Ab durch die bürgerliche Mitte?

Wenn etwas, wie der jüngste AfD-Erfolg, nicht ins gewohnte oder gewünschte Bild passt, beginnt die Suche nach Schuldigen und Versäumnissen. So hat man Linksintellektuellen, jenen vor allem, die nach der Wende gen Osten gewandert sind, vorgeworfen, sie hätten dort ihre neuen Landsleute auf arrogante Art „abgehängt“; im übrigen Deutschland sei es derweil eine beliebte Unart geworden, rechtslastige Ossis einfach „zurechtzuweisen“.Läge es daran, könnte das liebe Vaterland beruhigt sein, wäre die Volkstümelei doch eine begrenzte und flüchtige Erscheinung.

Anders sähe es aus, hätte Jürgen Kaube recht. Seiner Ansicht nach sind wir mit einem systemischen Defekt geschlagen: Deutschlands politischer Kultur fehle das unerlässliche „Quentchen Streit“.Gerade im staatstragend-volksparteilichen Lager seien, um Diskrepanzen unter dem Deckel zu halten, allerlei Konflikte (wie die Flüchtlingskontroverse) als erledigt abgehakt und einmal gefundene Kompromisse für sakrosankt erklärt worden. Sollte es daran gelegen haben, wäre die Frage: Wie bringt man den Streit ins System?

Schon vor den Wahlen hat Christoph Möllers in dieselbe Kerbe gehauen. Gelinge es uns nicht, eine funktionale Streitkultur zu entwickeln, so sein Befund, würden wir früher oder später von Kalamitäten heimgesucht, wie sie heute anderen Demokratien, allen voran Amerika (mit Trump) und England (mit dem Brexit), schwer zu schaffen machen. Sein Rat: „Wer die Ordnung so, wie sie ist, für schützenswert hält, wird sich ihren politischen Formen anvertrauen müssen – und das bedeutet vor allem anderen, in politische Parteien einzutreten und einen relevanten Teil seiner Zeit in diesen zu verbringen.“

Stattdessen halte sich wie eingewurzelt die Illusion, man könne auf „unpolitische Institutionen“ (Justiz, Bürokratie) setzen, „ohne sich um politische zu kümmern“. Dieser Vorwurf gilt besonders der „bürgerlichen Mitte“, deren erschlafftes Engagement bewirke, dass ein wohltemperiertes Regieren immer schwerer falle. Sorgen macht sich Möllers vor allem deshalb, weil es um mehr gehe als bloße Nachlässigkeit – verantwortlich sei vielmehr die habituelle Politikfremdheit des juste milieu.

Deutsche Leiden (1): Keine Lust

Nun ist es nicht so, als würden unsere großen Parteien zum Mitmachen direkt einladen. Sicher, wer nützliche Kärrnerarbeit erbringen will (Wahlzettel verteilt, Veranstaltungen organisiert, Redner betreut etc. pp.), ist gern gesehen und kann damit rechnen, irgendwann mit einer „Ehrennadel“ entschädigt zu werden. Doch die (un)politische Mitte von heute lockt man damit kaum mehr hinter dem Ofen hervor – statt an ritueller Anerkennung für dauerhaften Einsatz Gefallen zu finden, steht ihr der Sinn nach persönlicher Erfüllung, am besten ohne Triebaufschub. Was frühere Generationen „lustlos“ bewältigt haben, muss der heutigen Spaß machen.

Albert Hirschman hat in Hinblick darauf die These vertreten, das Verhalten des neuen Bürgers sei von turnusmäßig wechselnden Engagementschüben (shifting involvements) geprägt: Eine Zeitlang kümmere er sich hauptsächlich um private Dinge, zu anderen Zeiten stände die politische Arbeit, Aktivitäten jenseits des simplen Wahlakts, im Vordergrund. Gesteuert werde dieser Zyklus durch das Grenznutzenkalkül, soll heißen: Was man so erlebt, auf Kreuzfahrten oder in Kreistagen, befriedigt einen mit der Zeit immer weniger – bis schließlich die Wechselentscheidung fällt: Wer genug „konsumiert“ hat (privat), „partizipiert“ nun lieber (öffentlich). Und umgekehrt.

(…)

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