Brot. Ein hapax für jeden Tag

Die lateinische Christenheit betet seit dem 2. Jahrhundert das Vaterunser falsch. Das ist, zugegeben, eine Behauptung, die so unglaublich ist, dass man für sie schon sehr gute Gründe angeben muss. Man muss nicht nur erklären, warum das so ist, sondern auch, warum man auf diejenigen, die das im Verlauf der Jahrhunderte auch schon erkannt hatten, nicht gehört hat. Wenn es sich nur um ein philologisches Fündlein handelte, könnte man mit einem exegetischen Schulterzucken zur Tagesordnung übergehen. Doch es geht um mehr.

Kann man überhaupt „falsch“ beten? Der postreligiöse Atheist wird Gebete ohnehin für falsch halten und sie allenfalls noch als rhetorische Pose oder auf dem Theater zulassen. Aber noch sind wir nicht alle Atheisten. Reden wir also von den Betern – und den Beterinnen natürlich. Von Janis Joplin zum Beispiel: „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz“. Dass ihre Bitte in Erfüllung gegangen ist, davon ist nichts bekannt. Aber umsonst beten muss ja nicht falsch sein. Trial and error. Generell gilt: Je konkreter die Bitte, umso höher das Risiko, dass sie nicht in Erfüllung geht: Kein Pony zu Weihnachten, und die Oma war trotz inbrünstiger Gebete doch gestorben. Damit hatten für Jennifer die Zweifel angefangen.

In der Vorbemerkung, mit der Jesus das Gebet einleitet, das er für seine Jünger formulierte, rät er von konkreten Bitten regelrecht ab: „… denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“ (Mt 5,8). Er weiß es, so könnte man den Gedanken verlängern, jedenfalls besser als ihr selber. Unter einer Bedingung kann allerdings jede Bitte an den himmlischen Vater in Erfüllung gehen: Sie muss mit seinem Willen übereinstimmen. Das liegt gleichsam in ihrer Logik. Wer mit den Worten Jesu betet: „Dein Wille geschehe“, hat sich diese Voraussetzung noch einmal bewusst gemacht. Aber was, um Himmels willen, ist denn der Wille Gottes? Das ist doch die Frage aller Fragen. Sie zu beantworten, wäre das Schlüsselpensum jedes Beters.

Vielleicht geht es auch gar nicht um die Erfüllung der Bitten, sondern um die Rückwirkung auf den Beter, der durch sie sich selbst dazu bringt, seine Wünsche am Willen Gottes auszurichten, eine Art Tiefenreflexion über die Qualität der eigenen Wünsche, gespiegelt in einem großen Gegenüber. So gesehen, könnte auch ein Agnostiker, der sich nicht sicher ist, ob er überhaupt ein Gegenüber hat, im Gedankenexperiment zum Beter werden. In dem Augenblick jedenfalls, in dem der Mafioso den Himmel um die Unterstützung seiner Mordpläne bäte, müsste er sie fallen lassen.

Essenz der Lehre Jesu

Das Vaterunser ist der bekannteste Gebetstext der Welt. Jeder Christ kann ihn by heart, mit dem Herzen, auswendig, eigentlich aber inwendig. Vielen ist er so tief ins Gedächtnis eingraviert, dass sie ihn wie ein Mantra murmeln, ihn mitlaufen lassen, wie eine seelische Begleitmusik oder ihn meditativ umspielen. In allen Lebenslagen, vor allem dann, wenn das Pendel ausschlägt, in Ängsten und an Gräbern, aber auch auf Gipfeln, wird dieser Text, mal mehr, mal weniger inbrünstig gesprochen, manchmal auch gedankenlos geplappert. Doch es lohnt sich, seiner Gedankenspur auch ernsthaft nachzusinnen. Immerhin handelt es sich um die Essenz der Lehre Jesu.

Wer das tut, seine Formulierungen womöglich genau, Satz für Satz untersucht, kommt bei der vierten Bitte unweigerlich ins Grübeln. Wir kennen sie in der Übersetzung: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Spontan wird das allen gefallen, die es handfest mögen. Dem Bert Brecht der Dreigroschenoper bestimmt. Für den Materialisten – „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ – wäre das ohnehin nicht die vierte, sondern die erste aller Bitten gewesen: endlich etwas Konkretes. Täglich Brot, täglich satt – gäbe es dann überhaupt noch Probleme?

(…)

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