produzenten).

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Links: Lesung auf Leipziger Buchmesse 2017; rechts: Cosplay auf der Manga-Comic-Con 2017)

In diesen gegensätzlichen Kulten drückt sich die Vorstellung aus, Hochkultur nehme das Geistige und Gelehrte ins Blickfeld, woraus sich bis heute das intellektuelle Selbstverständnis speist, während sich Populärkultur mit dem im weitesten Sinne Greifbaren – ob im Materiellen oder im Gedanklichen – abgebe. Dafür steht insbesondere die genieästhetische Beschreibung und Inszenierung des Autors seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, etwa in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ von Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck aus dem Jahr 1797. Dort heißt es: „Die Begeisterungen der Dichter und Künstler sind von jeher der Welt ein großer Anstoß und Gegenstand des Streites gewesen. Die gewöhnlichen Menschen können nicht begreifen, was es damit für eine Bewandtnis habe […]. Sie reden von der Künstlerbegeisterung als von einem Dinge, das sie vor Augen hätten.“ Die „gewöhnlichen Menschen“ interessieren sich also nicht für das Unbegreifliche und Überzeitliche der Kunst (oft im Wortsinn von Hochkultur verwendet), so die beiden Autoren, sondern für die „Dinge, die sie vor Augen haben“ – und das ist in einer Doppeldeutigkeit zu verstehen: was sie (intellektuell) begreifen können und was sie (materiell) greifen können – auch, um damit wiederum selbst tätig zu werden, um zu konsumieren (etwa Merchandise-Produkte) oder sogar zu produzieren (etwa beim Cosplay oder in der Fanart).

Der sogenannte „Werther-Effekt“ – eine der beliebtesten Anekdoten der neueren deutschen Literaturgeschichte – dürfte Wackenroder und Tieck das beste Beispiel für ihre Einschätzung geboten haben. Denn zur (hochkulturellen) Verehrung des „Dichterfürsten“ Johann Wolfgang von Goethe gesellte sich nun auch die Verehrung einer Romanfigur: des jungen Werther. Sosehr man sich darüber uneinig ist, inwiefern man bei dem sogenannten „Werther-Effekt“ von einer „Suizid-Welle“ sprechen kann – waren es doch nur wenige, die dem Schicksal des Protagonisten tatsächlich nacheiferten –, so eindeutig ist das „Wertherfieber“ zu belegen, das vor allem die bürgerliche Jugend ergriff. Fans kleideten sich sogar in der Werther-Tracht: blaues Tuchfrack, gelbe Weste, Kniehose aus gelbem Leder, Stulpenstiefeln und runder Filzhut. Auch Fan-Artikel wie beispielsweise eine Werther-Tasse wurden produziert. Werther kann insofern als eine frühe Ikone der Populärkultur (auch schon als einer Konsumkultur) bezeichnet werden.

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Links:  Werther-Tasse, Meißen, 1775 – 1789, Goethe-Museum Düsseldorf; rechts:  Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar nach dem Entwurf von Ernst Rietschel (1852).

Während der gesamten Moderne und auch über Strukturalismus und Poststrukturalismus („Tod des Autors“) hinaus war dieses Verhältnis relativ stabil. Bis heute werden in den Bereichen der Hochkultur überwiegend die Schöpfer-Figuren verehrt, insbesondere durch Erinnerungskultur – Niels Werber spricht im sechsten Beitrag dieser Reihe mit Niklas Luhmann von „Pflege“ – sei es in Denkmälern, Geburtshäusern, Ausstellungen, in historisierenden Texten oder in der Auszeichnung von Autoren mit Preisen (durch Jurys aus Kennern). Hochkulturelle Verehrung zeichnet sich dadurch aus, tradieren zu wollen, Artefakte für das Überzeitliche zu rüsten. Dagegen werden im popkulturellen Bereich vor allem Produkte, Musikstücke, Literatur-, Film- und Serienhelden bewundert – und dies meist ephemer. Dort drückt sich die Bewunderung vor allem im Konsum oder einer davon angeregten neuen Produktion aus: Man denke etwa an Fan-Fiction, bei der Filme oder Serien von Fans weitergeschrieben werden. Das wird mit Werken der Hochkultur nur in seltenen Fällen unternommen, nicht zuletzt aus Respekt vor den noch immer als genial wahrgenommenen Autoren, die Ansprüche stellen, denen Nacheiferer nicht gerecht zu werden glauben. Eine andere Form der Verehrung in der Populärkultur sind private Altäre und Posterwände, die zugleich Ausdruck der engen und intimen Bindung von Fans zu den entsprechenden Artefakten sind. Auch Werke der Populärkultur werden übrigens ausgezeichnet, etwa mit Goldenen Schallplatten, aber auch hier gilt, dass die Ehrerweisung weniger dem Schöpfer als den hohen Verkaufszahlen (also dem Konsum) gilt, aus denen sich die Preisvergabe auch ergibt.

Popkulturelle Verehrung der Hochkultur

Wenn es um Hochkultur und Kunst geht, ist es sinnvoller von Bewunderern statt von Fans zu sprechen. Denn für ihre Produkte gilt häufig, dass man sie nicht anfassen darf und nur in dafür vorgesehenen Räumen zu bestimmten Zeiten und auf einen bestimmten Abstand gehalten betrachten oder hören kann. Im Museum ertönt ein schrilles Warnsignal, tritt man zu nah an die Werke heran, Aufseher halten durch ihre Anwesenheit die vorgeschriebenen Verhaltensregeln präsent. Fans müssen jedoch Dinge, die sie schön finden und bewundern, auch konsumieren, müssen sie greifen können. Und auch wenn es Versuche von Künstlerinnen und Künstlern geben mag, durch Formen der Partizipation greifbar zu werden (z.B. ein Stapel Poster, von dem man eins mitnehmen darf, auch beliebt: Münzen), sie also Produkte schaffen, die wiederum in den persönlichen und privaten Raum des Besuchers mitgenommen und eigens installiert werden können, so handelt es sich dabei doch um sehr vereinzelte Erscheinungsformen, die zudem ein defizitäres Gefühl hinterlassen, darf man doch nur einen kleinen (meistens unspektakulären) Teil der Arbeit berühren und sich aneignen.

Auch im Museumshop möchte man zu einem popkulturellen Umgang mit den Artefakten der Hochkultur anregen – und zwar insbesondere durch die Ermöglichung von Berührungsritualen und das Zulassen von Erwerbsimpulsen, schließlich aber auch durch das simple Konsumieren. Allerdings zeigt sich, dass selbst diese Versuche im Letzten scheitern, insofern die Kunstkonsumprodukte angesichts des Originals als defizitär angesehen werden, als Schnickschnack. Diese Einschätzung wird auch durch den Trend belegt, dass Museumsshops in den letzten Jahren immer weniger Kunst-Souvenirs zugunsten von vermeintlich einzigartigen Designprodukten (von Lampen bis Geschirr) anbieten.

Hochkulturelle Verehrung der Popkultur

Umgekehrt gibt es auch die hochkulturelle Verehrung der Popkultur – etwa dann, wenn Museumsausstellungen zu Popstars oder Pop-Phänomenen gemacht werden. Allerdings gilt auch hier, dass es wesentlich vom Umgang abhängt, inwieweit ein Star oder Werk trotz Ausstellung barrierefrei in die Sphäre der Hochkultur gelangen kann. So war dies etwa bei David Bowie insbesondere deshalb möglich, weil er als Geniefigur auftrat und als solche auch in Dokumentationen und Ausstellungen inszeniert wurde (etwa durch das Zeigen von Kinderzeichnungen, die seine naturgegebene Genialität unter Beweis stellen sollten). Bei Modefotografen gelingt es hingegen meist nicht so gut. Denn dort werden die vielgesehenen und wohlbekannten Bilder und darauf befindlichen Models ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt (etwa indem man sie einfach so groß aufzieht, als handle es sich um Meisterwerke) und nicht der Autor, die Künstlerpersönlichkeit.

Um Popkultur in die Sphäre der Hochkultur zu heben, imitieren besonders treue Fans den Umgang mit letzterer, indem sie sich beispielsweise für ein Denkmal ihres Popstars einsetzen. Viele Jahre wird zum Teil für die privat finanzierte Errichtung eines Pop-Denkmals im öffentlichen Raum gekämpft, die in ihrer Wirkung am Ende allerdings auch an dem Versuch scheitert, aus dem Pop-Phänomen ein Hochkultur-Phänomen zu machen. Das liegt insbesondere daran, dass nicht das Genieästhetische, Geistige betont wird, sondern fast immer das Expressiv-Körperliche: Der Fußballer Helmut Haller hat in seinem Denkmal in Augsburg zum Beispiel gerade das Bein zum Schuss gehoben, Udo Lindenberg in Gronau und Michael Jackson in Mistelbach befinden sich in expressiven Tanzakten.

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Links:  Wolfgang Auer, Helmut-Haller-Denkmal, Augsburg 2015; mittig:  Max Morlock, Udo-Lindenberg-Denkmal, Gronau, 2015; rechts:  Daniela Kartáková, Michael-Jackson-Jackson, Mistelbach, 2013.

Wo die Unterschiede zwischen ‚hoher Kultur‘ und ‚niederer Kultur‘ liegen, leitet sich also vom Umgang mit den jeweiligen Artefakten ab. Auch wenn es kategoriale Verschiebungen und Grenzauflösungen gegeben hat und man nicht mehr von ‚hoch‘ und ‚nieder‘ spricht, hat sich am Verhalten gegenüber den Artefakten wenig geändert. Zugleich wird das Wissen um das entsprechende Verhalten instrumentalisiert, um gezielt Grenzen aufzubrechen.

Tatsächlich dürfte es ein Beispiel geben, bei dem das auch zu gelingen scheint: die Balloon-Figuren von Jeff Koons. Insbesondere deren Ikone, der Balloon Dog, ist – ob als Designfigur, Poster oder Spardose – längst wieder in die Populärkultur zurückgewandert und wird auch entsprechend verwendet. In die Dose kommt Geld, die Figur landet auf dem Fensterstock, das Poster wird an die Wand gepinnt. Und durch eine Kooperation von Jeff Koons mit Snapchat ist es nun auch möglich, in der Virtual Reality Selfies vor den Balloon-Skulpturen zu machen. Mit vielen Mitteln wird also versucht, Konsum, Interaktion und neue Bildproduktionen anzuregen – mit dem Ziel, das zuvor von der Populärkultur in die Hochkultur transferierte Objekt (indem man es exklusivierte, ins Museum stellte und damit den Umgang verweigerte) wieder zu popularisieren. Und auch hier geht der Weg über den Umgang und Gebrauch. Über den Aufbau eines Fan-Verhältnisses.

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Diverse Konsumprodukte in Referenz zu Jeff Koons’ Balloon Dog; oben rechts: Werbebild für die Kooperation mit Snapchat.


1 Kommentare

  1. Der Metaphernbegriff „Hochkultur“ wurde ja schon in einem der ersten Beiträge dieser Serie betrachtet. Das hilft aber offenbar nicht richtig. Diese Schwamm-Abtrakta, deren Inhalt am Ende mehr gefühlt als klar bestimmbar ist, werden zur berühmten Brille, durch die alles betrachtet wird.
    „Hochkultur“ ist dreifach unglücklich: Erstens wegen der implizierten Vorstellungskontexte von „hoch“, die unter uns Post-Spätaufklärern automatisch zu einer Art Distanzierungszwang führt, zweitens weil der Begriff Hochkultur ursprünglich ganz woanders herkommt (aus der Alterstumwissenschaft und Ethnographie) und sich das gemeinte Kulturfeld oft ganz anders legitimiert hat („tief“ ist hier witzigerweise eher zuständig), drittens weil der Begriff sowie das Sachfeld „Kultur“ einen einschneidenden Wandel („Kulturrevolution der 60er Jahre“) hinter sich haben, der bis heute nicht ganz bewältigt ist und der auch ganz stark mit Medientechnologien, Distributionsformen, Ökonomie und Marketing zu tun hat.
    Speziell was die Abgründe des Verehrungsbedürfnisses angeht, sehe ich wenige sphärische Unterschiede. Selbst der „Popstar“ wurde ja nicht von der Popkultur erfunden. Prominenz wurde in neuerer technologischer Zeit lediglich immer wertvoller, weil heute kaum etwas so traumhaft skaliert wie Ruhm. Die Erfindung und Verbilligung der Schallplatte hat in allen Feldern – von Folklore über Stampfmusik bis hin zu den Rädern der Traditionskulturen – das Bedürfnis der Menschen, sich von irgendetwas bis zur tiefknieenden Verehrung begeistern zu lassen, mit wachsender industrieller Raffinesse ausgewertet. Nach diesem Muster kann alles Kultur werden, was promnent gemacht werden kann: Z.B. ist jetzt auch Sport mit einem ökonomischen Bein Kultur, könnte sogar in den Verwertungsformen vorübergehend führend werden (siehe z.B. staramba.com, dt. Startup „uniting fans and sporting idols – immerse youself … etc.“). VR hat riesiges Marktpotenzial für alles, was irgendjemand verehrt.
    Bei dieser Anfälligkeit für Verheiligung spielen praktisch alle menschlichen Schwächen eine Rolle: die Anfälligkeit für Moden, der Bedarf an Vereinfachung, die wohl nur neurologisch erklärbare Freude an Wiederholungen („alle Lust dringt auf Wiederholung“, Freud), die Orientierung der eigenen Meinung an wahrgenommenen Mehrheiten, der Glaube an „besondere Menschen“, die Hhysterie der Begegnung, wenn die besonderen Menschen leibhaftig auf der Bühne stehen, die unendlich vielen sublimierten (mehr oder minder) Bezüge zur Sexualität …
    Die Manga-Kultur ist ein weiteres Beispiel für die Einheit des Kulturmultiplexes. Scheinbar ganz was Neues, ist es eigentlich nur der bekannte subkulturelle Folklorismus. Es grüßen Theater, Karneval, „Verkultungen“, wie sie in den letzten Jahrzehnten vor allem im Filmgeschäft immer gieriger professionalisiert wurden („Merchandising“). Und dabei entsteht ein neues Gebiet, auf dem es Einzelne zu Prominenz, Meisterschaft, vielleicht sogar Weltruhm bringen können, zumindest wenn man das wieder mit Musik verheiratet.
    Dennoch ist es, wenn man denn diese endlos facettierte Kultursphären soziologisch differenzieren will, vermutlich das Sinnreichste, außer über die datengestützte Beschreibung der Milieus über die Differenzen in den Akklamationsformen die Unterschiede zu beobachten. So groß sind die Unterschiede aber nicht wirklich. Ganz am Ende kommt wird aber neue Begriffspaare installieren: Nicht mehr Upper-Class vs Lower Class, sondern eher Kulturen der emotionalen Nähe gegen Kulturen der inneren Distanz, Maker vs Industry, High-Budget vs. No-Budget, Easy vs Complicatzed, Shorttime vs Longtime, Play vs Work, oder was auch immer.

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