Bogenhausener Gespräche

Wenn es nach ihm ginge, sagte Lothar Matthäus am Vorabend der Wahl 2017, könne man die Fernseher daheim ausschalten, er selbst mache sich nun jedenfalls schnurstracks auf den Weg zurück ins Hotel. Reiner Calmund lachte ein herzhaftes Lachen, während die Moderatorin noch einmal den Programmhinweis wiederholte. Dabei stimmte das natürlich nicht, der Experte hatte die Zuschauer angeflunkert, spurtete er doch nur deshalb aus dem Fernsehstudio in Unterföhring hinaus und einen Nebenarm der Isar entlang, um mich, der ich bereits seit zehn Minuten vor einer Bogenhausener Eisdiele wartete, auf einen Cup Tropicana zu treffen.

Am Morgen des 28. Oktober 1982 führt Premierministerin Margaret Thatcher ihren Kollegen Helmut Kohl, der seit vier Wochen Kanzler ist, durch den Tower of London. Als sie vor den Kronjuwelen stehenbleiben, diskutieren sie gerade über Desserts. Kohl schwärmt eine Weile von Dampfnudeln, dann hört er, seinen Blick auf das britische Bling-Bling gerichtet, wie Thatcher sagt, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg habe sie das Softeis erfunden. Zudem, fügt sie hinzu, stamme von ihr die Idee, das Eis aufgrund seiner Konsistenz als »soft« zu beschreiben, und während die Premierministerin also ins Plaudern gerät, überlegt Kohl, was er in besagten Jahren getan hat, erinnert sich aber nur daran, wie es ihm, den sie damals »Helle« riefen, sogar in den von Trampelpfaden und Buchsbäumen durchzogenen Trümmern Ludwigshafens gelang, eine Junge Union zu organisieren.

Später fragt Thatcher beim Tee, wie es in Deutschland so laufe, und da setzt Kohl die Tasse, die er bis eben sachte pustend an seine Oberlippe gehalten hat, auf dem Unterteller ab, ein bisschen Brandstifterstimmung herrsche schon, sagt der Kanzler, das wolle er gern zugeben, die Ölkrise mache dem Volk zu schaffen, weshalb es über die nächsten vier Jahre auch notwendig sein werde, die Zahl der Türken um fünfzig Prozent zu reduzieren. Deutschland habe kein Problem mit den Portugiesen, den Italienern, selbst den Südostasiaten, weil diese Gemeinschaften gut integriert seien, aber der Türke an sich komme doch aus einer sehr andersartigen Kultur.

Er habe, fügt Kohl hinzu, bereits im Januar – damals freilich noch als Oppositionsführer – einen entsprechenden Antrag gestellt, wenn die Premierministerin wolle, könne er gern ein bisschen daraus zitieren: »Deutschland kann nach seiner Geschichte und seinem Selbstverständnis kein Einwanderungsland sein oder werden. Die Bundesregierung wird aufgefordert, endlich wirksame Maßnahmen gegen den Mißbrauch des Asylrechts zu treffen, damit der anhaltenden Flut von Scheinasylanten und Wirtschaftsflüchtlingen Einhalt geboten wird. Die Rückkehrfähigkeit der Ausländer muß erhalten, die Rückkehrbereitschaft gestärkt werden.« So so, sagt Thatcher, wie er solche Fähigkeiten denn erhalten wolle, und da hebt Kohl Daumen und Zeigefinger, um sie auf Höhe ihres toupierten Haares aneinander zu reiben.

Ein Lothar Matthäus komme eigentlich nie zu spät, entschuldigte sich Lothar, als er neben mir am Bistrotisch Platz nahm, das bodentiefe Fenster im Rücken. Obwohl es erst gegen zehn ging, war die Ostpreußenstraße nahezu verwaist. Ein Rentner führte seinen Pudel über den Bürgersteig, zwei Schülerinnen stießen mit Alkopops an. Das Wetter war okay, der Schnurrbart des Kellners gefärbt. Und wie immer, wenn wir uns auf ein Gelato verabredeten, bestellte Lothar die exotisch anmutende Spezialität, wohingegen mich plötzlich der Appetit auf ein Spaghettieis überkam. Als der Kellner fort war, beugte Lothar seinen noch immer athletischen Oberkörper ein Stück weiter nach vorn, ob er mir überhaupt schon einmal erzählt habe, dass der Erfinder des Spaghettieises, Dario Fontanella, ein alter Freund von ihm sei, fragte er, und weil ich den Kopf schüttelte, fuhr Lothar fort, achtjährig habe er Dario kennengelernt, damals sei er wegen eines Turniers in Mannheim gewesen, das seine Juniorenmannschaft nicht unverdient gewonnen habe. Im Autokorso sei man zur Eisdiele des Vaters gefahren, der ausgerechnet an diesem Tag die Erfindung seines siebzehnjährigen Sohns habe testen wollen, eine Katastrophe sondergleichen, sagte Lothar, zuerst seien zwar nur ihr Vorstopper und der Ersatztorwart in Tränen ausgebrochen, doch schon bald habe die gesamte Mannschaft zu weinen begonnen, weil alle davon ausgegangen seien, es handle sich nicht um Eis, sondern wirklich um Nudeln mit Spaghettisoße. Das müsse ich mir vorstellen, lachte Lothar, eine Fußgängerzone voll mit weinenden Kindern.

 

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Am 30. August 1983 stürzt sich der dreiundzwanzigjährige Cemal Kemal Altun aus dem sechsten Stock des West-Berliner Verwaltungsgerichts. Drei Jahre zuvor war Altun wegen seines Engagements in der CHP aus der Türkei geflohen und erwartet, nachdem sein Antrag auf Asyl zwischenzeitlich abgelehnt wurde, in Haft sitzend, die Abschiebung. Ende Oktober spielt die deutsche gegen die türkische Nationalmannschaft sieben Kilometer vom Verwaltungsgericht entfernt ein Fußballspiel. Während der siebenundfünfzig Tage, die zwischen Suizid und EM-Qualifikation vergehen, bringen Hooligans ein Flugblatt in Umlauf, auf dem sie fordern: »Werft die Ausländer raus aus Deutschland. Nur Gewalt kann uns noch befreien. Wir müssen den Anfang machen.«

Als Lothar Matthäus zweiundzwanzigjährig davon Wind bekommt, flitzt er umgehend an den Schreibtisch seines Apartments in Mönchengladbach, das von ihm, der ja eigentlich Raumausstatter werden wollte, liebevoll eingerichtet worden ist, kramt seinen Lamy-Füller aus dem Etui, zieht die rote Kappe ab und schreibt: »Geht den Neonazis nicht auf den Leim! Angebliche Fan-Clubs wie ›Zyklon B‹, ›Borussenfront‹, ›Adlerfront‹ oder ›Löwen‹ wollen nur eins: Terror machen. Solche ›Fanclubs‹ haben keinen Platz in unseren Stadien. Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun. Diese ›Fans‹ wollen nicht das Spiel sehen. Ihnen ist der Fußball ganz egal. Sie wollen nur die Begeisterung vieler Fans ausnutzen für ihre miesen Ziele. Die türkischen Mitbürger in der Bundesrepublik haben genauso ein Recht, hier zu leben, wie jeder andere. Sie haben oft seit Jahrzehnten hier gelebt und gearbeitet – mit ihrer Arbeit haben sie zum Wohlstand in unserem Land beigetragen. Sie haben keine Schuld an der Arbeitslosigkeit. Wir Spieler auf dem Rasen werden ein faires Spiel zeigen. Wir wollen gewinnen.«

Wir löffelten kleine Portionen Sahne in unsere Münder, dann sagte Lothar, er habe schon an jenem Tag in Mannheim geahnt, dass Spaghettieis eine Sache sei, die man nur an einem Ort habe erfinden können, wo Spaghetti nicht dasselbe bedeute wie in Italien. Während seines vierjährigen Intermezzos bei Inter Mailand habe er diesbezüglich Dutzende Depeschen an Dario verschickt, dessen Vater ursprünglich aus den Dolomiten stammte. Eine Nudel aus Vanilleeis sei eben genau die gewesen, die der bundesrepublikanischen Idee einer Nudel am ehesten entsprochen habe, schlussfolgerte Lothar, das sehe man schon allein daran, dass man Spaghetti hierzulande nicht selten verkochen lasse, ein Frevel für den Italiener oder die Italienerin, das wisse ich ja sicher, und überhaupt sei es nun einmal so, dass die Welt wörtlich genommen werden müsse, weshalb das, was bleibe, keine Frage der Auslegung sei. Gedankenverloren knabberte Lothar an einem sichelförmigen Stück Honigmelone.

Als Helmut Kohl am Morgen des 6. Dezembers 1992 im Kanzlerbungalow erwacht, aus dem Bett steigt und den Kimono glattstreicht, stolpert er über einen Stiefel, den Peter am Abend zuvor auf die Schwelle zu Lokis Teeküche gestellt haben muss. Die letzten Wochen waren hart gewesen, immer wieder hatte man ihm vorgeworfen, er provoziere den Bruch der Verfassung. Staatsnotstand, denkt Kohl, als er Wasser aufsetzt und das Briefchen eines Teebeutels öffnet: »If you want anything said – ask a man. If you want something done – ask a woman«, und noch während er das Papier in seiner Faust zerknüllt, weiß der Kanzler, dass an diesem Tag nichts und niemand die Aushöhlung des Asylgrundrechts würde aufhalten können.

Was er damit eigentlich sagen wolle, sagte Lothar, habe natürlich weniger mit Eiscreme oder Nudeln, sondern mit Rassismus zu tun. Ob mir die Pogrome der Achtziger und Neunziger denn überhaupt noch präsent seien, fragte er, ich käme doch aus dem Ruhrgebiet. Dass ich erst dreißig Jahre alt sei, erinnerte ich Lothar, ein wenig älter nur als seine Frau Anastasia, und da nickte er und sagte, er vergesse das mitunter, Ana sei ja zum Beispiel bereits promovierte Soziologin und liebe auf beinahe irrationale Weise die Arbeiten Durkheims, außerdem, fügte er hinzu, entwickle sie gerade ein Faible für die Verbrechen der Manson Family.

Am Morgen des 26. Mai 1993 schließt Helmut Kohl unterhalb des Kinns seinen Helm, klettert auf eine Kreidler Florett, die ihm einst im Ludwigshafener Fachhandel Moped-Fliege verkauft worden war, und rast über die Rheinpromenade in Richtung Bundestag. Seinem Chauffeur Seeber hat er an diesem Mittwoch frei gegeben, die Lage in Bonn sei zu gefährlich, Ecki solle in die Eifel fahren, und nun, da Kohl inmitten der Demonstranten vom Mofa steigt und die Bannmeile durchbricht, denkt er, dass an diesem Tag unter vierzehn Stunden Anwesenheit im Plenarsaal wohl nichts zu machen sei.

Wolfgang Schäuble rollt zum Rednerpult. »Die Entscheidung, die wir zu treffen haben, ist wichtig für den inneren Frieden in unserem Land«, sagt er, »nur wenn wir die Zuwanderung nach Deutschland besser steuern und begrenzen können, als es bisher möglich ist, sichern wir auch für die Zukunft ein friedliches und freundliches Miteinander von deutschen und ausländischen Mitbürgern.«

Kohl setzt den Helm ab und kratzt sich am Kopf, als Gregor Gysi zu sprechen anfängt: »Sprache ist verräterisch. Es waren Politikerinnen und Politiker, die die Begriffe von Scheinasylanten, von Flüchtlingsströmen, von Wirtschaftsflüchtlingen, vom Asylmißbrauch, von asylfreien Zonen, von Durchmischung und Durchrassung und das schlimme Wort vom Staatsnotstand in die Debatte brachten, und solche Worte zeigen Wirkung. All jene, die in der beschriebenen Art und Weise die Asyldebatte führten und führen, haben an rassistischen und ausländerfeindlichen Pogromen als intellektuelle Urheber ihren Anteil.«

Der vielen Pfui-Rufe wegen läutet Rita Süssmuth die Präsidentinnenglocke. Als sich die Unruhe gelegt hat, fährt Gysi fort. »Sie werden es noch erleben«, sagt er, »wer heute der faktischen Abschaffung des Asylrechts zustimmt, muß wissen, daß er Mitverantwortung trägt, wenn eines Tages an den Grenzen auf Flüchtlinge geschossen wird«, und da beginnt Erwin Marschewski zu schreien: »Schlimm, der Mauerschütze!«, schreit er, während Erika Steinbach-Hermann gerade dabei ist, Alfred Jodocus Kwak auf ihre Sitzungsunterlagen zu malen.

Jedenfalls sei der Ewald schon beim nächsten Treffen auf die Idee gekommen, ihn »Antifa-Lothar« zu rufen, womit er natürlich bald die ganze Mannschaft und sogar den Jupp angesteckt habe, aber das sei eine andere Geschichte, sagte Lothar und schnappte sich den letzten Happen Ananas. Ob er der Wahl wegen darüber nachgedacht habe, fragte ich, ein vergleichbares Schreiben zu veröffentlichen, aber Lothar machte nur eine Handbewegung, als wolle er die abgenagten Obstschalen unter dem Tisch verschwinden lassen, und sagte, er könne nicht verstehen, wie Deutschland mit seinen Helden umgehe, die SZ habe ihn zwar mal einen teutonischen Kämpfer genannt, einen machtbewussten Strategen mit sicherem Instinkt für den entscheidenden Moment, als es jedoch darum gegangen sei, seinem Appell Gehör zu schenken, habe man hierzulande wie so oft nur Hohn und Spott für ihn übrig gehabt.

Am 29. Mai 1993, drei Tage nachdem der Bundestag den Asylkompromiss verabschiedet hat, zünden Neonazis ein Haus in Solingen an. Die Frauen, die in dieser Nacht sterben, heißen Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç. Kohl lässt ausrichten, er könne nicht kommen, nein, keine Zeit, sagt der Kanzler, außerdem werde die schlimme Sache ja nicht dadurch besser, dass er in Beileidstourismus ausbreche, und überhaupt, denkt er noch, sei es dem tüchtigen Ecki kaum zuzumuten, ihn überall dort hinzubringen, wo sich der Volkszorn entlade: Eberswalde, Dresden, Friedrichshafen und im September 1991 am besten noch zur selben Zeit in Hoyerswerda und Saarlouis, dabei sei das gar nicht möglich, denkt der Kanzler, selbst ein guter Fahrer wie Seeber habe unmöglich an einem Ende des Landes und zugleich auch am anderen sein können, was nicht zuletzt an der Wiedervereinigung und den katastrophalen Autobahnen im Osten liege. Hünxe, Greifswald, Mannheim, Rostock und Mölln, denkt Kohl, er habe ja weiß Gott auch noch andere Termine.

Seine Heimat sei nun Ungarn, erklärte Lothar, als wir uns Möhlstraße Ecke Prinzregentenstraße Ciao sagten, er lebe glücklich und zufrieden in Budapest, auch wenn es natürlich doof sei, dass die rechtsextreme Jobbik behaupte, das Volk der Magyaren gehöre einer Art Urvolk an, weil es von den Hunnen, Skythen und Sumerern abstamme, die wiederum als Nachfahren der Arier höchstselbst und in allerletzter Sekunde von einer versinkenden Atlantis geklettert seien, dass also nicht wenige Ungarinnen und Ungarn ihren Rassismus mit solchen Märchen zu rechtfertigen versuchten, das nerve ihn schon, aber letztlich laufe es hierzulande ähnlich, resümierte Lothar, man argumentiere nur anders, im Kern bleibe die Sache ja dieselbe. Ob ich eigentlich Julius Evola gelesen habe, fragte Lothar noch, aber da war ich schon halb im Weggehen, und so winkten wir beide und wünschten uns Glück.


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