Kriegsgefahr im pazifischen Raum. Der neue amerikanische China-Diskurs

Unmittelbar nach dem Wahlsieg Donald Trumps kam es zu einem diplomatischen Eklat. Unter den Gratulanten befand sich auch Tsai Ing-wen, die Präsidentin Taiwans, deren Anruf entgegen aller Erwartungen vom Weißen Haus angenommen worden war. Das Gespräch sorgte für einiges Aufsehen, schließlich hatte es seit 1979 keine offiziellen diplomatischen Kontakte zwischen den Vereinigten Staaten und Taiwan mehr gegeben. Waren Trump und seine Berater einfach schlecht informiert, oder kündigte sich hier womöglich eine grundlegende Wende der amerikanischen Außenpolitik an?

Angesichts der Aggressivität, mit der Trump im Wahlkampf wieder und wieder Chinas Wirtschafts- und Währungspolitik als Bedrohung amerikanischer Interessen gegeißelt hatte, schien beides gleichermaßen realistisch. Chinas Diplomaten reagierten entsprechend scharf. Zwar lenkte Trump wenig später ein und bekannte sich zur Ein-China-Politik, die seit den Vereinbarungen zwischen Mao und Nixon Grundlage der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten ist. Doch gleichzeitig machte er weiter Druck auf Beijing, den enormen chinesischen Handelsüberschuss auszugleichen. Und auch der vielbeachtete Besuch von Präsident Xi Jinping in Florida hat wenig zur Beruhigung der Verhältnisse beigetragen.

Der Präsident steht mit seiner Besorgnis keineswegs allein. Die Zahl der Bücher und Artikel, die beim Blick auf die Beziehungen beider Staaten vor allem das Bedrohungspotential ausloten, das sich aus Chinas rasantem wirtschaftlichem und militärischem Wachstum ergeben könnte, nimmt seit Jahren stetig zu. Unter den Autoren sind neben Journalisten auch öffentliche Intellektuelle, die zum Teil für Thinktanks arbeiten. Sie sind mit der Fachliteratur vertraut, verlassen sich aber in ihrem Urteil eher auf ihre Erfahrungen als Auslandskorrespondenten und Beobachter des politischen Geschehens. Sofern sie akademische Positionen innehaben, wie Graham Allison, der an der Harvard University lehrt, schreiben sie doch nicht als Wissenschaftler, sondern als Sprecher der Öffentlichkeit. Und sie stoßen mit ihren Thesen auf große Resonanz.

Auffällig ist, dass die wenigsten von ihnen von vornherein von der Priorität der amerikanischen Werte und Interessen ausgehen, die meisten geben sich große Mühe, die spezifischen Werte und Interessen Chinas zu verstehen, bevor sie die jüngste Entwicklung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen beurteilen. In ihren Thesen folgen sie in der Regel weder der neokonservativen Politik der Stärke unter George W. Bush, die Robert Kagan noch 2012 in seinem Buch The World That America Made artikuliert hat, noch dem internationalen Liberalismus unter Obama, wie ihn Hillary Clinton als Außenministerin vertreten hat, sie grenzen sich aber auch gegenüber dem aggressiven Nationalismus Trumps und seiner Berater ab.

Von einem einheitlichen Meinungsbild kann dennoch keine Rede sein. Wer sich die wichtigsten Veröffentlichungen genauer ansieht, stellt fest, dass die Temperatur der Auseinandersetzung im amerikanischen China-Diskurs gestiegen und der Abstand zwischen den möglichen Positionen zugleich größer geworden ist. Offenbar wird die China-Frage heute in den Vereinigten Staaten nicht mehr als neutrales Thema wahrgenommen, sondern als eine Frage, die auf eine Entscheidung drängt: Wie sollen sich die Vereinigten Staaten gegenüber China verhalten? Mit welchen politischen und wirtschaftlichen Strategien der chinesischen Führung müssen die Amerikaner rechnen?

Nun stellten sich diese Fragen bereits 1990 oder auch 2000, ohne dass sich die amerikanische Öffentlichkeit damals besonders engagiert hätte. Warum das heute anders ist, hängt eng mit der schweren Wirtschaftskrise der Jahre 2008 bis 2010 zusammen, die tiefe Spuren auch im politischen Bewusstsein hinterlassen hat. Sie zeichnen sich nicht zuletzt auch in Donald Trumps Agenda ab, dessen emphatischer Rückzug auf die nationalen Interessen Amerikas ja vor allem als Zeichen der Verunsicherung angesichts der Zukunftsperspektiven des Landes zu lesen ist.

Der neue Blick auf China: Der kulturelle Kontext

Bis vor kurzem war der amerikanische Blick auf die Volksrepublik noch so sehr auf den revolutionären Bruch mit der nationalchinesischen Regierung und die Wiederanknüpfung der zwischenstaatlichen Beziehungen im Jahr 1979 fokussiert, dass über die Frage nach möglichen historischen Kontinuitäten eher selten nachgedacht wurde. Unter dem Eindruck der machtbewussten chinesischen Politik unter Xi Jinping aber beginnt man allmählich, das China der Gegenwart auch vor dem Hintergrund seiner imperialen Vorgeschichte zu verstehen. Der unerwartete und plötzliche ökonomische und militärische Aufstieg erscheint unter diesem Blickwinkel als die Restitution einer alten Weltmacht, die sich nach einer hundertjährigen Schwächeperiode wieder bemerkbar macht und ihre Anerkennung einfordert.

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